Montag, 11. Januar 2016

Ferienbrücke


Der erste Ferientag ist immer auch ein letzter Schultag.
Ich sehe uns da noch durch die Gänge hasten, Broschüren, Unterschriftenlisten, Klassenarbeiten, Januarplanungen, tausend Zettel verteilen, ausfüllen, besprechen, abgleichen, kopieren, tackern, abheften. Es ist gar nicht lange her.
Wie wir dann aus der Unruhe heraus auf die Dienstbesprechungsstühle sinken, sehr persönliche Worte vom Chef hören, ins alte Jahr hineinerinnernd, ins neue hinausblickend. Und dass wir nun alle in den Ferien auftanken sollten.
Wir beginnen damit umgehend, mit einem Glühwein vor dem Lehrerzimmer, als Schritt über die Ferienschwelle. Die Lieblingskollegin hat sich wegbeworben, das überrascht mich nicht, und es tut weh. Ich bin noch stiller als sonst. Die umherschwirrende Fragerei Was machst du in den Ferien, fahrt ihr weg, hast du schon alles fertig für Heiligabend? geht mich kaum etwas an. Wunderbare Kollegen sind es, mit denen ich zusammenarbeite, aber in den Ferienwelten trennen sich unsere Wege. Da sitze ich schon jetzt ein wenig fremd im Raum.

Irgendwann gehen wir nach Hause, mit Korrekturenstapeln unterm Arm und noch nicht verebbter innerer Unruhe. Die ersten Ferienstunden leiden unter der angespannten Erwartung, die ich ihnen aufbürde. Das ist ja immer so. Niemals falle ich sofort in die Ferien und fühle mich befreit. Ein Übergang will Weile haben. Ich nutze diese Stunden für Schreibtischarbeit. Etwa, die Unterlagenstapel des Schuljahres 14/15 aufzuräumen. Liegen ja lange genug hier herum.
Irgendwann - es ist kurz vor Heiligabend - wird es Zeit, mich von der Schreibtischarbeit loszueisen. Ich muss dies konsequent und abrupt tun: Tisch leerräumen und ein Puzzle auf ihm ausbreiten.


Ja, meine jahrzehntealte Weihnachtsferientradition - ich baue tagelang riesige Puzzle zusammen - hilft wie immer, die Schule für den Moment hinter mir zu lassen. Diesmal entsteht auf dem Tisch ein Blick in eine Mittelmeerwelt; er ist mir zu bunt. In einem anderen, größeren Bild setze ich eine Weltkarte zusammen. Sehr symbolisch, sinniere ich. Teile und Teilchen des alten Jahres, welche sich über den Jahreswechsel hinweg allmählich zu einem Ganzen zusammenfügen werden.


Mit dem Puzzle auf dem Tisch breitet sich Ruhe in mir aus. Das Gefühl rastloser Enge wird an den gedanklichen Rand gedrängt, und ich seufze. Durchatmen gebiert zuweilen tiefes Seufzen. Und Leere. Ich weiß gar nicht, wie viele der ersten Ferienstunden ich einfach nur dasitze. Auf dem Sofa, auf dem Boden, selbst im Auto, vor dem Aussteigen. Mit Kerzen, abends mit Wein, mit Stift in der Hand, und ohne. Ohne alles, nur mit mir selbst.

Die Weihnachtstage kommen und gehen, ich werde krank. Kaum hat jegliche Spannung nachgelassen, setzt mein Körper ein Zeichen, zieht mich in die Waagerechte, tut weh, hustet, niest, fühlt sich zittrig an. Polstert die Welt mit Watte aus, bettet mich in eine dumpfe Höhle. Der Körper nimmt sich sein Recht, nach all den vergangenen "gesunden" Monaten, in denen ihm außer Funktionieren nichts gestattet war.
Ungeduldig und zähneknirschend gestehe ich ihm dies zu, brauche ein paar Tage, bis ich es zu genießen beginne. Ja, doch, genießen, auf eine Art. Körperliches Ruhiggestelltsein als Beet, als Nährboden für frisch aufknospende Kräfte. Geist und Seele dürfen wach sein und unbeirrt wandern, suchen und sich sehnen, während der matte Körper mich davon abhält, mich erneut dem Hasten auszusetzen.

Und irgendwo dort, in meinen Krankseinstagen, muss sich mir ein gewaltiges Kraftreservoir aufgetan haben. Ich merke es beim Auftauchen aus dem Fieber, während ich mich schon dem Ferienende nähere. Später als sonst, langsamer auch, gehe ich es an. Nicht - wie geplant - schon letzten Montag, nicht mit diszipliniert abgearbeiteten Pensen, sondern allmählich, in einem verträumten Tempo drifte ich durch die Aufgabenberge und singe dabei innerlich. Meine üblichen Arbeitswutanfälle sind diesmal kurz, die zugehörige innere Erstarrung bleibt ganz aus.
Und nein, ich schaffe bis zum ersten Schultag nicht alles, lang nicht alles, starte mit großen Überhängen auf der To-do-Seite in den ersten Schultag.

Vielleicht ist es aber gerade das, was sich jetzt gut anfühlt: ein Stück Selbstdisziplin und Strukturiertheit abgeschüttelt zu haben, für dieses eine Mal?
Als ich mit einer viel jüngeren Kollegin, die ähnlich durchorganisiert und perfektionistisch wie ich durch ihr Berufsleben marschiert, eine warme Neujahrsumarmung austausche, sprechen wir über unseren Begriff von "guten Ferien", von "gut" allgemein.
"Nicht gut", sagt sie, "weil ich nicht alles weggeschafft habe."
"Das kenne ich", sage ich, "und doch war es diesmal bei mir anders, dieses 'gut'."
"Oh", sagt sie, "ich möchte von Deiner Weisheit etwas abhaben."
Sie zwinkert dabei, und ich zwinkere auch. Und doch wissen wir beide, dass wir hier einen wahren Kern gestreift haben.

Der erste Schultag ist immer auch ein letzter Ferientag.
Wenn ich heute lockere, witzige, wortgewandte Stunden halten, offen (und vielleicht strahlend?) in Schüleraugen blicken, mich im Lehrerzimmer an Dutzenden Umarmungen erfreuen und dabei sogar dieses hingeknallte "Frohes Neues!" tapfer ertragen konnte, dann blitzen hier deutlich meine Ferien in den ersten Schultag hinein. Das Durcheinander mit all den Zetteln, Absprachen, Plänen und Vorbereitungen ist ein ähnliches wie am letzten Schultag, nur ich bin eine andere. Ich gehe mitten hinein in die Gespräche, mit der Referendarin über ihre Lehrprobenängste und die Bedrängnisse der abzugebenden Prüfungsarbeit, mit dem Seminarkollegen über Planungen und Nichtplanungen, mit dem Coklassenlehrer über seinen sterbenden Vater und seine Misskommunikation mit den Eltern unserer Klasse - beides -, mit der Parallelkollegin über unsere Zeitnöte und all das, was eigentlich schon bis vorgestern fertig gewesen sein sollte und wir jetzt irgendwie aus dem Boden improvisieren müssen. Für all das kann ich  mich heute öffnen, so zwischen Tür und Angel der Unterrichtsstunden, weil ich mich von der Vorferienerschöpftheit erholt fühle.

Es ist wirklich unglaublich, wie sich ein letzter und ein erster Schultag unterscheiden können. Wieviel Energie einem die dazwischenliegende Ferienbrücke zu schenken vermag. Ferienzeiten als Geschenkezeiten. Als Zu-mir-find-Zeiten. Auf so vielen Ebenen. So ist das in den Ferien.

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