Samstag, 3. August 2013

Schattendasein

Es sind seltsame Tage, die ich selbst nicht verstehe. Schon gar nicht weiß ich, welche Worte ich hier setzen könnte.
Im Haus sitze ich, und zwar ausschließlich. Vorgestern ein kleiner Ausflug ins Freie, eine Stunde im Schatten gesessen, abends fast zu Sonnenuntergang, mit 50er-Creme dick auf allen Hautpartien, und trotzdem nachts rotbrennendjuckende Wangen - danke, ich habe verstanden. Ich glaube jetzt dem Beipackzettel und der Ärztin in der Hautklinik, die mich vor jedem Gang ins Freie warnte, wenn ich mir nicht gleich die nächste Erkrankung zuziehen möchte. Nein danke.
Ich bleibe also in der Höhle. Und draußen vor dem Fenster zieht der Sommer vorbei ...
Rückzug. Auch innerlich. Lethargie wechselt mit Traurigkeitstränen, mit Erschöpfungsschlaf, mit Wutausbrüchen, mit Apathie, mit Sonnenlosigkeit, auch innen,  mit Empfindungslosigkeit, mit Resignation, mit Gleichgültigkeit, mit der Scham, dass ich mich hier in Selbstmitleid verliere, mit Kopfweh und Schwindel, mit totaler Antriebslosigkeit, mit nicht gefühlten Gefühlen, und dann wieder Tränen. Was davon die Krankheit und was das Medikament und was mein Leben ist, das kann ich nicht auseinandersortieren. Und das lässt sich vermutlich auch gar nicht trennen.
So ungerecht bin ich gegenüber den Kindern. Die sitzen irgendwie auch zuviel im Haus, dafür dass Sommer ist, sie gehen ohne mich viel weniger raus. Der Lagerkoller multipliziert sich, und ich werde ungehalten, gereizt, ungeduldig. Immer wieder, all die Tage passiert mir das. Die armen.
So frustriert bin ich, wenn ich an meinem Schreibtisch vorbeischleiche. Eigentlich sollte da jetzt viel passieren. Wenn wir unsere ausgefallene Fahrradtour nicht ganz platzen lassen, sondern auf die Zeit nach dem Antibiotikum verschieben wollen, wenn ich wieder in die Sonne darf, dann werden wir eben nicht von hier nach Berlin, sondern umgekehrt von Berlin nach Hause radeln. Dann kommen wir aber erst kurz vor Schulbeginn wieder hier an. Also müsste das neue Schuljahr jetzt fertig vorbereitet werden. Also müsste ich jetzt arbeiten ... und schaffe es doch nicht.
So hilflos sind meine Versuche, diese Tage nicht nur als Aufenthalt in der Warteposition zu sehen, sondern als echte Lebenstage. So hilflos ist auch mein innerliches Schönreden - noch nie habe ich Schwimmbadbesuche gemocht, und jetzt habe ich einen ernsthaften Grund mich zu drücken, und sowieso wäre es jetzt für eine 1000-km-Radtour viel zu heiß, und immerhin habe ich meine Schulvorbereitungen dadurch schneller fertig, bin dann wirklich ferienfrei, und wie gut, dass ich die Krankheit nicht verschleppt habe, bis sie noch weiter in den Körper gedrungen ist, und und und ... Schönreden hilft nicht. Ich finde mich nicht hinein in diese Tage. Bleibe verloren stehen - davor und daneben, gedämpft und gedrückt.
So viel grübele ich - über meine Erschöpfung, über die Arbeitsmenge des vergangenen Jahres - dass ich diese unerwartete Wendung des Sommers nicht einfach verarbeiten und wegschlucken kann - über die Wurzeln meiner Traurigkeiten - über meine Unfähigkeiten, das Leben zu leben, auch das jetzige - über meine Kraftlosigkeit auf allen Ebenen - und auch darüber, wen das eigentlich interessiert, von meinen Heultagen zu lesen, und ob man dieses überhaupt nach außen tragen darf.
Da scheint noch viel mehr zu sein als nur ein paar Bakterien in mir.


Kommentare:

  1. Liebe Uta,
    du bist da. Oft. Warst es intensiv auf den beiden Rigi-Tagen, die ich mit den beiden Jüngsten erlebt habe... Es ist etwas vom Herausfordensten, Zeiten, wie du sie jetzt durchlebst, zu bejahen, nicht, indem man dem Schmerz und dem Morast ausweicht oder ihn schönredet, sondern ganz und gar, mit allem, was sich zeigt. Möge es dir gelingen, dich in dieses Jetzt hinein zu entspannen, dich in den Arm zu nehmen.
    Und ich kriege Gänsehaut, wenn ich lese, was ich schreibe, weil ich weiss, dass ich es zu mir selber sage.
    Du und ich und wir und jedes Du und jedes Ich sind eben immer nur Varianten des einen. In diesem Sinne sei herzlich gegrüsst.
    Gabriela

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  2. Liebe Gabriela,
    auch ich bekomme Gänsehaut, weil Deine Worte so sehr treffen und so sehr gut tun. Es hat etwas Tröstliches, in einen solchen Spiegel zu schauen. Ist das eigentlich ein Spiegel? Oder ein Nadelöhr, durch das der Weg - immer wieder, immer wieder - in die Weite führt?
    Und an die Rigi habe ich bei Deinem Bild sofort gedacht - nicht nur erahnt, sondern irgendwie gewusst. In meinen Fotos von damals habe ich gesucht, ob ich wohl genau diesen Blick wiederfinde - aber nein, wir haben dann wohl an einem anderen Ort übernachtet. Es war trotzdem sofort vertraut. Gut, dort gewesen zu sein.
    Herzlichen Gruß zu Dir und Euch,
    Uta

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  3. wer weiß
    vielleicht wirst du
    aus den beipackzetteln
    erwachsen
    wie venus
    aus der muschel...

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  4. ach Uta, das mit dem Spiegel ist so ein Thema für sich. Sehen wir nicht immer nur das, was wir sind?
    Ich habe deine Rigi-Bilder auch gesucht, aber ich weiss nicht mehr, ob es vor zwei oder drei Jahren war, dass ihr dorthin gereist seid. Ich hätte gerne nach der Pension gesucht, wo ihr übernachtet habt. Wir landeten schliesslich in einem kleinen Hotel in Rigi-Kaltbad. Für eine Nacht ging das...
    Ganz bestimmt habt ihr die Aussicht auch gehabt. Diese Berge hat man vor sich (neben und hinter sich), egal wohin man wandert.
    Ich hoffe, deine AB-Kur sei bald zu Ende und damit auch die Nebenwirkungen mit ihren Nebenwirkungen! :-)
    Liebe Grüsse in dein innerhäusliches Unterwegssein.
    Gabriela

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