Montag, 22. Oktober 2012

Herbstwetterfahrtgedanken

Mein Fotoapparat sollte im Auto liegen, bei diesen Farben, jetzt, hier, für all diese Bilder - das denke ich schon seit Tagen, da ich wieder regelmäßig durch die Landschaft fahre, durch meine Studentenstadt, an meinem Fluss entlang, über die Hügel, morgens, abends, mittags - sehe allerorten fotografierende Menschen, vom Rad gestiegene, schaue neidvoll, rechne immer wieder durch, ob nicht auch ich - nein, knapp 100 km Tagestour sind einfach zu viel für das langsamere Vehikel - und bin noch ganz betäubt von dem Licht, das mich soeben nach Hause begleitet hat. War auch schon im Auto betäubt, so sehr, dass ich das an der Tankstelle gekaufte Feierabend-Eis auf dem Beifahrersitz liegenließ. Bis zu Hause. Da schwimmt es nun ...

Den angekündigten Temperatursturz mag ich nicht glauben, und kann es nicht, und sehe ihn nicht vor mir, da er in dieser goldgefärbten Luft nicht greifbar wird (und will es nicht, jedenfalls solange der Sohn im Landschulheim ist, für Winterwetter nicht eingekleidet, so wie seine Klassenfreunde wohl auch nicht, diese großgewordenen, die sich heute morgen aber sowas von nicht verabschiedet haben von uns Müttergrüppchen, die wir beginnen peinlich zu werden :) - nunja, wer so schnell lospubertiert, würde wohl auch mit einem Temperatursturz fertigwerden, versuche ich meine Muttersorgen loszulassen).

Und doch, wer weiß wie schnell - alles geht derzeit schnell. Vieles unerwartet. Sechs Blaulichtwagen bin ich heute begegnet - sechsmal eilige Fahrt ins Werweißwohin, sechsmal eine ungeahnte Lebenswende, und kurz vor meinem Dorf noch das Kreuz, das seit einigen Wochen auf unsere Landstraße schaut - einige Kilometer nur von dem Kreuz entfernt, das seit sechseinhalb Jahren daran erinnert, dass nicht jedes Kind neben seiner Mutter großwerden darf, und nicht jeder Vater seine Tochter am Ende eines Schultages wieder in die Arme schließen darf. Tagtäglich fahre ich an diesen Kreuzen vorbei.

Die Tochter liegt oben im Bett, ungewöhnlich um die Zeit, der Schulstart fordert seinen Tribut - in vier Tagen sind Ferien. Alle drei sehnen wir sie herbei. Alle drei brauchen wir mehr Schlaf, mehr Ruhe, brauchen uns, brauchen das sich in Ferientagen so herrlich ausbreitende Nichtstun.

Und über all dem schwebt seit Tagen eine Wolke dumpfen Misshagens - oder schwebt sie in mir? - des Misshagens über meine Wege, meine Aufgaben, meinen bevorstehenden Rollenwechsel - vom Arzt zum Richter (wie es in der Pädagogik oft genannt wird).
Wer bin ich, dass ich in fremde Lebenswege eingreifen darf? --- Und werde es doch bald tun müssen. Mit Zahlen, die ich in Formulare eintrage. Und die darüber entscheiden, ob der- oder diejenige ... oder ob eben nicht. --- Wer bin ich? --- Aus dieser Aufgabe möchte ich meinen Kopf wie aus einer Schlinge ziehen. Am liebsten mich drücken. --- Und bin darum sehr dankbar, heute als willkommene Ärztin, sozusagen, empfangen worden zu sein. Dort wo ich heute war, beratend, helfend, gemeinsamwegsuchend.

Mein Heimkommensgedankenpotpourri ...

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