Freitag, 7. Juni 2013

Mein Kind,

nun sind wir mitten in der Entscheidung - Weg A oder Weg B - und es ist so alles andere als leicht. Für Dich nicht, für mich nicht, und wir haben beide nun auch schon ausreichend Tränen geweint.
Zuerst Du: Weg A hat Dir wehgetan, mehr und mehr, und Du hast es lange nicht gezeigt, hast es mit Dir selbst abgemacht, hast groß sein wollen, hast tapfer sein wollen, hast nichts erzählt. Bis es aus Dir herausbrach. Ich weinte mit. Und wusste sofort: jetzt sind die Karten neu gemischt, jetzt dürfen wir die Entscheidung nicht länger vor uns herschieben. Ja, wir hatten uns eine ganze Weile davor gedrückt. Wenn der Tränensee überläuft, kann man sich nicht mehr drücken.
Nun probieren wir also Weg B. Ob es noch "probieren" ist, oder letztlich schon endgültig? Ich weiß es nicht. Du weinst wieder. Hast anfangs wieder versucht es zu verstecken, hast gesagt "es ist gut", und doch haben Deine Augen nicht mitgelacht. Hast wieder gedacht, Du müsstest groß sein, und tapfer, und wie man das eben so nennt, wenn ein kleiner Mensch seine Gefühle herunterschluckt. Nein, diesmal war ich wacher. Habe so lange gebohrt, bis Du losgeweint hast. Damit Du Dich nicht wieder an Deiner Traurigkeit verschluckst. Und an Deiner Trauer über einen Abschied, dessen Tiefe mir vorher nicht bewusst war. So viel Liebe in Dir, so viel Schmerz jetzt - ich ahnte nicht, wie stark es in Dir fühlt.
Ich habe wieder mitgeweint. Habe Dich ermutigt, alle Deine Tränen fließen zu lassen, habe mit Dir über Deine Trauer gesprochen, und ob Du nicht Bilder malen könntest, und einen Brief schreiben. Ich kann mir vorstellen, dass Du das tun wirst. Zu sehr wühlt es in Dir. Immer wieder in diesen Tagen weine ich mit. Und wenn Du zwischen allen Gefühlen hin und her wankst und schwankst, wenn Du von einer Ecke Deines Inneren in die andere geworfen wirst, dann wirft es mich mit, dann reißt es mich mit Dir in Höhen und Tiefen, und wie. Dabei weiß ich nicht, ob das gut ist für Dich. Oder ob es Dir mehr helfen würde, wenn ich Zuversicht ausstrahlte? Dir Mut machte? Mit Dir zusammen ein hoffnungsvolles Zukunftsbild malte? Statt mitzuweinen und mitzuwanken und mitzuschwanken.
Ich weiß es nicht. Mein eigener kleiner Mut sackt zwischendurch ja immer wieder zusammen, meine Zuversicht blinkt längst nicht mehr so hell wie noch vor einiger Zeit, und ich weiß selbst nicht, ob es der richtige Weg ist, dieser Weg B. Vielleicht haben wir uns um Weg A nur nicht genug bemüht? Vielleicht hätten wir erstmal daran arbeiten müssen, wir zusammen mit Dir? Ich weiß es nicht.
Manchmal aber in diesen Tagen, manchmal war da auch ein Lichtschimmer. Du hast Neues entdeckt, hast dabei gestrahlt. Bist Riesenschritte gegangen, bist über Dich hinausgewachsen, und das Wachsen hat kein Ende. Bewältigst gerade - in diesen Minuten, da ich dies hier schreibe - eine weitere Hürde, deren Höhe Dir und mir noch gar nicht bewusst ist. Ich bin gespannt, wie ich Dich nachher in die Arme nehmen darf - und habe Angst davor. Wirst Du wieder so traurig schauen? Oder mir fröhlich hüpfend entgegenkommen?
Ich spüre, Du bist genauso zerrissen wie ich. Vielleicht sollten wir uns an unseren Fluss setzen, die Beine im Wasser baumeln lassen, und einfach nur da sitzen. Vielleicht würde mit dem Fluss auch Zuversicht zu uns fließen. Und die Kraft, unseren Blick nicht auf die Schmerzen und das Schwere zu richten, welches die Wege mit sich bringen, sondern auf die Räume, die sich öffnen, ganz gleich auf welchem der beiden Wege. Vielleicht müssen wir also eine andere Blickrichtung finden. Vielleicht kannst Du das sogar schon besser als ich. Schließlich hast Du gestern diesen Satz gesprochen, der so voller Stolz und Festigkeit und Gewissheit und Strahlen war, dass ich nur staunen konnte. Vielleicht bist Du jetzt meine Lehrerin, und ich muss nur schauen, wohin Du Deine Schritte setzt. Ob auf Weg A oder auf Weg B - vielleicht weißt Du tief im Innern schon, wohin es Dich führen wird. Vielleicht ist das Entscheiden gar kein Tun, das von uns gefordert ist, sondern ein Lauschen. Vielleicht bist Du die bessere Zuhörerin?
Ich liebe Dich, mein Kind.

1 Kommentar:

  1. Das klingt rätselhaft und geht doch nahe....
    Sich beherzen - auf jeden Fall gut!
    Gruß von Sonja

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