Montag, 11. Januar 2016

Wünsche an ein neues Jahr


Vor einem Jahr begann ich einen Eintrag unter derselben Überschrift mit diesen Worten:
Das neue Jahr ist noch ganz jung. Seine ersten Tage gehören immer noch dem Innehalten. Dass wir erst nach dem 6. Januar mit der Schule beginnen, schenkt die Möglichkeit sanft anzukommen. Immer schon war mir ein bewusstes Hinübergehen wichtig, kann ich mich doch an sehr viele erste Januartage meines Lebens erinnern, an die mit ihnen verbundenen Gedanken, an die Weisen, wie neue Jahre begonnen haben, und auch an gute Vorsätze, natürlich.
Wie aber bei anderen Menschen auch: Gute Vorsätze scheiterten. Das muss vielleicht so sein, wenn man seine eigenen Schritte in dieser frischen noch unberührten Jahresschneedecke mit Erwartungen und Bemühungen und Vorstellungen überfrachtet. "Von nun an soll meine Spur gerade verlaufen, oder eben in besonders schönen Kurven – von nun an hebe ich die Füße mehr und schlurfe nicht mehr – von nun an ändere ich meine Schrittweite so, dass ich nicht mehr außer Atem komme – von nun an trete ich kein einziges zartes Pflänzlein mehr tot, und keine Fliege – von nun an führe ich meinen Weg in Bögen sowohl an kraftspendenden als auch an dürstenden Orten vorbei – von nun an laufe ich richtig …"
Ich glaube, solche Vorsätze können uns nicht daran hindern, weiterhin falsch zu laufen. Ich jedenfalls werde auch in näherer und fernerer Zukunft schlurfen, torkeln, trampeln, irren … müssen. Und dürfen. Ja, es gibt vielleicht nur einen einzigen lebbaren Vorsatz: Ich nehme mir vor, mir diese meine Gangart in all ihrem Ungeschliffensein zu erlauben. Und selbst hier ziehe ich sofort zurück: Mein innerer Richter wird nicht lange auf sich warten lassen. Muss ich denn nicht auch ihm gestatten, weiterhin so durch mein Leben zu ziehen wie bisher? (Mit meinem inneren Richter kenne ich mich zu schlecht aus, um hierauf eine Antwort zu haben.)

So also stehe ich vor dieser unberührten Jahresfläche, die zu beschreiten ist, und halte inne. Ich werde meine Spuren setzen, sie werden weiterhin nicht meiner Vision und keinem Ideal der Welt entsprechen, ich lasse diese Illusion los. Aber ich darf mir etwas für sie wünschen. Ich darf mich bereit machen, darf Hoffnungen leben, darf mich der Bequemlichkeit entziehen und der Veränderungsarbeit aussetzen – und dann Wünsche an meine Schritte, an mein Gehen in diesem neuen Jahr richten.

Ein Jahr später stehe ich wieder vor einer unberührten Jahresfläche, und es geht mir ganz genau so. Nur meine Wünsche, die ganz konkreten, die haben sich ein wenig verändert. Die damaligen, die finden sich hier. Ich möchte jetzt überhaupt nicht auseinandernehmen, welche erfüllt, welche offen geblieben sind. Ich schreibe einfach von meinem diesjährigen Wünschen.

Ich wünsche mir gesund zu bleiben. Immer noch wünsche ich mir das. Das "oder zu werden" des letzten Jahres kann ich weglassen. Wie gut es sich anfühlt, dies schreiben zu können. Ich spüre mich als gesundet, fast rundum. Sehe aber - ich muss mich nur ein wenig umschauen -, wie schnell sich das ändern kann.

Ich wünsche mir, dass es mir gelingt, mich meiner Bedürfnisse anzunehmen. Was so einfach klingt, so einfach sein könnte, für andere ja auch einfach ist, das ist für mich oft unendlich schwer. Bin ich dabei weitergekommen in diesem Jahr? Ich weiß es nicht. Ja, doch, ich fühle mich von innen nicht mehr so zernagt. Ich glaube, ich bin mir bewusster geworden, wohin es mich zieht, dürstet, drängt, sehnt. Was nun fehlt? Worte zu finden. Noch nichtmal an konkrete Adressaten gerichtet, sondern zunächst einmal überhaupt meinen Mund verlassende Worte. Klare oder verschwommene Worte, egal, für den Anfang.
So viele Situationen, in denen ich mich nicht um mich kümmere - ich wünsche mir, dass ich fürsorglicher mit mir selbst umzugehen vermag, dass ich offen kommuniziere, was ich brauche, dass ich mich nicht verkrieche hinter einem dauernden "ach, es wird schon so gehen".

Ich wünsche mir auch die Bedürfnisse anderer Menschen wahrnehmen zu können. Bei einigen der mir nah Seienden ist das gar nicht so einfach. Gern würde ich Geduld, Gelassenheit, Ausdauer, Humor und all das, was für dauerhafte gute Beziehungsfäden nötig ist, in Überfülle haben. Das ist ja aber wohl zu vermessen gewünscht, und darum wünsche ich mir einfach ein bisschen davon.

Ich wünsche mir immer noch mehr Begegnungen. Das letzte Jahr war schon nicht schlecht, hm, genaugenommen war es großartig gut, was Begegnungen angeht. Aber es gibt Momente, wo ich mich ungut einsam fühle. Ich würde gern weniger verloren, weniger fremd durch mein Leben reisen. Das ist natürlich nicht damit getan, dass ich einfach mehr Menschen treffe. Eher sollte ich versuchen zu lernen, in jeglichen Kontakten nicht so viel Kraft aus mir ziehen zu lassen, nicht so viel negative Energie in mich dringen zu lassen, innerlich frei zu bleiben, auch in schwierigen Kommunikationssituationen. Begegnungen, die keine mehr sind, mit offenen Worten abzubrechen. Und dann: bei neuen, wirklichen Begegnungen mich hineinzugeben und demütig das zarte Pflänzchen zu nähren.

Ich wünsche mir Unterwegssein. In Form von Reisen, von offenem In-die-Fremde-gehen. Neugier wünsche ich mir, und unängstliches Zugehen auf neue Situationen. Und auf mich selbst zu. Ja, mein Unterwegssein als stetige Reise zu mir selbst zu begreifen, das wäre nicht das schlechteste Reiseziel.

Ich wünsche mir - immer noch - mehr loslassen zu können. Selbstgestrickte Terminkorsetts, selbstaufgebürdete Verantwortungen, selbstgeschaffene Erwartungen, all das.
Besonders dringlich scheint mir mein Umgang mit der Zeit. Meine To-do-Listenobsession kommt fast schon als Gegenwartstötung daher. Permanent rutsche ich in Unbehaglichkeitsgefühle, weil das Zukünftige schon vor seinem Eintreten übervoll, ja, nicht zu bewältigen scheint. Meine Listen sind nie "abgearbeitet", so als ob mich das Gefühl nicht alles zu schaffen, stets nicht zu genügen, nicht ausreichend schnell zu sein, magisch anziehen würde. Was verschafft mir denn solche Befriedigung beim Auflisten meiner Aufgaben, warum führe ich mir das Zuviel so beharrlich vor Augen? Ich sollte vielleicht von To-do- auf Done-Listen umstellen. Oder überhaupt keine Listen mehr führen. Jedenfalls wünsche ich mir, dass Daten und Termine weniger Macht auf mich ausüben. Dass ich nicht so häufig über die Gegenwart hinausdenke, dass ich im Jetzt der Zeit die Weite des Raumes dankbar erfahre. Vielleicht schaffe ich es sogar, mein Morgenstille-Ritual wieder einzuführen? Vielleicht schreibe ich wieder mehr?

Ich wünsche mir mehr vom Schneegefühl. Was ich, glaube ich, erklären muss. Schnee schenkt mir im selben Moment Jungsein mit kindlicher Freude - der Schneeball formt sich sozusagen von allein in der Hand:) - und Altsein, was ich als den Frieden einer besänftigenden Decke erfahre. Zwei Sehnsüchte werden gleichermaßen genährt, in einem Atemzug. So müssten alle meine Tage verlaufen: in einem Bogen vom Geborenwerden durch die erst noch zu formende Form hindurch in ein besänftigendes Ende mündend. Und dann würde ich leise hoffen, dass mir solche Schneegefühlstage klarere Formen und eine deutlichere Antwort auf die Frage mitbringen, worin meine Lebensenergie aufgehen soll.

Und ich wünsche mir etwas, was scheinbar gar nicht zu mir passt: mehr Mut zu Verrücktheiten, zu Unvernünftigem, zu Ungewohntem, zu Dingen, die "man" nicht tut.

Hm, eine lange Liste.
Manches kann ich durch eigenes Tun und Sein und Gehen und Innehalten beeinflussen. Trotzdem mag ich auch diese Dinge eher als Wunsch denn als Vorsatz lesen. Ich möchte sie jedenfalls - sollten sie zu mir kommen - als Geschenk empfangen, in Demut.

1 Kommentar:

  1. Ach, Frau Rebis.

    Hast mir wieder so aus meinem Herzen gebloggt mit dem Schneegefühl.

    Was ist das nur?

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