Freitag, 31. Juli 2015

Sommerferienstart


Ein letztes Schulweckerklingeln. Selbst mit dem Ruf "Zeugnistag" sind die Kinder kaum aus dem Bett zu bekommen. Hier reicht es allen, aber sowas von. Es wird knapp mit der Zeit, an einem normalen Tag würde man es "zu spät" nennen, aber heute ist das egal. Sie fangen ihre Klassen sicher noch auf dem Weg in den Gottesdienst ab.

Ich selbst kann noch einmal zurück in mein Dorf, bin bis 9 Uhr für nichts eingeteilt. (Der halben Stunde, die ich mir in zeitlicher Gelassenheit jetzt nehme, werde ich den Rest des Tages hinterherlaufen.) Kurz vor 9 öffnet der Blumenladen extra für mich, ich hole meine bestellten Rosen - für jeden Schüler eine - und Sonnenblumen - für ein paar Herzenskollegen - ab und merke, dass ich von nun ab zu spät bin. Zur Schule gerast, wo mir alle schon entgegenkommen, ins Lehrerzimmer gespurtet, um die Blumen ins Wasser zu stellen, den anderen hinterher geflitzt in die große Halle, wo nun  alle diejenigen Schüler geehrt und beschenkt und beklatscht und fotografiert werden, die im Laufe des Jahres etwas für die Schulgemeinschaft getan haben. Die Referendare werden verabschiedet, der (einzige) pensionierte Kollege auch. Das alles dauert dieses Jahr ganz besonders lange, und wir am Rand stehenden Klassenlehrer rechnen schon hektisch, wie viele Minuten uns für die Zeugnisausgabe noch bleibt, bis um 11 Uhr die ersten Schulbusse fahren.

Zurück in die Schule im Laufschritt, auf dem Weg von Eltern abgefangen, die dringend - jetzt! - etwas wollen. Und vom erschreckten Erinnern, dass wir noch die Einlegeblätter ... und die Briefe in die Buchpreise ... und in 20 min fahren die Schulbusse ...
Und dann halten die Schüler das Klassenzimmer von innen zu. Schreiben und basteln an etwas herum - Geheimnis - wir grinsen, müssen aber auf diese (blöden) Busse verweisen. Aufgeregtes Gewusel, bis endlich alle Popos den Weg auf die zugehörigen Stühle gefunden haben. Es gibt blaue Mappen mit Rosen, für manche ein Buch, ein paar Freudenschreie, ein paar Tränen. Wir bekommen eine Karte und liebe Worte, dazu kleine Geschenkchen. Von der Coklassenlehrerin ein Fahrradlyrikbuch - wie lieb! Bei all dem verdrücken sich die Tränchen wieder, welche mir fließen wollen, als unsere so liebgewonnenen Sechstklässler ein letztes Mal vor uns sitzen, um nun aufzuspringen und als quasi Siebtklässler in die Sommerferien zu starten. Manche kommen noch nach vorn, um ganz verstohlen die Hand zum Abschied zu reichen. Das ist in diesem Alter ja schon ein wenig peinlich. Scheint aber wichtig zu sein. --- Das war's, Ihr Lieben. Keine Zeit zum Trauern, obwohl ...

Schnell noch eine Klassenkonferenz - in anderen Klassen gilt es über dramatische Schülerwege zu sprechen - dann Dienstbesprechung. Mit Dank, Blumen, Abschied, zwischendurch Aufräumen, an die letzten Formalia denken, Klassenbücherunterschriften einsammeln, das neue Schuljahr im Kopf wälzen, kurze Zettelchen hin- und herschicken, wie so Schüler:) "In welcher Woche können wir uns in den Ferien treffen?" Mir selbst ne Mail schreiben, um heute nachmittag Dokumente nicht zu vergessen, restliche Papiere vom Tisch in fremde Fächer legen, oder in mein Schließfach, oder in die Tasche. Am Ende eines Schuljahres zieht man aus dem Lehrerzimmer immer ein Stück weit aus.
Zur Herzenskollegenverabschiedung gehen wir ins Foyer, führen unser Programm auf, drücken ihn und trinken Sekt, drücken uns gegenseitig, wir die wir "Bis September" sagen können, oder "Bis gleich", weil die meisten noch mit essen gehen. Die Pizzeria zeigt Geduld, wir sind eigentlich nach der Mittagsschließzeit da, aber wir sind viele, sie lassen uns sitzen, so lange wir wollen. Bis vier Uhr bleiben wir, langsam dimmt die Stimmung auf Ferien hinunter, langsam nur.

Als wir gehen - hinter uns wird abgeschlossen - ist es schon Zeit, die Tochter von ihrer Feier abzuholen.  Sie kommt bedrückt aus dem Haus geschlichen. Der Grundschulabschied tut ihr weh, bei aller Vorfreude auf das Gymnasium. Ein Eis tröstet sie ein wenig, wir schauen ihr Zeugnis an (bei dem es nix zu trösten gibt:)) - und irgendwannn kommt auch sie in Lächelstimmung. Im Buchladen gibt es das Zeugnisbuch (wie unromantisch: habe ich es nichtmal vorher abgeholt und eingepackt), und zu Hause wartet der Sohn.

Irgendwie seltsame Stimmung an diesem ersten Abend. Warum jubelt man nach der wochenlangen Anspannung nicht los? Warum fällt man nur müde und fast schon bedrückt ins Bett? Warum schmeckt mir nichtmal der Sekt?

***
Schon zwei Tage ist das her. Die seltsame Stimmung schleppt sich und mich bis heute. Es schreibt sich nicht, ich bin versucht alles wieder zu löschen. Wir haben einen Friseur-, einen Zahnarzt-, einen Kinderarztbesuch hinter uns gebracht, haben die Kinderschulsachen sortiert, ein paar kleine Fahrradschraubereien und vier Waschmaschinen absolviert, eine neue Brille ausgesucht und vermessen, die verlorenen Chipkarten ersatzbeordert, tütenweise zu kleine Klamotten aussortiert (und Einkaufslisten für neue geschrieben), die Reiseplanung für nächste Woche detailreicher gestaltet, erste Urlaubseinkäufe auf dem Boden sortiert abgelegt ...
Mitten in all dem melden sich pünktlich ein Gerstenkorn bei der Tochter und Halsschmerzen bei mir. So wie Ferien oft anfangen. So krank habe ich mich das ganze Jahr nicht gefühlt. Liege im Bett und warte, bis Körper und Seele ferienbereit werden. Immer mit einem Seitenblick auf die lange To-do-Liste, welche vor dem Urlaubsstart am Mittwoch noch Zeile für Zeile abzuarbeiten ist ...

Kommentare:

  1. hm...
    gut dass du nicht gelöscht hast.
    doof ist ja nur die Stimme im Kopf, welche so genau diktiert wie es jetzt sein müsste, das Fühlen, das Tun, das Hüpfen und Feiern. Soll die mal schweigen.
    Ich wünsche dir gute Besserung und liebevolle Geduld mit deinem Körper, welcher übermenschliche stemmen geholfen hat in den letzten Wochen. Ist es nicht irgendwie logisch, dass er nicht einfach in den neuen Modus verfällt, welchen die verständlichen Wünsche von aussen ihm anbieten?
    Gerstenkorn hatten wir auch, ich weiss aber erst seit eben, dass das diesen Namen trägt (Google sei Dank!). Ging auch namenlos ertragen fast vorbei nach einer Woche. Jetzt ist es in Griechenland und verabschiedet sich hoffentlich endgültig.

    Entspanntes Hinübergleiten ins Land der Ferien!

    Gabriela

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  2. nach diesem marathon wünsche ich dir nun geruhsame ferien und reichlich erholung!
    und gute besserung allemal.

    (wie gern hätt ich jetzt auch noch ferien *schnüff*... wir sind schon fast am ende, und der urlaub von uns eltern ist eh schon vorbei. ich genieße aber das arbeiten während der schulferien sehr, ist der tagesbeginn doch viel entpannter. und überhaupt.)

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  3. Es wird werden.
    Gerstenkorn vergeht, und die "Schwäche", die mentalen und köperlichen Strapazen werden auch schwinden.
    Erholen Sie sich.
    Ich bin auf neue Fahrradreisen gespannt.

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  4. Vielen lieben Dank Euch allen.
    Ja, der Körper hatte wohl einiges mitzutragen. Eigentlich ja gut, dass er sich derart zu Wort meldet, wenn ich ihn vergesse. Doof nur eben diese meine Erwartungshaltung.
    Allmählich - nach fast 48 Stunden Durchschlafen, ungelogen - fühlt es sich heilend an.
    Wir werden also in wenigen Tagen aufbrechen können - und können dann eben so schnell fahren wie wir können. Bzw. wie ich kann. Ihr werdet hier davon lesen ...

    Herzliche Grüße in drei Himmelsrichtungen!
    (Witzig: Eure Richtungen bilden etwa drei 120°-Winkel:))

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