Montag, 27. Februar 2012

Wieder da

Noch bin ich im Wiedereingewöhnungsmodus, mit Startschwierigkeiten beim Fahrtaufnehmen. Und doch mit dem festen Vorsatz einer früheren Schlafensgehzeit - noch ganz unter dem Eindruck des Kontrasts: wie sich Ausgeschlafensein gegen Extremmüdigkeit anfühlt :)
Es droht schon wieder sich zu beißen: Arbeitslangsamkeit und Mitternachtschlafenwollen, zusammen mit noch so Einigem, was im Gepäck mit hierher gereist ist, das will im Moment noch nicht in meine Tage passen. Da fehlen ein paar Stunden täglich. Oder nein, es ist ehrlicher zu sagen: da fehlt meine ruhende, gelassene Mitte. Einen Keim dafür habe ich mitgebracht. Nun möge er wachsen, reifen, gedeihen ...

Ist es das, warum mir dieses Jahr der Frühling so verwandt scheint? So still hineingezogen wurde ich vielleicht noch nie.
Es geschah am letzten Urlaubstag: als dort plötzlich der Schnee schmolz, taute etwas in mir.
Und es geschah gestern hier im Garten: als ich die ersten zartgelben Blüten begrüßte, begrüßte ich mich selbst.
Und es geschah heute auf der Landstraße: als ich durch die nebligen, lang schon nicht mehr winterlichen Felder und Bäume streifte, mit Blicken, da streifte ich etwas in mir.
Wie wird es morgen geschehen?

Ich weiß noch nicht was, aber ich habe ein Etwas von meiner Reise mitgebracht. Vielleicht enthüllt es sich mir, bald ... oder später ... oder auch gar nicht, und ich darf es als verborgenen Schatz in mir tragen.
Wer weiß ...

Freitag, 17. Februar 2012

Ciao erstmal

Morgen ist mal wieder Abfahrt, nämlich dorthin.
Nach sechs Schulstunden werden wir schnell zu Hause Schul- gegen Reisetaschen tauschen, am Bahnhof ein Rätselheft für den Sohn und einen XXL-Kaffee für mich kaufen, und dann rollt der Zug auch schon.
Mit im Gepäck:
- mein Gefühl, in Müdigkeit zu ertrinken,
- die Vorfreude auf Sonne und Schnee - und das Bedürfnis, mich einfach nur hineinfallen zu lassen,
- dann aber noch ein Klausurstapel, morgen wird er geschrieben,
- und erstmals ein Laptop mit zugehörigen Arbeitsdingen,
- aber auch der Mut, ganz "normale" Bücher dazwischen zu schieben beim Packen,
- Gedanken, wie lange das noch so gut geht, in diesem Arbeitszustand (dass jetzt, da Teil 1 meiner neuen Aufgabe ein wenig runder beginnt zu laufen, gerade Teil 2 beginnt, vor dem ich noch viel mehr Respekt habe, und dass dann von März bis Mai noch unser Doppelabitur mit Erstkorrektur und Zweitkorrektur und Drittkorrektur dazu kommt - an diese Dinge denke ich nur ganz klein - das Momentane reicht schon),
- die Frage, wie ich es schaffe, weniger penibel, weniger gründlich, weniger perfektionistisch zu arbeiten - denn so GEHT es nicht auf lange Sicht,
- leere Tagebuchseiten, um mich wieder besser zu spüren,
- meine arme, vernachlässigte Kamera,
- und Ski, Wanderschuhe, Sonnencreme und ein bisschen Platz im Magen für Pasta und Prosciutto und Polenta und all das, was Francesca uns auftischen wird.
Hach ...

Und hier wagt in den Tagen vielleicht der Frühling schon seine ersten zaghaften Schritte?
Ich wünsch Euch eine gute Zeit!

Dienstag, 14. Februar 2012

Sonntag, 12. Februar 2012

Samstagssplitter

Ein Fundstück: Lies hier. (Bis auf das "funzelige minigehalt" unterschreib ich alles ...)

Nein, das bezieht sich nicht auf gestern. Der Tag ist überlebt, gut sogar. Sehr konstruktive Gespräche. Erstaunlich - das 10-Minuten-Korsett ist eigentlich für mehr als Gemeinplätze kaum geeignet. Doch gestern, da gab es auch neu geöffnete Blicke, neu fokussierte Aufmerksamkeit, neu geschaute Kinder .

Und ja, Frau Siebensachen: Zwar nicht mit Waffeln, aber so ähnlich geht es bei uns. Die SMV verkauft Kaffee und Kuchen. Leider bisher immer im Foyer, wo wir bei unserem 10-Minuten-Gesprächstakt ja nicht schaffen hinzukommen. Das hatte mich jedes Jahr gewurmt.
Und gestern hatte ich DIE Idee: nämlich die SMV zu bitten, im Laufe des Nachmittags mit Kaffee-Kuchen-Bauchladen durch die Räume zu ziehen, damit auch wir Lehrer alle Stunde was kaufen könnten. So taten sie - und es war SO toll, kurz vor einem heftigen Zwischentief Kaffee und Kuchen gebracht zu bekommen. Abends im Lehrerzimmer, beim Tasseneinsammeln, kam es von allen möglichen Kollegen: Wie schön, dieses Herumkommen.
Ha, das war MEINE Idee (habe ich ganz leise vor mich hingedacht) - mein persönlicher Beitrag zur Verbesserung des Schulklimas, meine gute Tat der Woche :)))

Schulklima - das werden wir noch brauchen können. Allmählich realisiere ich, was uns - ebenfalls gestern - offenbart wurde: dass von anderer Stelle kräftigst am Ast unseres guten Schulklimas gesägt wird. So heftig, dass wir uns noch umschauen werden. Möglicherweise sogar nach einer neuen Schule :(
Das rückt erst langsam ins Bewusstsein. Wir hatten die tröpfelnden Informationen bisher erfolgreich verdrängt, nicht ernst genommen. Nun ist die Lage ernst. Bzw. nun nehmen wir wahr, WIE ernst sie ist.
Gestern Abend sind die Kollegen losgezogen - zu einem ersten Schockbewältigungs-Schluck-Ausheul-Kneipenbesuch. Wäre ich nicht so grund-k.o. gewesen, wäre ich mitgegangen. Wir werden sehen, ob wir auf lange Sicht noch Kollegen bleiben dürfen ...
(Heulstimmung, wenn ich daran denke. Wie viel Kraft wir aus der Kollegialität gezogen haben ... und nun nicht zu wissen, ob das so bleiben darf. Ich spreche als Mantra vor mich hin: Alles ist für etwas gut, und im Nachhinein wird man alles verstehen ... Aber im Moment fühle ich mich wie betäubt. --- Details darf ich hier natürlich nicht erzählen.)

Und dann war heute noch das Empfehlungsgespräch in der Grundschule des Sohnes. Sehr erleichtert bin ich - es klang alles ganz anders als im Novembergespräch, aus dem ich doch ziemliche Sorgen mitgebracht hatte. Auf die vorsichtige Frage, ob sich in diesen Punkten etwas verändert hätte: Ohhhh ja, gaaaanz anders, nicht wiederzuerkennen sei er!
Ach, Großer, ganz schön stolz können wir sein - ich hatte ja nicht geahnt, wie sehr Du das zu Deiner Sache machen würdest, über das wir damals lange und intensiv sprachen. Heute Morgen hatte ich mir schon bereit gelegt, was ich antworte, wenn sie mir wieder das Gleiche im vorwurfsvollen Ton erzählen würden ...
Oh, wie schön das ist - das große Kind reifen zu sehen :)
Dann fehlt ja nur noch der neue Ranzen für die neue Schule. (Dazu gibt es eine eigene Geschichte zu erzählen. Vielleicht ein andermal.)
Wie seltsam das ist: Grundschulzeitende.
Und gleichzeitig Grundschulzeitanfang bei der Tochter. (Noch ein Ranzenkauf also :)

Welch ein Glück, dass wir beide Kinder an unseren - und ihren - Wunschschulen anmelden können.

Welch ein intensiver Tag.

Die Arbeitslust ist mir erstmal vergangen. So irgendwie werde ich die nächste Woche schaukeln. Morgen erstmal mit dem Sohn - da die nichtschulebesuchenden zwei in den Urlaub fahren - einen Mama-Sohn-Sonntag verbringen, wie er ihn sich wünscht. Vermutlich Experimentier-Museum und Kino - beides, ja! Wenn schon denn schon :)

Freitag, 10. Februar 2012

Schleichend ...

... macht sich Erschöpfung breit.
Das Ziellinienphänomen: in einer Woche sind Ferien. Immer passgenau vorher die Erkenntnis: ich brauch die jetzt. Und mein Hals läuft sich schon warm bzw. rot: klassische Ferienanfangserkältung. (Hej, Frühstart - da sind noch sieben Tage :(  )
Ferien also. Von denen ich jetzt schon weiß, dass ich es nicht durchhalten würde, wieder von morgens bis nachts zu arbeiten - wie in den letzten. Selbst wenn ich wollte ... Aber ich will ja gar nicht. Mein Zustand sagt mir: ich darf nicht wollen. Das kann ich ganz gut akzeptieren.

Noch sieben Tage also. Nur? Neee, selbst die würde ich jetzt lieber streichen.
Den morgigen zum Beispiel. Sechs Stunden Unterricht. Nach Hause hasten, Mittag hinunterschlingen, wieder in die Schule hasten - Elternsprechtag. 20 mal 10 Minuten stehen auf meiner Liste. Zwan-zig! Zwan! Zig!
Das ist Fünftklasslehrer-Schicksal.
"Wollte nur mal hören, wie sich mein Kind so macht ..." - so wird das. Klar, verständlich. Als Mutter würde (und werde) ich diese Gelegenheit auch nutzen. Aber wenigstens habe ich keine Illusionen darüber, was ich erwarten kann.
Spätestens ab Gespräch 10 nämlich unterbreche ich mich mitten im Satz: "... ähm ... ja ... ähm ... wessen Mutter waren Sie doch gleich ...?"
Ab Gespräch 15 steigert sich das zu: "... äh ... was wollte ich doch gleich ... äh ... also meine Fächer sind ... ja, ich glaube, ich bin die Mathelehrerin ... äh ... aber warten Sie, ich schau mal auf meiner Liste ..."
(Den Satz kann ich ja schon mal auswendig lernen: Ich bin morgen nämlich IMMER die Mathelehrerin :))
Und nach Gespräch 20 werde ich vermutlich fragen, wo hier der Ausgang ist, oder ich beiße in die Tischkante, oder aber ... ich halte mein Gegenüber für den Mann / die Frau vom Pizza-Service - "Eine große Diabolo bitte ..."
Das wär's doch mal: die Eltern bringen - jeder vierte vielleicht? - immer mal was Leckeres mit. Lest Ihr das, Eltern? --- Nee, sie lesen's nicht. Natürlich lesen sie hier nicht :(

Was ich eigentlich nur sagen wollte: Ich bin erschöpft.
Und vor dem morgigen Tag habe ich Respekt.
Und nun: Gute Nacht!

Mittwoch, 8. Februar 2012

Stimmt ...

… es sollte nicht wochenlang seufzen hier auf dem Blog. Das entspricht nämlich nicht mir und meinem Sein.
Und ich sollte nicht warten, bis lange durchdachte und noch längere noch durchdachtere Texte den Weg aus mir heraus finden.
Ich könnte ja einfach ein bisschen erzählen, von den wichtigsten Momenten des Tages.

Dass mir der Fluss heute mit Eisschollen begegnet ist, und ich staunend seinem fließenden Drängen zusah. Das kommt so plötzlich, weil wir bisher, bis vor zwei Tagen, sozusagen subtropische Temperaturen hatten - minusfünf und wärmer! Seit gestern ist auch bei uns Eis in der Luft spürbar. Und heute legte sich eine hauchdünne weiße Schicht auf alles. Endlich auch hier.
Wundervoll ...

Dass der Sohn in meinen Mittagsschlaf hineinplatzte und meine Empörung im Keim erstickte, als ich sah, weswegen er kam. Er habe es gefunden und repariert - das da.
Ooohhh!
Meine Emma, meine verblichene, kaum noch gefüllte, schon ganz abgelegene, seit mindestens zwei Jahrzehnten kaputte gehäkelte Kissenschildkröte (falls sich der geneigte Leser etwas darunter vorstellen kann :) --- in meinen frühkindlichen Schule-Spielen hörte sie auf den vollen Namen "Emma Sitzkissen", fällt mir gerade ein).
Meine Kindheits-Emma also!
Da muss erst ein Sohn geboren und zehn Jahre alt werden, um Nadel und Faden bedienen zu können, dass diese wieder zu Leben erweckt wird - ooohhh!
Die Tochter schläft nun mit Frau Sitzkissen im Arm, und ich, ich fühle mich ganz selig bei diesem Anblick …

Dass ich heute voller innerer Wärme jemandem die Hand geben durfte - eine kleine, eine große Hand ...

So viel.

Und dazwischen mein pralles Familien- und Berufsleben - gut eingebettet, gut geborgen ...


(Ein Danke, dass ich daran erinnert worden bin - es sei nun genug Bloggeseufze :) Danke Dir!)

Montag, 23. Januar 2012

seufztraurig

Manche Elterngespräche hinterlassen einen in dem Bedürfnis, das Kind einfach nur in den Arm zu nehmen und die Eltern einfach nur zu rütteln.
"Da können wir wohl nicht mehr machen", sagt die Kollegen zu mir, und ich zur Kollegin, als wir tief atmend wortlos wieder im Lehrerzimmer stehen.
Nein, können wir nicht. Denn weder in den Arm nehmen noch rütteln gehört - über das Verbale hinausgehend - zu unseren Befugnissen.
Und dann sehe ich den Bergab-Weg dieses Kindes vor mir ...

Sonntag, 22. Januar 2012

Impressionen aus der Arbeitsamkeit

Euch einen Blick durch die Luke meines Klausurdaseins, mir ein kleines Stündchen Schreibens gönne ich ...

Zunächst:
Das Neue - es ist überwältigend wie für mich geschaffen. (Oder umgekehrt?)
Das vorab. Es erfüllt und befriedigt und befriedet mich.

Und dann:
Es ist viel. Sehr viel. Zum Nichtschaffen viel. Schenkte man mir für dieses erste Jahr einen Schaltmonat - ich würde die erste Woche, oder gleich zwei, jetzt und hier und heute verbrauchen. Eine Woche wüsste ich sofort zu füllen, mit Dringlichlistendingen, ohne dass das äußere Leben weiterläuft und immer neue Dringlichlisteneinträge produziert. Und den Rest des Monats könnte ich im Laufe des Jahres vermutlich auch locker mehrfach verwenden ... so viel ist es.
"Zum Nichtschaffen", schrieb ich oben. Ja. Ich werde Perfektion abbauen, Laissezfaire erlernen müssen. Anders wird es auf lange Sicht nicht funktionieren. Meine Mitternachtsschlafregel breche ich fast täglich. Arbeite den einen Tag bis 3 Uhr morgens, weil es gerade läuft, und kippe den nächsten Tag fast um, folgerichtig. So geht das nicht weiter.
Meine 24-h-Wochenendfrei-Regel muss ich aussetzen. Nicht dran zu denken, bis auf Weiteres.

Aber - um mal vom Wesentlichen zu erzählen:
Die Offenheit in den Gesichtern. Gespannte Erwartung. Der meinen verwandt - das passt!
Der Kollege, der freigebig alles - ALLES - teilt, was er je erarbeitet hat, Unterstützung auf allen Ebenen anbietet, und dazu so zugewandt, so herzlich-strahlend. (Das erwartet man jetzt bei nem Mathematiker nicht unbedingt ;-))
Die Abteilungsleiterin, die für das Einführungstreffen mit allen Neuen nicht nur persönlich maßgeschneiderte Mappen mit wichtigen Unterlagen vorbereitet, sondern morgens um halb sechs - wie sie sagte - auch noch ein Blech Kuchen gebacken hatte, damit wir gut zusammensitzen an unserem ersten Tag. (Wie lieb das ist ...)
Interessante Menschen, die auch neu anfangen: Die Frau, die alle Kontinente bereisen will. Die junge Physikerin, mal eben hat sie noch ein x.tes Kind bekommen, sieht aus wie 25, und hat es wahrscheinlich einfach drauf. Und eine hat lange, lange in Italien gelebt ...
Der Stellvertreter vom Chef, der einen auf dem Flur anspricht, als wäre man schon seit langem bekannt, als wäre man vor allem sehnlichst erwartet und von Vornherein in seiner Tätigkeit anerkannt - oh, das könnte auch ganz anders sein.
Herzliche Begrüßung auf den ersten Sitzungen. Unterstützung, immer wieder: "Kann ich Dir noch irgendwie helfen?"
Ausblicke und erste Einblicke in fachliche Horizonte - Gebiete, Themen, Arbeitskreise, zu denen sich jetzt die Türen öffnen für mich ... das ist irgendwie, hm, als hätte ich darauf schon immer gewartet. Da werde ich intensiv an Fragen arbeiten, die ich schon mein Berufsleben lang in mir trage. Raum für Reflexion des eigenen Tuns. Zusammenarbeit mit Kollegen, die in gleicher Weise entflammt, an den gleichen Punkten suchen und fragen und tasten - das ist schon irgendwie besonders. Sehr. Ein beruflich gemeinsames Auf-dem-Wege-sein - wie erfüllend das ist!
(Und noch eine Neuentdeckung: eine leckere Pizzeria in der Nähe meines neuen Arbeitsortes, von der ich bisher überhaupt nichts wusste ...)

Also:
Es geht mir wunderbar.
Und daran, die Räume für mich, für das Schreiben und den Schlaf, und vor allem für meine Kinder - die Armen :( - wieder freizuräumen, arbeite ich. Es wird schon werden ...

Sonntag, 8. Januar 2012

gefüllt, erfüllt

Diese Tage, diese Stunden stehen ganz im Zeichen dessen, was morgen ein bisschen und übermorgen so richtig beginnt.
Ich fühle mich wie vor meiner allerersten Unterrichtsstunde im Leben: die Sehenswürdigkeiten Moskaus, Russisch Klasse 10. Sehe alles noch vor mir ...

Bestimmt drei Wochen lang hatte ich mich vorbereitet.
Alles tausendmal bedacht, umgedacht, weggedacht, neugedacht.
Materialien erstellt, verworfen, umkonzipiert, optimiert.
Tag für Tag Kopfkino dieser riesigen 45 Minuten.

Und dann lief es --- irgendwie. Anders als gedacht. Nicht besser, nicht schlechter. Eine reale Unterrichtsstunde mit Unerwartetem, Ungeplantem, Unplanbarem. Und vor allem mit echten Schülern. (Die waren mir während meiner Vorbereitungen ja im Nebel versteckt gewesen :))

Auf wackligen Knien kam ich nach 45 Minuten raus und war einfach nur erleichtert, dass es vorbei war. Wenig später, nachmittags, als ich mich gerade in die Erschöpfung fallen lassen wollte, fiel es mir siedendheiß ein: "Oh neee, morgen ist ja schon die nächste Stunde!!!" (Dass es eine zweite Stunde geben würde, und eine dritte und so, hatte ich die drei Vorbereitungswochen lang erfolgreich ausgeblendet :))
Nächster Tag - nächste Stunde also. Diesmal ohne drei Wochen Vorbereitung.
Und es lief trotzdem :)
Und von da ab ging es, Stunde für Stunde, immer weiter, immer weiter.
Nunmehr 11 Jahre lang.

Und heute - sitze ich wieder so da. Wie damals vor meiner ersten Stunde.
Seit Wochen bereite ich mich vor.
Alles tausendmal bedacht, umgedacht, weggedacht, neugedacht.
Materialien erstellt, verworfen, umkonzipiert, optimiert.
Tag für Tag Kopfkino meiner Begegnungen der nächsten Tage.

Und dann läuft es ---- irgendwie??? Anders als gedacht??? Mit Unerwartetem, Ungeplantem, Unplanbarem??? Wieder bin ich Anfängerin, wie damals ... oder naja, nicht ganz: die Adressaten meiner Bemühungen verschwinden nicht ganz so im Nebel wie damals. Und dass es eine zweite, dritte, vierte ... Runde geben wird, blende ich diesmal nicht ganz so erfolgreich aus.



Ich bin dann mal wieder am Schreibtisch. Es bleiben noch 36 Stunden. Gut gefüllt werden die sein: Materialien erstellen, verwerfen, umkonzipieren, optimieren ...




Ach ja, und nicht ganz unwichtig:
Nicht nur gefüllt sind meine Tage. In erster Linie sind sie erfüllt.
Erfüllt - von all dem, was auf mich zukommt.
Erfüllt - von all dem, auf das ich zugehe.
Erfüllt - weil das hier ganz Meines ist.
Erfüllt - weil bei jedem Schritt durch die Vorbereitungsberge ein tiefes Ja in mir schwingt.
So ist das ...

Donnerstag, 5. Januar 2012

... wo? ... entwerde ...

Die Frage "Wo?" kann für dich zum Schleier werden. Dann gleichst du jemandem, der einen Korb voller Brotlaibe trägt und dennoch um Krumen bettelnd von Tür zu Tür zieht. Klopfe lieber an die Pforte deines Herzens! Du stehst bis zum Hals im Wasser, fürchtest dich aber vor dem Verdursten. Du bist wie eine Perle am Grunde des Ozeans, die fragt: "Wo ist bloß das Meer?" Das "Wo?" wird zu einer Wolke, die sich vor die Sonne schiebt.

...

Reiche mir den Kelch mit Deinem Wein,
Du Unsichtbarer!
Nähe ist ein dicht gewebter Schleier,
kein Wunder, dass Du mir verborgen bleibst.
Welchen Sinn soll mein Rufen haben,
wo Du mir doch näher bist als meine Halsschlagader?
Rufe gelten nur den Weitentfernten,
dem Geliebten ist das Flüstern vorbehalten.

...

Gottesnähe hat nichts mit Entfernungen oder Richtungen zu tun, sie lässt sich nicht messen. Sich Gott zu nähern, bedeutet nicht, sich nach oben oder unten zu bewegen. In Gottes Nähe befindet sich, wer dem Gefängnis des irdischen Seins entflohen ist. In Nichtsein gibt es weder "unten" noch "oben", weder "nah" noch "fern". Dort im Nichtsein triffst du auf Gott.

...

O Welt aus Wasser und Lehm, seit ich dich kenne, habe ich tausenderlei Drangsal und Kümmernis erfahren.
Du bist ein Weidegrund für Esel, nicht die Wohnstatt Jesu, warum nur habe ich dich je kennengelernt?
Wie ein Baum strecke ich meine Hände empor, aus Verlangen nach dem Einen, nach dem ich mich sehne.
Die Zweige wachsen empor, weil sie von oben kommen, ich eile meinem Ursprung entgegen, weil ich ihn kenne.
Wie lange soll ich noch von "oben" und "unten" sprechen? Meine Heimat ist die Ortlosigkeit, ich stamme von keinem Ort, denn ich weiß, woher die Orte stammen.
Nein, schweig still, entwerde im Nichtsein, werde zu Nichts, sieh, ich kenne die Dinge des Dinglosen!


(Rumi)


Plötzlich trifft man auf solches.
Ein Lichtbeben.
Ob ich wage, die Worte hier so stehen zu lassen?

Licht

Dienstag, 3. Januar 2012

zusammengezogen

Heute vor einem Jahr ist dieses Bild entstanden. Es ist mir ganz nah.



Und doch: Wenn ich mir die Zeit, die seither vergangen ist, wenn ich mir mein Jahr auf einen Punkt zusammengezogen vorstelle, sehe ich ein komprimiertes Farbenuniversum, ein unglaublich dichtes stoffdurchtränktes verwirbeltes kaum zu entwirrendes Flimmern.

Ist das immer so, wenn man aus der Ferne, aus dem Abstand schaut?

Mein Morgentext

Wenn du über die Gegensätze hinausgegangen bist, die der Verstand erschafft, dann wirst du wie ein tiefer See. Deine äußere Lebenssituation, und was immer dort passiert, ist wie die Oberfläche des Sees - manchmal ruhig, manchmal windig und rau, entsprechend den Zeiten und Gezeiten. Doch in seiner tiefsten Tiefe bleibt der See ungestört. Du bist der gesamte See, nicht nur seine Oberfläche, und du bist in Verbindung mit deiner eigenen Tiefe, die in völliger Stille verbleibt. Du setzt den Veränderungen keinen Widerstand mehr entgegen, bleibst nicht mehr im Kopf an Situationen hängen. Dein innerer Frieden ist nicht mehr davon abhängig. Du verweilst im Sein - gleichbleibend, zeitlos, unsterblich - und du bist für deine Erfüllung und dein Glück nicht mehr von der äußeren Welt ständig wechselnder Formen abhängig. Du kannst sie genießen, mit ihnen spielen, neue Formen erschaffen, die Schönheit von all dem würdigen. Aber du hast kein Bedürfnis mehr, daran festzuhalten.

(Eckhart Tolle)

Samstag, 31. Dezember 2011

In ein neues

Eigentlich bin ich überhaupt kein Mensch der Rückblicke, Ausblicke, Bilanzen und Vorsätze. Es geht und kommt, wie es eben geht und kommt. Und doch ... manchmal oben auf dem Berg, hoch über den Dörfern, inmitten der Felder, wo wir mit unseren Kinderpunsch- und Glühwein-Thermoskannen oft standen und heute wieder stehen werden, das Lautgeknalle in verträglicher Entfernung, dafür mit umso besserer Sicht auf buntes Leuchten, dort oben also, da überkam mich oft schon ein Moment der Rückschau, der Vorschau, des Innehaltens an diesem Punkt zwischen dem Alten und dem Neuen. --- Heute überkam mich dieser Moment schon morgens im Bett.  Mich und mein Tagebuch, welches lange in der Schublade geruht hatte.

Vielleicht, weil es so ein besonderer Jahreswechsel ist für mich - aus einem besonderen Jahr hinaus in ein besonderes Jahr hinein?
(Ist nicht jedes Jahr besonders, empört sich mein innerer Zensor. Was schreibst Du da???)

2011 war das Jahr ...
... des Wachwerdens in mir, der Rückkehr in die innere Ruhe, der Besinnung auf die eigene Kraft.
Mehr Frieden mit mir, mit den Kindern, mit den Nächsten.
Mehr Alleinsein, mehr Zuversicht, mehr Beimirbleiben.
Mehr Arbeitsziele (und mehr Arbeit :)).
Habe angefangen, eigene Räume zu bewohnen - innen wie außen.
Habe den Segen des Alleinreisens erfahren.
Habe Mut zu einer Bewerbung gehabt (und suche nun noch den Mut, mich voll und ganz in der neuen Rolle einzufinden).
Habe das Singen wieder- und das Klavierspielen neugefunden.
Durfte mich unendlich an der Musik meiner Kinder erfreuen.
Das Jahr des Staunens.
Und der sich auflösenden "Nie"s.

2012 möchte ich ...
... das Wort "nie" zu denken verlernen,
... mehr, noch mehr intensive Zeit mit den Kindern verbringen,
... wieder mehr Fäden und Netze mit lieben Menschen weben, wieder mehr Gespräche und Begegnungen suchen,
... und doch mich immer wieder in die Stille begeben, hier ganz nah bei mir,
... einmal wieder allein reisen,
... meine Räume weiter gestalten - was zunächst Gedanke und Plan des Äußeren ist, aber ebenso viel mit dem Inneren zu tun hat,
... lächeln - und Lächeln aussenden,
... mich als weit geöffnete Schale mitten hinein stellen,
... meine ewige Zerrissenheit - das zu tun, oder jenes, oder doch zuerst das Notwendige - aushalten und bewusst leben, dabei gelassener auf die innere Stimme hören, die eh in jedem Moment die richtige Entscheidung trifft (nur traue ich ihr oft nicht),
... weiterhin jeden Tag am Klavier Beglückung erfahren,
... wieder mehr schreiben - auch und gerade mit der Hand,
... wieder mehr fotografieren - und dabei den Blick auf neue Perspektiven lenken,
... mich damit abfinden, dass in manchen Lebenszeiten das Lesen wenig oder gar keinen Raum einnimmt,
... mich meiner neuen beruflichen Aufgabe mit Hingabe widmen - mit Hingabe an die Sache, vor allem aber Hingabe an die Menschen, die mir anvertraut sein werden (... in zehn Tagen werde ich sie kennengelernt haben ...),
... und trotzdem erlernen: vor Mitternacht mit dem Arbeiten aufzuhören, jedenfalls meistens, oder, um realistisch zu bleiben: jedenfalls manchmal,
... und meine Wochenendregel beibehalten: einmal in der Woche mindestens 24 Stunden am Stück ohne Arbeit zu verbringen - das war mir in der Arbeitsflut der letzten Monate mein Ruhegeländer, ein fast konsequent eingehaltenes,
... mehr schlafen.

Nein, dies ist keine viel zu lange, viel zu illusorische, eh nicht einzuhaltende Liste guter Vorsätze. Dies ist eine Liste von Dingen, die ohnehin im Fluss sind, die ich mir hier nur bewusst mache. All das trägt mich schon jetzt, all das war und ist ... und wird weiter sein? Ich weiß es nicht, wir wissen es nicht. Es sind keine Wünsche, es sind eher eine Art Fühler, die ich in die kommende Zeit hinaus strecke. (Sind es dann nicht doch Wünsche???)

Euch wünsche ich gute erste Schritte im Neuen Jahr. Mögt Ihr mit Euren ausgesprochenen oder insgeheimen Wünschen im Einklang sein ...

Samstag, 24. Dezember 2011

... wirkliches Licht ...

"An jemanden, der gerade für ein Jahr in Bethlehem ist", beantworte ich die Frage der Tochter, an wen ich denn schreibe.
"Ich wusste gar nicht, dass es Bethlehem wirklich gibt", staunt sie mit großen Augen. Für sie war das bislang ein mystischer Ort aus der Weihnachtsgeschichte und aus Weihnachtsliedern.
...
Uns allen wünsche ich, dass es Bethlehem wirklich gibt. Dass wir das Licht, das dort geboren wurde - ganz gleich, wie wir es in unserer je eigenen Sprache benennen - in und um uns spüren dürfen. Und dass wir uns im Zeichen dieses Lichts begegnen dürfen in diesen Tagen.

Gesegnete Weihnachten!

Freitag, 23. Dezember 2011

kopfgebloggt

Heute beim Wäscheaufhängen, Kinderzimmerchaosbeseitigen, Schulsachenaufräumen - da ging es mir die ganze Zeit durch den Kopf. Ich formulierte vor mich hin - und nun scheint alles wieder weg. Mal schauen, ob ich noch etwas davon zusammenbekomme. Dafür den Perfektionszwang ausschalten und einfach so schreiben, wie es aus mir kommt - die Schreibstimme ist arg eingerostet ...

Um es gleich zu sagen: ich schlief heute nicht - nicht wie ich gestern dachte. Jedenfalls nicht den ganzen Tag. Siehe oben Genanntes. Und was da noch so anstand - schließlich steht auch im Hause Rebis ab morgen ein Weihnachtsfest an. Den ganzen Tag zu schlafen - danach war mir nicht. Aber was zählt, ist einzig der Gedanke: Ich könnte, wenn ich wollte. Allein das fühlte sich wunderbar an!

Ja, der Tag hatte wieder mehr Freiheitsgrade als alle Wochen zuvor. Das wurde mir heute so richtig bewusst. Ich beginne immer dann mich unbehaglich zu fühlen, wenn ich keine Entscheidungsfreiheit über den Augenblick mehr habe. So wie im Moment wieder. Natürlich waren all die Dinge zu tun, für Weihnachten eben. Doch ich durfte Augenblick für Augenblick neu entscheiden, ob ich erst dieses oder erst jenes tue, ob ich das andere auf morgen verschiebe oder ganz weglasse, ob ich mich zwischendurch mit den Kindern hinsetze, oder nur mit mir allein (und nem Buch, oder an die schwarz-weißen Tasten), oder ob ich auf der Couch für ein paar Minuten die Augen schließe. - All das durfte ich wieder entscheiden.

Solche Freiheit gab es in den letzten Wochen nicht. Oder ich fand noch nicht heraus, wie ich mich auch in Schuldichtzeiten in dieses Gefühl versetzen kann. Da erlebe ich es als permanentes Müssen: schnell Kinder ins Bett bringen, dann korrigieren. Aus der Schule nach Hause kommen, dann korrigieren. Chorprobe vorbei, im fünften Gang nach Hause, dann vorbereiten (und weiter korrigieren).

Nun ist es wieder da, das Gefühl der Freiheit. Trotz Aufgabenberg für die Ferien - die neue Tätigkeit will vorbereitet werden, hier im Haus liegt manches im Argen, und das Wichtigste: die Kinder haben so viele Wünsche, was wir zusammen machen wollen - und ich will dies alles auch. Und trotzdem kann ich jetzt wieder Augenblick für Augenblick entscheiden, was gerade dran ist. Und gleich fühlt es sich wieder nach viel mehr Luft zum Atmen an.

Nicht der Berg an Aufgaben bedrückt, sondern der von außen aufgezwängte Takt - so erlebte ich es heute deutlich. In der Rückschau auf den Außenrhythmus, gerade im Kontrast zum selbstbestimmten Takt. Seltsam - selbst wenn dieser ein ähnlich rasantes Tempo hat wie der äußere, fühlt er sich doch viel lebbarer, viel erfüllender, viel weniger erschöpfend an.

Liegt das an meinem großen Freiheitsbedürfnis? Ich verstehe es selbst nicht. Denn das Ganze kommt einem Paradoxon gleich. Nehmen wir mal als Beispiel das Geschenkeeinpacken. Natürlich muss das vor Heiligabend erfolgt sein - und da tagsüber die Kinder um jede Ecke lugen, also spätestens am 23. abends. Oft schon also stand ich am 23. spätabends und erledigte es. Mehr oder weniger fluchend, da ich diese Tätigkeit nicht mag. Und weil ich keine Wahl mehr hatte, nicht abbrechen, nicht aufschieben durfte.

Da ich mich inzwischen ein bisschen kenne, wollte ich diese Situation dieses Jahr vermeiden. Packte also alles schon gestern Abend ein. Und --- fühlte mich viel besser dabei! Wegen des Gefühls, dass es ja noch nicht drängt und ich jederzeit aufhören und es auf heute verschieben kann.
Aber darin liegt eben das Paradoxon: auf heute durfte ich es ja gar nicht verschieben, sonst hätte ich mich ja wieder in die Zwangssituation des Einpackens am letzten Abend gebracht.
Ergo: Ich musste es gestern tun - um das heutige Müssen zu vermeiden. Das eine Müssen also gegen ein anderes eingetauscht. Offenbar gegen ein viel besseres, denn ich fühlte mich viel besser ...
(Kann überhaupt noch jemand folgen, von welchen Gedankenwirrungen ich hier spreche???)

Dieses Paradoxon ist übrigens ein prominentes - ich kenne es schon lange, aber was ich nicht wusste: es heißt Henkerpardoxon. Ich kannte es bislang nur mit harmlosen Beispielen. Geschenkeeinpacken zum Beispiel. Jedenfalls: Es beschäftigt mich schon lange, aber davon es zu durchschauen, bin ich weit entfernt - selbst beim Geschenkeeinpacken :)

(Und nun merke ich: lang gebraucht beim Schreiben, mich unbeholfen gefühlt - aber ich hab mir versprochen: Perfektionszwang ausschalten - also korrigiere ich nicht mehr am Text herum. Sondern gehe lieber schlafen ...)

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Mit hechelnder Zunge ...

... angekommen am Ende des letzten Stapels. Ein tagelanges Wettkorrigieren gegen die Uhr. Ich hatte das unterschätzt, diese Mengen.
Nun ist's fertig, wird eingepackt, und morgen - also ähm: nachher - übergeben. Die Arbeiten an die Schüler, und die Unterlagen an die Kollegen, die die Klassen übernehmen. Ich komme mir vor wie nach dem Schuljahresendspurt, komprimiert auf wenige Wochen.
Jetzt schnell vier Stunden schlafen, dann vier Stunden Abschied von Klassen begehen, dann Weihnachtsessen mit den Kollegen (keine vier Stunden :)).
Und anschließend gehe ich schlafen. Und werde schlafen. Tief und tiefer schlafen. Weiterschlafen. Und an meinem ersten Ferientag werde ich bestimmt immer noch schlafen. Vormittagsschläfchen. Nachmittagsschläfchen. Kurz mal aufwachen - und dann schlafengehen. Und lange lange ausschlafen ...

Hoffentlich wache ich bis Heiligabend wieder auf ...

Freitag, 16. Dezember 2011

Letzte.

Ich möchte nicht schon wieder mit Zahlen langweilen. Nur soviel: Wenn ich bisher schon irgendwann dachte, es wäre viel und ich wäre schnell beim Korrigieren ... dann dachte ich das nur. Jetzt ist es wirklich viel, jetzt bin ich wirklich schnell.
 (Noch 5 Tage bis zur letzten Rückgabe ...)

Und nun liegt erstmal die letzte volle Woche hinter mir. --- Doch doch, nächste Woche ist schon auch noch Schule. Aber nur bis Donnerstag Mittag. Also war das die letzte volle Unterrichtswoche - vor den Ferien. Und für dieses Schuljahr. Und vielleicht für immer. Denn nach den Ferien werde ich nur noch die Hälfte meiner Klassen unterrichten - an zwei, höchstens drei Tagen.

Diese jetzt sind also Abschiedstage.
Und ich schaue, wie es so schön heißt, mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Klar freue ich mich auf die neue Aufgabe. In vier Wochen werde ich meine ersten Tage dort hinter mir haben. Mit jedem Schrittchen Vorbereitung ahne ich es mehr: Das Neue liegt vor mir wie ein weiter Teppich. Ich muss es nur betreten, um mich darauf zu Hause zu fühlen ...
Und doch: es tut weh. So viele Szenen in den letzten Tagen, bei denen ich spüre, was mir fehlen wird. So erfüllte Schultage in letzter Zeit, so reich, so wirklich, so voller Kinderaugen. Bald werden es weniger Kinderaugen um mich sein - ich werde mehr mit älteren Menschen zu tun haben. (Also: nicht "ältere", sondern: älter als die Kinder).

Heute war ein erster Abschied ... wir waren doch gerade erst warm miteinander geworden. Eine sogenannte "schwierige" Klasse. Wie erschrocken die geschluckt haben: "Und wen bekommen wir dann ...?" Ich erschrak in dem Moment auch - weil das Schlucken so unerwartet kam, von diesen "coolen" Jungs - und weil mir Tränen in den Augen standen: ich hatte vorher auch nicht gedacht, wie gern ich die habe ...

In den nächsten Tagen wird es noch ein paarmal so sein ... ein schmerzliches Ziehen. Und doch freue ich mich.
Freude und Trauer. Zwei Seelen eben in mir ...
(Und diese zwei Seelen korrigieren jetzt mal lieber weiter - es gibt gerade nichts hinzuzufügen.)

Montag, 12. Dezember 2011

Merke:

Auch Lebkuchenhäuser aus Fertigbausätzen sind Kinderglück.








(Aber es fehlt was - die vielen Tage Arbeit am Teig. Nächstes Jahr backen wir wieder selbst. Sage ich jetzt mal so …)

Sonntag, 11. Dezember 2011

empfangend

Natürlich hatte der Terminkalender etwas Bedrohliches:
Donnerstag Abend, Freitag Abend, Samstag Vormittag Proben.
Samstag Abend Konzert.
Fast schon panische Gedanken, dass nie und nimmer das Andere im Wochenende Platz finden wird, was dort noch Platz zu finden hat.
Fieberhafter Wochenendstart am Freitagnachmittag: Schulsachen abarbeiten, so viele wie möglich - wann sonst -, Einkauf, wie immer gehetzter Aufbruch zur Probe, im Auto noch Brot und Apfel und Tee hinunterschlingen - puh, pünktlich, gerade so.
...
Eigentlich, denke ich, als ich die Kirche betrete, habe ich keine Zeit für dieses Programm in diesen Tagen. Ganz und gar keine Zeit.
...
Doch dann sitze ich auf dem Podest ... der Atem wird ruhig ... der große leere Kirchenraum ... darin die sich verlierenden Klanggirlanden, kleine Tupfen aus dem Teppich, mit dem die Musiker unser Singen gleich unterlegen werden ... das ist so vertraut, diese Minuten vor der Probe, so wohlig, so wärmend ... wie sich das Podest füllt, und der Orchesterraum ... wie mein inneres Summen mit dem Einspielen des Orchesters anschwillt ...

Und dann ... die Trompeten ... und ... Jauchzet, frohlocket  ... und ... Wie soll ich dich empfangen ... und ... Friede auf Erden, sehnlich-schmerzliche Harmonien, noch nie so wahrgenommen  ... und ... Schließe, mein Herze, dies selige Wunder, ich schließe die Augen, es weint ein wenig aus mir ...

Ich sitze und stehe in diesen Stunden, und manchmal weiß ich nicht, ob ich oder ob es singt, und ob meine weit geöffneten Hände die Noten halten oder sie empfangen, und ob ich mittue an der Musik oder die Musik an mir getan wird ... immer mehr spüre ich, wie wir tun und sind in Einem, uns mitten hinein stellen, durchlässig werden ... wie die Musik durch uns fließt, durch uns, die wir singen und spielen, und durch die, die "nur" zuhören ... hier verschwimmt alles.
Alles zu Einem.

Und als es spätabends vorbei ist, hinterlässt mich der Schlussakkord in einer alles durchdringenden Leere. Da ist noch Beifall, Wortewechseln, Stühleklappern, Aufräumen der Kirche, die Begegnung mit den Mitmusizierenden, wie immer beim Griechen nebenan, die Heimfahrt, eine traumlose Nacht, heute Lebkuchenhausbau mit den Kindern, und - schon wieder - die Montagsschulgedanken im Kopf.
Und bei all dem trägt mich diese Leere. So als wäre mein Ballast der letzten Wochen mit der verhallenden Musik davongeflogen - all diese Zeitnot, Hetze, sorgenvolle Gedanken, Beschäftigtsein - ich spüre mich in wohltuender, heller Leere.

Mit offenen Händen stehe ich - nun ohne Notenmappe - und bin bereit zu empfangen.
Was wird sich in diese Hände hineinlegen? Und wann?
Ich weiß es nicht, und muss es auch nicht wissen.
Es ist genug, bereit zu sein ... ist das vielleicht Advent?

Wie soll ich dich empfangen ...

Mittwoch, 7. Dezember 2011

schnellschwindend

Wenn wir nicht bald dazu kommen, die Plätzchen zu verzieren und fertigzustellen, wird das "Rohmaterial" auch ohne Guss weggenascht sein. Täglich wenn ich heimkomme, liegt weniger auf dem Tablett.
Na gut, man muss Plätzchenbacken eben prozessorientiert, nicht produktorientiert sehen - um mal in der Sprache der Institution zu reden, in der ich heute wieder zehn Stunden verbracht habe.

(Und ich gebe zu, wenn ich nach so einem Tag die Küche betrete, dann greift meine Hand schon auch mal auf besagtes Tablett. Ich kann gar nichts dagegen tun :))

Sonntag, 4. Dezember 2011

Adventssonntag

zwischen 
Plätzchenteiggemenge
und
Klassenkonferenzvorbereitungen, dringendst (mensch, die Kollegenrundmail sollte längst raus sein, damit die sich auch vorbereiten können, statt dessen hänge ich hier bei Schüler 13 von 31 herum, werde nicht fertig)
und
Weihnachtsliedern, vom Sohn verjazzt, salonmusikartig, aus dem Flügelzimmer zu mir dringend
und
dem Blick auf die Uhr - denn gleich kommt der Zug mit Freundin und Freundintochter an, gemeinsame Plätzchenbacktradition
und
den beiden Gutachten, abzugeben nächste Woche - immer mal wieder ein Stichpunkt, den ich aufs Papier werfe, damit ich die pünktlich fertig bekomme
und
einem schlechten Gewissen (kann man Fotokalender eigentlich auch im Januar noch verschenken??? und dass auch die Patenkinder in drei Wochen Weihnachten feiern, hat Patentante Rebis bisher erfolgreich verdrängt)
und
heftigen Nachwehen vom Elterngespräch gestern in der Sohnesgrundschule -  gestern Abend habe ich einen Text aufs Papier geweint, traue mich aber (noch) nicht, auf "veröffentlichen" zu klicken
und
au weia, meine Zuarbeit zu unserer gemeinsamen 13er-Vorabiklausur - oh nee, wann soll ich das noch machen, der Termin ist eh längst vorbei, und der Kollege hält mich bestimmt wieder für total unkollegial - bin ich ja auch, genau genommen
und
Tochtercelloübungen aus dem Nichtflügelzimmer, wobei sie ihr Cello abwechselnd anschimpft, weil es nicht tut, was sie will, und streichelt, weil sie ihm zeigen möchte, dass sie es doch liebhat :)
und
jetzt noch ne Elternmail vom Mara-Vater - warum bitte will der mit mir sprechen, das kann doch wohl nicht dringend sein, da sind erst ganz andere Kinder dran - ich muss den auf Januar vertrösten, und das - also: Nein-Sagen - kann ich doch so schlecht, da werde ich mal wieder ewig an der Antwortmail formulieren
und
die Freunde halten mich für ne treulose Tomate - Brief- und Kontaktschulden in alle Richtungen (daran, das nicht mehr "Schulden" zu nennen, arbeite ich noch - bloß wann? - innere Arbeit bräuchte auch Raum)
und
Augenarzttermin für den Sohn - der sagt mir schon seit Wochen, dass er an der Tafel nix mehr lesen kann - man, warum ist heute Sonntag, ich will das gleich erledigen - morgen vergesse ich das doch wieder
und
ist es draußen eigentlich warm oder kalt, ich war da ja ewig nicht mehr
und
auf dem Nachttisch ein Buch "Lehrer am Limit" - für unsere Arbeitsgruppe "Lehrergesundheit", die vor sich hin dümpelt, weil wir alle keine Freiräume dafür haben
und
das Rad dreht sich gerade bissl arg schnell - noch vier Klassenarbeiten bis Weihnachten - und was da sonst noch so auf dem Schreibtisch liegt
und
bestimmt liegt das, was die mir da gestern in der Sohnesschule gesagt haben, an mir - dass ich mich hier nicht kümmere, nicht präsent bin
und
gut, hier mal ein paar Minuten zu sitzen, das alles niederzutippen, einen Kaffee neben mir
und
jetzt: Backsachen raussuchen, und ab zum Bahnhof ...

Eine Herausforderung für alle Seiten.

(Ich bedanke mich hiermit mal in aller Öffentlichkeit bei meiner Familie, dass sie meinen Quasi-Rund-um-die-Uhr-Beruf mittragen. So lange schon. So geduldig. Das muss ja mal gesagt werden. So auch meine Mentorin zu Beginn meines Referendariats zum Thema Arbeitsbelastung: das schaffe man schon, irgendwie. "Aber mein Mann", sagte sie, "das bewundere ich wirklich, wie DER das aushält.")

Mittwoch, 23. November 2011

Präludium

Singe, o singe dich, Seele,
über den Eintag empor in die
himmlischen Reiche der Schönheit!
Bade in goldenen Strömen der Töne dich rein
vom Staube der Sorgen!


Was dir die Welt geraubt, vergiss es!
Was dir dein Ich verwehrt,
genieß es im Traum!
Auf klingenden Wellen
kommen die heimlichsten Wunder
wie Düfte
ferner Gärten
zu deinen leis zitternden Sinnen.


Singe, singe, Seele des Menschen,
vom Grauen der Nächte bedroht,
dich empor,
wo, lichtumgürtet,
der Phantasien
jungfräulicher Reigen
die zierlichen Füße
auf nie verblühenden Wiesen
verführerisch setzt. 


(Christian Morgenstern)


... mir heute geschenkt, ganz unerwartet.

Plötzliches Erkennen - wie Erdung und Himmelsbrücke in einem.
Ein Moment zwischen all der sich türmenden Arbeit, der zeigt:
Da bin ich - Da ist es.
Es.
Ist.
Da.
Nicht verloren, nicht verweht, ja noch nicht einmal verborgen ist es.
Ein Moment von Wirklichkeit unter fernem Sternenhimmel hat mich gestreift, als ich mit diesem Geschenk in den Garten gegangen bin, die Weite zu spüren.
Und wenn es nicht zu spät, zu laut für diese Uhrzeit wäre, setzte ich mich jetzt ans Klavier - genau jetzt.
Musik zu atmen.
Ich singe innerlich ...

Und das ist erst das Vorspiel?
Das ganze Leben ein Präludium?
Ich staune ...

(Und ich weiß: müde und erkältet und abgearbeitet - wenn man dann trotzdem über einen Moment von Ewigkeitshauch erzählen will, dann wird das wirr, sehr wirr. So ist es eben mit dem Unsagbaren. So sei es. --- Ich brauche nun Schlaf. Irdischen präludierenden Schlaf.)

Danke.

Dienstag, 22. November 2011

Der andere Blick

Die Tochter steht an meinem Schulschreibtisch. Drauf stapeln sich in diesen Tagen Klassenarbeitshefte und -hefter. Die Tochter blättert drin. (Wie Lehrerkinder das häufiger zu tun pflegen :)).
"Zwei plus minus eins", liest sie vor.
Und gleich darauf: "Oh, voll süß!"
Hä, denke ich, was bitte ist an den Mathearbeiten oh-voll-süß???
"Was ist denn da süß?", frage ich sie also.
"Na die Mäuse hier."
Hä, denke ich, Mäuse? Hä?
Und komme dann doch mal aus dem Nachbarraum schauen.
Ein Aufkleber, die Heftbeschriftung. Kleine Mäusefiguren tragen Zahlen in der Gegend herum (2+(-1)). Wirklich süß.

Noch nie im Leben habe ich die Aufkleber auf den Klassenarbeitsheften angeschaut. Noch nie im Leben habe ich dort Mäuse gesehen.
Seit zehn Jahren wandern Mäuse über meinen Schreibtisch, und ich nehme es nicht wahr.
Obwohl ich weiß, welch lange Überlegungen der Sohn zu Beginn jedes Schuljahres investiert, bevor er sich entscheidet, welcher Aufkleber auf welches Heft kommt. Und ich war blind und habe bisher nicht einen müden Blick auf die Aufkleber meiner Schüler geworfen :(

Also: Öfter mal den Blick schweifen lassen, auf Heftaufkleber zum Beispiel. Und überhaupt: in die Weite hinaus, auf die kleinen Dinge am Wegesrand, die so manche Botschaft in sich tragen ...


(Denn dass dieser Mäuseaufkleber auf dem Heft eines besonders cool sich gebenden Jungen klebt, das berührt mich jetzt doch sehr.)

Donnerstag, 17. November 2011

Tagtraum

Lieber Lehrer,

vielen Dank dafür, daß Sie Ihr Leben meinem Kind gewidmet haben. Kann ich IRGEND ETWAS für Sie tun? Brauchen Sie IRGEND ETWAS? Ich bin für Sie da.

Warum?
Weil Sie meinem Kind – MEINEM SCHATZ – lernen und wachsen helfen. Sie sind nicht nur weitgehend für seine Fähigkeit verantwortlich, sich einen Lebensunterhalt zu verdienen, sondern Ihr Einfluß wird sich auch sehr stark darauf auswirken, wie es die Welt betrachtet, was es von anderen Völkern auf dieser Welt weiß und wie es über sich selbst denkt.
Ich möchte, daß mein Kind glaubt, es könne alles erreichen – daß ihm keine Türen verschlossen, keine Träume in weiter Ferne sind. Ich vertraue Ihnen den kostbarsten Menschen in meinem Leben sieben Stunden jeden Tag an. Folglich sind Sie einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben!

Ich danke Ihnen.


(Moore, Michael: “Stupid White Men”)


Ein schöner Traum, solche Briefe ...


Statt dessen hier im Posteingang Rebis:

... mein Kind ... hat ja alles gekonnt ... durch Sie verschuldet ... begann vor Verzweiflung zu weinen ... wenn Sie nicht in der Lage sind, den Stoff zu vermitteln ... das können Sie nicht wegdiskutieren ... Einschüchterung und Demotivation in Ihrem Unterricht an der Tagesordnung sind ... wenn Sie es darauf anlegen, nur kleine Genies zu unterrichten ... beschimpften Sie die Schüler ... Ihre Argumentation ist nicht haltbar ... mein Kind leidet durch Sie ...


Ich versuche ja, die Eltern zu verstehen, versuche nachzuvollziehen, was sie bewegt, solche Briefe abzusenden, was sie mir damit eigentlich sagen wollen, was sie damit über sich und ihr Kind sagen - unter der Oberfläche der Forderungen und Anschuldigungen, teils in einem Tonfall vorgebracht, den man getrost als unverschämt bezeichnen kann.
Allein, es will mir manchmal nicht gelingen. Heute zum Beispiel.

Eine Stunde lang habe ich nun um eine diplomatische Antwort gerungen. Soeben abgesendet. Besser wird's nicht mehr. --- Ich sollte echt mal ein Trainingsseminar in Gewaltfreier Kommunikation besuchen, nicht immer nur in den Büchern blättern und mir dort Formulierrat holen.
Vielleicht ließe sich so auch mein Impuls verringern, dem Mail-Gegenüber (das ich meist nicht mal von Angesicht kenne) per Tasten an die Gurgel zu springen. Vielleicht gibt es geschickteren Umgang damit als den, den ich per Bauchgefühl wähle: deeskalierend, aber offenbar oft nicht deeskalierend genug.

Und der Zeitaufwand ... man stelle sich nur mal vor, wenn mir auch nur ein Bruchteil meiner 200 Schüler-Eltern solche Briefe schriebe ... wann bereite ich da dann noch meinen Unterricht vor? Geschweige denn die in diesen Briefen geforderten Maßnahmen?
Und überhaupt - was sagt mir der Blick auf die Uhr mal wieder? Zeit für einen Nachttraum. Ein solcher wie dieser Tagtraum - siehe oben - zum Beispiel ... das wär`s doch jetzt, als Entschädigung.
Ich geh dann mal träumen ...

Montag, 14. November 2011

Also dann ...

Warum fragt Ihr denn gerade alle heute? Fast könnte man es einen Nachfragekomplott nennen ;-)
Na gut, es lässt mir kaum eine Wahl:
PIEP.

Und um es vorab deutlich zu sagen: Keine Nachrichten sind gute Nachrichten. Wäre es in mir nicht so heiter, wäre es hier längst nicht so still.

Ja, so etwa sieht es aus:












Bunt, warm, lichtdurchflutet.


Nicht draußen - da ist dieses Licht schon ein paar Tage her - aber in mir.

Und im Außen, da rast das Leben und fordert mich ganz. Das berufliche vor allem. Eine Übergangsphase, in der ich an der Schule noch fast ein ganzes Deputat zu fahren habe, das Neue aber nebenher beginnen soll. Bis Weihnachten heißt das 8 Stapel Korrekturen. Plus 8 Nachmittags- oder Abends- oder Ganztagszusatztermine. Eigentlich auch schon Vorbereitung auf all meine neuen Aufgaben. Ähm - eigentlich. Denn da sind ja noch 22 Wochenstunden Unterricht. Und ein Praktikant, und eine Referendarin.
Nein, ich jammere nicht. Ich habe das vorher gewusst, dass es im Übergang so reiben wird. Dafür werde ich mich wohl im Januar, wenn die Schulverpflichtung halbiert wird und das Neue intensiv beginnt, wie im Müttergenesungswerk fühlen :)

Noch ein paar Splitter der letzten Tage (nur damit Ihr wisst, dass ich mich auch ohne Schreiben nicht langweile):

Am Wochenende der Sohneskindergeburtstag - der Termin war oft verschoben und lang fällig. Diesmal auswärts - ich ganz allein mit Bus und Bahn und 12 Kindern unterwegs. Sozusagen die kleine Klassenfahrt zwischendurch :)  (wirklich: ich wusste meine professionelle Erfahrung sehr zu schätzen in diesen Stunden).

Ein noch aufgedrehter Sohn platziert den Kissenwurf passgenau. In zwei Teilen liegt sie am Boden. Ich quetsche mir die Einmalkontaktlinsen ins Auge - iiihhh, aber irgendwie muss ich unterrichten. Später der Optiker sagt, das Geklebte hält nun nicht mehr lange.
Ich wollte die neue Brille eigentlich noch hinausschieben, weil in absehbarer Zeit sowieso Gleitsicht fällig wird. Soll ich nun vorher noch eine ohne Gleitsicht oder gleich mit? Beratungsgespräch beim Optiker. Und Preislisteneinsicht. Man oh man, Altersweitsichtigkeit muss man sich bei meinen Kurzsichtigkeitswerten aber auch leisten können :(  --- Ich fürchte, die Entscheidung muss in den nächsten Wochen fallen. (Nur für die mit gesunden Augen gesegneten: Es geht um eine vierstellige Summe. Ja.)

Passend dazu geht heute mein Handy kaputt. Weil wir gerade bei Entscheidungen pekuniärer Art sind ...

Und dann sind da noch: --- die Kinder, beglückt, wenn ich abends komme, so wenig wie wir uns sehen, so schön ist es --- das Klavier, die Musik, die Momente zum Innigwerden --- mein Blick vom Schreibtisch in die Herbstluft hinaus --- eine Herzensfreude, völlig überraschend geschenkt --- eine Begegnung durch einen Satz, der ein langes Gespräch in sich trägt --- und ein Sohneswort, als er sich abends im Bett zu mir einkuschelt: "Wenn ich bei Dir liege, dann fühlt es sich an, als könne mir niemand etwas antun."
Dann weiß ich, dass trotzdem noch alles stimmt.
Auch wenn die Tastatur schweigt, die stillen Momente an vielen Tagen mir selbst nicht sichtbar sind, die Zeit für Spaziergänge nicht reicht, für Begegnungen, für Mails, für Gedankenwege, für Vertiefung auch nicht ... dann weiß ich, dass es im Moment so sehr im Äußeren sprudeln muss und darf, weil andere Zeiten waren und wieder sein werden.

Ein Fluss eben, all das ...









Unter einem weiten Himmel ...









(Und wenn ich nun wieder ein paar Tage schweige, dann sitze ich an meinen Korrekturen. Nur das. Alles ist gut. Sogar Korrekturen sind gut, wenn man Ja zu ihnen sagt.)

Samstag, 5. November 2011

Die Mathematikerin in mir ...

… stellt einen Plan auf, an welchem Wochentag sie welches Stück Haus aufräumt,
… tut ein gleiches auch für jede Ferien und sämtliche anstehende Großaufgaben,
… liest ein Blog, dessen ältere Einträge sie kennenlernen will, systematisch von hinten nach vorn, nicht ohne sich nach jeder Lesesession eine Notiz zu machen, bis wohin sie gekommen ist,
… legt für den allabendlichen Schreibtischberg eine Liste an, auf der nicht nur die Aufgaben, sondern auch die voraussichtlichen Bearbeitungszeiten vermerkt sind – sie plant damit, bis zu welcher Uhrzeit sie wie weit gekommen sein muss,
… wird ganz unglücklich, wenn Foto- und Dokumentenbezeichnungen in verschiedenen Ordnern ihres Computers nach unterschiedlichen Verfahren vorgenommen wurden und bemüht sich in aufwändigen abendlichen Umbenennungssessions um eine stringente Linie der Dateinamenstruktur,
… bringt es nicht übers Herz, ein einsames, harmloses Stück Hellblauwäsche mit in die Beige-Hellbraun-Waschmaschine zu tun – schließlich gehört es in den Blau-Korb, und das Ganze ist eine Frage des Prinzips,
… führt systematisch Listen über so manches in ihrem Leben, und – weil sie nicht mehr besonders konsequent darin ist – steht sie desöfteren haareraufend vor dem Problem, Lücken in diesen Listen im Nachhinein füllen zu müssen, wobei sie jegliche innere Zweifel an der Sinnhaftigkeit ihres Tuns mit einem Tick zuviel an Heftigkeit vom Tisch wischt.


Eigenartig – seltsam – sonderbar? Finde ich auch. Dennoch ist es da, dieses Relikt aus meiner Vergangenheit – ja, so nenne ich das mal, denn früher war es noch viel heftiger. Da war ein regelrechter Systematisierungs- und Listenaufstellungszwang in mir.
Früher – das war, bevor mir bewusst wurde, dass Mathematik nicht mein Leben ist. Und nun ist es offenbar noch ein weiter Weg, bis ich mit allen Fasern verinnerliche, dass das Leben nicht mathematisch strukturierbar ist. Und so lange systematisiere und strukturiere ich in meinen Alltagsdingen herum.
Manchmal lächle ich über mich selbst. Und manchmal werde ich mir bewusst, dass diese Fähigkeit - jedenfalls im Beruf - nicht nur Nachteile mit sich bringt. Es ist wie bei vielem: alles eine Frage des rechten Maßes.

Ja, genau: nicht nur Nachteile. In letzter Zeit passierte es mir auffallend häufig: irgendetwas in der Schule ist zu organisieren oder zu systematisieren, in mir erscheint sofort eine Idee, ich platze damit heraus - wie die Kollegen beim Kollegiumsausflug geschickt auf die 5er-Tickets verteilt werden sollten, damit jeder damit abends bis an seinen Wohnort kommt, wie wir die Gruppeneinteilung im Landheim jetzt und sofort und zügig und immer wieder neu vornehmen können, in welcher Reihenfolge wir uns bei der Klausurerstellung gegenseitig benachrichtigen, so dass ... wie wir die Stundendeputate vorab berechnen können, damit am Schuljahresende nicht das große Erwachen kommt, wer wann in welche Liste einträgt, damit am Ende alle pünktlich ihre Informationen erhalten: Alltagsberufsdinge halt -, und ich bekomme von den Kollegen immer den gleichen Kommentar: "Da spricht die Mathematikerin." --- Obwohl dies in der Regel anerkennend (und teils neidvoll) gemeint ist, kann ich mich bis heute nicht damit anfreunden.

Irgendetwas hakt da in mir. Wegen meiner mathematischen Vergangenheit, weil ich so viele Jahre dahinein gewidmet habe, und es von vornherein nicht der richtige Weg für mich war? Irgendetwas hängt mir nach und lässt mich gegen die Mathematikerin in mir bis heute ein wenig allergisch sein.
Ich werde mich dem auf zwei Wegen nähern. Erstens: Die Mathematikerin in mir lieben lernen. Und zweitens: Ihr ein bisschen weniger Raum einräumen, stattdessen das Zepter häufiger an Frau Spontanchaotin übergeben.


In diesem Sinne: zähle ich die Punkte der Klassenarbeit heute mal mit der Hand zusammen und erstelle keine Excel-Tabelle. Hörst Du, Frau Rebis – KEINE Tabelle anlegen!!!

Mittwoch, 2. November 2011

Bachfestpotpourri

Vor ein paar Tagen habe ich Karten gekauft - für das nächste Bachfest in Leipzig, am Ende der Pfingstferien. Heute kamen sie hier an, heute hielt ich mit den Tickets meine Vorfreude in den Händen. Es ist noch lange hin, aber die Erinnerungen an das letzte, an den Juni, die sind mir noch ganz nah ...


Ein Abendkonzert, zum Weinen ergreifend.
Das Orchester in organischer Bewegung, alle miteinander im Schwingen - ein beeindruckendes Bild von gemeinsamem Atem, selbst wenn man nichts hören würde. Jeder einzelne, der da auf dem Podium sitzt, ist Medium für die Quelle, der die Musik entspringt. Es macht erbeben, hört man diese spielen. Und die hauchzarten Töne der Altistien, uns tausend in der Kirche in die atemberaubt schweigende Ergriffenheit bannend  ...
(Während die Sopranistin beim Singen so in den Knien hüpft, dass jeder Gesanglehrer einschreiten würde. Wäre sie nicht schon so renommiert :))

Inmitten glockenstimmiger Thomanerjungs (oh, die sind ja so klein wie der meine!) in der Kirchenbank sitzen und singen. Dabei den berühmten Countertenor zum Anfassen nah vor sich haben. (Nein, angefasst habe ich ihn nicht :) Aber angesprochen.) Die beiden älteren Damen neben mir, zum Singen gekommen, lesen im Programm: "Ein Countertenor - nu, des wär'ma ma gucke, was des nu wieder gibt..." ;-)

Dem Thomaskantor auf der Straße entgegenlaufen. Weil ich bei seinen Spontankonzerten tagelang in den ersten Reihen saß, wirkt er ganz verunsichert, ob er mich kennen müsse. Zumal ich ihm auch noch in die Augen schaue bei dieser flüchtigen Begegnung. Er entscheidet sich, mich kopfnickend zu grüßen. Ha - mich! Der Thomaskantor - Bachs Nachfolger, sozusagen :)
(Warum eigentlich schlendert der des Nachmittags durch Leipzigs Nebengassen und zieht ein Klamottenköfferchen hinter sich her? Ich dachte immer, der wohnt hier?)

Den jungen russischen Preisträgerpianisten hören.
Staunen. Über seine Virtuosität. Und seine unprofessionelle Unbeholfenheit Wie er unbeirrt Wasserflaschen, Stirnschweißwischtücher, Notenmappen, lose (kopierte!) Blätter auf und unter dem Flügel verteilt. Zwischen den Stücken räumt er ein wenig auf. Aber sein Spiel macht das vergessen. Und sein Mitsingen. Nein, nicht laut wie Glenn Gould. Ganz lautlos, ganz aus der Seele kommend singt sein ganzes Ich. Den Beifall zum Schluss kann er sichtbar kaum ertragen. Er winkt ihn ab. Alle glauben, für eine Zugabe. Nein. Er dankt in gebrochenem Deutsch für die Aufmerksamkeit, aber: „In meiner Kultur sind Zugaben nicht üblich.“ Und geht. Kehrt nochmal kurz um, um seine Stirntücher und Wasserflaschen mitzunehmen.
Das irritierte Publikum kann sich nicht mehr zum Weiterklatschen entschließen.

In die Johannespassion kaum hineinfinden.
Erstaunlich, warum ich gerade hier nur schwer ankomme. Weil meine Stimmung so gar nicht nach Passion ist? Weil ich die Passion kurz zuvor selbst gesungen hatte, noch zu sehr darin gefangen bin? Weil die Interpretation ungewohnt, und, ja, zuweilen sehr gehetzt, sehr holperig ist? Oder weil der Tenor - wie immer seit 15 Jahren - einfach nicht an den Evangelisten herankommt, den ich damals intensiv gehört habe und der mir für immer seine Stimme ins Ohr gepflanzt hat. Oder weil ringsum manchmal Hustenbonbonpapier raschelt, weil während der Arie "Zerfließe, mein Herze" ein Handy klingelt. Erst ganz zum Ende bin ich endlich dort.
Nur: Warum klatschen die Leute 2 Millisekunden nach dem Schlusston los - warum gibt es keinen winzigen Moment der ergebenen Stille?

Überhaupt sollte man im Programmheft nicht nur Handyabschaltung anweisen, sondern auch solches: Bitte nehmen Sie Ihre Bonbons vor dem Konzert aus der Tasche und wickeln Sie sie verzehrbereit aus. Und das: Bitte halten Sie Ihr Programmheft so in den Händen, dass es auch während eines gelegentlichen Einnickens nicht zu Boden fällt.
Es ist unglaublich, wie viele Bonbonauswickler, Taschenkramer, Handyklingler, Programmrunterwerfer, Indieandachtsvollestillehineinklatscher in den Konzerten sitzen. Ich bin da nicht pingelig, nicht empfindlich, aber zuweilen ist es arg. --- Sind das die Leute, die in solchen Konzerten sitzen, weil „man“ das eben tut? Weil „man“ sonst nicht dazugehört? Ich frage mich wirklich …

Und schließlich das Konzert am letzten Abend.
Für das ich gar keine Karte habe. Welches schon 10 Minuten nach Beginn des Online-Ticketverkaufs im Herbst vergangenen Jahres ausverkauft war. Für welches es nur ein Wort gibt, wenn man es in der Stadt irgendwo erwähnt: „Ausverkauft“. Und in welches ich so unbedingt will. Und später einsehe, dass ein „unbedingt“ hier nichts zu suchen hat, dass ich es beim Wollen belassen muss. Beim offenen Wollen, welches kein „Muss“ ist.
--- Dieses Wollen, wie es mich bedrängt und wie ich mich daraus löse ... Darin steckt eine wichtige Botschaft für mich. ---
Jedenfalls stehe ich zusammen mit ebensolchen Wollenden lange, lange auf einer Treppe, wartend. Wir unterhalten uns über unsere musikalischen Wege, und über unser Warten auf dieser Treppe, und auch darüber, dass sämtliche an uns vorbeiziehenden Kartenbesitzer englischsprachig sind. Wie das denn sein könne? Dann eine deutschsprechende Kartenbesitzerin. Hat ihr Ticket allerdings über eine australische Agentur gekauft, via Internet und Auslandsüberweisung und Postweg. Und zwar "erst" 30 Minuten nach Verkaufsbeginn. Denn das war ja zu australischer Nachtzeit, deswegen haben die Tickets dort wohl so "lange" vorgehalten. Nun ja, es ist schon sehr seltsam, das alles zu hören. Was die Stimmung auf der Treppe erstaunlicherweise steigen lässt. Wir wollen alle nicht mehr verbissen hinein. Stehen hier einfach und schauen, was passieren wird. Lächeln uns an, warten, summen vor uns hin.
Und plötzlich - zum Lohn für unsere Gelassenheit? - holt man uns hinein und verkauft uns Karten. Zusätzliche, per Hand ausgestellte. Einfach so, eine Karte nach der anderen wird verkauft, an die ganze lange Schlange der Wartenden. Wie ein kleines Wunder.
Ein viel größeres Wunder: Die Musik, die wir dann hören dürfen. Ich bin sehr schnell ganz da.
Einmal weine ich. Aber das mag ich in diesem Bachfestpotpourri nicht erzählen. Weil es Tränen mit Himmelsweite sind.
Bachfestschlussmusik.

Danach noch eine letzte Stunde durch die Stadt schlendern, im Hof des Bachmuseums Kruzianer- und Thomanerknaben beim Einsingen zuhören. Aber keinen Neid mehr spüren auf die Besucher, die in langen Schlangen in dieses Konzert hineindrängen. Für mich ist es richtig, jetzt abzufahren. Ein guter Schlusspunkt.
Direkt vor dem Bahnhof, in Gedanken schon mein Gepäckschließfach suchend, laufe ich noch einmal jenem Countertenor fast in die Arme. In T-Shirt und Jeans, mit Baseballmütze, das italienische Orchester im Pulk hinter sich herziehend. Auf der Suche nach einem Ort zum Essen, Trinken, Beisammensitzen. Die gibt es auf Leipzigs Straßen zur Genüge.

Aber ich fahre ab ...


Und bald fahre ich wieder hin. Wie viel Vorfreude so ein bisschen Ticketpapier auslösen kann!

Dienstag, 1. November 2011

Blätter

Heute und gestern auf der Terrasse - es ist unglaublich ...




Während es im Zimmer so aussieht. Der Versuch, einen Überblick zu gewinnen, in all meine Unterlagen eine neue Ordnung zu bringen. Jedenfalls in die, die ich in meiner neuen Tätigkeit bald brauchen werde.


(Heute hat sich der Boden schon wieder ein wenig gelichtet.)

Und immer wieder gehe ich raus - hierher ...

Montag, 31. Oktober 2011

Studentenstadtausflug

Eine Woche sind die Kinder weg, eine Woche im Oma-Opa-Berlin-Urlaub. Eine Woche habe ich hier zu Hause nur für mich, kann tun und lassen was ich mag. Ganz so wie damals im Studentenleben. (Und seither kaum je.)

Ich nehme den ersten Abend und fahre mit dem Bus in die Stadt. Doch, ja, manchmal war ich fahrradfaul, und wir hatten ja eh das Semesterticket. Stehe also lesend an der Bushaltestelle - wie damals. Fahre die altvertrauten Wege, ins Zentrum hinein, die Lichter am Fluss, der Umsteigeplatz. Er hat bis heute den Charme einer Bahnhofshalle. Wie verloren ich mich auf ihm fühlte, anfangs, und lange noch. Immer wenn ich nach der Abendvorlesung im Werbelichtermeer stand und auf meine Tram wartete. Oder auf meine Verabredung. Oder mein Fahrrad über den Platz schob.
"Damals": das war genau vor 20 Jahren, fällt mir bei dieser Gelegenheit ein. Wintersemester 91/92, in den späten Oktobertagen, da begannen meine Wege in dieser Stadt.

Die Hauptstraße. Schon damals wunderte ich mich, warum sich all die Leute am Sonntag auf ihr entlang wälzen. Schaufensterspaziergänger zu Tausenden. Heute bin ich eine davon. Die Schaufenster sind lang nicht mehr die gleichen. Mehrfach ausgetauscht über die Jahre. 1-Euro-Ketten haben Einzug gehalten, Fastfood-Dominanz, und allerorten das Schild "Räumungsverkauf". Das gab es damals noch nicht - oder schaffe ich mir eine Vergangenheitsidylle?

Vorbei am Institut, das damals meinen Neid erweckte. Weil die, die in ihm studierten, meinen Kindheitstraum leben durften. Heute bin ich froh, dass es dazu in meinem Leben nie gekommen ist. Vorbei am nächsten Institut, in dem wir unsere Zeit absitzen mussten. Pflichtscheine, inhaltlich überflüssig, meine ich bis heute - nichts habe ich aus diesem Haus für meinen Beruf nach Hause gebracht. Nuja, wir haben diese Seminare mit Humor genommen, haben etwas anderes aus ihnen gezogen. Wie wir als Lehrer mal NICHT werden wollen ... vielleicht also war es doch fruchtbar, dort, in jenem Institut.

Ich laufe weiter, schaue den Entgegenkommenden ins Gesicht. Denke immerzu, dass ich jeden dritten kennen müsste. So lange wie ich hier war, so viele Chöre, so viele Studienkontakte. Und mittlerweile so viele Schüler. Suche nach bekannten Gesichtern, doch selten genug finde ich eines in der Menge. Und meist kann ich es dann keiner Situation mehr zuordnen. Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit.

Nächste Ecke. Kaum finde ich die Straße, in der die Freundin wohnt. Die Geschäfte sind alle neu - jetzt also umlernen: beim Schuhladen einbiegen. Ihr Treppenhaus dagegen ist das alte. Der Geruch, das Knarren. Und oben der Küchentisch unter den Dachbalken. Abende- und nächtelang teilten wir hier Gespräche beim Wein. Heute zunächst Tee - den Wein werden wir erst nach dem Konzert trinken. Eine Vertrautheit wie damals. Wie oft, wie oft saß ich hier ...

Später vor der Kirche, klar, da sind sie, die bekannten Gesichter. Chorsänger, die dieses Projekt ebenfalls nicht mitgeprobt haben, auch nach einer Karte anstehen. Selten war ich Zuhörerin in dieser Kirche. Fast alle "meine" Chöre hatten hier ihren Konzertort. An die 100mal werde ich hier gesungen haben.
Heute stehe ich nur in der Kartenschlange. Zu viele schulische Termine in letzter Zeit, zu viele Proben habe ich versäumt, als dass ich guten Gewissens dort mit auf dem Podest stehen dürfte. Das ist mir im Studium nie passiert.
Und als mich in der Schlange noch eine Frau anspricht - "Ich bin die Mutter von Felicia ..." - da bin ich wieder in der Jetztzeit angekommen. Studentisches Gefühl vorbei. Stimmt ja, ich bin "erwachsen", bin Lehrerin - aber über Felicia und meinen Matheunterricht mag ich heute nicht reden. Zum Glück finden wir ein anderes Thema ...

Sonntag, 30. Oktober 2011

Landschulheim

Eine Woche ist es jetzt her. Alle Erschöpfungserinnerungen sind wie weggeblasen. Dass ich am Tag danach von einem Nickerchen ins nächste fiel. Dass wir drei Tage lang einen Großteil unserer Kraft in die Essenserziehung stecken mussten (und manchmal keine Lust mehr hatten, weil wir dachten, dass das doch eigentlich die Eltern ... naja ...). Dass es in dem Heim hellhörig und sowas von laut war, selbst bei unserer eher ruhigen Klasse. Dass wir nachts gefühlte dreiundsiebzig Mal in das eine Jungenzimmer rennen mussten und uns auf dem Flur schon schlaftrunkene Mädchen entgegenwankten - "Wir könn'n nicht schlafen, die sind so laut." - und wir die Jungs am liebsten samt Bett und Schlafsack raus in den Wald gejagt hätten, nicht ohne uns mächtig unfähig zu fühlen. Dass wir drei Tage lang von allen Seiten ein "MÜSSEN wir zurückwandern?" ins Ohr gejammert bekamen ...
All das ist vergessen.

Geblieben ist ...

... wie wir gelacht haben, mit den Kindern, ohne die Kinder, beides ...

... wie vertrauensvoll es war, von allen Seiten (naja: von fast allen; wäre ja seltsam, gäbe es nicht Kinder, bei denen sich Schwieriges offenbart; aber gut, eine solche Zeit zu haben, um dies wahrzunehmen, um jetzt gezielter beobachten und reagieren zu können) ...

... wie liebevoll die Heimmutter nicht nur in der Küche fantastisches Essen in kaum zu bewältigender Menge bereitete, sondern auch uns beiden Lehrerinnen einen Stapel Kaffeemarken nach dem anderen für die neue Espressomaschine in die Hand drückte - wir kamen mit dem Kaffeetrinken gar nicht hinterher :) ...

... wie großartig die Klasse mitzog, als wir von unserem Prinzip nicht abließen: jedes Spiel, jede Gruppenaktivität, jede Tischordnung in neuer, zufällig ausgeloster Gruppenzusammensetzung - sie durften nicht ein einziges Mal in den drei Tagen ihre Partner selbst aussuchen und haben das großartig gemacht, haben sich in so erstaunlicher Weise zusammengefunden, ganz gleich mit wem ...

... wie froh wir waren, dass es keine Heimwehtränen gab, vor allem nicht bei den Kindern, die vorher schon Bauchschmerzen hatten, weil sie - lässt man die Gruppen sich nach Wahl zusammenfinden - immer und immer wieder übrig bleiben - und für diese Kinder u.a. war unser permanentes Zufallsdurchmischen auch gedacht ...

... wie wir ein bisschen stolz waren, als der Polizeikommissar, der für den ersten Baustein eines Gewaltpräventionstrainings angereist war, der Klasse zum Abschluss seine Beobachtung spiegelte: wie gut hier alle miteinander umgehen würden, sogar die Jungen mit den Mädchen und vice versa - das wäre in anderen Klassen dieses Alters längst nicht so selbstverständlich, längst nicht so reibungslos ...

... und wie wir uns immer wieder bewusst wurden, dass wir vermutlich großes Glück mit dieser Klasse haben, denn die waren vom ersten Tag an so. Auch die anderen Lehrer der Klasse: es mache soo Spaß mit ihnen. Find ich auch. Vorgestern in Mathe war ich wieder schwer begeistert ...

Und vorgestern als Stundenabschluss haben wir auch meine Fotos angeschaut, groß mit Beamer an der Wand. Da kam alles nochmal ein bisschen zurück.



Eierwurfwettkampf - ein rohes Ei war so in Naturmaterialien zu verpacken, ohne jedes von Menschenhand gemachte Hilfsmittel, keine Schnüre, keine Tüten, dass es einen Sturz aus dem zweiten Stock überlebt. --- Zwei von fünf Eiern haben es geschafft!







Wilde Wege.
(Und dass sie so große Tüten dabei haben, das liegt an dem Sammelauftrag, den sie von uns hatten.)







Hausbau im Wald.





Hochmotivierende Arbeitsaufträge. Dieser hier: Jede Gruppe geht ihr gebautes Haus wieder zerstören - möglichst unfallfrei - damit nachfolgende Klassen nicht schon alles fertig vorfinden. Sie waren selten so schnell unterwegs :)





Ein Kran aus 30 Armen, und wie alle gebannt und konzentriert daran arbeiteten, Stein auf Stein zu setzen. Diese Gesichter!!! (Faszinierende Fotos, die Bände sprechen - nur leider kann ich die hier ja nicht zeigen.)









Rückweg über die Berge im Morgennebel.

















Abschlussreflexion.









Letzte Schritte im Wald, das Ziel unten am Fluss schon sichtbar ...






Gut war es.

Freitag, 28. Oktober 2011

Ferienanfangsabend

Dieser erste Abend, das ist immer der beste Ferienmoment.
Zumal wenn es einen überkommt wie mich heute. Die Schule verlassend, aus einer prallvollen Woche ohne Atempause, oder eigentlich aus einem prallvollen Monat heraus, bleibe ich auf dem Weg zum Auto stehen und sehe plötzlich Herbstfarben - orangefarbene Wärme, rotes Leuchten, gelbes Strahlen, all das ist um mich her. Und erst da wache ich auf: Ferien!!! Ich habe ja jetzt Ferien!
Ich bin noch ein bisschen überwältigt von diesem Gedanken. Ich muss erst ankommen.
Dieser wundervolle Ferienanfangsabend ...