Samstag, 26. April 2014

Ein Fahrrad-Foto-Experiment

Wow! Eine Radtour von der Haustür aus in unser "Hinterland", das ich in fast 20 Jahren Hierleben nie besucht habe - welch eine Eröffnung!
Welche Landschaften, welche Wunder am Wegesrand, welch staunenmachendes Licht. Der Tag war gefüllt mit den sattmachendsten Farben - mit zartem Neugrün in verzauberndem Licht, mit dem blühenden Blau des Himmels, mit dem Gelb des Rapses. Meine inneren Bilder bringen mich gleich zum Bersten.

Doch kaum eines dieser Bilder ist auf einem Foto gespeichert. Morgens nämlich, beim Losfahren, erschien mir noch als leicht spleenige Idee, was dann im Laufe des Tages Wirklichkeit wurde. Weil mein dauerndes Fotografieren und Fotografierenwollen immer ein wenig auf dem Sohn und mir gelastet hatte, wenn wir gemeinsam per Rad unterwegs waren, und weil ich nicht erahnte, wie unglaublich schön dieser Tag werden würde, und weil ich gerade beim exzessiven Aufräumen meiner Festplatte gefühlte Milliarden an Idylle-Fotos vor sich hindümpeln sah - deswegen verkündete ich dem Sohn, als wir uns bibbernd im Morgenlicht auf die Räder setzten, dass ich heute mal anders fotografieren würde. Genau alle fünf Kilometer nämlich nur, und zwar immer ein Foto in Wegrichtung, eines in Zurückrichtung, eines nach rechts und eines nach links.
So wenig wie ich die Wendung "gesagt, getan" mag, so sehr passt sie hier :) Die Regeln hatte ich mir eng gesetzt. Immer auf dem glatten Kilometer anhalten, bis auf 10 Meter genau, laut Tachoanzeige. Dann absteigen, höchstens 5 Meter vom Fahrrad entfernen, fotografieren. Die Vorwärts-Bilder mit einer Brennweite zwischen 35 bis 50, die anderen zwischen 24 und 35. (Warum dieser Unterschied? Weiß nicht. Es kam so von allein. Weil man vorwärts genauer hinschauen muss?) Blende meist 9, also keine Tiefenschärfevariation. Bei den seitlichen Bildern wich ich manchmal etwas von der 90°-Richtung ab (nämlich dann, wenn sonst das, was mein dilettantischer Bauch Bildkomposition nennt, irgendwie unbefriedigend schien).
Soweit mein Vorsatz. Und genau so tat ich es.
Ich hatte also - selbstgewählt - keine Wahl, was auf den Bildern erscheinen würde, was sie zeigen würden, in welchem Licht sich meine Reise darstellen würde.

Dem Sohn machte es Spaß, er hielt immer schon von allein an, wenn eine 5-km-Marke in Sicht kam.
Und mir brachte es vor allem Erstaunen. Denn seht selbst:
(Vorsicht, sehr viele Bilder. Denn wir fuhren ja nicht nur ins Nachbardorf. Beim nächsten Mal also wäre eine größere Kilometertaktung sinnvoll. Und außerdem: Schonungslos zeigt sich hier die tonnenförmige Verzeichnung meines Objektivs. Und wie schmutzig es ist :))


Start



km 5






km 10







km 15






km 20






km 25






km 30






km 35






km 40



 



km 45






km 50






km 55






km 60






km 65






km 70






km 75





(Und bei km 80 saßen wir schon im Zug.)


Und? Sind da viele Gemeinsamkeiten mit dem Anfang meines Blogsposts? (Die ich vielleicht nur nicht wahrnehme?)
Wann immer ich nämlich vor Staunen ob der Landschaft innehalten wollte, war weit und breit keine 5-Kilometermarke in Sicht. Ich atmete tief ein, und aus, und wieder ein und aus, und nahm mir innere Bilder mit, ohne auf den Auslöser zu drücken.
Während dann pünktlich zum Fotopunkt - der Sohn lachte immer schon - ein Gewerbegebiet, eine Ortschaft, ein Traktor, ein Hochspannungsmast oder wenigstens ein Verkehrsschild des Wegs kam. Die meisten Sichten hätte ich nie so fotografiert, wie sie sich jetzt auf den Bildern finden. (Warum denn eigentlich nicht?)

Was sagt mir das?
Vielleicht gab es gar nicht so viele wunderbare Bilder. Vielleicht gewichte ich diese innerlich nur stärker. Vielleicht bleiben nur diese in mir haften, und zwar lange und alles andere überlagernd. Vielleicht fahren wir also tatsächlich meist durch ganz realistisch-nüchterne Welten, fangen aber mit unseren Sinnen das Tragende, das Nährende, das Beglückende ein.

Oder erfahre ich etwas über meine Art zu sehen?
Vielleicht nehme ich ja immer nur punktuell wahr. Vielleicht nur zu zufälligen Zeitpunkten, und nur selten in den Momenten, die mein Leben eigentlich ausmachen. Vielleicht habe ich gar keine Wahl, welche Bilder sich mir vor Augen führen. Und vielleicht nehme ich zu oft das, was zufällig in mein Auge fällt, als meine Realität. Vielleicht liegt das Eigentliche dazwischen, lässt sich nicht festhalten, nicht in materialisierter Form aufbewahren, wie ich es gern hätte, und noch nicht einmal erahnen, möglicherweise.

Oder zeigt sich hier eher eine Aufgabe?
Vielleicht kann ich lernen, in den "richtigen" Momenten zu schauen, meinen Blick auf die "richtigen" Dinge zu lenken. Oder aber: Mir bleibt zwar keine Wahl, dass ich um mich herum zunächst immer nur eine ernüchternde Realität wahrnehme, welche nicht auf den ersten Blick beseelt und beseelend ist. Aber dass sich dazwischen, daneben, dahinter die wirklichen Geschenke befinden, dies kann ich lernen zu erahnen, zu begreifen und zu leben, ohne es stets bildlich vor Augen zu haben.

Vielleicht vielleicht vielleicht ...
Vielleicht sollte ich den Weg in den nächsten Wochen nochmals fahren, mit anders fokussierter Kamera. Um zu schauen, ob sich mir zeigt, welche Bilder wirklich dazwischen liegen ...

Kommentare:

  1. Ich finde es prima, dass Sie (noch immer)händisch fotografieren. Ich fange es im Herbst wieder an.

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  2. Wenn Sie mit "händisch" meinen, so richtig mit Sucher und Objektiv zum Drehen: Ja, ich liebe das Gefühl, den Apparat so vor dem Auge zu haben .... Das Andere (mit so einer Minihosentaschenkamera) hatte ich mal kurz probiert, es hat mich aber immer irgendwie unzufrieden gelassen - gar nicht mal so mit den Bildern, sondern eher mit meinem Gefühl beim Fotografieren.

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