Seit einiger Zeit ist Felix bei uns. „Felix“ – der Flügel, für den unsere Schule an die fünf Jahre gespart, Spenden gesammelt, Sponsoren aufgetrieben hat.
Kurz darauf das Einweihungskonzert: Felix wartet morgens im Schulfoyer auf seinen ersten öffentlichen Auftritt. Ich betrete die Schule, sehe Felix erwartungsfroh da stehen. Und sehe meinen Musik-Kollegen mit gekräuselter Stirn davor sitzen.
- „Was ist?“
- „Er hat schon einen Kratzer.“
- „???“
- „Erst eine Woche im Musikraum, und schon muss irgendwer ´nen Tisch dagegen geschoben haben.“
Eine kleine Schramme in Tischhöhe, nicht sichtbar, nur schmerzhaft. Weil es die erste Schramme ist. Weil nun die „Neugeborenenhaut“ versehrt ist.
„Ach, weißt du,“ erzähle ich von unserem Einzug ins neugebaute Haus aufs neuverlegte glänzende Parkett vor drei Jahren, vom Schmerz um den ersten Kratzer, vom Schmerz um den zweiten Kratzer, um den dritten auch noch. Und dass es jetzt, nach drei Jahren, gar nicht mehr weh tut. Im Gegenteil, dass es gut ist zu sehen, wie das Haus lebt. Auch in den Kratzern lebt.
„Ja, deswegen sind wir in ein altes Haus gezogen, mit altem Parkett, dem das Leben schon in jeder Faser anzusehen ist.“ --- Ich muss gestehen, ich beneide den Musik-Kollegen ein wenig um das Alter seines Hauses. Um das Leben, was schon darinnen ist. Welches wir in unser Haus erst noch hineinleben müssen.
Und mir kommt ein Gespräch mit einer Bekannten in den Sinn, etwas älter als ich, die im Sommer ihre Kleidung stets so auswählt, dass die Narbe auf der Schulter ja nicht zu sehen ist. Und wie sie mir erzählt, dass die sechzehnjährige Freundin ihres Sohnes darauf reagiert hat: „Weißt du“, hat diese gesagt, „ich liebe Narben. Narben sind die Spuren des Lebens.“
Das sagt sich natürlich leicht, wenn man sechzehn ist. Und doch ... Ich erzähle dem Musik-Kollegen davon. Ob ihn das die erste Schramme in neuem Licht sehen lässt? Ob es tröstlich ist? Ich weiß es nicht.
Das Konzert am Abend jedenfalls ist erfolgreich. Die Schramme nicht zu hören.
Und: Das Thema wäre durchaus noch zu vertiefen.
Was sind uns unsere Narben, Schrammen, Kratzer?
Wie fügen sich Wunden und Versehrtheit ein ins Leben?
Wie verwandeln uns solche Schmerz-Spuren?
Wie tief dringen sie ein?
Sollen wir überhaupt zulassen, dass sie eindringen?
Oder sie besser an einem Panzer abprallen lassen?
Wie viel Heilung ist möglich? Wie viel Heilung ist nötig?
Sind Glattheit und Glanz gut und normal?
Glatt und unversehrt – ist das schön? (
Man stelle sich nur mal eine 80jährige mit Babyhaut vor …)
Ach, und ich:
Was bedeuten mir meine Verletzungen, meine Wunden, die Spuren, die mein Leben in mich hinein grub?
Wie integriere ich sie? Wie binde ich sie ein in mein Lebensgefüge?
Wie lerne ich, sie loslassend zu umarmen?
Allein: Es fehlt die Zeit, jetzt, für solche Betrachtungen. Zumal Antworten nur schwer zu finden sind.
Felix, du Glücklicher: Was lösest du in mir aus?
Eines noch – um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen:
Es kann nicht angehen, dass Schüler im Musikraum Tische gegen Flügel schieben und dadurch Kratzer verursachen. Darüber bin ich mir mit meinem Musik-Kollegen sehr einig.