Montag, 17. August 2015

Tag 10: Ilsenburg - Sorge


Sorge? Nein, ganz im Gegenteil. Der Ort, in dem ich hier gelandet bin, hat - für mich -mit Sorge nichts zu tun (von der Namensentstehung her wohl schon, aber man weiß es nicht genau).
Jedenfalls fand ich rechtzeitig diese Herberge, in der ich gerade sitze. Draußen gewittert es mal wieder. Und strömt. Woraufhin ich ein Zimmer dem Zelt vorzog. Ihr wisst das schon.

Hier - in der Herberge - pulsiert das Leben. Eine kommunenartige Pension, erst vor wenigen Monaten eröffnet, in der sich eine illustre Gesellschaft (positiv gemeint) von Wirtsfamilie und Feriengästen in einem ¨Wohnzimmer¨ niedergelassen hat, lacht, sich unterhält, isst, trinkt, all das. Geschichten schweben durch den Raum. Jeder Reisende bringt welche hierher. Der Pensionswirt aber mit seiner eigenen Geschichte (wie es ihn in dieses 85-Seelen-Dorf verschlug, wie dieser Ort ihn fand) ist die gute Seele des Zusammenseins. Wunderbar lebendig. Hier könnte ich bleiben. (Radfahrend fährt man ja immer weiter. Trotzdem gut, an Orten zu landen, von denen man eigentlich nicht mehr wegmöchte.)

Und wie verschlägt es mich hierher? Zufällig einerseits. Die Pension liegt einfach am Wegesrand. Andererseits bin ich reif zum Ankommen. Und der Regen ist reif zum Abregnen. Perfect match also.

Mitten im Harz. Früh bin ich da. So dass noch Zeit für eine kleine Ortswanderung bleibt, mit Sitzpausen auf allen Bänken am Wegesrand. Nicht, weil ich das nach jeden 100 Metern gebraucht hätte. Sondern, weil der Blick ins regenverhangene Grün mir gut tut.

Der Tag vor der Ankunft ist sportlich. Ich habe Respekt vor dem langen Anstieg. Habe aber von vergangenen Touren die Erfahrung im Gepäck, dass ich jede Höhe schaffen kann, wenn ich nicht wie die Schlange aufs Kaninchen starre.

Mal abgesehen davon, dass eine Alpenüberquerung für mich trotzdem nichts wäre. Die sportliche Herausforderung jedenfalls ist es nicht, die ich auf meinen Touren suche. Gern umfahre ich Berge. Nur liegt der Harz so mitten quer auf dem Grenzpfad, dass nunmal kein Weg dran vorbei führt.

Die Akzeptanz des Seienden, die Hingabe an das Jetzt seien der Schlüssel, schreibt mir die liebe sofasophia heute in einem Kommentar, der so mitten ins Zentrum trifft. Ja. Genau so denke ich heute beim stundenlangen Bergauffahren auch. Das Nein zum Berg macht ihn hoch. Und das Wollen, das unbedingte, das ermattet mich. Lasse ich es laufen, geht es. Hm - laufen, gehen. So treffend für heute. Denn ich erlaube mir abzusteigen, zu schieben, wenn es dran ist. Und Pausen einzulegen, wenn es nicht weiter geht. Ohnehin kann ich mich an jeder beliebigen Stelle im Wald niedersetzen und da sein. Also da, wo es am besten ist: in der Ruhe dieses tiefgrünen Waldes. Heute ist alles leicht.

Viel mehr war schon nicht an diesem Tag. Ein paar kurze Gespräche am Wegesrand. Ein paar wohlige Erinnerungen am Bahnhof Drei Annen Hohne. Und die Dampflok dazu. Ein paar Gedanken zu dem Lärm, den ich mache. Ja, wirklich, im Wald bin ich laut. Reifen auf Schotter in der Waldesstille sind Lärm. Die Wanderer tun mir leid. Ich durchkreuze ihre Sonntagswege mit meinem Heranrauschen. Darum versuche ich fast zu schleichen. Trotzdem stecken sie mich wohl in einen Topf mit den Mountainbikern, die hier durchpfeifen, schauen genervt, grüßen nicht. Eine Art stiller Krieg? Wirklich - nirgendwo bin ich so wenig (zurück)gegrüßt worden wie hier.

Das macht aber nichts. Heute macht mir nichts etwas aus. Einen ganzen Tag lang im Wald zu sein ist Frieden genug.

Kommentare:

  1. Uih, was du von dieser Pension erzählst, hört sich nach Fiderallala an, fein! So könnte es in einer französischen Sommerkomödie zugehen! Da hätte ich knallhart wieder diesen Wunsch nach Dableiben gehabt! Du bist so taff!
    Gruß von Sonja

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  2. Taff war es, in den Regen hinauszufahren. Fand ich selbst:) Aber es war letztlich gut.
    Die heutige Unterkunft ist eben so formidabel.
    Und wieder werde ich weiterziehen ...
    Lieben Gruß zu Dir, Uta

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