Samstag, 20. Juni 2015

Vor drei Wochen - Tag 2: Lüneburg - Malliß

Nach dem Lüneburgtag treiben mich Fernweh und Reiseziel früh aus dem Bett. Ich glaube letzteres hatte ich noch gar nicht erwähnt: Es geht nach Berlin, mit einem Schlenker über die Müritz, die ja nicht gerade auf dem Weg liegt. Ohnehin führen Radwege meist mäandernd durch die Welt, so dass ich den Termin Ferienende im Auge behalten muss. Aber jetzt erstmal los.

Die Freundin zeigt mir einen Schleichweg zum Kloster Lüne, wobei sich "Schleich" nicht auf ihre Geschwindigkeit bezieht. Sie, Sportlehrerin, pures Federleichtrad, prescht mir davon. Ich muss zusehen, meinen wankenden schwankenden Gaul erstmal in den Griff und auf Tempo zu bringen. Bis zur nächsten Ampel, die immer dort steht, wo es gerade zu rollen beginnen wollte. Ja, das Campingzeug packt einige Kilos drauf, Statik und Kraftaufwand fordern Gewöhnung.

Als wir uns am Stadtrand zum Abschied umarmen, habe ich mich jedenfalls gut warmgefahren und werde von der Freundin beneidet. (Wie vermutlich von jeder working mum, wenn auch nicht jede ihre Kinder-Arbeits-Auszeit auf diesem Fortbewegungsmittel nehmen würde.)

Da ist zunächst ein Schiffshebewerk am Weg. Als nicht besonders technikaffiner Mensch lasse ich es links liegen bzw. fahre ungerührt drunter durch.






Dann Regenschauer, wie sollte es anders sein. Heute häufig und jeweils so kurz, dass ich, kaum ist die Kamera herausgeholt, schon wieder die Sonne auf dem Bild habe. Macht nix.






Eine Elbüberquerung auf stiefmütterchenverzierter Fähre ...




... Begegnung mit der Vergangenheit ...






... und diese lustigen Stühle am Wegesrand. Hier probiere ich, nachdem ich schon etliche habe vorbeiziehen lassen, doch mal einen aus. Ich glaube, es ist der gleiche Typ Stuhl wie in meinem Lehrerzimmer. Schnell weiter, mit den Gedanken, und mit dem Rad.











Der Himmel sieht harmlos aus, gell? Ich verstehe selbst auch nicht, wie sich hinterrücks so schnell so heftige Hagelwolken anschleichen können. In Darchau erwischt es mich. Das einzige Gasthaus hat "geschlossene Veranstaltung", die Bäume reichen nicht vorn, nicht hinten zum Unterstellen, und unter das einzige Haltestellendach haben sich bereits zwölf Radfahrer gekuschelt. Weil es sich einhagelt, wechsle ich auf  die andere Seite, habe das dortige Gasthaus für mich und schlürfe eine Hühnersuppe (und würde am liebsten meine Füße drin wärmen - bitte nicht bildlich vorstellen:)).




Gern würde ich gleich südlich der Elbe weiterfahren, doch der Weg ist mir zu lang und zu hügelig, der anvisierte Zeltplatz noch zu weit weg. Vielleicht quere ich auch nur deswegen zurück, damit ich den Spruch des Fährmanns abgreifen kann: "Na, hatt'et Ihnen im Westen nich jefallen?" Die Vergangenheit lugt um jede Ecke.




Und weiter geht's ...




... bis zum nächsten Hagel.
Große starke Bäume halten relativ lange dicht. So lange jedenfalls, bis ich mich komplett in meine Mondmontur gewickelt, ein Augen-zu-und-durch beschlossen und mit dem Zeltplatz telefoniert habe. Ob ich dort auch nach 20 Uhr was zu essen bekomme. Die Stimme am anderen Ende verspricht mir eine der freien Radfahrerhütten und Nahrung auf jeden Fall: "Bekomm'n wa hin."




Mittlerweile ist der Regen am Abziehen und kommt - weil ich die Montur anbehalte - auch nicht mehr zurück. Guter Trick. Nur schweißtreibend. Das Attribut "atmungsaktiv" gehört verboten.






Es ist schön in diesem Landstrich. Das klingt etwas platt, trifft aber so ziemlich den Kern, wie ich finde.

Und es ist einsam. Sicherheitshalber, falls die Essenversprechstimme mich doch getäuscht hat, würde ich gern noch etwas einkaufen. Das Handy zeigt eine Horde Supermärkte in Dömitz an. Dieses Nest ist so klein wie unbekannt, ich beäuge aus der Ferne den Kirchturm und die dreieinhalb über die Schafswiesen hinausragenden Dächer und beschließe, dieser Information nicht zu trauen.




Und dass ich statt dessen die Direttissima längs der Bundesstraße nehmen sollte, um den 20-Uhr-Zeltplatztermin zu schaffen.
Aber siehe da, wenn man schon gar nicht mehr damit rechnet ...
Ein Fehler, hungrig einzukaufen. Was bleibt mir anderes übrig. Einige der gehamsterten Lebensmittel werden die Packtaschen erst in Berlin wieder verlassen.

Uff. Ernährung gesichert. Die letzten Meter führen über eine alte DDR-Panzerstraße und am Bahnhof Malliß vorbei. Beide haben ihre Funktion weitestgehend verloren. Statt Zügen wohnen hier Menschen, und der Panzer bin heute ich. Gewichtsmäßig vielleicht. Reifenbreite aber suboptimal. In meinem nächsten Leben wünsche ich mir ein Navi mit Straßenbelagsangabe. Kann in Zeiten von goo.gle.street.view doch nicht so schwer sein.




Wie aus dem Nichts dann plötzlich vor mir: ein Kanal, eine Wiese, eine Rezeption. Der Himmel sozusagen. Und eine Hütte, eine Hütte! Zwar nicht vor Kälte, aber vor dem nächsten Hagel schützend. (Und natürlich: weil ich jetzt einen Unterschlupf habe, kommt kein Hagel mehr nach. Immer wieder Regenschirmtrick.)




Himmel Teil 2: Das versprochene warme Essen steht bereit. Zusammen an einem Tisch mit den anderen wackeren 7°-Campern, die auf Drei-Monate-Hausboottour, auf Sechs-Wochen-Elternzeit-Europatrip, auf Vier-Wochen-Seenrundfahrt sind. In jedem der Gespräche wacht ein anderer Zipfel meines Fernwehs auf. Das ist schon absurd, so auf dem Weg zu sein und immer noch nicht genug zu bekommen  ...

1 Kommentar:

  1. Schon die Fotos erzeugen Reiselust, trotz Grauhimmel...

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