Sonntag, 15. September 2013

Fragen an mich selbst


Könnte ich nicht die zarten Gedulds-, Gelassenheits- und Fröhlichkeitspflänzchen dieser Tage weiterwachsen lassen in die nächsten Wochen und Monate hinein? Wenn ein Glas umfällt, weil sie auf ihrem Stuhl kippeln, wenn die Zimmer wie Kraut und Rüben aussehen, wenn sie längst nicht mehr so schnell aus ihren Betten springen wie am ersten Tag, wenn sie lesen, wo Beeilung nötig wäre, wenn sie sich dem Tischabräumen durch Wegflitzen entziehen, wenn sie also, nun ja, ähm, einfach Kinder sind - könnte ich dann nicht immer so gelassen reagieren wie in dieser Woche? - Ich habe sie ja schon gebeten, meine "Kontrollinstanz" zu sein. Wir sprachen in den Ferien über unsere unguten ritualisierten Situationen, wir sprachen über meine Gereiztheits-, Ungedulds- und Schimpfauslöser, und darüber, was jeder von uns braucht und sich wünscht, und was jeder beitragen könnte und sollte. Und dann habe ich sie gebeten, mich zu erinnern, wenn es wieder zu arg wird mit mir ... Sie sind großartig in ihrer Offenheit: "Mama, Du wolltest doch ..." Stimmt, denke und sage ich dann. Sie haben so Recht.

Wie bewahre ich auch meine anderen guten Anfänge dieser Woche? Nämlich etwa: Schlafen zu gehen, wenn die Müdigkeit dies gebietet, und sei es auch erst kurz nach neun. Mich nicht von all den Ich-wollte-doch-noch's und Ich-muss-aber-noch's abhalten lassen. Mich zur Ruhe hinzusetzen, wenn ich es brauche. Meine Kinder in den Arm zu nehmen, wenn ihnen oder uns danach ist. Mir nicht durch die ubiquitäre Unordnung im Haus und die noch nicht ausgepackten Reisetaschen und die Arbeitsberge jeglicher Art unser Zusammensein verderben zu lassen.

Wie kann ich lernen, mich nicht umgehend als schlechte Mutter zu fühlen, wenn dem Sohn die Turnschuhe nach den Ferien dann doch zu klein geworden und der Tochter die Lieblings-Rosa-Hosen auf Hochwasser geschrumpft sind? (Hilfe, hat es im August Wachstumshormone geregnet im Hause Rebis?)

Welche Minuten des Tages - also: des ganz normalen Alltages - könnte ich als meine, meine ganz eigenen deklarieren? Klitzekleine Zeitfenster zum Sitzen, Nachsinnen, Schreiben, Lesen, Klavierspielen, Schweigen, Träumen, Nichtstun? ("Fenster" ist ja hier ein gutes, ein passendes Wort: Öffnungen für Licht und Leben, Wege zwischen Innen und Außen. Notwendig, sehr.)

Ist es in diesem Beruf je möglich, ein echtes Ende-und-Fertig-Gefühl zu empfinden? Gedanken an Schuldinge ein paar Stunden lang draußen vor der Tür zu lassen, bis ich wieder bereit bin, sie an meinem Tisch zu bewirten? Wenigstens ganz manchmal wünschte ich das - an jedem ...zigsten Abend, an jedem ... zigsten Wochenende vielleicht. (Ich wage keine Zahlen zu nennen. Es ist ja eher eine grundsätzliche Frage, wie ich es schaffe, mich mit Mühle und Hamsterrad zu arrangieren.)

Und dabei: Lässt sich diese meine unbändige Schullust und -freude, dieses Glücksgefühl, wenn ich nun wieder mit 30 kleinen oder großen Köpfen gemeinsam auf Wanderschaft durch Zahlen- und Denkwelten gehe und dabei versuche, Ratgeber, Geländer und Tränentaschentuch in einem zu sein, wenn Berge (zu) hoch und Täler (zu) tief sind, lässt sich also dieses Traumberufs-Gefühl bewahren für noch mindestens 23 weitere Schuljahre? Zusammen mit der Kraft, die dafür nötig ist? Das wäre ganz wunderbar großartig. (Wenn ich ältere Kollegen anschaue, werde ich sehr nachdenklich. Um nicht zu sagen: sehr pessimistisch.)

Wo muss ich lernen, "Nein" zu sagen?

Wo muss ich lernen, "Ja" zu sagen?

Bin ich eigentlich dankbar genug? Dankbar für jeden Tag, für jeden Moment? Für all das, was mir geschenkt ist ...

Fragen an mich selbst.
Vielleicht wächst man eines Tages in die Antworten hinein.


PS. Und noch eine marginale Frage: Wenn der kleine Zeh Umfang und Volumen des großen angenommen hat, wenn der Fuß bis zum Mittelspann aussieht, als hätte man ihm ein Silikonkissen eingespritzt, während die Färbung sich die Auberginen des heutigen Abendessens zum Vorbild genommen hat - geht man dann zum Arzt? Wenn ja, zu welchem? Wenn ja, wann? (Hab auch so genug zu tun.) Und vor allem: Wenn ja, was macht der dann überhaupt? Vom Aua beim Laufen und von der sehr unkomfortablen Enge im Schuh wird er mich wohl kaum befreien können. Bleibt ihm doch auch nicht viel zu sagen als: "Ein gebrochener Zeh ist schließlich kein Beinbruch."
Oder? (Ich ringe noch mit mir. Bis ich fertig gerungen habe, berühre bitte niemand meinen Zeh. Aua.)

Kommentare:

  1. Niemand geringeres als der Fuß und seine Zehen könnte es deutlicher zeigen, wie schmerzhaft oder schwierig es ist, neue Wege zu beschreiten oder Veränderungsprozesse zu durchwandern.
    Die "Behinderung" jetzt fordert ihre eigene Geschwindigkeit, damit das Übrige mitkommen kann. Wie gut, dass auf den Körper zu jedem Zeitpunkt Verlass ist. So oder so.
    Gute Besserung auf Deinem Weg
    wünscht Dir Joona

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  2. wer: orthopäde, röntgen lassen. es könnt ja mehr als der zeh sein, mittelfußknochen können auch brechen.

    wann: morgen vormittag, schule egal. du bist am wichtigsten, dann deine kinder. deine stunden können vertreten werden. oder ausfallen.

    bis dahin: arnica globuli
    und alles gute!

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  3. Ihr Lieben,
    ich habe Eure Worte in mir wirken lassen und bin - erstens - wirklich zum Arzt gegangen (ich! zum Arzt!). Der Tulpenzwiebelzeh ist nicht gebrochen, immerhin, das beruhigt, das lässt den immer noch starken Schmerz (mensch, so ein kleiner Zeh...) in anderem Licht erscheinen. Und ich sinne - zweitens - über meine erzwungene Entschleunigung nach. Sie bringt mir etwas mit. Ich bin dabei mich mit ihr auszusöhnen ...

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  4. So viele Gedanken, die ich unterschreiben könnte. Und gute Besserung für den Zeh! (Frau Kreis)

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  5. So viele Gedanken, die ich unterschreiben könnte. Und gute Besserung für den Zeh! (Frau Kreis)

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