Dienstag, 31. Mai 2011

Gedankenfluglebenswege

Und wie sie da so stehen, in der einen Hand das Glas Sekt, in der anderen Hand das frisch ausgedruckte Blatt mit den letzten Schulnoten ihres Lebens, wie wir anstoßen auf das vor wenigen Stunden oder erst Minuten bestandene Abitur, da stellt mein Mund von allein die Frage nach dem Was jetzt, nach dem Wohin. Sie erzählen: ich gehe nach ..., habe mich für ... beworben, will erst ein Jahr lang ..., studiere ... oder ..., will mich in ... einschreiben, habe Aufnahmeprüfung in ...
Ein Strauß voller Lebenswege vor mir.
Und ich ---- werde neidisch. Nicht bösneidisch, nein, mitfreudigneidisch. Aber eben neidisch. Auf das, was vor ihnen liegt, auf das bunte, geschwungene Hin-und-Her-Leben, von dem man noch nicht weiß, in welcher Himmelsrichtung sich das Ziel befindet, ja, was überhaupt ein Ziel sei auf dem Pfad ins eigene Ich - ob nicht vielmehr ein jeder Schritt eine neue Welt eröffnet, stets der Anfang vieler neuer Schritte ist. So dass ein Ankommen gar nicht erst mitgedacht wird, auf all diesen Lebenswegen.
Und überhaupt: Ankommen - was ist das?
Heute setze ich in Gedanken erstmal zum Flug an, auf ihre Wege, die mit dem Papier in ihrer Hand beginnen (oder nein: viel eher schon begonnen haben). Schwinge mich zu Lebensweggedankenflügen auf ... fliege los ... und fliege ...
Und meine eigenen letzten zwanzig Jahre tanzen vor meinem inneren Auge. Im Takt mit den Wegen der Nochnichtzwanzigjährigen, die da mit ihrem Glas Sekt in der Hand vor mir stehen ...

Kommentare:

  1. Von diesem "Neid" hast du mir schon einmal erzählt, erinnerst du dich, im Hof der Uni in Heidelberg oder etwas später auf dem Weg durch die Gassen. Ich denke, du hast in deiner eigenen Biographie diese Phase als unglaublich stark und lebenseröffnend erlebt, und ich finde es für deine Nicht-mehr-Schüler eine Chance, dass sie eine Lehrerin erleben dürfen, welche sie mit dieser Energie entlässt.
    Ich hatte das nie, keiner, der sich so bebend mit mir freute. Ich hatte Angst vor diesem Schritt hinaus in die Welt, spürte erdrückenden Anspruch an mich selber, das richtige zu tun und es möglichst gut und effizient zu tun. Da war kein Gefühl von Fliegen, das war eher eintauchen in den Ernst des Lebens.
    Im Namen deiner startbereiten Abiturienden (heisst das so? Bei uns nennt man sie Maturanden) danke ich dir für dein Mitnehmen, für das Gefühl von Chance, das du ihnen mit dem Papier in die Hände drückst und das beim Gläserklingen sich in den Klang mischt.
    Und was tust du jetzt, die kommenden zwei Wochen? Italien?????
    Ich grüss dich lieb
    Gabriela

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  2. Das ist ein Spiegel, der mir gar nicht bewusst war - ich danke Dir dafür. Wie sehr man sein eigenes Leben hineinmischt in das Mitgeben ... Ja, tatsächlich, ich bin damals losgeflogen, ohne Angst. Und erkenne in deren vielen wunderbaren Lebensvorhaben soviel Freiheit, soviel Reife.

    Es heißt übrigens AbiturienTen. Der Grund für das T statt D liegt sicher irgendwo in der lateinischen Grammatik, aber das ist zu lang her, als dass mir das noch präsent wäre.

    Was ich jetzt tue? Morgen ist offizielle Entlassfeier, am 11. Juni Abiball. Und tagsüber treibe ich ganz normal Schule :) Die Ferien beginnen erst am Pfingstwochenende. Meine Reiseziele liegen diesmal im Norden: Lüneburg, Berlin, Leipzig, Ostsee.

    Einen lieben Gruß zurück
    Uta

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  3. frau siebensachen1. Juni 2011 um 09:33

    du scheinst deinen schülerInnen beim flügel-wachsen-lassen kräftig beigestanden zu haben!

    ein prosit auf solch tolle lehrerin!

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  4. Es hat mich gefreut, von dieser Situation mit Sektglas und Notenblatt zu lesen, denn mein älterer Sohn wird das demnächst auch so erleben. Letzte Woche hat er sein Fachabi geschrieben und Ende des Monats gibts die Noten und nächsten Monat die Abschlußfeier.

    Ich habe seinerzeit mittendrin mit der Schule aufgehört und kenn ein ähnliches Gefühl nur aus dem Abschluss der Krankenpflegeschule.

    Das klingt schön, wenn du ein bisserl in Gedanken mit deinen ehemaligen Schülern mitfliegst.

    Ganz liebe Grüße an den Neckar
    Constanze

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