Sonntag, 25. November 2012

Zweimal

Kaum zwei Wochen lagen dazwischen.
Zweimal in so kurzer Zeit stehen wir im Glockenläuten einer kleinen Kapelle, inmitten von Gräbern, mit Blick über ein Dorf auf die Weite der umliegenden Hügel. Beide Male inszeniert das Licht abrupte Wechsel von herbstenem Leuchten und windiger Düsterkeit, unwirklich fast. In die Menschentraube hinein - zu viele sind gekommen, um Platz im kleinen Kirchenraum zu finden -  tönen Lautsprecherworte, vermischen sich mit Hagelgeprassel auf Schirmen, mit geweintem Schneuzen, mit dem freien Himmel über uns.
Zweimal in so kurzer Zeit, zweimal stehen wir dort.

Ich weiß nicht, wo all das deponieren. Muss innehalten. Hier. Jetzt. Am Wochenendvormittag. Ein bisschen was lassen. Erzählen ...

... davon, dass diese beiden, rechnet man ihre Lebensalter zusammen, immer noch ein Vierteljahrhundert jünger waren als meine Oma, welche sich in diesen Tagen - mag sein? - allmählich auf ihren letzten Weg begibt. In all der Ruhe, die sie immer in sich trug. Als ich da auf den Hügeln stehe, in diese beiden fremden Leben hineinlausche, von denen Abschied genommen wird, da fließt mein eigener Schmerz des Loslassens mit, und Dankbarkeit. Beides. Es ist vielleicht ein und dasselbe.

... von der Hilflosigkeit, mit der all die jungen Menschen am Grab stehen, ihre Tränen unterdrückend, unterdrückt habend (wer weiß wie lange schon), bis diese sich laut schluchzend Bahn brechen. Mitten hinein in die Worte, die einer von ihnen versucht zu setzen. Worte, dem Freund mitzugeben, Worte, von denen wir noch vor wenigen Monaten nicht ahnten, wie bald sie zu sagen sein werden - damals, als diese noch auf unseren Schulbänken saßen. Sie wissen sich nicht anders zu helfen als die Erwachsenensprache zu wählen, diese Nachruf-Sprache voller Unfassbar!-wirwerdenihmeinehrendesAndenkenwahren-Erschüttert!-Worthülsen für das Unsagbare.
Die Erwachsenen vermögen ihre Sprachlosigkeit ja auch nicht anders zu kleiden. Schicken dem gewesenen Arbeitskollegen Kränze von zwei Meter Durchmesser hinterher - mir wird kalt - all diese Berufskränze an den Wänden der kleinen Kapelle - und mir wird warm: das kleine Blumenherz, zart am Boden liegend, mit innigen Worten auf kleine lebendige Herbstblätter geschrieben, von seinen drei allerliebsten Menschen.
Und noch wärmer: als die kleine Schwester spricht, voller humorvoller augenzwinkernder Liebe ihrem großem Bruder sagt, was sie ihm schon immer mal sagen wollte ... und ich denke beruhigt, mit dieser Tante an Deiner Seite, und mit solcher Vaterliebe in Dich hineingeschenkt, da wirst Du gut geführt werden bei all Deinen nächsten Schritten, kleine J. So bleiern sie auch sein mögen.

... von den Urteilen, die ich vorher in mir trug. Oder nein: von deren sanfter Auflösung - als sie von ihrem Sohn erzählen, als in einem kleinen Stück Holz, welches wir da draußen noch nicht mal sehen können, so alles sichtbar wird über diesen Menschen, und über seine Familie, die ihn noch einmal zu sich nach Hause geholt hatte. Wie ich mich getäuscht hatte ...

... von einer Mutter und einem Vater am Grab, andere Menschen umarmend - kraftsuchend, und dabei noch kraftspendend, so will es mir scheinen. Ich wage kaum, von dieser Umarmung anzunehmen, denn nicht ich bin es doch, die jetzt Trost braucht .... Und von einer Ehefrau, die auf ihre tränengeschüttelten Töchter sich stützt, stützen muss, um weitergehen zu können. --- Bilder, ich nehme sie in aller Tiefe mit.

... von ihr, wie sie plötzlich auf dem Schulflur steht, sich glaubt entschuldigen zu müssen, dass sie den Vortrag in diesen Tagen nicht wird halten können - und ich sie nur wortlos in den Arm nehme. Und ihr zu ihren Gedanken - das hätte mein Papa doch nicht gewollt, dass ich mich nun gehen lasse - versuche ein paar von meinen zu geben - über Schwachsein und Starksein und darüber was das Herz braucht und sucht und entscheidet. Ich ahne, dass dies in den nächsten Monaten unsere dringliche Aufgabe ihr gegenüber sein wird: sie vor ihrem Sichverpflichtetfühlen, ihrem eigenen Ich-muss-doch-aber zu schützen.

Und dann das Gefühl von Schuld. Schwer zu fassen. Seine blauen Augen, da links in der Bank, noch so klar vor mir. --- Was habe ich versäumt? Versäumt zu sagen, zu tun, zu spüren, zu halten, zu hören. Wie mag diese Frage erst in seinen Nächsten kreisen ...

Und das Gefühl von Leere. So viele Nichtbegegnungen, Uneigentlichkeiten, Nichtwesentlichmomente im alltäglichen Schulleben. Und Hilflosigkeit, auch das, unter uns Kollegen. Vieles wäre zu sagen, mit vielem wären die Tränen zu füllen, die wir gemeinsam an den Gräbern geweint haben. --- Und schon ist wieder kein Raum dafür im Schulalltag. Oder richtiger: nehmen wir uns diesen Raum nicht. Schon gehen wir weiter, jeder für sich. Wachgerüttelt, ja, gewiss, und wie. Aber ob der Same, den eine jede Begegnung mit dem Tod schenkt, nun auch keimen, wachsen, reifen darf?

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