Mittwoch, 5. Juni 2013

unterwegs - Tag 1

Ein paar Erzählfotos von meinen Tagen an friedlichen Flüssen.
(Ein eigenartiges Gefühl, meine Fotos anzuschauen. Darüber legen sich die Nachrichtenbilder dieser Tage - obwohl es ja nicht die gleichen Flüsse sind - und mein erschrecktes Staunen und demütige Dankbarkeit und gute Gedanken in Richtung der Menschen an den gerade tobenden Flussgewalten ...)


Hier also fing mein Unterwegs an.




Und nach Verlassen der Anreisestadt dann hier.






Die ersten 50 km gingen am Kanal (das ist das Wasser in der Mitte) entlang, der - man sieht es hier schlecht - ein gutes Stück höher liegt als die umliegenden Seen. (Jedenfalls vor zwei Wochen war dies so.)



Hier etwas besser zu sehen: Kanal fließt über Flüsschen. Wasser hoch über Wasser - sehr ungewohnt.




Merke: Wenn im Radreiseführer von einem "Treidelpfad" die Rede ist, dann ist darunter ein ca. 10 cm breiter Sandstreifen, verträumt zwischen mannshohen Gräsern liegend, zu verstehen. Hier auf dem Bild war er direkt noch harmlos breit und die Gräser harmlos niedrig. Später, an den wirklichen Engstellen, war wegen Spur- und Balancehaltens für Fotos keine Zeit mehr. Jedenfalls sah das Fahrrad nach der Passage aus, als hätte man ihm ein Strohröckchen angezogen. Die letzten Grashalme finde ich heute noch in der Schaltung ...




Später dann Wege mit mehr Weite. Fast den ganzen Tag lang in himmlischer Abgeschiedenheit. Sehr still, sehr ruhig, sehr einsam. Sehr gut.






Auffallend viele Linkskurven, sehe ich gerade. Ich bin doch aber nicht im Kreis gefahren ?!? - Auf Abgeschiedenheit sollte man sich im Übrigen nicht verlassen. Nachdem ich stundenlang keinem einzigen Radler begegnet war, erschien der erste (und für Stunden letzte) just in dem Moment, als ich am Wegesrand völlig unverhüllt das tat, was man eben von Zeit zu Zeit tun muss. Äm ja, so war das. Höflicherweise schaute der gute Mann sich sehr beflissen den Kanal an, während er vorbeifuhr :))



Hieran führte mich der Tag vorbei ...










... und von Zeit zu Zeit auch an Nichtidyllischem.




Hier, das war kurz nach einem Hagelschauer. Körner und Gesicht waren schon wieder aufgetaut, das Gewitter weitergezogen, die Sonne schien. Dachte ich. Bis ich losfuhr --- und das Gewitter einholte. Also wartete --- weiterfuhr --- es wieder einholte. Wieder wartete --- es wieder einholte. Eine Lehrstunde: Geschwindigkeit führt geradewegs in den Sturm, Langsamkeit lässt Sonne und Wärme bei mir.




Kein Straßencafé in diesem Ort, und auch nicht im nächsten - das erlebten wir letzten Sommer auf der französischen Rheinseite schon ebenso - damals suchten wir sogar noch alle Nebenstraßen ab, jetzt fuhr ich schnell weiter.




Aber auch keine Bänke in Kanalnähe. (Klar, wenn hier nur 10 bis 20 Radler im Jahr vorbeikommen, lohnt sich das natürlich nicht.) Also ein Mittagspicknick an der Schleuse. Das heißt, an einer Schleuse. Der zweiten von sechsundzwanzig nämlich.




So groß mein wohliges, vertrautes Gefühl bei den ersten noch war - bin ich doch in Schleusennähe großgeworden - so sehr gewöhnte ich mich im Laufe des Tages an den Anblick. (Gewöhnung beraubt mich? Ja, ist das so?)
Hier also die 23., mit Schleusenwärterhäuschen (denke ich mir - und weiß doch nicht genau, wozu diese immer gleichen Häuschen wirklich dienten. Wenn es hier also je einen Schleusenwärter gab, dann ist dieser längst durch eine automatisierte Bedienung ersetzt.)






Wegweisung ...




... nach Sarreguemines ...




... und Wechsel auf die andere Flussseite.
Ja, inzwischen war es  kein Kanal mehr, sondern die Saar, an der ich entlangfuhr.
Wie oft ich in den fünf Tagen die Seite gewechselt habe, wie viele Brücken also überquert, das kann ich nicht mehr zählen.





Übernachtung zu Füßen dieses Turmes und unter diesem Himmel.




***

Wie staune ich, so viele finstere Wolken auf den Bildern zu finden. In meiner Erinnerung ist der erste Tag durchgängig hell. So ist das mit der Erinnerung.
Wie staune ich auch, dass Ihr aus meinem letzten Eintrag dieses Atemlose herausgelesen habt. Ich hatte es mir selbst nicht bewusst gemacht, oder nicht eingestanden, oder nicht benennen wollen - wer weiß. Ja. Vielleicht habe ich auf dieser Reise mein Leben der letzten drei Jahre durchfahren. Mein atemloses Leben, welches mich in einem (über)fordernden Tempo in unzählige Zerrissenheitssituationen geworfen hat, so dass der Horizont der Ruhe immer häufiger aus meinem Blickfeld verschwunden war.

Jetzt, in diesen Tagen, scheint mir, taucht er allmählich wieder auf.
Ich bin einen ganzen Vormittag lang allein zu Hause, ohne Kinder, ohne Schule - und bin.
Ich räume abends, nach Intensivkinderstunden - so viele Baustellen, so viel Wirbel im Moment in diesen beiden jungen Leben - das Haus auf, und die Wäsche, und die Küche, und sinne dabei nach über dies und das - und bin.
Ich lausche in mein Bauchweh hinein, welches die eine heftige Kindesbaustelle in mir bereitet, und träume davon - gut und ungut - und spreche darüber - laut und leise - und wende es nach allen Seiten, und bewege es in mir, um mich ihm nicht auszuliefern, sondern zu öffnen, und spüre dabei, wie ich ruhiger und zuversichtlicher werde, für den Moment jedenfalls - und bin.
Ich setze mich in die Sonne, mit Kaffee in der Hand, und Vogel-Eltern-Kinder-Gesprächen über mir, und Wolkenschattenspielen auf mir, und Sonnenlächeln außen wie innen - und bin.
Sein.
Einfach so.
(Das unwillkürlich hervorpreschende PS, dass das "Einfach so" so einfach eben doch nicht und nie ist, denke und schreibe ich für heute ganz klein.)

Kommentare:

  1. Eine schöne Fahrt, und ich hoffe, sie hat Ihnen gut getan.
    PS. Ist das eine bekannte Radlerroute? Wenn ja, wie heißt sie?

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  2. Das ist der Saar-Radweg. Die ersten ca. 50 km bin ich an Kanälen in einer Seenlandschaft entlang gefahren, ab den Schleusen dann direkt an der noch schmalen Saar. Nach weiteren zwei Tagen war ich an der Mosel und bin diese bis zum Rhein gefahren.
    Vielleicht zeige ich noch Bilder davon, weil ich ja im Moment sowieso nur von drinnen sehnsüchtig nach draußen blicken darf.
    Ja, es hat gut getan. Dieses Fahren nahe am Fluss, in so viel Grün ...

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