Sonntag, 20. April 2014

Ostersonntag


Gesucht und gefunden,






ein Tag in allen Farben








unter diesem Himmel






mit Radfahren und Rasten












über unsere Felder und Hügel.








Und zum Schluss der "Hurra, doch-noch-einen-gefunden"-Cache :)
(Nachdem wir für manche keine Lust gehabt hatten, weil wir dafür durch verlassene Ortschaften hätten ziehen müssen, und einen spannenden nach langer Suche mit nassen Füßen und Dornen in den Händen, doch ohne Erfolg liegen lassen mussten ...)






All die Weite und Stille, die ein solcher Tag schenkt, die kann man zwischen den Zeilen lesen.

Samstag, 19. April 2014

Kartagsschritte - geträumt


Zu Grabe zu tragen:
liebgewordene Gewohnheiten und Rituale
beschäftigt-beschäftigendes Tun
einengende Korsette und Sicherheiten

Bereit zu werden:
meine Kraftquellen aufspüren und sie als Proviant sehen
ertasten, wohin die eigenen Kräfte zu verströmen seien
mich für die Kraft öffnen, welche Verwandlung bewirkt

Zu gebären:
Bereitschaft für den Dialog mit der Welt, ihren Botschaften, ihren Fährten, ihren fernen Lichtern, ihren herbeigewehten Melodien
Offene Hände, um zu empfangen, was zu empfangen sich schenkt
Pilgerschaft zum wichtigsten und deshalb am schwersten zu findenden heiligen Ort der Welt: die eigene wahre Natur

Mein eigener, unverwechselbarer Weg?
"Wir denken nicht mehr darüber nach, was wir tun 'sollten', wir gehen einfach weiter, Schritt für Schritt für Schritt. Heilend, schreibend, Flöte spielend und singend."

(In den letzten Tagen las ich viel. Margrit Irgang: "Geh, wo kein Pfad ist, und hinterlasse eine Spur")

Donnerstag, 3. April 2014

Eingebundenheit

Es gibt Momente,
die reichen mit ihren Fäden so weit in Vergangenes zurück,
und lassen im gleichen Atemzug so viel Künftiges erahnen,
und entfalten sich mit unverhoffter Bedeutsamkeit,
und öffnen,
und machen sichtbar,
und spürbar,
und durchlässig,
dass es einem vor lauter Staunen ganz warm werden will.
(Solche Momente können auch ein ganzes Wochenende andauern. Oder zwei, genau genommen.)

Donnerstag, 27. Februar 2014

Stimmbildung


Es ist ein schon ein paar Wochen her. Dort, auf jenem Wochenende, begegnete ich ihr.
Oder eigentlich ja mir. Als ich da nämlich stand - in der Einzelstimmbildung - in vorsichtigem Ertasten, in Kontakt und Konfrontation mit den eigenen Tönen, im erinnerten und wiederkehrenden Gefühl, dass - und wie! - es im ganzen Körper schwingt. So dass der Teil meines Ichs mitvibriert, den man dann gar nicht mehr Körper nennen kann.
Ja, so war das immer im Gesangsunterricht.

Eine sanfte Entscheidung, bisher noch nicht in die Tat einer konkreten Verabredung umgesetzt, aber doch seit jenem Tag präsent: diese Frau wäre es. Mit ihr würde ich einen neuen Versuch wagen, das Singen wieder in meinen Alltag zu holen.
Nicht, um wie zu Studentenzeiten in kleinen Kirchen solistisch aufzutreten. Nicht, um wie damals in guten, besseren und unglaublichen Chören mitzusingen, oder im Stadttheater als Aushilfe auf der Opernbühne zu stehen. Nicht um in irgendeiner Weise mit meiner Singstimme in irgendeine besondere Form der Öffentlichkeit zu gehen. Ganz im Gegenteil. (Ich traue mich ja kaum zu singen, sobald jemand hier im Haus ist.)
Ich brauche den Unterricht bei dieser Lehrerin nur noch für mich. Um mich zu spüren. Um mir aus einer ganz nahen Position heraus zuzuhören. Um genau in mich und meine Töne hineinzufühlen. Um die Klänge - und darin mich - zu erkennen. Um zu mir zu kommen, bei mir zu sein, in mir zu bleiben. --- Und dann: Um zu staunen, zu schweben, zu leben. --- Wer sich jemals intensiv durch sein eigenes Singen hindurch gespürt hat, wird verstehen, wovon ich rede.

Und um - hm, wie soll ich das sagen? Das was ich jetzt spontan schreiben wollte, klingt sicher unverständlich. Also hole ich weiter aus: Zwei gute alte Bekannte hatte meine wiederkehrende Stimme im Gefolge. (Immer wenn alle aus dem Haus sind, sobald ich allein bin, singe ich sofort los.) Wie diese Bekannten nennen? Sagen wir mal: Herr Wollen und Frau Lautstärke.
Gewollte Lautstärke also, Dauerbegleiter meiner Stimme. Immer schon. - Immer noch? Ich werde nachdenklich. Versuche in den Begleitern zu lesen wie in einem Spiegel.
Das Gefühl nicht genug gehört worden zu sein (immer schon?) - daher soll es laut klingen, daher arbeite ich an jedem Ton mit aller Kraft, presse ihn in Räume mit noch mehr Resonanz, binde ihn an Orte, die eigentlich für andere Klangfarben bestimmt sind, überfrachte ihn mit Forcierung.
Nicht loslassen, nicht einfach zulassen, nicht mir selbst (und der Welt) zuhören zu können - daher halte ich fest und mache und tue und will und sorge dafür, dass es klingt wie eben ich mir das jetzt vorstelle. Und nicht wie sich der Ton im Moment einfädelt und ergibt und fügt.
Die Dinge mit Kraft in die Hand zu nehmen. Mit unguter Kraft, die krank macht.
Herr Wollen und Frau Lautstärke also. Wie sehr mir diese beiden vertraut sind. Noch von damals. Ohne sie konnte ich gar nicht singen.
Und übrigens, sie bringen immer auch ihr Kind mit. Das heißt Heiserkeit. Kaum eine Stunde gesungen - und schon wehrte sich etwas in mir. Mist, sagte ich damals immer, ignorierte, und sang weiter.

Jetzt also schon wieder, sofort waren die beiden wieder da. Nur habe ich diesmal - ganz anders als damals - auch ihr Kind sofort um die Ecke lugen sehen. Und haben nicht die Augen davor verschlossen, dass es gleich eintreten wird. Nein. Diesmal habe ich es willkommen geheißen. Habe es gefragt, was es mir mitbringt, dieses Kind Heiserkeit. --- Da bin ich ganz still geworden. Und habe verstanden.
Vielleicht weil ich doppelt so alt bin wie damals - ob es daran liegt? Oder daran, dass ich so manches erlebt und erfahren habe inzwischen? Oder daran, dass ich - selbst ohne zu singen - so manch Heiserkeit durchlebt habe, mich ihr stellen und fügen musste, immer wieder, so dass sie mir eine gute Vertraute geworden ist, mit der ich fast schon befreundet bin?
Gut so, sage ich also jetzt. Ich darf in diesen drei Gästen wie in einem Buch lesen. Wollen, Lautstärke, Heiserkeit. Und dazwischen ich. Nicht mehr trotzig mich dagegenstellend, nicht mehr das Buch umschreiben wollend. Sondern lauschend und schauend, was ich denn nun dort alles für mich herauslesen kann.

Und siehe da - gleich auf Seite Eins:

Die größte Kraft auf der Welt ist das Pianissimo.
(Maurice Ravel)

Ich höre.
Und übe zu singen.


PS: Eigentlich schrieb ich hier ja von meiner Arbeit als Lehrerin. Nicht vom Heiserwerden durch das Sprechen vor der Klasse - nein, das meinte ich nicht. In Dezibel zu messende Energie, geschrieene Lautstärke im Klassenzimmer, die war noch nie meins. Sondern ich spreche von all der Energie, die ich als Frau Rebis einsetz(t)e, um die Beziehung zu "meinen" jungen Menschen zu gestalten. Von all meinem Wollen und Forcieren und Nichtloslassen und Überfrachten meiner TöneSchüler mit Kraft, die letztlich als ungute wirkt. Davon, dass ich meine Energie stets mehr in mein Tun als Lehrerin bündelte als sie sich im Sein meiner Schüler entfalten zu lassen. Erst allmählich beginne ich zu verstehen: Erst wenn ich meine Lehrerstimme ins Pianissimo geführt habe, wird alle Heiserkeit verschwunden sein. Erst dann wird es sich richtig anfühlen.

PPS: Es kann kein Zufall sein, dass mir mein erster Gesangsunterricht, vor bald 20 Jahren war das, genau in der Zeit zufiel, als auch meine Entscheidung reifte Lehrerin zu werden. So stimmig, die Stimme als Spiegel.

Samstag, 18. Januar 2014

Lebensatem

Ich fahr dann mal singen. Hierher (klick).
Wenn ich nur dran denke, lebe ich auf. Und wenn ich erst auf dem Weg bin. Und wir uns dann dort treffen.
Das erste Einatmen, der erste Ton, die ersten Klänge.
Eintauchen, Schweben, Vibrieren.
Einatmen, mit allen Fasern.
Ausatmen, aus der Tiefe heraus.
Ein und Aus und Ein und Aus. Mitten hindurch. Allezeit.
Singen eben.

Es gibt wenige Dinge, ohne die ich mir das Leben nicht vorstellen möchte. Singen ist eines davon.

Und kaum zwei Tage ist es her, dass auf berührendste Weise die Wurzeln meines Musik-Erlebens zu mir zurückkehrten. 30 Jahre hatte ich diese fast wie vergraben und vergessen. Als dann die Email in meinem Postfach landete, mir ein Bild dazu vor Augen erstand - ein kleines Mädchen mit Zopf, damals in Moskau 84, die Bilder dazu, die Lieder, die Empfindungen, all unser Sein damals - da hatte ich binnen zwei Stunden eine Reiseplanung verändert, ein paar Bahntickets gebucht, eine Handvoll Emails geschrieben, was wiederum die Reiseplanung anderer Menschen veränderte ... und nun befinden wir uns alle in einem fast verrückt anmutenden Vorfreudegefühl. Das Weißt-Du-noch unserer ersten freudig überraschten Hin-und-Her-Mails ist voller Ahnung darüber, dass es nicht nur Vergangenes ist, was wir teilen. Wir haben ja schließlich Musik geteilt, eine Kindheit lang. ... Zwei Monate noch bis zum Wiedersehen.

Und nun erstmal zwei Stunden bis zum ersten Ton.
Singen eben.



Mittwoch, 15. Januar 2014

Antennen, kurz nach außen gerichtet

"Nirgends rauschen die Laubwälder süßer und erquickender als am kahlen Strand, wo keine sind."
(Arthur Schnitzler)

Anlässlich meiner momentanen (All)Tage.

Donnerstag, 9. Januar 2014

Seltenheitswert

Halb vier, alle drei sind wir aus der Schule zurück und keiner von uns hat noch etwas vor, keinen Termin, keine Verabredung. Fühlt sich so ungewohnt an. Fast als hätten wir irgendwas vergessen. (Ich weiß gar nicht, wann wir das zum letzten Mal hatten, an einem Wochentag außerhalb der Ferien. Und wann das nächste Mal sein wird, schaue ich lieber gar nicht im Kalender nach.)
Die Tochter sitzt und malt stundenlang, der Sohn spielt Schach mit seinem Computer, ich kruschtele hier und da, binde einen Blumenstrauß für eine Herzenskollegin, tackere Gummibärchen an Schülerurkunden, Töchterchen freut sich, dass sie schreddern und laminieren darf, wir räumen Weihnachtsdinge in Kisten,  ich lese Asterix-Comics vor (und stelle fest, dass die Kinder diese nicht nur auswendig kennen, sondern auch ohne hinzuschauen wissen, wer was sagt und welche Bilder dazugehören), wir liegen auf dem Boden und spielen, die Kinder streiten sich um meine Gitarre und wenden sich dann gleichzeitig ab - jetzt klimpert der Sohn statt dessen oben auf dem Klavier, und die Tochter versucht aus meiner Chornotenmappe das Brahms-Requiem zu singen :), alles so friedlich, ich tauch mal gleich wieder ein.
Aufbewahren, solche Stunden, für schlechte Zeiten ....

Dienstag, 7. Januar 2014

Schultag Nr. 1

Ich bin die verkörperte lahme Ente.
Auf dem Schreibtisch stapeln sich Mails und Papiere, deren Inhalte mich in häh?-was-wie-wer-wo-und-wozu-und-wer-war-ich-doch-gleich-Verwirrtheit hinterlassen.
Mein Denkapparat ist möglicherweise, als wir und das Auto vor drei Tagen ungewollt seit- und hangabwärts rutschten, noch ein Stückchen weiter geschlittert, in eine Schneespalte gefallen, macht dort noch Urlaub. Oder so.
Dabei habe ich heute noch nicht mal Unterricht. Home Office, so heißt das in anderen Berufen. Mildernde Umstände, würde ich sagen.
Der Muttertiertrieb, immerhin, funktionierte ausreichend. Gepackte Ranzen, gewaschene Kinder, gedeckter Frühstückstisch, gespülte Brotdosen schon am Vorabend. Ich geh mir mal ein Bienchen anheften :)

Montag, 6. Januar 2014

.

"Der Veränderung die Tür verschließen, hieße das Leben selber aussperren."
(Walt Whitman)

(Gilt auch für die Dinge im Innern. So schwer. Heute schonmal gründlich nicht geschafft.)

Sonntag, 5. Januar 2014

Samstag, 4. Januar 2014

Rückkehr

Eine Reise, die einen näher zu sich selbst führt, war gut.
Waren die Wege auch noch so glatt,
die Sicht noch so getrübt,
die Schritte noch so tief im Schnee versinkend.


PS.
4.1.14 - Symmetrisches Datum.
Kann man sich an die Spiegelachse einer Tageszahl anlehnen?
Oder sich darin nur selbst ins Gesicht sehen?

Sonntag, 24. November 2013

geerdet



Ich brauchte an diesem Wochenende ...
... den schlafanzüglichen Samstagmorgen, wo wir alle durch das Haus und die noch warmen Betten schlurfen, mal hier mal dort verträumt hängenbleiben, wo keiner so recht zum Tagesbeginn blasen will, wo sich alles wohltuend langsam dahinzieht,
... den Regenspaziergang zum Vormittagstreffpunkt des kleinen Kindes, Hand in Hand, Schirm unter Schirm,
... den Blick durch meine Kamera auf den Himmel über unserem Dorf und seinen Bewohnern,
... die Fahrt ins Buchgeschäft im Nachbardorf, das Stöbern in den Regalen, ewiges Plaudern mit einer lange nicht gesehenen Bekannten, alles ohne Blick auf die Uhr,
... das Treffen mit Freunden am Abend,
... Klavier- und Lesestunden mit Kerzen - ja Kerzen, in die man seinen Blick wunderbar versenken kann,
... Schlafen, immer wieder Schlafen (wie oft man an einem Wochenende einschlafen und aufwachen kann :))
Ich brauchte all das. Mehr als sonst.




Ich bin vom Vater einer Schülerin angegangen worden. Unflätig, subtil, perfide, immer noch eine Stufe mehr, seit Wochen schon. Nun beginnt es "Früchte" zu tragen - Weinen, Zittern, Angst bei mir.
(Doch, ja, ich habe Hilfe. Die stärkste in meiner Schulleitung - mit bedingungsloser Rückendeckung und vielfältigen Schutz- und Unterstützungsangeboten. Ich hätte diese Hilfe nur eher einfordern sollen. Nicht so lange die nette, pädagogische, stets nur im Interesse des Kindes (was braucht es jetzt von mir?), immer wieder neu auf den Vater zugehende (was mag nur sein Bedürfnis hinter all dem sein?), immer aufs Neue Hände reichende und zudem noch tapfere Lehrerin sein sollen, die das alles mit sich machen lässt.)
Morgen werden wir das weitere Vorgehen besprechen. Ich brauche nun keinen Schritt mehr allein zu gehen. Und werde es wohlweislich nicht mehr tun.
Und nun widme ich mich mal wieder den 120 Schülern, die ich sonst noch unterrichte.



Ich brauchte diesen Tag mit mir, mit meinen Kindern, mit dem Himmel über mir und der Erde unter meinen Füßen, um nach den Erlebnissen der letzten Tage wieder in einen ruhigen Lebensfluss zurück zu gelangen, um wieder zu spüren, wer ich bin, um wieder frei atmen zu können.

Sonntag, 3. November 2013

hindurchgeahnt


"... und ich hörte die Musik von Tausenden von Stimmen, ein leises Summen zwischen den Bäumen. Ich fühlte, daß ich in das kühle Wasser tauchte, und wußte, daß die Reise durch den Schmerz in einer absoluten Leere endete. Als ich mich auflöste, wurde mir die Offenbarung zuteil, daß diese Leere voll ist von allem, was das Universum enthält. Es ist nichts und ist gleichzeitig alles. Feierliches Licht und undurchdringliches Dunkel. Ich bin die Leere, ich bin alles, was existiert, ich bin in jedem Blatt des Waldes, in jedem Tautropfen, in jedem Aschestäubchen, das der Bach fortträgt, ich bin Paula und ich bin auch ich selbst, ich bin nichts und alles übrige in diesem Leben und in anderen Leben, unsterblich ..."

(Isabel Allende: Paula)

Donnerstag, 31. Oktober 2013

Ferienfühlen


Gleich vom letzten Schulklingeln zu einer Kurzreise aufbrechen - sich durch Lüneburgs sonnig-rote Altstadt treiben lassen - Kaffees in Cafés und Rotwein am gedeckten Freundestisch trinken - durch raschelndes Buntlaub wandern - Herbstgewitter und Sonnengold in rasantem Wechsel durchleben - in Lesestunden, Kinderfilmabenden, Gesprächen und dem Sein mit mir selbst versinken ...

Und plötzlich ist da schon der Mitteltag der kurzen Ferienwoche. Abrupt will es innerlich umschwenken: vom guten Gefühl des Dahintreibens in die Enge des Getriebenseins. So viel wollte doch in den Ferientagen erledigt werden. Hinter allen Ecken lugen Aufgaben hervor.
"Man darf es nicht zu etwas Innerem werden lassen, dieses ungenügende Gefühl des Nie-fertig-seins", sagt die Freundin am Telefon.

Und ich weiß, dass ich mich in immer derselben Frage verfange: Wie schaffe ich es unbeeindruckt von den Bergen zu sein? Nicht gelähmt durch die vor mir liegenden, nicht euphorisch bestätigt durch die gerade bewältigten? Wie also in ein Sichtreibenlassen  gelangen, unabhängig von jeder Art Berg, unabhängig von jeder Viel-wenig-Bewertung, hinein in ein waches wahrnehmendes Gleiten?

 Den Blick staunend auf all die Farben richten -


 - jeden Schritt als einen Moment des Raschelns im Laub erleben -


 - und während jeder Schritt zu einem besonderen wird, formt sich ein Weg.


Ferienzeiten sind Übezeiten.

Freitag, 25. Oktober 2013

Ausgeflogen






Morgens in aller Frühe Gepäckberge in Autos gestopft, durch nebelverhangenen Nieselwald gewandert, Waldgesichter erlebt und aufblühende Off-Road-Kinder.




Das Landschulheim (doch noch) gefunden.
Mit-wem-bin-ich-im-Zimmer-Bangen in Luft aufgelöst und mit dem Jubel, weil sich alles gefügt hatte, mitgefreut. Das Mit-wem-sitz-ich-am-Tisch immer wieder neu ausgelost - und wieder mal beobachtet, wie schnell dann plötzlich jeder jeden kennt.




Mit Gummistiefeln im Bach gewatet. (Und danach zuweilen Wasserbäche aus den Stiefeln herausgeschüttet.) Staudämme gebaut, Blätterschiffchen schwimmen lassen.
Über Wildniswege, durch urige Wälder, vorbei an Wildschweinsuhlen und Hochlandrindskälbern gewandert.








Heftige Insektenstiche eingefangen (was fliegt denn jetzt noch rum?). Gestaunt wie cool man tränentreibenden Schmerz weghumpeln kann. Und na klar, die restliche Klasse hatte plötzlich auch Stiche über Stiche :)
Herausgefallene Zähne bewundert, verliersicher verpackt und blutende Wundlöcher tamponiert. (Ähm, Milchzähne natürlich. Das wusste ich auch noch nicht, dass das stundenlang bluten kann.)
Brandblasenpflaster und reihenweise Kühlpads verteilt. Und auch Heimwehpflaster, die einfach irgendwohin auf völlig unversehrte Hautpartien geklebt werden mussten :)
Mit Heimwehtränen mitgeseufzt und sie dann getrocknet, Mütter angerufen. Tolle Kinder, die sich gegenseitig zum Trösten und Beruhigen bei der Hand nahmen. Gute-Nacht-Geschichten vorgelesen, Freundinnen zum Handhalten in ein Bett gepackt, Kuscheltiere rechts und links platziert, Beruhigungslampe von Zimmer zu Zimmer getragen.

Und dann das schon Geahnte: sie halten ungebrochen durch bis nachts um halb zwei. Auch nicht unerwartet: ab morgens um sechs toben sie schon wieder fröhlich munter lärmend durchs Haus. Dass sie dann allerdings am zweiten Abend auch wieder bis halb zwei ... naja. Die eigene (altersbedingte?) Müdigkeit veratmet und tagsüber durch Sekundenschlaf aufzufangen versucht.




Häuser und Hütten im Wald gebaut. Vielfalt an Kreativstatik und -optik bestaunt.
Eier wurfsicher verpackt. Dabei beglückt über so viele Kinder, die ohne Hemmungen mit bloßen Händen in Matscheschlamm greifen, um das Ei bloß bruchsicher einzuhüllen. Überhaupt: so viele Kinder, die sich draußen in Wald und Nieselregen heimisch und glücklich fühlen.
Aus Naturmaterialien Gemälde gestaltet. Verblüfft, wie unterschiedliche Ideen und Gruppendynamiken sichtbar wurden. Auch Positionierungskämpfe. (Nicht nur harmlose, leider. Aber wenigstens wissen wir jetzt darum. Elterngesprächstermine gleich schon abgemacht.)




Gespielt, gespielt, gespielt.
Gelacht, erzählt, getanzt.
Die-Jungs-kommen-immer-in-unser-Zimmer-Gekreische, Wir-müssen-uns-mal-in-ihn-hineinversetzen-Mitfühlen, Als-mein-Opa-gestorben-ist-Gespräche und Meine-Mama-hat-mir-ein-Kuscheltier-eingesteckt-Geständnisse aufgeschnappt.
Wie klein sie noch sind!
Wie groß sie schon sind!





Durch sonnigen Herbstwald zurückgewandert. Müde Kinder kaum zum Schlurfen bewegen können. Und andere kaum von den Waldhängen herunter. Mit Gummibärchen immer weiter und weiter gelockt - bis zur heimischen S-Bahnstation. In der Bahn waren sie so ruhig wie sonst nie in den drei Tagen.
Innige Wiedersehens-Kuschelszenen mit den wartenden Mamas beobachtet.






Wie gut, wieder hier zu sein.
Wie gut, mit ihnen weggewesen zu sein.

Sonntag, 13. Oktober 2013

Montag, 7. Oktober 2013

98einhalb.


"... solche, die zu kennen ein Segen ist. In ihnen ist ein langes Leben still geworden. Arbeit ist getan, Liebe ist gegeben, Leiden ist gelitten worden - aber alles ist noch da, in Antlitz und Hand und Haltung und redet in der alten Stimme. Das haben sie aber selbst verwirklicht: durch die stets neue Annahme dessen, was nicht geändert werden kann; durch die Güte, die weiß, daß die Anderen auch da sind und ihnen das Ihre leichter zu machen sucht; durch die Einsicht, daß Verzeihen mehr ist als Rechthaben, Geduld stärker als Gewalt, und daß die Tiefen des Lebens im Stillen, nicht im Lauten liegen."
(Romano Guardini, in: Die Lebensalter - Ihre ethische und pädagogische Bedeutung)

Heute haben wir ihre Urne unter einen Baum gebettet.

Freitag, 4. Oktober 2013

Farben der Trauer

Dunkel und hell.
Erinnerungswolken kommen geflogen. Weißt-du-noch-Geschichten. Und auch solche, die nur einer von uns kennt. "Die Oma hat doch immer ..." - "Neee, echt? Das weiß ich ja gar nicht ..."
Hier wird gelacht, hier wird geweint.
In Fotos wühlen wir. Und in inneren Bildern.
Warm-wohlige Kindheitserinnerungen. Wenn ich sie erzähle, bin ich plötzlich mittendrin.
Sie fehlt.
Langsamkeit. Betäubung, immer noch. Weit-weg-Gefühl, mal stärker, mal schwächer. Alles in Wellen.
Urwunsch: Sitzen-sinnen-schweigen.
Ja, schweigen. Tage voller Schweigenwollen - und Funktionierenmüssen.
Menschen, die sich sehr zuwenden. Wärme empfangen dürfen. Einen Brief lesen von ihren ehemaligen Schülerinnen, berührend. Mit Freunden einen Abend voller Lachen und Lebenslust erfahren, und zwischendurch minutenlang gemeinsam schweigend ihr Foto anschauen. Begegnungsgeschenke, die glücklich machen. (Und auch Menschen, die sich abwenden. Aber das tut nicht weh. Hilflosigkeit - ich wusste früher ja auch nicht.)
Premiere: Man sagt zu mir "Herzliches Beileid". Ich lerne darauf zu reagieren. Ins Gespräch zu kommen. Gute Gespräche, sehr gute. Wie lieb ich sie habe ...
Sie fehlt.
Die Kinder suchen ihren Weg. Der Sohn steckt die Traueranzeige ganz tief hinten ins Regal - "damit sie nie wegkommt und nie kaputtgeht". Die Tochter zeigt ihre in der Schule überall herum. Und macht klare Ansagen: Welche Dinge sie von der Uroma als Erinnerung behalten möchte. Und welche Lieder gesungen werden sollen, auch welche Strophen, entscheidet sie.
Sie schlafen auf Omas Fernsehsessel, nun, da er hier steht. (Dass man drauf überhaupt die Nacht verbringen kann - selbst wenn man kurz ist?) Die Kinder kuscheln sich hinein. Und beturnen ihn tagsüber. Wir fürchten, dass er binnen 24 Stunden kaputtgeht, wenn sie so weitermachen:)
"Aber ich darf doch heute zum Tischtennis. Das hätte die Uroma doch vielleicht auch gewollt ..." Na klar, so sonnenklar: Sie will uns hier leben sehen. So richtig ganz doll leben sehen. Mit allem was wir lieben und wollen und brauchen, mit allem was uns Freude macht ... (sprachs zu ihren Kindern und hatte die Augen voller Tränen).
Sie fehlt.
Neue Familienkonstellation, neue Leerstelle in der Reihe. Nun bin ich nur noch Tochter und Mutter. Enkelin und Urenkelin nicht mehr. Großmutter und Urgroßmutter noch nicht. Symmetrisch irgendwie. Ein Sandwichplatz in der Mitte der Lebensreihe.
Reihenweise Lebensreisegedanken ...
Sie fehlt.
Doppelte Leerzeichen, Zeilen- und Randabstände, Schriftartsuche - woher soll ich denn wissen, wie man eine Traueranzeige formatiert. Und wie so ein Liedblatt gestaltet sein soll. Das hat mir niemand beigebracht. Und verdammt, warum stellt sich diese Technik so quer - die mp3-Musik will nicht auf die CD, die Druckerpatronen sind leer, der Laptop stürzt ab. Alles sperrt sich dagegen, eine Trauerfeier vorbereiten zu müssen.
Ist ja schon gut, ich werd schon wieder ruhig.
Aber bitte mal ein Stopp für uns. Die Brille für den Sohn, die Blutwerte der Tochter, mein immer noch dicker Zeh liegen brach, Erkältungen seit einer Woche, keine Zeit sich zu kümmern. Soll das wohl so sein, dass wir hier halbblind, halbkrank, humpelnd durch unsere Tage gehen? Fingerzeige unserer Körper.
Zeit wollte ich, nur Zeit. Langsam werden, anhalten, stehenbleiben, bitte.
Sie fehlt.
Staffelstäbe.
Ihre Sanftmut bräuchte ich. Wenn etwas in mir hochpulsiert: was hätte sie jetzt getan, was hätte sie gesagt, wie hätte sie es getragen? Ich möchte in der Zeit zurückreisen und noch einmal neben ihr stehen. Dabei sein, wie sie so war wie sie war. Genau hinschauen. Aber vielleicht ... habe ich ja genug gesehen. Bleibt als innerer Auftrag stehen, ihr Wesen weiter zu leben, irgendwie. Ob das geht? Ein weiter Weg, jedenfalls.
Und noch ein Staffelstab. Das Lebkuchenrezept ist wieder aufgetaucht. Omas legendäre Lebkuchen. Riesenkistenweise in Görlitz gebacken und zu uns nach Berlin geschickt. Von den Eltern in großen Tontöpfen im Schrank versteckt. Nicht gut genug versteckt - jeden Tag nach der Schule einen draus genascht - jetzt darf ich's ja verraten:) Also: das Rezept ist wieder aufgetaucht. Dieses Jahr im Advent ... ich freu mich drauf. Vermutlich werde ich ein paar Jahre üben, bis sie gelingen wie sie bei ihr waren.
Sie fehlt.
Die Strickjacke die ich trug, und das Tuch, in welches ich geweint habe, als ich vor zwei Wochen Abschied nahm, habe ich seither nicht abgelegt. Es ist warm darinnen. Na gut, die Strickjacke ist schon gewaschen zwischendurch. Aber das Tuch - mein Hals will in diesem Winter kein anderes. Ob und wann ich meine Tränen auswaschen werde ...
Sie fehlt.

Freitag, 27. September 2013

Dankbar


... dass ich nun endlich Worte finde. Öffnende, befreiende Worte, aus dem Kokon heraus, der mich seit nunmehr einer Woche von der Welt trennt und dabei doch tief ins Leben hineinführt.

... für Tränen, für viele Tränen. Für manche ganz besonders. Für Tränen, die neue Türen öffnen.

... für die Menschen, die mich trotzdem in den Arm nehmen. Trotzdem? Weil Du doch schon so alt warst, und es doch lange abzusehen war, und es schließlich ein guter Tod, und was-will-man-mehr-alles-bestens ist, wenn ein Mensch so uralt und so friedlich geht. Und trotzdem. Ich lehne mich in jeden umarmenden Arm hinein. Und in manches Menschen Gegenwart wage ich sogar zu weinen.

... dass mir dazu - ich weiß nicht woher - irgendwoher die Kraft zum "Funktionieren" geschenkt wird. Die Tage dieser Woche haben alles gefordert.

... für eine innige Begegnung, noch im August. Du warst wacher und präsenter als bei unseren Besuchen zuvor. Du hast die Kinder berührt. ("Weil sie so gute Laune hatte. Und wir uns mit ihr richtig unterhalten konnten ...") Und mich hast Du berührt. Sehr. Als Du meine Tochter nämlich mit meinem Namen ansprachst. Diese Liebe, aus der Verwirrung heraus. Verwirrt nur über Namen und Daten, Generationen und Zeiten. Schall und Rauch. So warm, so klar, so ganz Du in Deiner Liebe.

... für eine letzte Umarmung, damals im August. Sie ist mir in und unter die Haut geflossen. Ich war mir bewusster denn je. Schon viele Jahre hatte ich beim Abschied gedacht, dass es das letzte Mal sein könnte. --- Diesmal habe auch ich es vielleicht gespürt? Jedenfalls habe ich nicht wie sonst Fotos gemacht. Nicht Dich, nicht unsere Begegnung festzuhalten versucht. Vielleicht hatte ich endlich begriffen, dass wir Dich loslassen müssen.

... dass Du mich - Zufall nennt man das? - vor einer Woche nun auf dem Weg, mich von Dir zu verabschieden, in einen Zug gesetzt hast, der über lange Strecken ausgerechnet an dem Radweg entlang führte, welchen ich vor einigen Wochen mit dem Sohn genommen hatte. Entgegengesetzte Richtung. Entgegengesetzte Stimmung. --- Im Schweren das Gute, das Leichte, das Lebensfüllende finden. Darin warst Du mir Lehrerin. Ich saß im Zug, fuhr Dir entgegen, sah auf den Radweg und spürte Dich. Beglückend durch den Tränenschleier hindurch.

... für den stillen Raum, in welchem ich von Deinem stillen Körper Abschied nehmen durfte. Ob Du noch da warst, oder schon nicht mehr? Hier oder dort? Beides? --- Du warst ganz bei Dir. Ganz im Frieden. Und warst um mich herum. Durch Deine kalte Haut strömte alle Wärme, die mich seit meiner Kindheit getragen hat. Ich habe Dich lange gehalten und gestreichelt. Ich hätte wohl einen Tag oder länger dort sitzen mögen. Und doch war auch ich im Frieden, als ich die Tür zum Raum Deines Körpers dann hinter mir schloss.

Dankbar.
Dankbar vor allem dafür, dankbar sein zu können.
Mein letztes Wort an Dich war Danke.


Heute vor einer Woche um diese Zeit hast Du noch geatmet. Ganz still schon, ganz flach, oder ganz unruhig? Wir wissen es nicht. Werden es nie wissen. Du hattest vorher keine Zeichen ausgesendet, dass es nun soweit sei. Jedenfalls hatte niemand diese Zeichen lesen können. Vielleicht wolltest Du niemanden um Dich haben. Hast Du es gespürt? Wo warst Du, jetzt genau vor einer Woche? Hast Du gesehen, dass Du in die Tür eintrittst, die auf die andere Seite führt?
Ich glaube ja. Ich glaube, Du wusstest es ganz genau. Und wolltest den Schritt allein gehen. All-Ein.
Das fühlt sich nach Frieden an, nach tiefem Eins-Sein.

Mein Leben lang warst Du um mich. Immer. Immer warst Du da.
Dieses Nie-mehr ist nicht zu begreifen.
Meine geliebte Oma, ich trage Dich in mir.
Für immer.

Sonntag, 15. September 2013

Fragen an mich selbst


Könnte ich nicht die zarten Gedulds-, Gelassenheits- und Fröhlichkeitspflänzchen dieser Tage weiterwachsen lassen in die nächsten Wochen und Monate hinein? Wenn ein Glas umfällt, weil sie auf ihrem Stuhl kippeln, wenn die Zimmer wie Kraut und Rüben aussehen, wenn sie längst nicht mehr so schnell aus ihren Betten springen wie am ersten Tag, wenn sie lesen, wo Beeilung nötig wäre, wenn sie sich dem Tischabräumen durch Wegflitzen entziehen, wenn sie also, nun ja, ähm, einfach Kinder sind - könnte ich dann nicht immer so gelassen reagieren wie in dieser Woche? - Ich habe sie ja schon gebeten, meine "Kontrollinstanz" zu sein. Wir sprachen in den Ferien über unsere unguten ritualisierten Situationen, wir sprachen über meine Gereiztheits-, Ungedulds- und Schimpfauslöser, und darüber, was jeder von uns braucht und sich wünscht, und was jeder beitragen könnte und sollte. Und dann habe ich sie gebeten, mich zu erinnern, wenn es wieder zu arg wird mit mir ... Sie sind großartig in ihrer Offenheit: "Mama, Du wolltest doch ..." Stimmt, denke und sage ich dann. Sie haben so Recht.

Wie bewahre ich auch meine anderen guten Anfänge dieser Woche? Nämlich etwa: Schlafen zu gehen, wenn die Müdigkeit dies gebietet, und sei es auch erst kurz nach neun. Mich nicht von all den Ich-wollte-doch-noch's und Ich-muss-aber-noch's abhalten lassen. Mich zur Ruhe hinzusetzen, wenn ich es brauche. Meine Kinder in den Arm zu nehmen, wenn ihnen oder uns danach ist. Mir nicht durch die ubiquitäre Unordnung im Haus und die noch nicht ausgepackten Reisetaschen und die Arbeitsberge jeglicher Art unser Zusammensein verderben zu lassen.

Wie kann ich lernen, mich nicht umgehend als schlechte Mutter zu fühlen, wenn dem Sohn die Turnschuhe nach den Ferien dann doch zu klein geworden und der Tochter die Lieblings-Rosa-Hosen auf Hochwasser geschrumpft sind? (Hilfe, hat es im August Wachstumshormone geregnet im Hause Rebis?)

Welche Minuten des Tages - also: des ganz normalen Alltages - könnte ich als meine, meine ganz eigenen deklarieren? Klitzekleine Zeitfenster zum Sitzen, Nachsinnen, Schreiben, Lesen, Klavierspielen, Schweigen, Träumen, Nichtstun? ("Fenster" ist ja hier ein gutes, ein passendes Wort: Öffnungen für Licht und Leben, Wege zwischen Innen und Außen. Notwendig, sehr.)

Ist es in diesem Beruf je möglich, ein echtes Ende-und-Fertig-Gefühl zu empfinden? Gedanken an Schuldinge ein paar Stunden lang draußen vor der Tür zu lassen, bis ich wieder bereit bin, sie an meinem Tisch zu bewirten? Wenigstens ganz manchmal wünschte ich das - an jedem ...zigsten Abend, an jedem ... zigsten Wochenende vielleicht. (Ich wage keine Zahlen zu nennen. Es ist ja eher eine grundsätzliche Frage, wie ich es schaffe, mich mit Mühle und Hamsterrad zu arrangieren.)

Und dabei: Lässt sich diese meine unbändige Schullust und -freude, dieses Glücksgefühl, wenn ich nun wieder mit 30 kleinen oder großen Köpfen gemeinsam auf Wanderschaft durch Zahlen- und Denkwelten gehe und dabei versuche, Ratgeber, Geländer und Tränentaschentuch in einem zu sein, wenn Berge (zu) hoch und Täler (zu) tief sind, lässt sich also dieses Traumberufs-Gefühl bewahren für noch mindestens 23 weitere Schuljahre? Zusammen mit der Kraft, die dafür nötig ist? Das wäre ganz wunderbar großartig. (Wenn ich ältere Kollegen anschaue, werde ich sehr nachdenklich. Um nicht zu sagen: sehr pessimistisch.)

Wo muss ich lernen, "Nein" zu sagen?

Wo muss ich lernen, "Ja" zu sagen?

Bin ich eigentlich dankbar genug? Dankbar für jeden Tag, für jeden Moment? Für all das, was mir geschenkt ist ...

Fragen an mich selbst.
Vielleicht wächst man eines Tages in die Antworten hinein.


PS. Und noch eine marginale Frage: Wenn der kleine Zeh Umfang und Volumen des großen angenommen hat, wenn der Fuß bis zum Mittelspann aussieht, als hätte man ihm ein Silikonkissen eingespritzt, während die Färbung sich die Auberginen des heutigen Abendessens zum Vorbild genommen hat - geht man dann zum Arzt? Wenn ja, zu welchem? Wenn ja, wann? (Hab auch so genug zu tun.) Und vor allem: Wenn ja, was macht der dann überhaupt? Vom Aua beim Laufen und von der sehr unkomfortablen Enge im Schuh wird er mich wohl kaum befreien können. Bleibt ihm doch auch nicht viel zu sagen als: "Ein gebrochener Zeh ist schließlich kein Beinbruch."
Oder? (Ich ringe noch mit mir. Bis ich fertig gerungen habe, berühre bitte niemand meinen Zeh. Aua.)

Montag, 9. September 2013

Tag Eins

Früh und einfach aufgestanden, selbst die Kinder (so gute Stimmung am Frühstückstisch war selten - sie haben sich wohl doch sehr gefreut), überpünktlich aus dem Haus gekommen, dann jeder für sich seinen ersten Alltagstag begonnen, Kollegen geknuddelt, ungefähr alle, ein paar Ferienerzählbröckchen ausgetauscht, und dann schon viele Arbeitsdinge, wie durch Katapulte hineinbefördert waren wir plötzlich wieder drin in unserer Schulwelt, die ersten Schüler unterrichtet, großen noch ein wenig müden Augen begegnet, mich noch nicht sehr heimisch gefühlt an meinem Lehrertisch, aber doch bereit und weit geöffnet für alles was da ansteht, neuen Kollegen ein paar Pfade an der Schule gezeigt, mittags die Tochter von ihrer Schule abgeholt, Eis gegessen, ihre strahlenden Augen gesehen wegen der neuen Lehrerin, und weil all ihre Freundinnen ebenso strahlten gleich sehr beruhigt gewesen, zufällig den Sohn im Dorf getroffen, der spontan Latein zu seinem neuen Lieblingsfach erklärt hat und auch sehr zufrieden wirkte, die Kinder nach Hause geschickt, dienstbesprochen, fachkonferenziert, mit den besten Mathekollegen der Welt so Vieles, so Ideenreiches ausgetauscht, etliches geplant und vereinbart, mal kurz Luft geholt, Stühle geschleppt, Klassenraum für die Kleinen vorbereitet, Stuhlkreis und Schokoladentäfelchen und so, geschaut ob ich nicht zu kreidebestaubt aussehe, mich daraufhin kurz geschüttelt und abgeklopft, in die große Halle gespurtet, wo die Kleinen, die ach so winzig Kleinen schon füßescharrend auf ihren Bänken sitzen, wir Klassenlehrer aber auch ganz schön aufgeregt, bis wir endlich die 30 kleinen Hände schütteln und in unser Zimmer, das erst noch unseres werden muss, hinübergehen, ein Stündchen mit ihnen verbracht, erste Tränen getrocknet, erste Beunruhigungen aufgefangen, gelacht, gespielt, gesagt was morgen passieren wird, kurz vor dem Dunkelwerden verabschiedet, bis in 12 Stunden, sagen wir, bekannte Eltern getroffen und neue kennengelernt, Vorabvertrauen gespürt und als wohltuend empfunden, gestanden, geredet, Sekt getrunken, bis in 11 Stunden, hätten wir jetzt beim Verabschieden sagen müssen, zu Hause die Kinder gerade noch wach erlebt, noch eben schnell die Ranzen packen, und - uiui - die erste Hausaufgabe ist noch nicht ganz fertig, aber das wird schon noch in den nächsten Tagen mit dem Wiederankommen in Rhythmus und Aufgaben, gekuschelt, mitgefreut über das Schöne, was ihnen der erste Schultag offenbar geschenkt hat, immer noch mitfreuend, unendlich müde und geschafft, fast schon eingeschlafen.
Es geht uns gut.

Alltagsanfänge

Erstaunlich, dieses unterschiedliche Zeiterleben. Vor einer Woche waren wir schon fast zu Hause. Eine Woche sind wir wieder hier - so lang wie die Hälfte unserer Reise. Eine Woche schon? Eine Woche erst? So kurzverflogen, einerseits. So vollgestopft, andererseits. Viel zu viele Lebensdinge in viel zu kurz erlebten Tagen. Gerade im Kontrast zum Unterwegssein fällt es auf, stößt es auf, verwirrt es mich. Schon am ersten Tag, am Morgen nach dem Ankommen. Wir waren kaum 12 Stunden da, und unendlich vieles war geschehen. Gespräche, Aus- und Weggepacke, Organisiererei und Telefoniererei, dazwischen schnell schlafen, schnell essen, schnell sein, schnell tun. - Und vorher, da waren 12 Stunden, oder 15 gar, einfach die Zeit zwischen Ankommen und Abfahren. Nichts hatte zu geschehen außer waschen, ruhen, essen, schlafen, nachdenken über die Wege des nächsten Tages und schreiben über die des vergangenen. Elementares Sein. - Und nun ist es wieder verflixt komplex. Was sich alles so in ein Taglein hineinzupressen versucht. Mein Ruhe-Faden, der sich von Berlin bis hierher gezogen hat, schwebt im Moment vielleicht wie eine Spinnwebe rings ums Haus, oder er hat sich in den Fahrradspeichen verfangen - ich suche ihn noch vergebens in diesen neuen Tagen.

So vieles in einer Woche. Soll ich jetzt darüber schreiben, was das für Dinge waren, die mich gleich wieder ganz ernüchtert (und gefühlt bauchgelandet) hier im Alltagssein haben aufprallen lassen?
Selbst schuld, dass ich die Steuererklärung nicht auf die Zeit vor den Urlaub gelegt hatte. Tagelang und formularstapelweise herumgeplagt mit Sätzen wie "Soweit die unter a) ausgewiesenen Beiträge für die Basisabsicherung unter dem für Ihre persönlichen Verhältnisse zu Grunde liegenden Höchstbetrag für die steuerliche Berücksichtigungsfähigkeit von sonstigen Vorsorgeaufwendungen liegen, können die unter b) ausgewiesenen Gesamtbeiträge bis zu diesem Höchstbetrag geltend gemacht werden." - Nein, das muss man nicht verstehen. Tue ich aber leider doch, nach dem zwanzigsten Durchlesen. Deswegen habe ich einen Zwang in mir, das alles durchschauen zu wollen. Kostet so viel Zeit. Und lässt meinen Geiz siegen, der mir einflüstert, nicht etwa einem Steuerberater das viele Geld in den Rachen zu werfen. Aber jedes Jahr vertue ich Lebenstage und -wochen damit ...
Nicht selbst schuld, dass mein Computer spann und spinnt. Und das, wo ich von jetzt ab wieder so richtig auf ihn angewiesen bin. Also auch hieran Tage verbracht. Beschäftigung, die ich nicht wirklich liebe. Bei der es mir vorkommt, als lebte ich nicht, sondern verwaltete nur mein Leben. Und noch immer klappt so manches nicht ...

So vieles in einer Woche. Die Kinder hatten, glaube ich, eine gute letzte Ferienwoche. Museums-Ausflug, Wald-Wanderung, Schwimmbad, Bibliothek, Freundesbesuche hin und her, Straßenfest, Grillabend. In letzter Minute gepackte Ranzen (nicht dass wir sechs Wochen Zeit dafür gehabt hätten:), und die Zeugnishefte sind doch immer wieder neu verschollen nach so langer Zeit), aufgeregte Telefonate - wann müssen wir morgen wo sein? (die Elternbriefe des Julis zählen zu den ebenso verschollenen Dingen), Dusche, wie war das nochmal - wir legen abends schon die Sachen bereit?, huch, es ist schon gleich neun, Mama ich kann nicht schlafen und bin so aufgeregt (woraufhin der Sohn meint, erst nochmal sein Lateinbuch durchblättern zu müssen), und nun schlafen sie endlich doch, meine Drittklässlerin und mein Sechstklässler. Wie groß das klingt ...

So vieles in einer Woche. Es war ja auch die Woche des Ankommens in Schulwelten. Darauf hatte ich mich - und wie! - gefreut. Gehüpft wie ein kleines Kind, als ich am Freitag wieder in der Schule war. Einfach so, um ein paar Dinge zu erledigen, um Kollegen zu treffen, um Unterlagen und Papiere aus meinem Fach zu holen. Klassenlisten vor allem. Neue Listen, neue Namen, neue Gesichter, die mich da schon zwischen den Zeilen anschauen. Ich freue mich sooooo. Das Vorbereiten ging in diesen Tagen noch sehr schleppend, alles dauert unroutiniert lange, die eingefahrenen Arbeitswege im Kopf sind verschüttet und zugewuchert. Aber die Gedanken an das Neue, was da auf mich zukommt, machen so froh, so warm, so vorfreudig aufgeregt.
Ja, aufgeregt bin ich. Morgen gleich meine neuen 11er. Zum siebten Mal werde ich vor einen Kurs treten, zum siebten Mal werde ich die ersten Worte sprechen, die man zu Beginn der Kursstufe und als Einleitung der 18 Monate bis zum Abitur so sagt. Und zum ersten Mal frage ich mich: Was sagt man denn so? Zum ersten Mal weiß ich nicht, ob das gut und richtig und sinnvoll ist, was mir auf der (gedanklichen) Zunge liegt, ob ich damit überhaupt treffe und streife, was in den 21 Köpfen der 15- und 16-Jährigen (die heute vielleicht auch nicht einschlafen konnten) jetzt vorgeht. Zum ersten Mal bin ich mir ganz unsicher, welches die geeigneten ersten Worte sind. So lange habe ich selten an einer ersten Stunde vorbereitet. Seit Tagen eigentlich denke ich darüber nach.
Und morgen abend begrüßen wir unsere neuen 5er. Zwei Jahre soll das schon wieder her sein, dass ich in der großen Halle saß und darauf wartete, Gesichter und Augen zu der Namensliste zu sehen. Morgen Abend werden wir wieder dort sitzen, mit der gleichen Co-Klassenlehrerin, mit der gleichen Einführungs- und Kennenlernstunde, mit der gleichen Aufregung - jedenfalls von mir kann ich das sagen -, mit der gleichen Freude hoffentlich. Nur mit anderen Kindern.

Gut fühlt es sich an, wieder zur Schule zu gehen. Fast glaube ich, dass sich mein Ruhe-Faden dort versteckt hält. Dort, wohin ich es kaum erwarten kann wieder zu kommen. Nun muss ich nur noch müde werden und ein wenig einschlafen, bevor in wenigen Stunden der Wecker klingelt.


Dienstag, 3. September 2013

Tag 15: Zwingenberg - Zuhause

Die Vorfreude auf den Geburtstags-Geschenke-Tisch treibt den Sohn sensationell früh aus dem Bett und aufs Rad und dann noch zu ungeahntem Tempo an. Er lässt sich auf keine Diskussionen mehr ein - wollen wir nicht doch den flachen Weg über Lorsch nehmen, der ist aber ein bisschen weiter? - es soll schnell gehen, heißt die einzige Devise. Wir fahren also frei nach Gefühl (und ein bisschen Navi), immer nahe an der Direttissima. Immerhin kennen wir uns hier mit dem Ortsnamen gut aus, und die Bergkette links des Weges gibt Orientierung, Verfahren unmöglich. Das Tempo allerdings droht mich umzuhauen. 30 km ohne jedes Päuschen bei ausreichend Gegenwind rast er vor mir her, dann ertrotze ich mir, einem Kleinkind mit stampfendem Fuß gleich, eine Verschnauf-Kaffeepause. Die unromantischste Ecke, an der wir je gesessen haben. Aber sie liegt halt gerade am Weg. 10 km später bestehe ich auf einem Mittagsimbiss mit längerer Pause, Ladenburg bietet sich dafür an. Wenn wir nichts zu uns nehmen, kollabieren wir noch, denke ich inzwischen wirklich. --- Noch 30 km bis nach Hause. Wir fahren dann doch ein wenig ruhiger. Sprechen über Ankommens- und Heimatgefühle, wie wir "unsere" Welt hier wiederfinden, wie wir uns dabei fühlen, wie es wohl hier für Fremde ausschauen mag, wie wir anders blicken als vor der Reise. Es erstaunt mich, wie viel Vertrautheit ich empfinde, bzw. wie mich diese erwärmt. Selbst die Dörfer in der Rheinebene - schnurgerade Straßen mit Häusern, die man nicht wirklich abwechslungsreich nennen kann, eng eines am anderen, typischerweise mit den Giebeln zur Straße gestellt, man sieht also nicht mal warmziegelrote Dächer - lassen mich ein Hach fühlen. Nun haben wir zwei Wochen lang die verschiedensten Dorfantlitze durchfahren, immer wieder ein Wie-schön empfunden, ein Wohlgefühl beim Betrachten des Neuen, Anderen, Ungewohnten - aber nur bei diesen hiesigen Dörfern stellt sich mein heimatliches Hach ein. Ist ja eigentlich klar. Und andererseits doch wieder nicht. Denn als ich vor 23 Jahren hier in die Gegend zog, durchflutete mich eher ein Nein-wie-schrecklich-Fühlen. In all den Jahren hat sich dieses also verwandelt ... --- Auch der Sohn zeigt Berührung - durch "unseren" Fluss, "unsere" nächste Stadt, "unsere" Wege. Es fühlt sich seltsam an, quasi auf touristischen Pfaden durch die eigene Gegend zu fahren. Vorbei an "unserem" Eisladen - der leider in der Sommerpause ist. Wir wollten uns dort eigentlich eine letzte Stärkung gönnen. Dafür trinken wir dann dort unser letztes Wasser aus. --- Apropos touristisch: Während ich unterwegs irgendwannn völlig enthemmt war, was touristisch anmutende Kleidung anging - der Zweck ging ja doch vor - durchzuckt es mich kurz vor dem Ziel: Hier könnte man ja schon Bekannte, schlimmstenfalls Schüler treffen. Ich ordne unwillkürlich mein Äußeres etwas:)) --- Meine Güte, warum haben wir aber auch in einer hügeligen Gegend gebaut! Wir wären natürlich gern locker in unser Dorf eingerollt. Es ergibt sich aber eine mühsame Ankunft unter keuchenden Atemgeräuschen. Geschafft. Fühlt sich unspektakulär an. --- Gepäck abbauen (wie immer), Fahrräder verstauen (wie immer), Dusche und Umziehen (wie immer) - und dann beginnt der Nicht-wie-immer-Teil. Geburtstagskuchen, Kaffee, Sekt, Geschenke auspacken. Erzählen, erzählen, erzählen. Ankommen.
PS: Ungeheuerlich, wie bequem sich eine Normaltastatur anfühlt. Und ein Normalcomputer. Nur der Konsequenz halber blieb ich jetzt beim zeilenumbruchlosen Stil. --- Und weil es die technische Ausstattung endlich zulässt, lade ich ein erstes Foto (von über 900) hoch.


(Wir hätten vor der Ankunft natürlich noch eine Runde ums Dorf fahren können. Andererseits hätte der Zähler uns dann plötzlich 000.00 angezeigt - und ob wir das gewollt hätten;)

Tag 14: Hanau - Zwingenberg

Nach abendlicher konspirativer Besprechung mit der Hotelwirtin steht morgens ein Kuchen umringt von 12 Teelichtern auf unserem Frühstückstisch. (Daher die Supermarktdringlichkeit am Vortag.) Der Sohn ist berührt, zeigt es aber nur verhalten und erst später. So wie man als 12jähriger eben ist. ---- Herzlichen Glückwunsch, mein Großer! Wie unendlich glücklich ich bin, dass das Leben uns zusammengeführt hat. Diese Reise und überhaupt die Lebensreise mit Dir zusammen beschenkt mich immer wieder so reich! --- Wir verlassen Hanau nicht ohne ein Wir-waren-da-Foto mit und vor den Grimm-Brüdern. Dann teilen wir 10 km Main-Radweg (mir scheint, wir lassen auch wirklich keinen Fluss aus) mit Sonntagsausflüglern, halten die Romantik des Mains bei Offenbach fotografisch fest und verschwinden im Wald. Da wir nun im Wesentlichen nur noch südwärts müssen, haben wir die Wahl zwischen Wegen in der Rhein-Ebene (weiter westlich) oder in der Hügellandschaft (weiter östlich). Ratet mal, für was wir uns entschieden haben. - Ja richtig. Sogar um den Preis, dass wir Waldwege gegen Stadtasphalt eintauschen müssen. Lieber Stadt als nur das kleinste Hügelchen, heute mal. Unglaublich, wie schnell und einfach sich 76 Flachlandkilometer fahren! --- Geburtstagskinder bekommen tagsüber bei kleinen Pausen immer wieder kleine Überraschungen gereicht. Leckeres, was wir hier nicht jeden Tag hatten. (Auch wieder: Daher die Supermarktdringlichkeit am Vortag.) Oder auch Anrufe und SMSs. Und Caches. --- Darum sind wir trotz wehender Fahrt erst spätnachmittags in Darmstadt. Dort feiern eine Million Menschen ein Fest. Es erschließt sich uns nicht welches. Wir haben zu tun, mit unseren Rädern schiebend durchs Gedrängel zu kommen. Und werden dabei als Sonntagsfahrer beschimpft:) Ein Widerspruch lohnt der Worte nicht, wir suchen Nahrung. Und finden welche. --- Ein letztes 20-Kilometer-Flachlandstück vor einem wirklichen Heimatgefühl - aus der flachen Rheinebene auf die ersten Odenwaldberge blicken! --- Es folgt die letzte Überraschung des Tages. Auch konspirativ vereinbart, sogar größtenteils vor den Ohren des Sohnes. Kurz vor dem Ziel bekomme ich schon einen Schreck, als er auf der Straße plötzlich sagt, da stehe unser Auto. Er meint aber nur Typ und Farbe. An unserem wirklich-wahrhaftigen auf dem Hof der Jugendherberge fährt er dann, noch ganz strapaziert von der Auffahrt (Jugendherbergen liegen so wie Ortsteile immer auf Bergen) blicklos vorbei. Ebenso wenig Blicke hat er dafür, wer sich sonst noch so im Garten der JH herumtreibt. Ich winke ihnen schon hinter dem Rücken und drehe mich unauffällig so, dass sie einfach in sein Gesichtsfeld fallen MÜSSEN. Es dauert trotzdem noch - bis zu dem Ausruf: "Was macht Ihr denn hier?!" --- Der Rest des Abends ist gemütlich Geburtstagsessen mit Papa und Schwester. (Auch ich bin ganz erfreut. Hatte ich doch mein Töchterchen SEHR vermisst.) --- Die einen fahren dann 45 min mit dem Auto wieder nach Hause, die anderen legen sich ins karge Jugendherbergszimmer und lassen sich diese letzte Etappe nicht nehmen. Nicht mal ein Stück Gepäck geben wir mir. (Was aber eher mit unserer Müdigkeit zu tun hat und dem Unwillen, zu später Stunde noch sortierend in den Taschen zu wühlen.)

Montag, 2. September 2013

(Tag 14: Hanau - Zwingenberg)

Wir sind fast zu Hause, von hier (Zwingenberg) ist es noch eine harmlose Tagesetappe. Deswegen setzen wir uns jetzt schnell und außergewöhnlich früh (d.h. zu meiner üblichen Blogschreibzeit) auf die Räder und geben dem nach, dass es uns nun doch spürbar nach Hause zieht. Tag 14 und Tag 15 erzähle ich dann bequem von der heimischen Riesentastatur aus, heute oder morgen ...

Sonntag, 1. September 2013

Tag 13: Crainfeld - Hanau

Teil zwei der Auffahrt nach Hartmannshain - es sind doch noch 140 Höhenmeter, die wir uns einsam schnaufend hocharbeiten. Gerade als der Kopf vom Gequält- und Fluchmodus in den meditativen Zustand übergeht und ich im Treten versinke, sind wir oben. 570 m - höchster Punkt der Reise. Wir feiern dies mit Milchkaffee und Schorle und verlassen den Biergarten, als erste Radlerhorden - es ist Wochenende - eintreffen. Die Landschaft, die Blicke, der Radweg weiterhin traumhaft, während wir viele viele Kilometer abwärts rollen. Wenn wir zwischendurch mal treten müssen, Ortsdurchfahrten und so, fühlen wir uns gleich angestrengt. Wirklich, wir rollen über weite Strecken bis Ortenberg - das sind 25 km und 450 Höhenmeter. In die umgekehrte Richtung hätte ich das ja nicht fahren wollen, stelle ich mir vor. Wären wir aber, wenn nicht die Zecke ... Na, vielleicht hätten wir das auch geschafft. --- Jedenfalls sind wir jetzt so tief wie seit der Elbe nicht, glaube ich. Um der ungewohnten Tiefluft und Wärme - spürbar anders als oben! - zu entfliehen und noch etwas vor dem Mittagsimbiss getan zu haben, schrauben wir uns zum Ortskern von Ortenberg hoch. --- Die restlichen 40 km, mit einem Wort gesagt, ziehen sich. Die Zivilisation kommt näher, die Autofahrer werden unfreundlicher, der Horizont ist häuser- und industrieüberschüttet. Der Bahnradweg ist weiterhin fabelhaft ausgeschildert und asphaltiert, aber die Hügel, DIE HÜGEL!!! Irgendwann quälen wir uns beide, brauchen immer häufiger Pausen, wollen nur noch ankommen. Abwechslung durch zwei Caches am Wegesrand, immer wieder Trinkpausen, und dann tatsächlich noch Anhalten, um die Regenjacken herauszuholen. Es hatte schon den ganzen Tag danach ausgesehen, abends erwischt es uns noch. --- Übrigens: Wir kamen den ganzen Tag an keinem einzigen Supermarkt vorbei. Es ist zwar löblich, dass die Radwegeplaner den gemeinen Radler vor einem unbedachten Großeinkauf an Getränken schützen wollen, aber heute - Samstag und Geburtstagsvortag - hätte ich einen gebraucht. Doch doch, in Hanau Stadt war dann einer. --- Diesmal keine Adressen aus dem Radwanderführer nutzen können, keine Lust stundenlang zu googeln, völlig überhöhte Preise hier im Rhein-Main-Gebiet, daher habe ich einfach bei booking com das Günstigste gegriffen (naja, günstig geht anders). Was man dem nicht ansah: wir schlafen hier umgeben von Spielhallen und Erotikshops. Ein paar andere Hotels sind auch noch in der Nachbarschaft, und das unsere ist wirklich in Ordnung, aber es gibt schon Typen auf der Straße, wo der Sohn nur den Kopf dreht. Ich eigentlich auch, doch ich habe im Leben schon mehr gesehen. --- Vorteil der Lage allerdings: nur ein paar Schritte in die Fußgängerzone, und dort eine leckerste Pizzeria. Danach fallen wir erschöpft wie selten ins Bett.