Samstag, 1. Dezember 2012

Momente einer Woche


Dieser Tränenpaukenschlag. Noch selten so traurigschwer vor den Klassen gestanden - die Kleinen sind irritiert, die Großen ganz still - die Stunden ziehen sich.
"Nein, ich kann das nicht machen." (Notiz an mich: Diesen Satz bitte für Friedenszeiten aufbewahren. Öfter mal einsetzen.)
Meine Kollegen sind Schätzchen. Wirkliche, ehrlich. Meine Schulleitung auch.

Allmählich komme ich zur Ruhe. Lenkt mich die Arbeit ab, wohltuend, für den Moment. Treffe die Kollegen vom anderen Arbeitsort. Auch dort gut aufgehoben, gut einander begegnet. Das alles ist ein großes Glück.

Der Tränenstrom ist für den Moment versiegt. Nicht weil ich ihn absichtlich gestoppt hätte. Sondern vielleicht, weil er zunächst genug mit sich gebracht hat? Flusssteine - Treibsand - Kindheitserkennen. So klar wie selten. So schmerzend, so heilsam.

Mittwochmorgen: Wäsche -  ein paar Dringlich-Emails - Äpfel nicht vergessen - Computer aus - Abflug in eine andere Welt - schnell schnell. Trotzdem fast zu spät.
Schlossambiente, entsprechendes Essen - hui! - bei Lehrerfortbildungen wird man sonst oft billig abgespeist. Naja, dies hier läuft ja auch unter dem Schlagwort "Führungskräfteentwicklung". (Upps: bin ich eine solche? Will ich eine werden? - Die anderen Teilnehmer sehen eigentlich auch alle ganz normal aus :) Aber was heißt "ganz normal" - habe ich ein gestörtes Verhältnis zu beruflichen Hierarchien? - Muss ich für den Moment nicht verstehen. Steht aber als langfristige Rollenklärung an.)
Hier also: Wer hätte das gedacht. Unerwartet wohlfühlen. Mitmenschlich, und inhaltlich. Drei Tage gefüllt und gewinnbringend wie selten.
Alles hat mit mir zu tun. Für mein Wirken geschult zu werden, heißt auch, mein Wirken zu hinterfragen, und mein Ich zu hinterfragen. Selbsttests sind dabei, drei Tage voller Spiegel. Die Ergebnisse überraschen mich nicht. Meine Antreiber, meine Ich-Anteile, meine inneren Stimmen. Klar, so klar stehe ich mir selbst wieder einmal gegenüber. Zwischenzeitlich tropfen ein paar Tränen aufs Papier, mitten in der Sitzung. Vor sich selbst kann man nicht weglaufen.
Aber, und das macht diesen Lehrgang für mich einzigartig, ich bekomme eine Ahnung, dass ich mein Ich nicht beiseite schieben soll. Sondern dass es zu integrieren ist, dass all mein berufliches Wirken drumherum aufzubauen ist. Dass dies möglich ist, lebt die Lehrgangsleiterin auf überzeugende Weise vor. Professionalisierung muss nicht außerhalb von mir geschehen, sondern ich kann dabei in mir bleiben, in meinem Es-ist-wie-es-ist. Mir war dies bisher nicht klar. Nun weiß ich. Dankbar. --- Als ich diesen Punkt in mein Abschluss-Feedback aufnehme und eben auch der Trainerin persönlich danke, nickt ein Teil der Runde. Die anderen verstehen nicht, wovon ich rede. Macht ja nichts. Heterogenität als Chance, hieß es immer wieder in den drei Tagen. Und dass mit mir alles in Ordnung ist. (Dieser letzte Satz war in andere Worte gepackt. Ich habe mir die Coaching-Sprache hier für mich übersetzt.)

Nebenbei:
Eine erste Mahlzeit, wir kennen uns alle überhaupt noch nicht. An unserem Tisch sind zufällig alle Nicht-small-talk-Fähigen des Kurses versammelt. Wir schweigen. Und essen. - Seltsam, still, ungewohnt. In mir Erinnerungen an mein Schweigewochenende, vor einiger Zeit. Wie sehr man das Essen wahrnimmt, den Geschmack, den Geruch, das Gefühl im Mund, und alles andere, was sonst im Gespräch ertrinkt. Mich begeistert, dass das hier geht. Gleichzeitig der Gedanke: wie es wohl den anderen gerade gehen mag? Als wir die Gabeln weglegen, sagt einer: Danke. Aha - nicht nur ich habe das Schweigen als Geschenk erlebt.
*
Das Internet reicht nicht in mein Zimmer. Nehme das als Zeichen - schleppe das Netbook nicht in die Sitzung mit, nicht in den Speisesaal, sondern: Keine Mails, kein Bloggen, keine Kontakte - das soll wohl so sein. Und ist gut so.
*
Abends im Gewölbekeller - ich setze mich zu all diesen Mitteilnehmern (was ich sonst auf Fortbildungen selten tue). Kann und will plaudern, einfach so, beruflich und anders. Nicht in meinem Zimmer mit meinem Buch, meinen Worten, meinem schweren Kreisen sein. Die Leichtigkeit des Gewölbekellers.
*
Draußen ist Nebel. Nebel über Nebel. Passt. Als am dritten Tag die Sonne herauskommt, fühle ich mich geblendet. Merke, dass ich sie gar nicht bräuchte. (Damit bin ich wohl die Einzige im Raum.)
*
Abschied. Wir werden in gleicher Runde im Februar wieder zusammen kommen. Und später noch einmal. Das ist gut.


Gestern dann - ich komme heim aus der anderen Welt. Nicht mal eine Stunde Fahrzeit - ich bin dort noch gar nicht weg, als ich die Haustür aufschließe. Entgegenfliegende Kinder. Entgegenfliegende Aufgaben. Nicht alles so gelaufen in den drei Tagen wie es sollte.
Müde. Unendlich müde. Das Glas Rotwein übernachtet auf dem kleinen Tisch, weil ich vorher einschlafe.

Vorhin - Aufwachen aus einem Traum-Gedanken-Mosaik mit einer Billion Bestandteilen, noch nicht zusammengepuzzelt. Decke über den Kopf. --- Doch ich muss die schützende Höhle der Bettdeckenwärme verlassen, hinaus ins Was-will-das-Leben-jetzt-wieder-von-mir.

Heute, nachher, wird ein Schwarm Kinder mit Lebkuchenbauvorfreude in den Augen hier hereinfliegen. To do bis 15 Uhr - nein, nicht jetzt dran denken. Noch sitze ich hier.

Morgen, früheste Morgenstunde, in den Zug nach Berlin, mit den Kindern. Zur Oma, zur Uroma. Viel mehr mag ich dazu gerade nicht sagen. Mein Herz pocht so sehr, mein Lebensspiegelbild kommt mir entgegen, und jede Menge Bangigkeit, das Gefühl von Überforderung, Fragen, Zweifel, Demut, Leere, Hoffnung.

Zu viel zu Lebendes in zu kurzer Zeit.
Seit Tagen spüre ich die kleinen Stellen innen unter den Augen. Dort wo die Tränen hervorquellen. Dort wo die Altersfältchen reifen. Seit Tagen fühle ich dort Müdigkeit, Druck, Erschöpfung.

Am Montag und Dienstag werden meine Kollegen für mich meine Arbeit tun. Ich sagte doch: Schätzchen. Und das ist viel zu flapsig gesagt.
Jetzt: die Kinder sind aufgewacht. Nun doch To-do-Listen - jeder bekommt seine. Ich erkläre, dass sie heute gut mittun müssen, weil es so viel ist. Ein Packen also für jeden von uns. Sie nicken.
"Auf geht's, unser Samstag beginnt." Sie flitzen hoch. Ich schreibe hier die letzten Sätze.

Kommentare:

  1. Oh Uta, es duftet und klingt nach Kinderlachen! Möge sie bis in den hintersten Winkel deiner Seele gelangen, diese kindliche Fülle...
    Gute Reise nach Berlin. Und denk daran: Sie wechselt nur das Zimmer....
    ((())) Gabriela

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  2. Hast du das erfüllte Buch noch erkannt, so mitgenommen, wie es jetzt ist....?

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  3. Und wie ich das Buch erkannt habe! Mitgenommen - klar, halt überallhin mitgenommen :)

    Und ich nehme den Zimmer-Gedanken mit ... ja ... ein Ja nehme ich auch mit.

    Danke.

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  4. Mögt Ihr verraten, um welches Buch es geht?

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