Montag, 29. Oktober 2012

Erschreckt

Als er aus dem Landheim zurückkam - aus jenem, bei dessen Abreise ich schon ein wenig geschluckt hatte, weil die Kinder uns begleitende Mütter nicht mal mehr mit einem Winken bedachten, wie wir da überflüssigerweise und "peinlich" herumstanden - als er also nach drei Tagen zurückkam, konnte ich gar nicht so schnell schauen, wie er sich aus der kurzen Umarmung - ja, doch, er kam angeflogen, wie immer, wie es ihn wohl auch drängte - wieder löste. Mich regelrecht wegstieß. Das mit dem Umarmen, das möge er nun nicht mehr. Erzählen sei in Ordnung, ich dürfe auch was fragen, aber nicht mehr umarmen. Er sei jetzt in der Pubertät, und da sei das eben so.
So sehr wie ich über diesen ernsthaft ausgestoßenen Satz schmunzeln könnte, spräche ihn ein fremdes Kind zu einer fremden Mutter, so sehr bekomme ich einen Schreck. Einen richtigen, tiefen. Ich sitze vor ihm - ungläubig, verloren, tief getroffen. Bin doch eine alte Nichtloslasserin. Möchte mein Kind, mein immer noch kleines, so sehr an mich drücken. So wie es immer war - bis letzte Woche doch war es so. Er war so verkuschelt, er brauchte Kuscheln vor dem Einschlafen, zum Aufwachen, zum Erzählen von der Schule, und einfach so zwischendurch. Und nun? Ist er mit einem Schlag weg davon? --- Ich kann es immer noch nicht glauben. Mir tut es weh, und ich erschrecke über diesen Schmerz. Denn mein Kopf, der ist voll von Freude, ein großes, ein immer selbstständiger werdendes Kind begleiten zu dürfen, der ist fasziniert von all den Schritten, die er gerade in jüngster Zeit geht, über seine Wege ins "Jugendlichwerden" (so nennt er selbst es :)). Und meiner Herzensfreundin, die jeden Tag mit ihrem drei Jahre älteren Sohn genießt, der glaube ich gern, welch besondere Zeit auch die jetzt anbrechende sein mag. --- Aber tief in mir, in meinem ebenso verkuschelten Kleinkindmamaherzen, da tut es gewaltig weh. Ich weiß, dass ich diesen Schmerz ihm gegenüber nicht zeigen sollte, dass ich schon gar nicht ein "Recht" auf irgendeine Form der Nähe habe, aber mir treibt es die Tränen in die Augen. Ich fühle mich so unfähig. Er wächst so viel schneller als ich ...
Und dann - nun sind ja schon ein paar Tage vergangen seither - bemerke ich, dass da nicht nur Schmerz ist. Etwas hat sich geändert. Zunächst: so ganz hundertprozentig, so ganz abrupt ist er doch nicht weg aus den Umarmungen. Immer wieder mal kommt er, holt sich eine Berührung. Ich passe sorgfältig auf, dass ich ihm keine aufdränge, doch er holt sich den Körperkontakt wirklich selbst. Kurz nur, seltener als früher, und manchmal wirkt er dabei wie erschreckt über sich selbst, kann nicht einordnen, dass er dies doch noch braucht, obwohl er eigentlich nicht mehr wollte :)  Und jedes Mal durchfährt es mich freudig und wehmütig - wer weiß wie lange noch? - und mit einer neuen Achtsamkeit. Ich spüre in unsere nahen Begegnungen anders hinein, tastender, horchender, mit größerer Bereitschaft neue Klänge wahrzunehmen, das Altvertraute loszulassen. Ja, da sind neue Töne - und was für welche! Ich muss nur aufwachen, muss mich mit allen Fasern auf meinen großen Sohn einlassen ... was wird sich mir alles offenbaren???


(Und nun wage ich kaum, dies zu veröffentlichen. Schaue voller Bewunderung zu all Euch Großkindmüttern da draußen - wie Ihr diesen Schritt geschafft habt, zu dem ich mich noch so unfähig fühle. --- Mut macht, dass alle Mütter dieser Welt ihn gehen. Und ihn zu gehen schaffen. --- Mut macht auch, dass ich in der Schule mit den Älteren viel lieber, vielleicht auch viel besser arbeite als mit den Kleinen, dass also das Alter, welches ich bei meinen Schülern am meisten liebe, bei meinen Kindern erst noch bevorsteht, noch lange nicht erreicht ist ...)

Kommentare:

  1. Immer noch sehr vertraute Gedanken - obwohl ich schon längst Großkindmutter bin - die Du so wunderbar erzählst, wie so alles was Du schreibst.
    An genau diesen Prozess des Loslassens habe ich mich bis heute noch nicht gewöhnen können. Es fühlt sich so an, als würde die Nabelschnur nochmal durchschnitten und immer und immer wieder aufs Neue. Auch wenn ich die eigenen Schritte meiner Töchter freudig bejahen kann und durchaus auch eine Entlastung spüre, so ist der körperliche Verlust durch fehlende Umarmungen für mich bis heute noch unerträglich.
    Ich wünsche Dir, dass Du es besser hinbekommst als ich und danke Dir für Deine offenen und berührenden Zeilen
    Herzlichst Joona

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  2. Wieder mal findest Du Worte für eigentlich Unbeschreibbares....oder auch so: unbeschreibliche Worte für sanftwilde Geschehnisse, die menscheneigentümlich sind, die alle Eltern kennen, die darüber nie oder ganz anders reden würden! Auch Joonas Kommentar gefällt mir gut...
    Gruß von Sonja

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