Donnerstag, 27. Februar 2014

Stimmbildung


Es ist ein schon ein paar Wochen her. Dort, auf jenem Wochenende, begegnete ich ihr.
Oder eigentlich ja mir. Als ich da nämlich stand - in der Einzelstimmbildung - in vorsichtigem Ertasten, in Kontakt und Konfrontation mit den eigenen Tönen, im erinnerten und wiederkehrenden Gefühl, dass - und wie! - es im ganzen Körper schwingt. So dass der Teil meines Ichs mitvibriert, den man dann gar nicht mehr Körper nennen kann.
Ja, so war das immer im Gesangsunterricht.

Eine sanfte Entscheidung, bisher noch nicht in die Tat einer konkreten Verabredung umgesetzt, aber doch seit jenem Tag präsent: diese Frau wäre es. Mit ihr würde ich einen neuen Versuch wagen, das Singen wieder in meinen Alltag zu holen.
Nicht, um wie zu Studentenzeiten in kleinen Kirchen solistisch aufzutreten. Nicht, um wie damals in guten, besseren und unglaublichen Chören mitzusingen, oder im Stadttheater als Aushilfe auf der Opernbühne zu stehen. Nicht um in irgendeiner Weise mit meiner Singstimme in irgendeine besondere Form der Öffentlichkeit zu gehen. Ganz im Gegenteil. (Ich traue mich ja kaum zu singen, sobald jemand hier im Haus ist.)
Ich brauche den Unterricht bei dieser Lehrerin nur noch für mich. Um mich zu spüren. Um mir aus einer ganz nahen Position heraus zuzuhören. Um genau in mich und meine Töne hineinzufühlen. Um die Klänge - und darin mich - zu erkennen. Um zu mir zu kommen, bei mir zu sein, in mir zu bleiben. --- Und dann: Um zu staunen, zu schweben, zu leben. --- Wer sich jemals intensiv durch sein eigenes Singen hindurch gespürt hat, wird verstehen, wovon ich rede.

Und um - hm, wie soll ich das sagen? Das was ich jetzt spontan schreiben wollte, klingt sicher unverständlich. Also hole ich weiter aus: Zwei gute alte Bekannte hatte meine wiederkehrende Stimme im Gefolge. (Immer wenn alle aus dem Haus sind, sobald ich allein bin, singe ich sofort los.) Wie diese Bekannten nennen? Sagen wir mal: Herr Wollen und Frau Lautstärke.
Gewollte Lautstärke also, Dauerbegleiter meiner Stimme. Immer schon. - Immer noch? Ich werde nachdenklich. Versuche in den Begleitern zu lesen wie in einem Spiegel.
Das Gefühl nicht genug gehört worden zu sein (immer schon?) - daher soll es laut klingen, daher arbeite ich an jedem Ton mit aller Kraft, presse ihn in Räume mit noch mehr Resonanz, binde ihn an Orte, die eigentlich für andere Klangfarben bestimmt sind, überfrachte ihn mit Forcierung.
Nicht loslassen, nicht einfach zulassen, nicht mir selbst (und der Welt) zuhören zu können - daher halte ich fest und mache und tue und will und sorge dafür, dass es klingt wie eben ich mir das jetzt vorstelle. Und nicht wie sich der Ton im Moment einfädelt und ergibt und fügt.
Die Dinge mit Kraft in die Hand zu nehmen. Mit unguter Kraft, die krank macht.
Herr Wollen und Frau Lautstärke also. Wie sehr mir diese beiden vertraut sind. Noch von damals. Ohne sie konnte ich gar nicht singen.
Und übrigens, sie bringen immer auch ihr Kind mit. Das heißt Heiserkeit. Kaum eine Stunde gesungen - und schon wehrte sich etwas in mir. Mist, sagte ich damals immer, ignorierte, und sang weiter.

Jetzt also schon wieder, sofort waren die beiden wieder da. Nur habe ich diesmal - ganz anders als damals - auch ihr Kind sofort um die Ecke lugen sehen. Und haben nicht die Augen davor verschlossen, dass es gleich eintreten wird. Nein. Diesmal habe ich es willkommen geheißen. Habe es gefragt, was es mir mitbringt, dieses Kind Heiserkeit. --- Da bin ich ganz still geworden. Und habe verstanden.
Vielleicht weil ich doppelt so alt bin wie damals - ob es daran liegt? Oder daran, dass ich so manches erlebt und erfahren habe inzwischen? Oder daran, dass ich - selbst ohne zu singen - so manch Heiserkeit durchlebt habe, mich ihr stellen und fügen musste, immer wieder, so dass sie mir eine gute Vertraute geworden ist, mit der ich fast schon befreundet bin?
Gut so, sage ich also jetzt. Ich darf in diesen drei Gästen wie in einem Buch lesen. Wollen, Lautstärke, Heiserkeit. Und dazwischen ich. Nicht mehr trotzig mich dagegenstellend, nicht mehr das Buch umschreiben wollend. Sondern lauschend und schauend, was ich denn nun dort alles für mich herauslesen kann.

Und siehe da - gleich auf Seite Eins:

Die größte Kraft auf der Welt ist das Pianissimo.
(Maurice Ravel)

Ich höre.
Und übe zu singen.


PS: Eigentlich schrieb ich hier ja von meiner Arbeit als Lehrerin. Nicht vom Heiserwerden durch das Sprechen vor der Klasse - nein, das meinte ich nicht. In Dezibel zu messende Energie, geschrieene Lautstärke im Klassenzimmer, die war noch nie meins. Sondern ich spreche von all der Energie, die ich als Frau Rebis einsetz(t)e, um die Beziehung zu "meinen" jungen Menschen zu gestalten. Von all meinem Wollen und Forcieren und Nichtloslassen und Überfrachten meiner TöneSchüler mit Kraft, die letztlich als ungute wirkt. Davon, dass ich meine Energie stets mehr in mein Tun als Lehrerin bündelte als sie sich im Sein meiner Schüler entfalten zu lassen. Erst allmählich beginne ich zu verstehen: Erst wenn ich meine Lehrerstimme ins Pianissimo geführt habe, wird alle Heiserkeit verschwunden sein. Erst dann wird es sich richtig anfühlen.

PPS: Es kann kein Zufall sein, dass mir mein erster Gesangsunterricht, vor bald 20 Jahren war das, genau in der Zeit zufiel, als auch meine Entscheidung reifte Lehrerin zu werden. So stimmig, die Stimme als Spiegel.

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