Freitag, 26. Juli 2013

So also: Ferien

Zuerst war da die Ferienreife.
Viele Wochen schon, mit vielfältiger Symptomatik.
Zum Beispiel diese planerische Glanzleistung:.


(Für die, die schon länger aus der Schule raus sind: Zeugnisausgabe ist immer am letzten Tag vor den Sommerferien. Danach  endet schlagartig aller Unterricht. Auch in der 8b.)

Oder die Szene, wie wir da unsere Köpfe in den Kaffeeautomaten der Musikschule stecken, weil mir vor dem Knopfdruck für den Sohneskakao entgangen war, dass mein eigener Kaffee ja noch in der Ausgabehalterung hängt, und in der Folge sich alle Becher in den Luken des Geräts verkeilt hatten, der schöne Kakao also daneben- und der fertige Kaffee hintenrüberfloss, während wir - kopfüber und auf zwein unserer vier Beine balancierend, mit den anderen Extremitäten gleichgewichtsrudernd - versuchten, irgendeinen Getränkerest herauszufingern, möglichst im Becher, möglichst ohne Verbrühungen. Für Vorbeigehende sicher ein Bild für die Götter.
Oder der Moment, wo ich mit Tellern und Besteck minutenlang vor meinem Schreibtisch harre, im Kopf die Frage kreiselnd, wer denn gleich noch an welchem Platz saß, sonst immer, und es mir partout nicht einfallen wollte, bis mir in den Sinn kam, dass ich ja am falschen Tisch im falschen Zimmer in der falschen Etage stehe mit meinem Tischdeckanliegen (na immerhin im richtigen Haus).
Oder der Versuch, eines Morgens, als der verregnete Sponsorenlauf des Sohnes genau 20 Stunden vorbei und seine Turnschuhe (welche im Moment die einzigen Schuhe sind,  aber das ist eine andere Geschichte) noch lange nicht trocken sind, neben der Morgenroutine per Fön das Schuhinnere zu trocknen, damit das Schulkind nicht mit nassen Füßen und so. Und wie ich also aus Zeitmangel den Fön immer wieder hineinlege, laufen lasse, zwischendurch Tisch decke, Kinder wecke, mich noch wundere, dass die schwarze Düse des Föns abfällt und sich nicht mehr aufstecken lässt, und ich den Fön trotzdem wieder hineinlege und immer noch nichts merke, auch nicht den aufziehenden Geruch, und auch die langziehenden Fäden (man stelle sich das wie beim Käsefondue vor) mich nicht aufmerken lassen - ich muss schon selten ferienreif gewesen sein. Nu ja. So also:


Und das Schuhinnere sah nicht anders aus. Verklebt, verschmort, verkrustet. Der Sohn war nicht begeistert. Und trägt seither Sandalen.
So war das in den letzten Wochen.

Dann das Finale.
Mit Projekttagen, Notenkonferenzen, Zeugnisschreiben, letzten Elterngesprächen, letzten Berichten, Schulfest. Schulevonfrühbisspät. (Der Sohn eines Morgens beim Verabschieden: "Tschüss, Mama, bis morgen.")
Ich konnte nicht mehr. Ich konnte diesmal wirklich nicht mehr. Am Montag ein plötzlicher Fiebernachmittag, wie ich es noch nie erlebt hatte. Ich ging sogar zum Arzt. Und am Dienstag trotzdem wieder in die Schule. Schulfestaufräumarbeiten bis abends, genauer bis kurz vor Mitternacht, so dass wir noch zu zahlreicht im Lehrerzimmer sitzen, Zeugnisse einheften, Geld abrechnen, letzte Listen vervollständigen, alle mit umrandeten Augen, uns einen Rotwein teilen (auch zu zahlreicht) und dabei Mühe haben, nicht noch die frischabgehefteten Zeugnisse zu bekleckern. Mir geht es eigentlich immer noch schlecht, doch dafür ist im Moment keine Zeit.
Und ein allerletzter Tag. Mit Eis für alle Schüler und Blumen für so manche Lehrer, Zeugnisausgabe und Abschied von meinen Herzens-6ern, die Tränen aber werden sogleich getrocknet durch die Hektik der letzten Erledigungen, ein letzter Rüffel (auch dabei Tränen, den Nerven geschuldet), die letzte Dienstbesprechung, Kollegenverabschiedungen (wieder Tränen).
Endlich gegen drei Uhr nach Hause, die Zeugnisse der eigenen Kinder anschauen. Herzen, drücken, gemeinsam glücklich sein, aufgeregt alles erzählen, was an diesem Tag bedeutend war. In den zum Zeugnis geschenkten Büchern lesen - ein Drittel der Seiten ist schon durch, als wir am Abend noch zu einem letzten Klaviervorspiel gehen. Dann Pizza essen - Ferienbeginn.

Und jetzt:
Mein innerer Motor läuft immer noch auf Hochtouren. Letzte dienstliche Mails abarbeiten, Schulstapel aufräumen, die Kinder zu ersten Ferienterminen kutschieren, das Haus von der gröbsten Unordnung befreien, und dem Sohn assistieren, der - uiuiui - Schulsachen aufräumt und danach energisch die Materialliste fürs nächste Schuljahr verlangt, um schon alles bereitzulegen und abzuheften und einzubinden und die noch fehlenden Dinge auf eine Einkaufsliste zu schreiben. (Was ist denn mit dem passiert??? Als ich verwundert schaue, sagt er nur, er freue sich halt so auf die 6. Klasse.)
Abends kommt lieber Besuch, vor Mitternacht sind wir nicht im Bett, und vor 12 Uhr mittags nicht wieder draußen (nicht übertrieben). Beginnendes Ferienschlendern, denke ich gerade.
Und dann klingelt das Telefon.
Wumm.
Borreliose also.
Immerhin schwelt sie nun nicht weiter unerkannt. Zum Glück habe ich am Montag, als ich mit meinem unerklärlichen Fieber bei der Ärztin war, als es mir mit Hände- und Füßekribbeln und tauben Lippen und sonstigen Unerklärlichkeiten schon ganz mulmig im Bauch war, darauf gedrungen, dieses mit zu testen. "Ach Quatsch", hat sie wohl gedacht, der Zeckenstich sei unauffällig, und der andere, der seit sechs Wochen rotfeuernd brennt, der sei ja nun gar nicht typisch. Und mein Allgemeinzustand - nee, das sei bei Borreliose ganz anders. (Aber was sonst, das wisse sie auch nicht.) Zum Glück war ich hartnäckig und bestand auf dem Test. Auf das Rechthaben hierbei hätte ich gern verzichtet.

Und nun?
Quer durchs ganze Internet habe ich heute gelesen, bin nun Expertin für Stadien, Symptome, Medikamente und - naja - auch dafür, was dann später (also: für immer?) noch nachkommen kann. Auch davor habe ich nicht die Augen verschließen können. Das Aufblitzen all dieser Möglichkeiten - ein Gefühl wie in der Achterbahn mal eben aus dem Looping zu fallen.
Bei einem zweiten Arzt war ich noch, und bei einer telefonischen Beratung. Abwarten oder gleich hoch medikamentieren? Welches Antibiotikum? Was sind die Für und Wider?
Letztlich hat sich in mir am Abend, kurz vor Apothekenschluss, eine Entscheidung eingestellt. Seitdem fühlt es sich ruhiger an. Nun werde ich die Tabletten schlucken, die selbst entschiedenen, nicht blind aufgeschwatzten, und auf die Antworten warten. Ob es früh genug war, die Erreger wieder loszuwerden. Ob die Blutwerte in 6 Wochen besser sein werden. Ob ein zweiter (und ein dritter und ein vierter ...) Antibiotikumszyklus folgen muss. Ob mir chronische Folgen bleiben werden. Ich kann nichts mehr tun dafür. Nur noch warten und hoffen.
Dann noch die Frage, ob ich mich in den nächsten Tagen von Grippegefühl und erschlagender Müdigkeit wieder hochrappeln werde. Welche Nebenwirkungen bei mir kommen werden. Ob die sogenannte phototoxische Wirkung des Medikaments es zulassen wird, den Sommer außerhalb des Hauses zu verbringen. Wie weit ich mich aus dem Schatten wagen darf, und ob sich das mit unserer geplanten Fahrradtour vereinbaren lassen wird.
Im ersten Moment heute Mittag fühlte ich mich so betrogen - um meinen Sommer, um meine Ferien, um unsere Reise. Der Sohn weinte, weil er sich so unendlich gefreut hatte. Heute wollten wir schon auf den Rädern gesessen haben. Und nun ist noch gar nicht klar, ob wir überhaupt irgendwohin werden fahren können, zumal mit dem Fahrrad.
Allmählich aber lichtet sich mein Nebel, scheint mir ein Sichfügen auf. Wir werden sehen, welche Schritte der Sommer mich zu setzen lehrt. Welche Art von Ferien mir entgegentreten werden. Und welche Art von Lehre mir diese Erkrankung mitbringen wird. Das Ungeplante und das Unplanbare annehmen, Starksein und Schwachsein zulassen.
All das  ...


PS: Reibt Euch und Eure Kinder gegen Zecken ein. Immer. Bitte!



Samstag, 13. Juli 2013

Verdrehte Welt

Es fühlt sich schon wie Freizeit an, wenn nach Tagen des Wanderns und Chauffierens, des Feierns und Abschiednehmens, des Konferierens und Konzertierens endlich ein termin- (und kinder)freier Abend vor mir liegt, wenn ich  mich also mit meinem Stapel Klassenarbeiten an den Terrassentisch setzen kann, Stunden voll inniger Zwiesprache mit meinem Rotstift vor mir, beglückt fast, dass sonst niemand was von mir will und ich die Noten-Deadline in genau 42 Stunden möglicherweise doch noch schaffe (und sogar ein Mützchen Schlaf bis dahin noch drin sein wird). Ich mach mir dann mal ne Schorle, verpflanze mich in den abendlichtgrünen Garten und genieße die gerade in mir aufziehende innere Ruhe. Punktevergeben als meditative Samstagabendtätigkeit ...

Freitag, 5. Juli 2013

Kapitulation

Wir wissen nicht mehr weiter, haben alles ausgeschöpft, sind ratlos, müssen tatenlos zuschauen - oder eben doch nicht: sind jetzt wohl verpflichtet, das Jugendamt einzuschalten.
Ob das Segen bringt? Zweifeln erlaubt. Aber schlimmer geht's kaum noch. Oder doch? Lieber noch abwarten? Doch noch was unversucht gelassen?
Nach 13 Berufsjahren erstmals also Jugendamtskontakt. (Jetzt erst? Ja, ländlicher Raum, Süddeutschland, Gymnasium. Heile Welt also. Beneidenswert, dass ich 13 Jahre ohne arbeiten durfte. Trotzdem: eine solche Premiere braucht kein Mensch. Und heulen möchte ich ... Und eine Spur von Versagensgefühlen bleibt ... )
(Und liebe Eltern: Falls Sie mir weiterhin Mails schreiben wollen wegen dem Prozedere des Einsammelns des Geldes fürs Klassenfoto und wegen dem Regen beim Sponsorenlauf und dass ich Ihrem Kind nicht gestattet hätte, in der großen Pause seine vergessene Brotbox aus dem Schulhaus zu holen - die Welt hat Probleme. Klassenfotopfennigbeträge, Regen auf dem T-Shirt Ihres Kindes und 7 Minuten ohne Butterstulle gehören nicht dazu.)

Montag, 1. Juli 2013

Schuljahresendgefeiere

Das sind so Wochenenden zur Zeit, wo man am Sonntagabend froh ist, dass morgen endlich wieder Montag ist. Und man einfach nur zu arbeiten braucht. Korrigieren, Noten fertigmachen, Methodentag, Elternakutgespräche, Schulfestprogramm vorbereiten, Sponsorenlauf, Klassenleiterdingens, Geldeinsammelmarathone, Konferenzen, Zeugnisse schreiben, Nächstschuljahrabsprachen und so.

Nein, ich  mag keine Orchestersemesterabschlusskonzerte,
keine BuchstabenfestemitElternundkulinarischenMitbringseln,
keine KlassenzeltlagermitLehrerElternSpielen,
keine VerabschiedungszeremonienmitbittenocheinzustudierendemProgramm,
keine SchuljahresabschlussfeierninderaltenundinderneuenKlasse,
keine SchulfesteindereinenundauchinderanderenSchule,
keine TagederoffenenTürbeidemSiealsElternnatürlichherzlicheingeladensind,
keine AbibälleundEntlassfeiernwirwürdenunsfreuenwennSiemitunsfeiern,
keine MusikvorspieleaufdendiversenInstrumentenmeinerKinder,
keine FestlichenAusklängemitanschließendemGrillen,
keine BuchpräsentationenderliebenKleinendieElternsolltenaberdochdabeisein,
keine GemütlichenBeisammenseinszumAbschied,
kein all dieses mehr.
(Kleiner listiger Gedanke: Hätte ich mehr Kinder als ich habe, dann würden sich die Termine wenigstens überschneiden, und ich könnte mich jeweils beim einen mit dem anderen herausreden und umgekehrt und den Sommer dann ganz heimlich im eigenen Garten verbringen, wenigstens stundenweise ...)

Adventszeitähnliche Zustände. Und zwar seit den Pfingstferien, ohne Pausentag. Wenn mal ein Abend oder ein Nachmittag frei ist, wundere ich mich und frage mich, was ich denn heute bitte vergessen habe. Noch weitere drei Wochen geht das so. Genauer: drei Wochen und zwei Tage.
Derweil haben sich ein paar Viren im Hause Rebis bequem eingerichtet, die lieben also all diese Festivitäten, finden es lecker und gemütlich dort und denken gar nicht daran, wieder zu verschwinden, mitsamt dem Kopf- und Halsschmerz, den sie uns bescheren.
Und meine kinderlosen Kollegen motzen, weil ich mich bei kollegialen Herzlicheinladungen und Wochenendverbringdingern wieder abgemeldet habe. Zum Glück lässt sich das Hotel stornieren, und der Gastgeber muss das eben schlucken.
Warum, fragt er.
Weil.
Hä?
Weil halt. (im pampigen Ton meiner Kinder vorgetragen) Verstehste erst in paar Jahren, sage ich zu ihm und seiner schwangeren Frau. (War vielleicht ein bisschen gemein, das so herauszuplatzen. Der kann ja auch nichts dafür. Aber er wird wirklich schon noch sehen, später dann. Und mir wenigstens dann verzeihen. Bis dahin lebe ich mit seinem Groll ...)

Und noch was: Ich backe keine Kuchen, schmiere keine Schnittchen, raspele keine Möhren, shake keine Salatsoßen, nein. Nichts. Zu keinem der Feste. Mein Beitrag dieses Jahr: Supermarktkekse und/oder ein paar Getränke. Die Reste lassen sich dann prima gleich auf dem nächsten Fest beisteuern. So, basta. (Dieses Nein zu einem jeden Do-it-yourself-Beitrag, ohne Schuldgefühle - daran habe ich lange gearbeitet. Nun ist es aus der Not heraus geboren. Und fühlt sich gut an.)

Und nun nehme ich  meinen Kalender mit zum Nachttisch und blättere ihn vor dem Virenaustreibschlaf nochmal durch. Drei Wochenseiten weiter, bitte. Die halte ich mir ganz dicht vor Augen. Ferien, steht da. FERIEN.  F  E  R  I  E  N.
Frei.
Endlich frei.
Richtig frei.
Immer noch frei.
Endlos frei.
Nix mehr feiern, nur noch frei.
So wird das, dann.

Dienstag, 25. Juni 2013

was war und was ist


Reduktion, vor allem Reduktion. Da so vieles ausgeschaltet war, kam Klarheit.

Eine äußere Ordnung. Eine Ordnung in allem: im Raum, in der Zeit, im Essen und Trinken, im Arbeiten, in der Bewegung. Heilsame Wirkung.

Versiegendes Wollen. Meine Gedanken schweifen, springen, toben mich an. Ich lasse sie, und lasse sie doch wieder nicht. Wie es kommt, wie es soll. Und weil ich nichts will - vielleicht - glätten sich die Empfindungen. (Das "weil" hierbei ist Spekulation. Ich suche ja doch immer nach Kausalität in der Welt. Ich Anfängerin.) Jedenfalls: Das tosende Auf und Ab der Gefühle wird zu einer besänftigten, gleichmütigen Linie. Ein Geländer der Zuversicht, der Kraft, der sanften Festigkeit.

Konfrontation. Mit mir, immer wieder mit mir. Tränen fließen. Ringsum im Raum ja auch, bei so vielen.

Begegnung mit meinen Eitelkeiten, von denen ich nie laut sagen oder auch nur denken würde, dass ich sie habe.

Schmerzerleben. In Starre nur schwer auszuhalten. In Bewegung, auch in vorgestellter, wird es leichter.

Ein Labyrinth. Alles ist wie ein Labyrinth.

Erleichterung, ein Schweben fast,  dass hier keine Interaktion von mir gefordert ist, keine Kommunikation, nicht einmal mit den Augen.

Sitzen und bügeln. Genauer gesagt: mangeln. Ich mangele Handtücher, stundenlang. ("mangeln" - eine Tätigkeit, die mir vorher noch nie begegnet war). Die Fragen nach Sinn und Dauer und meinem gebeugten Rücken werden mit jeder Falte, welche sich in die warme Enge schiebt, kleiner. Am Ende sind es meine Hände, die mich führen. Durch die immergleiche Bewegung, durch den Kreis, den ich mit einem jeden Tuch, mit einer jeden Falte durchlaufe, wird - ja, was? - wird es fragenlos. Fraglos.

Die Kraft eines Wortes. Da tagelang so wenige Worte gesprochen werden, darf sich jedes einzelne entfalten. Darf seinen Nachhall tönen lassen, darf in seine volle Wirklichkeit kommen. Es ist fast nicht zu glauben.

Sitzen. Sitzen und atmen. Mit dem Körper sein. Ein Kreuz spüren - auf den Fußsohlen, und in mir, die Horizontale, die Vertikale.
Die Stille hinter der Stille. Lauschen.
Und tanzen. Ein Kreuz tanzen, ins Paradies tanzen. Lachen.
Die Stille als Keim lebendigsten Lebenstanzes. Auch das erfahre ich.
Es ist wirklich fast nicht zu glauben.


Und dann: Aufbruch.

In der letzten Stunde unseres Aufenthalts sprechen wir wieder.
Eine Email-Adresse bringe ich mit. Weil sich unsere Geschichten so gleichen. Wir hatten uns im Schweigen gefunden. Aber vielleicht gleichen sich ja ohnehin alle Geschichten. So dass man einen jeden finden könnte, öffnete man sich vollkommen.

Im Auto bebt der Boden. Ja, der Boden. Es ist natürlich der Autositz, das fahrende Auto, aber für mich in dem Moment mein Boden. Nie sonst habe ich das gespürt. Nie sonst wohl war mein Körper so in der Langsamkeit und Ruhe angekommen, im Ertasten kleinster Schwebungen, dass die normalen, die ja alltäglichen Erschütterungen zu wahren Erdbeben werden. Alles schwankt. Ich halte das Autofahren fast nicht aus. Muss mehrmals unterwegs auf einen Parkplatz fahren, aussteigen, mich ins Gras setzen oder stellen.

Zu Hause eine Flut von Worten. Viele, laute, wilde, nichtssagende, auch ungute und grobe, all das. (Und welche davon habe ich selbst hervorgebracht? Man bringt ja nicht nur mit dem Mund hervor, man löst ja auch vieles aus mit seinem Tun und Sein. - Also oder sowieso: annehmen, all diese Worte, mich versöhnen. Es ist ja doch mein Leben, all das.)

Zwei Kissen bringe ich mit. Und die Sehnsucht nach Stillsein im Alltag. Ich werde üben. Mir - bzw. ihr, der Stille - Zeit und Zeiten einräumen. Das zweite Kissen ist - dachte ich - um mein Kind mit hineinnehmen zu können. Das eine, und auch das andere. Wenn es denn will. Das eine will. Das eine setzt sich mit mir hin, unendlich ruhig, und ausdauernd, und versonnen, und tiefspürend, und atmend, und liebend, und strahlend. Wir haben mehr Zuversicht miteinander gefunden als in all den Wochen zuvor.

Danke.


Donnerstag, 20. Juni 2013

verlangsamen

Für ein paar Tage werde ich mich ins Schweigen zurückziehen. Hierher nämlich (klick).
Fast schon wollte ich nicht fahren. Denn ich vermute ja, dass sich meine Ängste, Verwirrungen, Zweifel, all dieses Gedankenkarussell, die Aufs und Abs der Gefühlsachterbahn ohnehin nicht zur Ruhe bringen lassen werden, auch nicht durch die Stille solch eines äußeren Raums. Dann werde ich da sitzen, und es kreiselt weiter und weiter ...
Darf ich auf ein wenig Verlangsamung hoffen? Oder ist das schon zu viel gewollt? Sollte ich am besten überhaupt gar nichts erwarten?

Mittwoch, 19. Juni 2013

vorangehen

Jemand (eine Jemandin, der ich sehr danke!) hat mir dieses hier (klick) gezeigt. Zur rechten Zeit, dieser ach so passende Text, der mir mehr Augen öffnete, mehr Hoffnung schenkte in unserer Situation als ich irgendwo anders finden konnte.

Nein, nicht genau das ist uns passiert. Lang nicht so extrem, und nicht über eine so lange Zeit. Eine andere "Variante" - harmloser vielleicht (und das ist immer noch schlimm), und in Kombination mit etwas, bei dem ich (noch) kein Outing wage, weiter kryptisch bleibe.

Die Tochter wächst an ihrem Weg. Tag für Tag ein Stück. Ich habe beim Lesen dieses Textes so viele gute Ideen bekommen, die meinem dringlichen Bedürfnis, sie für ihren gegenwärtigen Alltag zu stärken, konkrete Formen anbieten, die meiner Hilflosigkeit die Nahrung entziehen. Auch wenn es wieder Momente gibt und geben wird, da mich Zweifel und Unfähigkeitsgefühle überfallen. (Das ist ja nun eines meiner Lebensthemen. Aber es sollte eben keines der Tochter werden ...)

Es ist leichter geworden, weil eine Entscheidung gefallen ist. Falls nicht noch ein Paukenschlag kommt, oder ein ganzer Baum quer auf unseren Weg stürzt, wird es Weg B werden.
Es tut gut, keinen riesigen Entscheidungsberg mehr vor sich zu haben. Nur noch kleine Berglein. Vor allem die tägliche Frage, inwieweit ich dem Kind seinen Weg nun abpolstern kann und sollte. Auf Watte kann man nicht laufen lernen. Aber sich an schroffen Stolperstellen ständig blutige Knie und Hände zu holen, das ist nicht lange auszuhalten.
Wie viel Vertrauen muss ich ihr schenken?
Wie viel kann ich ihr zumuten?
Wie viel eingreifende Hilfe braucht sie, wie viel Geländer, wie viel Schonung, wie viel Schutzraum?

Wir balancieren weiter.
Und das geht besser, wenn man sich nicht ängstlich an sich selbst oder an den anderen klammert, sondern wenn man die Arme weit ausbreitet, wie Schwingen, wie Flügel ...

Freitag, 7. Juni 2013

Mein Kind,

nun sind wir mitten in der Entscheidung - Weg A oder Weg B - und es ist so alles andere als leicht. Für Dich nicht, für mich nicht, und wir haben beide nun auch schon ausreichend Tränen geweint.
Zuerst Du: Weg A hat Dir wehgetan, mehr und mehr, und Du hast es lange nicht gezeigt, hast es mit Dir selbst abgemacht, hast groß sein wollen, hast tapfer sein wollen, hast nichts erzählt. Bis es aus Dir herausbrach. Ich weinte mit. Und wusste sofort: jetzt sind die Karten neu gemischt, jetzt dürfen wir die Entscheidung nicht länger vor uns herschieben. Ja, wir hatten uns eine ganze Weile davor gedrückt. Wenn der Tränensee überläuft, kann man sich nicht mehr drücken.
Nun probieren wir also Weg B. Ob es noch "probieren" ist, oder letztlich schon endgültig? Ich weiß es nicht. Du weinst wieder. Hast anfangs wieder versucht es zu verstecken, hast gesagt "es ist gut", und doch haben Deine Augen nicht mitgelacht. Hast wieder gedacht, Du müsstest groß sein, und tapfer, und wie man das eben so nennt, wenn ein kleiner Mensch seine Gefühle herunterschluckt. Nein, diesmal war ich wacher. Habe so lange gebohrt, bis Du losgeweint hast. Damit Du Dich nicht wieder an Deiner Traurigkeit verschluckst. Und an Deiner Trauer über einen Abschied, dessen Tiefe mir vorher nicht bewusst war. So viel Liebe in Dir, so viel Schmerz jetzt - ich ahnte nicht, wie stark es in Dir fühlt.
Ich habe wieder mitgeweint. Habe Dich ermutigt, alle Deine Tränen fließen zu lassen, habe mit Dir über Deine Trauer gesprochen, und ob Du nicht Bilder malen könntest, und einen Brief schreiben. Ich kann mir vorstellen, dass Du das tun wirst. Zu sehr wühlt es in Dir. Immer wieder in diesen Tagen weine ich mit. Und wenn Du zwischen allen Gefühlen hin und her wankst und schwankst, wenn Du von einer Ecke Deines Inneren in die andere geworfen wirst, dann wirft es mich mit, dann reißt es mich mit Dir in Höhen und Tiefen, und wie. Dabei weiß ich nicht, ob das gut ist für Dich. Oder ob es Dir mehr helfen würde, wenn ich Zuversicht ausstrahlte? Dir Mut machte? Mit Dir zusammen ein hoffnungsvolles Zukunftsbild malte? Statt mitzuweinen und mitzuwanken und mitzuschwanken.
Ich weiß es nicht. Mein eigener kleiner Mut sackt zwischendurch ja immer wieder zusammen, meine Zuversicht blinkt längst nicht mehr so hell wie noch vor einiger Zeit, und ich weiß selbst nicht, ob es der richtige Weg ist, dieser Weg B. Vielleicht haben wir uns um Weg A nur nicht genug bemüht? Vielleicht hätten wir erstmal daran arbeiten müssen, wir zusammen mit Dir? Ich weiß es nicht.
Manchmal aber in diesen Tagen, manchmal war da auch ein Lichtschimmer. Du hast Neues entdeckt, hast dabei gestrahlt. Bist Riesenschritte gegangen, bist über Dich hinausgewachsen, und das Wachsen hat kein Ende. Bewältigst gerade - in diesen Minuten, da ich dies hier schreibe - eine weitere Hürde, deren Höhe Dir und mir noch gar nicht bewusst ist. Ich bin gespannt, wie ich Dich nachher in die Arme nehmen darf - und habe Angst davor. Wirst Du wieder so traurig schauen? Oder mir fröhlich hüpfend entgegenkommen?
Ich spüre, Du bist genauso zerrissen wie ich. Vielleicht sollten wir uns an unseren Fluss setzen, die Beine im Wasser baumeln lassen, und einfach nur da sitzen. Vielleicht würde mit dem Fluss auch Zuversicht zu uns fließen. Und die Kraft, unseren Blick nicht auf die Schmerzen und das Schwere zu richten, welches die Wege mit sich bringen, sondern auf die Räume, die sich öffnen, ganz gleich auf welchem der beiden Wege. Vielleicht müssen wir also eine andere Blickrichtung finden. Vielleicht kannst Du das sogar schon besser als ich. Schließlich hast Du gestern diesen Satz gesprochen, der so voller Stolz und Festigkeit und Gewissheit und Strahlen war, dass ich nur staunen konnte. Vielleicht bist Du jetzt meine Lehrerin, und ich muss nur schauen, wohin Du Deine Schritte setzt. Ob auf Weg A oder auf Weg B - vielleicht weißt Du tief im Innern schon, wohin es Dich führen wird. Vielleicht ist das Entscheiden gar kein Tun, das von uns gefordert ist, sondern ein Lauschen. Vielleicht bist Du die bessere Zuhörerin?
Ich liebe Dich, mein Kind.

Mittwoch, 5. Juni 2013

unterwegs - Tag 1

Ein paar Erzählfotos von meinen Tagen an friedlichen Flüssen.
(Ein eigenartiges Gefühl, meine Fotos anzuschauen. Darüber legen sich die Nachrichtenbilder dieser Tage - obwohl es ja nicht die gleichen Flüsse sind - und mein erschrecktes Staunen und demütige Dankbarkeit und gute Gedanken in Richtung der Menschen an den gerade tobenden Flussgewalten ...)


Hier also fing mein Unterwegs an.




Und nach Verlassen der Anreisestadt dann hier.






Die ersten 50 km gingen am Kanal (das ist das Wasser in der Mitte) entlang, der - man sieht es hier schlecht - ein gutes Stück höher liegt als die umliegenden Seen. (Jedenfalls vor zwei Wochen war dies so.)



Hier etwas besser zu sehen: Kanal fließt über Flüsschen. Wasser hoch über Wasser - sehr ungewohnt.




Merke: Wenn im Radreiseführer von einem "Treidelpfad" die Rede ist, dann ist darunter ein ca. 10 cm breiter Sandstreifen, verträumt zwischen mannshohen Gräsern liegend, zu verstehen. Hier auf dem Bild war er direkt noch harmlos breit und die Gräser harmlos niedrig. Später, an den wirklichen Engstellen, war wegen Spur- und Balancehaltens für Fotos keine Zeit mehr. Jedenfalls sah das Fahrrad nach der Passage aus, als hätte man ihm ein Strohröckchen angezogen. Die letzten Grashalme finde ich heute noch in der Schaltung ...




Später dann Wege mit mehr Weite. Fast den ganzen Tag lang in himmlischer Abgeschiedenheit. Sehr still, sehr ruhig, sehr einsam. Sehr gut.






Auffallend viele Linkskurven, sehe ich gerade. Ich bin doch aber nicht im Kreis gefahren ?!? - Auf Abgeschiedenheit sollte man sich im Übrigen nicht verlassen. Nachdem ich stundenlang keinem einzigen Radler begegnet war, erschien der erste (und für Stunden letzte) just in dem Moment, als ich am Wegesrand völlig unverhüllt das tat, was man eben von Zeit zu Zeit tun muss. Äm ja, so war das. Höflicherweise schaute der gute Mann sich sehr beflissen den Kanal an, während er vorbeifuhr :))



Hieran führte mich der Tag vorbei ...










... und von Zeit zu Zeit auch an Nichtidyllischem.




Hier, das war kurz nach einem Hagelschauer. Körner und Gesicht waren schon wieder aufgetaut, das Gewitter weitergezogen, die Sonne schien. Dachte ich. Bis ich losfuhr --- und das Gewitter einholte. Also wartete --- weiterfuhr --- es wieder einholte. Wieder wartete --- es wieder einholte. Eine Lehrstunde: Geschwindigkeit führt geradewegs in den Sturm, Langsamkeit lässt Sonne und Wärme bei mir.




Kein Straßencafé in diesem Ort, und auch nicht im nächsten - das erlebten wir letzten Sommer auf der französischen Rheinseite schon ebenso - damals suchten wir sogar noch alle Nebenstraßen ab, jetzt fuhr ich schnell weiter.




Aber auch keine Bänke in Kanalnähe. (Klar, wenn hier nur 10 bis 20 Radler im Jahr vorbeikommen, lohnt sich das natürlich nicht.) Also ein Mittagspicknick an der Schleuse. Das heißt, an einer Schleuse. Der zweiten von sechsundzwanzig nämlich.




So groß mein wohliges, vertrautes Gefühl bei den ersten noch war - bin ich doch in Schleusennähe großgeworden - so sehr gewöhnte ich mich im Laufe des Tages an den Anblick. (Gewöhnung beraubt mich? Ja, ist das so?)
Hier also die 23., mit Schleusenwärterhäuschen (denke ich mir - und weiß doch nicht genau, wozu diese immer gleichen Häuschen wirklich dienten. Wenn es hier also je einen Schleusenwärter gab, dann ist dieser längst durch eine automatisierte Bedienung ersetzt.)






Wegweisung ...




... nach Sarreguemines ...




... und Wechsel auf die andere Flussseite.
Ja, inzwischen war es  kein Kanal mehr, sondern die Saar, an der ich entlangfuhr.
Wie oft ich in den fünf Tagen die Seite gewechselt habe, wie viele Brücken also überquert, das kann ich nicht mehr zählen.





Übernachtung zu Füßen dieses Turmes und unter diesem Himmel.




***

Wie staune ich, so viele finstere Wolken auf den Bildern zu finden. In meiner Erinnerung ist der erste Tag durchgängig hell. So ist das mit der Erinnerung.
Wie staune ich auch, dass Ihr aus meinem letzten Eintrag dieses Atemlose herausgelesen habt. Ich hatte es mir selbst nicht bewusst gemacht, oder nicht eingestanden, oder nicht benennen wollen - wer weiß. Ja. Vielleicht habe ich auf dieser Reise mein Leben der letzten drei Jahre durchfahren. Mein atemloses Leben, welches mich in einem (über)fordernden Tempo in unzählige Zerrissenheitssituationen geworfen hat, so dass der Horizont der Ruhe immer häufiger aus meinem Blickfeld verschwunden war.

Jetzt, in diesen Tagen, scheint mir, taucht er allmählich wieder auf.
Ich bin einen ganzen Vormittag lang allein zu Hause, ohne Kinder, ohne Schule - und bin.
Ich räume abends, nach Intensivkinderstunden - so viele Baustellen, so viel Wirbel im Moment in diesen beiden jungen Leben - das Haus auf, und die Wäsche, und die Küche, und sinne dabei nach über dies und das - und bin.
Ich lausche in mein Bauchweh hinein, welches die eine heftige Kindesbaustelle in mir bereitet, und träume davon - gut und ungut - und spreche darüber - laut und leise - und wende es nach allen Seiten, und bewege es in mir, um mich ihm nicht auszuliefern, sondern zu öffnen, und spüre dabei, wie ich ruhiger und zuversichtlicher werde, für den Moment jedenfalls - und bin.
Ich setze mich in die Sonne, mit Kaffee in der Hand, und Vogel-Eltern-Kinder-Gesprächen über mir, und Wolkenschattenspielen auf mir, und Sonnenlächeln außen wie innen - und bin.
Sein.
Einfach so.
(Das unwillkürlich hervorpreschende PS, dass das "Einfach so" so einfach eben doch nicht und nie ist, denke und schreibe ich für heute ganz klein.)

Sonntag, 2. Juni 2013

unterwegs

Nun bin ich wieder da.
An der Saar und an der Mosel war ich unterwegs, allein, mit meinem Fahrrad, mit meinen Kräften, meinem Schwachsein, meinem Willen, meinem Trotz, meinem Michfügen, meiner Sturheit, meinem Wachsein, meiner Blindheit ... und wer sonst noch alles mitfährt auf solchen Wegen, die man stets erst suchen, und manchmal auch verlieren muss, um sie allmählich zu finden.
Ein Spiegel, ein wirklicher Spiegel.
Warum ich so viele Kilometer fuhr - zwei ganze Flüsse entlang in fünf Tagen - und oft so schnell, so tempoversessen unterwegs war und so selten in die Ruhe fand, obwohl ich doch immer wieder in Landschaften und Räume eintauchte, in denen ein starker Verweilenswunsch nach einem Halt rief, und dem ich doch nicht nachgab - das verstehe ich selbst nicht ganz. Ich ahne nur.
Warum ich immer wieder Ausruhbänke und Cafes und Einkehrmöglichkeiten liegen ließ, obwohl ich doch eigentlich dringend eine Pause ersehnte, und warum ich manchmal fast bis zum körperlichen Kollaps (gefühlt jedenfalls) weiterfuhr - das erschließt sich mir nicht. Ich ahne nur.
Warum ich die Einsamkeit suchte, aus Städten floh, und aus Begegnungen, und daher auch den Regentag sehr genoss, an dem ich die Wege mit kaum jemandem teilen musste außer mit dem beharrlichen Nass von oben (ansonsten nämlich: das ist eine Radfahrerautobahn dort - wer in der Stille radeln will, sollte nicht die Mosel wählen), und mich doch am Wegesrand und in den Unterkünften in den Gesprächen mit anderen Radfahrern festsaugte - ich glaube, die waren teilweise schon leicht genervt - das weiß ich nicht. Ich ahne nur.
Warum der Moment, als mir beim Fahren der Hagel ins Gesicht schlug, schmerzvoll, und doch keine Unterstellmöglichkeit weit und breit sich bot, so dass ich mich nur mit geschütztem Gesicht unter einen Busch kauern konnte - warum ausgerechnet dieses Erleben einer der eindrücklichsten Momente der Fahrt war - das erfasse ich nicht in seiner ganzen Tiefe. Ich ahne nur.
So viel bringe ich mit.

So schnell aber strömt hier alles wieder auf mich ein.
Ein Schulstart, der nach den Pfingstferien immer besonders schwierig zu gestalten ist. Dabei ein aus allen Nähten platzender Terminkalender. Der Sohn ist schon fast im Abflug zu einer Orchesterreise, und muss drumherum etliche Klassenarbeiten vorbereiten (und plötzlich ist sein Zensurenehrgeiz erwacht:) - ich schmunzele und freu mich an seiner Selbstständigkeit). Der Tochter stehen allerwichtigste Schritte bevor, die mit viel Wachheit zu begleiten sind (uiuiui, ich hatte das die Ferien über verdrängt - und jetzt schlottern mir wieder die Knie, innerlich) - und dazu erste Orchesterauftritte, mit einem größeren Cello, welches langerwartet in den nächsten Tagen hier einziehen wird, und ein nachzufeiernder Kindergeburtstag, der noch nicht mal richtig in Planung, aber von ihr schon heiß herbeigesehnt ist.
Und ich soll Bruckner singen, und mag die Messe nicht. Noch nicht? Weil ich mich bisher nicht mit allen Fasern ins Ungewohnte hineinzubegeben bereit war? Ich fühle mich fremd in dieser Musik. Noch vier Proben bis zum Konzert

Wäre ich hier so schnell unterwegs wie in jenen Radreisetagen, säße ich heute morgen nicht voller Schreck vor diesem Riesenberg Schuldinge, der bis morgen bearbeitet sein will. Wäre ich auch hierbei so schnell wie mit dem Fahrrad, hätte ich diese schon in den vergangenen drei Tagen - so lange bin ich wieder hier  - erledigt. Wäre ich auch beim Arbeiten schnell gewesen, würde ich heute die Sonne, die vor dem Fenster scheint (ja!), auf einem Morgenspaziergang besuchen. Und auf einem Mittagsspaziergang. Und auf einem Abendspaziergang.
Aber ich bin mit meinem Arbeitsberg nicht schnell gewesen. Mal wieder habe ich den vor mir hergeschoben. Naja. Ich kenn mich ja nicht anders ...

(Wie schon so oft wage ich zu erwähnen, dass es viele Fotos gibt und ich ja später, wenn dann Zeit sein wird, ich von diesen hier welche zeigen könnte und so ... Vielleicht wird das ja diesmal klappen. Vielleicht aber wird es auch wieder untergehen im Terminkalender-Arbeitsberg. Mal schauen.)

Mittwoch, 8. Mai 2013

gespürt


ein Staunen, wie aus einem nebeltrüben Morgen ein solch lichtvoller Tag geboren werden kann

die Geborgenheit meiner Studentenstadt, von deren Gassen ich mich heute mit offenen Armen empfangen fühle

eine stille Freude, dass ich wehmutfrei zurückzublicken vermag, und dass ich dabei durch neu- und weitgeöffnete Augen schaue

und eine etwas lautere Freude, dass sich Menschen, die ich eine Zeitlang begleiten durfte, auf gute Wege begeben haben

die Dankbarkeit - immer wieder - mit wie vielen wunderbaren Menschen ich zusammenarbeite: wie viel Geschenk darin liegt

der - ja, ich wage es kaum zu sagen, aber doch: Stolz - ja: Stolz, es geschafft zu haben, mir nicht die Verantwortung aufzuladen, die meine nicht ist - zweimal gleich wurde mir dies heute bewusst

den frühlingsgrünen Wind im Gesicht - als ich nämlich auf der Rückfahrt den Zug verpasst hatte (ich glaube, ich habe ihn ein bisschen mit Absicht verpasst:)) und mein Rad mich über lange Fluss- und Feldwege nach Hause brachte

die Nachricht, die tief trifft, und noch eine, die mich glucksend lachen macht - beides, beides nebeneinander, ineinander, beides als Eines - vielleicht - so gehört es zusammen

den Frieden eines Abends, an dem die Kinder zwar das Konträrste von mir wollen und pausenlos streiten (sie streiten irgendwie immer!), aber doch letztlich jeder seinen Ort findet, und ich rückenkraulend-vorlesend-nochschnelleinschulproblembesprechend-diesachenfürdasmorgenbeginnendemathecamppackend den Tag ausatmen darf

die Stille im Haus - jetzt

die Stille im Haus - jetzt immer noch

die Stille.

Manchmal weiß ich gar nicht, wie ich danken soll.

Sonntag, 5. Mai 2013

neusuchend

Etwas scheu noch streife ich um meine neugewonnenen Stunden, beäuge sie von allen Seiten, wage mich kaum zu nähern, geschweige denn hineinzubegeben. Immer noch wie getrieben, im Nachhall der vergangenen Hochleistungsmonate, deckele ich jede freie Minute zu - bediene mich aus der langen Liste von Liegengebliebenem (obwohl nichts davon mehr drängend und dringend ist), verkrieche mich in mein Bett (obwohl ich schon lange ausgeschlafene Nächte hinter mir habe), lese schnell einen Roman (obwohl ich mich ihm nicht nahe fühle), flüchte mich in dies und das. Obwohl - ja was: obwohl? - obwohl ich jetzt zu mir zurückkehren könnte?

Wo ist das überhaupt - zu mir, bei mir???
Und wo war ich in all den Monaten - wenn nicht bei mir???
Fremd und nicht durchsichtig fühlt es sich rückblickend an - matt und betäubt und blind und duftlos und gefangen und nichtentfaltet ...
Jedes dieser Worte über mein Ich der letzten Zeit brauchte jetzt ein paar Minuten, sich hier auf's Papier zu setzen. Keines davon kann ich wieder löschen, will ich nicht ein Bild zeichnen, mit dem ich mich selbst täusche.

Etwas scheu noch schreibe ich das hier nieder, beäuge diesen altvertrauten Schreibraum, wage mich kaum zu nähern, geschweige denn hineinzubegeben. Zwischen einer Zeile und der nächsten vergehen luftstarrende Minuten. Tapse wie durch zähen Schlamm. Ich bin noch nicht wieder hier.
Andererseits - war ich weg? Wo? In einer Kapsel?

Aus dem Stummschweigen heraus suche ich nach Worten. Neugewonnene und altvertraute Stimmhaftigkeit, als augenöffnende Begleiterin - wenn ich mir etwas wünschen dürfte. Vorerst suche ich noch. Suche mit Zuversicht zwar, mit lichtfunkelnder Ahnung, doch ich werde Geduld brauchen. Viel Geduld.

Mittwoch, 10. April 2013

Stenogramm

Natürlich bin ich längst wieder hier - ist ja auch längst wieder Schule - und nur wie immer nach den Ferien von der Tatsache überrumpelt, dass das Schul- und Alltagsgeschäft unvermittelt die unverminderte Vorferiengeschwindigkeit aufgenommen hat, ohne sich darum zu scheren, dass ich doch eigentlich noch ein wenig Zeit zum Tempoaufnehmen bräuchte und doch noch gern ein wenig meine Ferienbücher zu Ende lesen und mein Ferienschlafpensum beibehalten und meine Ferienkinderkuschel-und-vielzeithabgelassenheit weiterleben lassen würde, und mich statt einer gemütlichen würde-und-bräuchte-Traumzeit in eine Aufgabenschlange wirft, die mich durch Fortbildungen, Kindertermine, Unterrichtsprüfungen, Wäscheberge, Dienstmailfluten, Unterbettflusen (ok, siebtrangig, bleiben liegen), Kolloquien, Mathematikwettbewerbe und  solcherlei Dinge geradlinig - oder heute auch leicht kopfschmerzschlingernd - in den morgigen Tag führt, an dem ich zum fünften Mal im Leben morgens um halb sieben einen dicken Umschlag aus dem Schultresor holen werde, Abituraufgaben enthaltend, zum Durchrechnen, Diskutieren und Auswählen, damit wir dann die präferierte Variante den Schülern auf ihre Plätze legen, zusammen mit einem Glücksschokoladenmarienkäfer, lange bevor diese gegen acht mit schlotternden Knien erscheinen (also die Schüler, nicht die Käfer), um ein paar Stunden später einen Stapel gelber Mappen mit hunderten von Blättern gefüllt zu haben, den ich also zum fünften Mal im Leben nach Hause tragen  und Blatt für Blatt, Stunde für Stunde abarbeiten werde - Abgabetermin 24. April 12 Uhr - und nebenher hoffentlich nicht vergesse, immer mal wieder zu meinen Unterrichtsprüfungen zu fahren, und zwischendurch in die Schule zum ganz normalen Unterricht (was war das doch noch gleich?), und dabei nicht aus dem Auge verlieren darf, dass da - beginnen die nicht am 26. April? - noch mehr als ein Dutzend mündlicher Prüfungen auf mich warten, also ich zwar auf der anderen Seite des Tisches, aber in dieser Rolle zum allerersten Mal und damit nicht weniger aufgeregt, was die Prüflinge natürlich nicht glauben und ich mich nach Kräften per Mail und Telefon in diesen Tagen auch noch um seelentröstliche und -streichelnde Zugewandtheit, soweit es eben im Rahmen der Prüferrolle möglich ist, bemühe, und nebenher aber schonmal mehr als ein Dutzend Fragenkataloge entwerfe, denn wie soll es denn eine gescheite Prüfung werden, wenn ich nichtmal gescheit zu fragen verstehe, frage ich mich, dies also auch noch, zu den gelben Mappen dazu, und wenn ich meinen Kalender nicht tagtäglich-minütlich konsultieren würde und Out.look-Erinnerungsklingelzeichen mich nicht zum rechten Termin schicken würden, dann hätte mich dieser Strudel wohl schon längst in die Tiefen von Vergessen und Verwirrung gezogen (mein Alptraum: ich fahre zu einer Unterrichtsprüfung und stehe plötzlich in der falschen Schule - ist einem Kollegen von mir passiert, uiuiui, da kann ich froh sein, bisher nur Vornamen von Kollegen und Nachnamen von Mailadressaten zu verwechseln, und gelegentlich einen Zettel zu verbummeln), es geht also rund hier im Hause und am Schreibtisch Rebis, was alles in allem ein wenig schade ist, hätte ich doch gern - trotz der eisigen Optik - hier und da noch ein paar der Ferienfotos geschaut und gezeigt und mich innerlich zurückfallen lassen in meine Spazierrunden rund um zugefrorene Mecklenburger Seen, die mich aber bei aller Außenkälte doch in warmes Fließen zu bringen vermochten, und in eine Melancholie, die sich mir nicht ganz öffnete und vermutlich noch so manches Unentdeckte verborgen hält, was aber nur schon wieder so weit weg erscheint und nicht jetzt weiter vertieft werden kann, weil ja eben das mit dem Umschlag morgen und den gelben Mappen und so, weil das alles sich schon wieder so in den Vordergrund gedrängt hat, dass mich nicht wundert, wenn heute mein Kopf kopfschmerzhämmernd anzeigt, wie er es nicht will ...


PS: Wen das Lesen dieses Satzes (ja, es war nur einer) ein wenig aus der Puste gebracht hat - geschrieben war das leicht. Denn so fühlen sich meine Tage derzeit an: ohne Punkt und Komma immer weiter immer weiter.

Apropos Punkt: Punkt für heute.
Bett.

Samstag, 30. März 2013

Postskriptum

Es trägt weiter, dieses Erleben. Es bleibt in mir, es wird weiterschwingen.
Doch wie konkret, wie umgehend ich es spüre: das überrascht mich doch.
Das Konzertwochenende war doch nur mein Ferienauftakt - der erste Tag von vielen.
Doch nun - schon mitten in der freien Zeit - will mir scheinen, als lebte ich all meine Ferientage als ein einziges Postskriptum zu diesem Erleben.

Schon der Nachkonzerttag. Wie oft war mir der von Traurigkeit gefüllt, von einem Verlustschmerz durchwebt, von einem leeren "Vorbei" dominiert, welches als Fessel des Vergangenen kein Weitergehen zuließ. So oft, immer vielleicht, war es so.
Diesmal - ja, Leere spürte ich auch. Aber auf andere Weise. Leer und erfüllt in Einem. Erfüllt und befriedet. Nichts tue ich an diesem Nachkonzerttag. Ich brauche leere Stunden, um das Vollkommene nachschwingen zu lassen. Aber es dominiert kein Schmerz, auch kein diffuser, es ist nicht mal einer aufzuspüren (selbst beim Stochern nicht - und ich kann sehr intensiv in mir stochern).
Ja, es war vollkommen. Die Musik, und wir in ihr.
"Vollkommen", so habe ich mal irgendwo gehört, trage im Unterschied zu "perfekt" - "per facere - durch das Tun" - den Gedanken in sich, dass man etwas "voll kommen" lasse. Nicht es tun, sondern nur es kommen lassen. (Was heißt hier "nur"?) - Es - das ist das Ganze, das Alles. --- So war es beim Singen. Das Alles kam, floss durch mich hindurch.
Musizieren sei Meditation. Ich weiß noch, wann ich diesen Satz hörte. Wenn ich ihn bisher nicht verstanden hatte - jetzt habe ich.
So voll war mein Nochkonzerttag.

Und danach? Auch danach ist etwas anders.
Gespräche leben auf, die ich schon verloren glaubte. Meine Kinder sehe ich mit wacheren Augen als je in den Monaten zuvor. Meine Tage beginnen in Ruhe, und sie enden in Ruhe.
Nicht wie sonst habe ich eine - viel zu lange, viel zu überfordernde Ferien-to-do-Liste erstellt, die mich durch die Tage sklavt, die mich den Wecker stellen und das schlechte Gewissen einschalten lässt. Nein, es gibt keine. Überhaupt keine. Ein absolut neues Gefühl für mich, all die Ferientage mit dem zu verbringen, was der Tag gerade schenkt - und nicht mit dem, was die Liste fordert. Es waren Tage voller Wachheit, mit viel Musik im Haus, mit Büchern, die ich in mich hinein saugte, mit den Kindern vor allem, und mit intensivsten Momenten. Ich wusste gar nicht, dass ich das kann ...
Natürlich schlucke ich jetzt am Ende der freien Tage, weil viel Unerledigtes liegen geblieben ist - und ob ich nicht doch in der Woche effektiver, schneller, nutzbringender Einiges hätte abhaken sollen. Zumal es ja immer noch liegt, nicht erledigt ist, sondern dann eben später getan werden muss.
Pflichtvergessen und trödelnd könnte man mich nennen.
Und doch: Es war gut. Es war richtig. Ich war bei mir, endlich wieder. Nur das ist wichtig. Ich glaube zu verstehen, dass dies ein Schritt ist für mich, mir geschenkt am vergangenen Wochenende . Oder es war eben einfach Zeit für diesen Schritt.

Jedenfalls nehme ich ihn mit - oder wie kann ich besser sagen? (hier hinken meine sprachlichen Bilder, der späten Stunde geschuldet) - diesen Schritt also gehe ich weiter, schreite ich weiter ab, lerne ich kennen, fülle ihn mit den konkreten Tagen meiner zweiten Ferienwoche.
Morgen früh - richtiger: nachher - werden wir für eine Woche nach Berlin aufbrechen, zu meinen Eltern und zu meiner Oma.
Und zwischendurch - die Kinder werden bestens versorgt, behütet und bespaßt sein - darf ich ein paar Tage ganz allein verbringen. In einer Seenlandschaft nördlich von Berlin - in der wunderbaren Uckermark (für die Kenner der Gegend). In einer Urlaubslandschaft meiner Kindheit, am Ort einer eindrücklichen Reise vom vergangenen Sommer, vor allem aber: in und bei mir.
Offen wie eine Schale bin ich bereit zu empfangen, was die Seen-Seelenlandschaft mir schenken mag in den kommenden Tagen ...

Dienstag, 26. März 2013

Dona nobis pacem

Ich weiß gar nicht, wo ich beginnen soll.
Bei der letzten Minute des Konzerts?
Vor 13 Jahren?
Am Donnerstag?

Ja, fange ich mit dem Donnerstag an. Mit dem Brief, der offen im Lehrerzimmer aushing. Die Geschichte einer Kollegin, sie erzählt von ihren letzten Monaten, die sie zwischen Hoffen und Bangen verbrachte - bis sie vor einer Woche ihr kleines Ungeborenes gehen lassen musste. Nicht überraschend, und doch viel zu schnell. Viel zu früh sowieso. In Worten voller Liebe und Trauer erzählt sie von ihrem gerade erst beginnenden Weg des Abschieds - und wie sie, da sie nach den Osterferien wieder zu uns kommen wird, gern aufgenommen werden möchte. Was sie wünscht, was sie braucht - Offenheit und Raum für ihre Trauer. Stark, der Mut zu diesem Brief. Stark, in welcher Klarheit sie ihre Bedürfnisse benennt.

Ich lese den Brief, gehe mit Tränen in den Augen nach Hause. Zufall, dass ein paar Stunden später mein h-moll-Messen-Wochenende beginnt? Letzte Chorprobe, Hauptprobe mit Orchester, Generalprobe, Konzert, in dichter Folge. Kaum etwas anderes findet in diesen Tagen Platz.
Ich greife meine Noten, die mich erinnerungsgefüllt durch die letzten drei Monate geführt haben, und aus denen ich in jeder Probe, während ich Neues eintrug, alte Eintragungen ausradierte. Weil ich damals - bei meiner letzten h-moll-Messe - eine andere Stimme gesungen habe, weil es ein anderer Chor, ein anderer Chorleiter, eine andere Interpretation war. Und mit den Bleistifteintragungen ist mir, als lösche ich und radiere ich - oder nein: als hebe ich auf, lasse ich ins Jetzt verschmelzen, was damals war.
Damals.
Vor 13 Jahren.
Ich trug ein Kind in mir. Mein erstes. Das ältere Geschwister - Bruder oder Schwester? ich weiß es nicht - meiner beiden, die hier gerade so lebendig durchs Haus springen. Mein erstes Kind sang die h-moll-Messe mit mir, damals an Pfingsten, es pochte genau in den Stunden zwischen Generalprobe und Konzert an, zeigte sich mir, und sagte im gleichen Atemzug, dass es schon wieder bereit sei zu gehen. Ich wollte und konnte ihm nicht glauben, hielt an der Hoffnung fest ... bis es sich einige Wochen später tatsächlich auf den Weg gemacht hatte. --- Ich weiß nicht, wo es jetzt ist, mein Pfingststernchen, nun schon Teenager (wow!), ich weiß nur, dass es auf wundersame Weise den Weg für seine beiden Geschwister gebahnt hat ...

Der Rest ist Singen.
(Dass ich - zufällig - in einer der Proben neben der Frau zu sitzen komme, deren erstes Kind ich vor vielen Jahren erahnte, genau als wir das Et resurrexit aus dieser Messe bei Fernsehaufnahmen sangen, und sie von sich aus mitten in der Probe sagt "weißt du noch" - und dass ich dann auf dem Podest in der Kirche neben einer Frau mit dem Namen Mirjam singe - und dass nach dem Konzert ein junger Mitsänger, der heute eben doch nicht mitsang, ins Gasthaus kommt, wo wir alle beisammen sitzen, und uns Fotos seines wenige Stunden alten Erstgeborenen zeigt - und dass wir gerade in dem Moment ganz alte Probenfotos angeschaut hatten und der Satz gefallen war, dass dieser Cellist vergangenen Mittwoch gestorben sei, ob wir das mitbekommen hätten - das alles, dieser weite Bogen, über das Ganze gespannt, der wundert mich schon nicht mehr ...)
Alles ist Singen.
Mit jeder Probe kommen wir mehr in der Messe an, wir alle. Unglaubliche Dichte, immer noch tiefer hineinführend. Eine Aufführung am Abend, in der ich die einzelnen Noten fast vergesse, und die Scheinwerfer, und die Aufregung (welche mir so oft das völlige Hineinsinken während des Konzerts verhinderte - heute ist das anders).
Es singt durch mich. Meine Sprache ist zu blass, dieses Fließen zu beschreiben.
Ohne Worte, unsagbar.
(Später am Abend versucht unser Chorleiter doch Worte zu finden. So haben wir ihn noch nie gehört: Es seien ihm heute so viele tief bewegende Momente geschenkt worden, dass er nur demütig dankbar sein könne. Und als der letzte Ton im Verklingen war, da hätte er lange nicht gewusst, was jetzt noch sein würde, wie es jetzt weitergehen könne, wie aus dieser Musik jemals wieder herauszufinden sei. So sagt er.)

Ich könnte fast jedes Stück hier einstellen. So viel durchlebte ich in den zwei Stunden.
Eines wähle ich für hier aus, in welchem sich jubilierendster Jubel mit einem über den Rücken laufenden Schauer vermischten, als wir es sangen.




Und ein anderes. Ein besonderes.
Dona nobis pacem.
Besonders ist es nicht nur, weil damit die Messe endet. Weil es auch ein Anfang ist. (Und wieder weiß ich nicht, ob ich damit sagen kann, was ich gern sagen würde.)
Ich weiß nicht, wo ich all die Proben lang meine Augen hatte. Erst jetzt im Konzert lese ich, was ich vor vielen, vielen Jahren - nach einer Chorleiterbemerkung? - oben vor der ersten Note dazu geschrieben hatte: "Musik des Gratias. Töne tiefsten Dankes".
Ja. Bitte und Dank verwoben. Anfang und Ende ...
Wir beginnen im allerinnigsten Pianissimo (wie ich es in keiner Aufnahme finden konnte), und mit jedem Takt wird es kraftvoller, intensiver, tiefer, immer noch mehr, immer noch inniger - oder nein: es war alles von Anfang an schon da. Das Werden ist Sein.  --- Ich weiß nicht mehr, ob ich in diesen Momenten an unsere Kinder denke, an das meiner Kollegin und an meines (und nicht nur an diese beiden), oder ob sie ohne Gedankenworte in mir sind - ich weiß nur, dass mir plötzlich die Tränen übers Gesicht laufen. Ich kann die letzten Takte nur noch lautlos mitsingen.
(Noch nie - in vielleicht 200 Chorkonzerten, fünfmal diese Messe - haben Tränen mir im Konzert die Stimme genommen. Zum Glück sind wir Chor, zum Glück singen die anderen weiter. Denn für versagende Stimmen zahlen die Leute ja nicht ihre Eintrittskarte. Aber gut. Das ist von außen betrachtet. Von innen her konnte es gar nicht anders sein. Von innen her war es richtig so ...)

Die Musik ist vorbei.
Die Stille nicht.
Lange, lange, lange wartet der Beifall. Auch das - noch nie so erlebt.



Gib uns Frieden.

Danke.

(Und ein letzter Nichtzufall: Dass diese Aufnahme, die meiner Vorstellung und Erinnerung am nächsten kommt, ausgerechnet aus der Leipziger Thomaskirche stammt. Ein Ort, mit dem ich mich gerade in diesen Tagen sehr verbunden fühle ...)


Montag, 11. März 2013

Haus voller Musik


Was hier heute alles so ertönte.
(Mich hat jemand gefragt, und bevor ich lang erkläre, gibt's ja you.tube .....)

Nämlich dieses hier
und das

Vorbereitung fürs Preisträgerkonzert - beide Kinder haben die Stücke satt, formulieren sie offen. Klar, nach Monaten der Vorbereitung. Ihr Zusammenspiel habe jedenfalls ich satt. Was auf der Bühne so idyllisch daherkommt - großer Bruder begleitet kleine Schwester - stellte sich hier zu Hause als permanentes gegenseitiges Anschreien dar. "Du spielst zu schnell" und "Und Du spielst zu unsauber" und "Du kannst ja nicht mal richtig Noten lesen" und "Sowieso hast Du keine Ahnung" - die volle Palette. --- Das war für lange Zeit das letzte Geschwisterzusammenspiel bei einem Wettbewerb, schwöre ich. Sie können gern wieder zusammen antreten, wenn sie nicht mehr hier wohnen :)

Übrigens, weil alle immer fragen, wie man denn - so klein noch - schon so ein großes Instrument spielen könne. Nööö, überhaupt nicht groß. Die älteren Geigenmädchen auf dem Preisträgerkonzert fragten, ob sie das Cello mal ausprobieren dürften. Durften sie. Hier also im Bilde: Lilly (so hat die Tochter ihr Cello getauft) in ihrer ganzen Winzigkeit.


[Gerade so, dass man es nicht mehr in Geigenhaltung spielen kann, kam uns bei diesem verheißungsvollen Probespiel die Idee, bei Jugend musiziert als neue Kategorie Bonsai-Cello zu beantragen :))]

Der große Bruder also ist froh, die kleine Schwester musikalisch vorerst los zu sein. Tobt sich nun wieder in seiner Musik aus. Zwischen Ginasteras Argentinischen Tänzen und Coplands Cat and mouse (nein, diese erschließen sich mir nicht, genau genommen machen sie mich nervös, wenn sie stundenlang durchs Haus tönen, und ich mag sie hier gar nicht einstellen), entdeckt er und verliebt sich und ergießt sich gerade in dieses hier.


Seit Tagen, täglich stundenlang. Seine erste Bach-Liebe. Ich höre ergriffen zu.

Und versuche mich selbst hieran.


"Das spielst Du auch", kommentierte die Tochter bei meiner Video-Suche. "Ja, nur nicht so ..." - "schnell", wollte ich gerade sagen. Die Tochter kam mir zuvor. ".... gut. Ja, allerdings. Nicht so gut." (Der Tonfall lässt sich leider nicht wiedergeben :))
Wo sie Recht hat, hat sie Recht. Ich Anfängerin.

Und die Tochter: Neue Hausaufgabe ist zufällig (?) ein erstes Bach-Stückchen. Ganz stolz: "Ich spiele jetzt auch Bach." - ich glaube sie glaubt, man muss eben einfach Bach spielen. Soll sie das mal ruhig glauben:)  (Damit wäre sie dann Tochter ihrer Mutter ...)


Musik macht Atmen. Musik öffnet. Musik bringt Leben zurück ...
(Und ganz klein - aber innerlich ganz groß gedacht und gefühlt - füge ich jetzt hier noch an, wie dankbar ich bin, vor wenigen Tagen so intensiv, so liebevoll, so mitschwingend mit einem kleinen Anstoß beschenkt worden zu sein. Sanft an die Hand genommen: Wie reich unser Leben mit Musik durchwoben ist ...)

Samstag, 9. März 2013

dazwischen

Mit bloßen Füßen im morgentaunassen Gras,
in den Ohren, was die Vögel zu singen haben,
und die Musik der vergangenen Stunden,
ein Mensch ist auf die andere Seite gegangen,
und ein anderer wartet hier noch,

gedankenschweifend und -kreisend,
erinnerungsnebelgetaucht und -getunkt,
Stein im Magen und Kloß im Hals treten aus ihrem Versteck hervor,
wo ich lange vor ihnen die Augen verschließen konnte,
und - wollte ich - würden die Tränen fließen,

kommt mir doch tatsächlich ein Hauch Ich entgegen.
(Wo warst Du so lange???)

Und mich springt das Bild einer Kollision an. Oder wahlweise eines Spagats.
Gutachten zu schreiben, Klausurenstapel, Schülereltern warten auf Rückruf, alles zu erledigen bis vorgestern, Unterrichtsprüfungen, Schulalltagsgeschäft, Tag der Offenen Tür.
Kein Raum für Tränenmeer und traurig-schmerzendes Pochen.
Und doch ... es fühlt sich wach an.
Wach und wahr, dieser Moment.

Samstag, 9. Februar 2013

Wortregal

So etwa.


Spiegel meines Innern.
---
Schon seit Monaten warten meine Bücher darauf, vom anderen Ort hierhergetragen und hineingestellt zu werden. Um den Raum zu füllen, der ihrer ist.
---
Gibt es einen solchen anderen Ort auch für meine Worte (und mein Erleben und Empfinden und Denken mit ihnen)? Einen Ort also, wo sich diese verborgen halten, und von dem ich sie nur hierhertragen müsste, in meine Leere hinein?
Wohl nicht.
---
Mit den Büchern ist das leichter.
(Und selbst das schaffst du ja nicht, flüstert der Troll auf meiner Schulter.) 

Hierhertragen? Neues einpflanzen? Mich aus anderen Regalen bedienen? Wahllos etwas hineinstellen?
Nein.
Nichts von alledem.
Selbst wenn von außen ein Wort, ein Gedanke, ein Brief hineinflattert, wächst an jener Stelle meines inneren Regals nicht wie sonst ein bunter Strauß.
Sondern: nichts. Einfach: nichts.
So ist das im Moment.

Der Leere mit Geduld begegnen.

Vielleicht darf ich nicht alles auf einmal wollen. Vielleicht ist es überfordernd, so viele Fächer füllen zu wollen.



Vielleicht sollte ich mich nur einem einzigen widmen. Vielleicht wird es dann hier wieder keimen.



Oder hier.



Oder an gänzlich unerwarteter Stelle.

Vielleicht ist auch das Regalbild gar nicht passend fürs Innere. Vielleicht ist dort beständiges verwirrtes Treiben – wenn dort etwas ist – und nicht in Fächern, Reihen, Stapeln anzuordnen. Vielleicht darf ich keine Ordnung suchen. Vielleicht darf ich überhaupt gar nicht suchen. Nicht suchen und nicht versuchen. Vielleicht, vielleicht, vielleicht.

Ich nehme diese Vielleichts und dieses Bild vom inneren Regal – so unpassend es auch sein mag (aber jetzt bleibt es hier, sonst steht hier noch länger das Schweigen im Raum) – mit in die Berge.
Jetzt, nachher.

(Und meine Sehnsucht, mich an eine große Mutter zu lehnen und einfach nur die Tränen laufen zu lassen, die nehme ich auch mit …)

Samstag, 19. Januar 2013

Schreibmüdigkeit

Zu dicht, all diese Lebensdinge hier. Zu wenig bleibt am Abend, um noch Worte zu setzen.

Manchmal denke ich ja, ich mache das selbst. Unbewusst irgendwie. Sobald in mir ein Kapazitätseckchen droht freizuwerden , springt sofort ein raumgreifendes Etwas herbei, die leere Stelle wieder zu besetzen. Als stünden die Lebensdinge in mir Schlange, zinnsoldatengleich aufgereiht, immerbereit, nur auf ein leeres Zeit- oder Kraftplätzchen lauernd - und schon ist wieder eines da. Nur kein Räumchen frei lassen. Was allein in dieser Woche alles zu mir kam. Oder eben aus mir kam. Das weiß ich noch nicht so genau ... sind das äußere (wie es den ersten Anschein hat) oder eher innere Aufgaben?

Bin so müde. Werde mich jetzt in ein Buch zurückziehen. In eines, das mit meinem Leben so gar nicht viel gemein hat. Die Dichtigkeit ein Weilchen vor der Tür zu lassen. Meinem Atem zu lauschen, wie er sich beruhigt. Mich in das letzte Flackern der Adventskerzenstümpfe hineinversenken.
(Ja, hier bei mir sparsamem Mensch werden die "aufgebraucht". Sie tragen ja noch all ihr Herbeisehnen in sich. Und Wärme genug für ein Jahr. Und für eine neue Umgebung, in der sie jetzt leuchten dürfen ...)


Mittwoch, 9. Januar 2013

Dilemma


Aufwühlendes Gedankenkreisen, die Kinder betreffend. Duplizität der Gespräche, gleich in beiden Kindesschulen. Entscheidungen schweben im Raum, nicht akut, und doch drängend.
Aufsaugen von Erfahrungsberichten, Einholen von Rat aller Seiten, mal scheint der eine Aspekt schwerer zu wiegen, mal der andere. Für-Wider-Listen: In welchem Falle ist die Kröte am kleinsten, die wir schlucken müssen. Nein: die die Kinder zu schlucken haben. Ohne Kröte wird es nicht gehen.
Außenstehende denken: Luxusproblematik. - Ich manchmal auch.
Außenstehende denken auch: Alles eine Frage des Willens. - Das denke ich nicht (mehr). Offenen Auges sehe ich an jeder Ecke Kinder, die sich daran verschluckt haben. Denen die Kröte quer im Hals steckt ...
*
Dabei sollte ich bis morgen die tollen Fehleranalysen meiner 6er durchsehen. Meine eigenen Kinder schieben sich unentwegt vor meine Schülerkinder.
Vernunft an Kopf: jetzt = Arbeitszeit! Der Schreibtisch liegt voll!
Und schon sind die Gedanken wieder weggetreidelt ...

Ich Muttertier.

Montag, 7. Januar 2013

Ferienletzttag

Als wäre nicht der letzte Ferientag, habe ich mich heute Morgen in aller Seelenruhe mit einem Buch hingesetzt, beim Schein einer Weihnachtskerze (immer noch, vielleicht für dies Jahr letztmals angezündet). Habe darüber die Berge vergessen, die für morgen vorzubereiten sind.



Mittags, als ich mich erstmals guten Vorsatzes ins Arbeitszimmer zurückzog, schrieb ich letztlich doch lieber Mails.
Nachmittags: Origami-Pinguine gefaltet mit der Tochter, Gobang gespielt mit dem Sohn. Ausdauernd, beides.
Abends: Klavier, mit und ohne Tochter.

Und dann erst nahm ich die Beine in die Hand. Also: Stift und Tasten natürlich, Ihr versteht schon. Ich war schnell, sehr schnell, bis eben. Und nun bleibt trotzdem noch ein Arbeitsblatt abzutippen. Es wird also mal wieder nach Eins. Fängt ja gut an, das neue Jahr. (Mehr zu schlafen habe ich mir diesmal gar nicht erst vorgenommen.)

Aber hej: Ich  habe heute Morgen in aller Seelenruhe gelesen ...

Samstag, 5. Januar 2013

Fragenwandlung


Die Beziehungen zu meinen nächsten Menschen konfrontieren mich mit der Frage

Was soll ich geben?



Diese Frage ist dringend anders zu formulieren:

Was kann ich geben?
(Und was kann ich eben nicht geben?)



Bei einer Lebenslehrerin habe ich gelernt, dass der Unterschied zwischen können und wollen gar nicht groß ist. Jedenfalls wenn es ein reifes Wollen ist, kein trotziges, blindes, fußstampfendes, an jeder Wirklichkeit vorbeizielendes.
Also:

Was will ich geben?
Und was will ich eben nicht geben?



Klare Frage.
Besser: Klares Fragenpaar. Teil 2 nicht mehr in Klammern gesetzt.

Und die Antwort?


(Ich ging dann nach Hause. Wo natürlich keine Antwort wartete. Nur frühstückshungrige Kinder. --- Und nein: die Bäume und Baumformen hängen nicht mit den Frageformulierungen zusammen. Höchstens so: sie standen an meinem Morgenwegesrand, in der Dämmerung, und haben das Verwandeln meiner Frage beobachten dürfen.)

Freitag, 4. Januar 2013

jetzt schon?

Die Tochter liebt es Briefe zu schreiben. Täglich bekomme ich mehrere. Kann sie ja noch nicht so lange, badet noch jeden Tag im Glück dieses neuen Kommunikationsmittels.

Heute ein besonderes Exemplar - mit Brief im Brief, sozusagen. Aber nicht deswegen besonders. Sondern weil mich der Inhalt des Briefs im Brief grinsen ließ::



Hintergrund: Gestern waren wir bei Freunden mit auch zwei Kindern, auch großer Junge und kleines Mädchen, wie unsere. Sie spielten streng separiert in zwei Zimmern - die Mädchen Verkleiden, Disko, Babyeltern, die Jungen Bauen, Rauben, Straße-unsicher-machen.
Und - neu im Programm offenbar: Briefe wie diese :)
Ähm: ist das nicht ein bisschen früh? :)
(Die Mädchen sind 6 und 8, die Jungs 10 und 11.)

Mittwoch, 2. Januar 2013

Der Sprung zurück

Nach einer Woche mit diesem


und diesem


und diesem


und diesem


und auch noch diesem



(ich glaube, ich habe Spielen, Trödeln, Nichtstun für ein Jahr nachgeholt)

stellte ich heute Morgen entschlossen den Korb mit den Heftstapeln auf den Tisch.
So:



Naja, ganz gelungen ist der Sprung zurück in die Betriebsamkeit noch nicht. Habe mich mit fünf Waschmaschinen und einer Tonne Bügelwäsche abgelenkt. Mit den Kindern als fleißigen Helfern (beim Ablenken, meine ich, nicht bei der Wäsche - das wär ja mal ne Neuerung :)).
Die eine oder andere Klaviertaste stand im Weg herum, und das Buch ist doch auch noch nicht zu Ende gelesen.

Morgen also: nächster Versuch.

Dienstag, 1. Januar 2013

gewechselt

Wie es dieses Datum mit sich bringt - und gestern Morgen plötzlich auch meine innere Stimmung - blicke ich zurück, schaue ich voraus. Viele Seiten des Tagebuchs füllten sich mit einem Mal - ich wusste gar nicht, dass so Vieles in mir ist. Gestern Morgen schrieb ich mich leer.
Was dort steht?

Ernüchterndes. Vieles ist im vergangenen Jahr nicht so geflossen, wie ein Jahr zuvor erhofft. Vieles wurde zerfressen von meiner argen zeitlichen Enge. Ich bin auch jetzt - nach über einer Woche Arbeitsruhe - noch nicht wieder ganz bei mir angekommen. Fühle mich stumpf und lange nicht befreit, habe einen bitteren Geschmack auf der Zunge und kann mich aus dem Engegefühl nicht herauszwängen.

Bewusstwerdung - treffender denn irgendein anderer Satz ist mir dieser:
Ändere was zu ändern ist.
Nimm an, was nicht zu ändern ist.
Und unterscheide gut zwischen beiden.
(Oder so ähnlich habe ich ihn in Erinnerung.)

Was zu ändern wäre? --- Hier stehen Schritte vor mir, in inneren und äußeren Räumen. Wieder und wieder finde ich mich am Anfang des Weges. So schwer ist manches.
Was nicht zu ändern ist? --- Darüber schweigen sich die Zeilen aus, die sich gestern von der Feder auf die Seiten ergossen. Verdecken es mit Ideenaktionismus. Dazwischen werde ich das Unabänderliche herausspüren, mich auf ein Annehmen zubewegen müssen.

[Schweigen - langes Schweigen. Ich sitze hier und weiß nicht was weiterschreiben.]

Zurückgeschritten, stehengeblieben - war das mein 2012?
Hilflosigkeit, Wut, Eingeengtheit, Resignation - ich nehme im Rückblick so vieles wahr, was in diesem Jahr auf der Stelle gekreist ist.

Wenn ich mir etwas wünschen dürfte?
Meine innere Herzensstimme wieder wahrzunehmen - was sie mir für mich und für andere zu sagen hat. Wahrnehmen, sie nach außen tragen - und dann schauen, was passiert.
Einen Mittelweg zwischen äußeren Gegebenheiten und innerem Sehnen (und Brauchen) zu finden. Auch bei den Dingen, wo es mir im Moment unmöglich erscheint.
Die Rückwärtsrichtung meiner Bewegungen wieder umkehren, mich nicht vom eigenen Weg ablenken lassen.
Frieden, in vielem.
Räume öffnen, wieder öffnen.
Energie nicht in Destruktion zerfließen lassen, sondern sie zu Sanftmut, Weichheit, Versöhnung verwandeln.
Jeden einzelnen Tag als Zentrum, als Quelle von Lebenswellen erkennen.

Das war's. Nicht unbescheiden, ich weiß.
Aber wenigstens einen Teil davon, wenn ich darum bitten dürfte ...

[Und wieder Schweigen.]


Ja, der Kalender ist gewechselt. Das Neue beginnt.


Seit ein paar Stunden ist er nicht mehr leer, enthält das, was ich über die Zukunft schon weiß. Jedenfalls zu wissen meine. Vorsichtig habe ich mich an den leeren Seiten entlanggetastet, habe das unverbrauchte Papier mit den ungelebten Tagen darauf liebkost. Habe die bevorstehenden Zeiten angeschaut wie ein Gefäß, das zu füllen sein wird.
Kleiner ist er dieses Jahr, kleiner als der vom letzten Jahr. Habe ich so ausgewählt, ohne nachzudenken. Weil in den Tagen des vergangenen Jahres zu viel Leben unterzubringen war, weil es dieses Jahr weniger werden soll. Weniger äußere Termine jedenfalls. Denn ich habe so manche Verabredung mit mir selbst zu treffen.
Und noch etwas. Für mich ganz unvertraut, schaut er mich farbig-leuchtend-glänzend an. Daran habe ich mich noch lange nicht gewöhnt. Wer weiß, wie oft ich noch meinen Blick darüber streifen lassen muss, bis wir - sein Äußeres und ich - Freunde werden. Und dennoch: Irgendetwas hat mich diesen hier auswählen lassen. Wenn ich ergründe, warum sich mir gerade dieser in die Hand legte - werden dann wohl auch die Farben zu meinen werden?