Montag, 10. August 2015

Tag 3: Salem - Büchen


Morgens am See sitzen, schreiben, träumen, schauen ... Bis die anderen Zeltmenschen und der Gedanke wach werden, dass die Reise heute weitergehen sollte.
Die Tochter springt in den See, unser kleines Frühstück wird von Wespen umschwärmt, das expandierte Chaos unserer  vielen Dinge sucht sich einen Weg zurück in die Packtaschen - das dauert, wir sind noch nicht routiniert im Aufbrechen. Außerdem ist das Zelt außerordentlich taufeucht, so dass wir uns Zeit lassen mit dem Einpacken. Kurz nach 11 sind wir erst auf dem Weg.

Dieser empfängt uns heute mit Anhöhen und Kopfsteinpflaster, wurzelwerkdurchsetzt. Der worst case unter den Straßenbelägen. Dazu bergauf und in der Sonne. Wenn doch nur eines nicht wäre ... die Tochter stellt laut Betrachtungen an über die Menge an Belastung und unseren Umgang damit. Gern würde ich das vertiefen, aber ich keuche selbst zu sehr. Und realisiere, dass wir gerade mal wieder die Grenzlinie überfahren. Dieser Weg hier ins Nirgendwo, der kann nur zu Wachtürmen geführt haben.

Keine 20 km sind um, wir sind aber schon rechtschaffen abgearbeitet. Ergreifen das Café in Zarrentin als Gelegenheit zum Mittagessen, Blick auf den See, Schollenfilet, Salat, Soljanka. Über diese meine nostalgische Soljanka-Liebe - ich lasse wohl keine aus - machen sich inzwischen beide Kinder lustig, Macht ja nichts.

Man möchte ewig sitzenbleiben, aber dafür sind Radtouren nicht da. Wir zählen die Kilometer bis zum nächsten geeigneten Zeltplatz - und erschrecken beide: noch über 30. Die großartige Tochter ist sofort hochmotiviert: dann machen wir eben mal 10 km lang keine Pause, dann sind wir bald da.

Gesagt, getan, wir fliegen los und schaffen Kilometer weg. Der Weg beschenkt uns aber auch. Flach, flacher, am flachesten - nach meinen rudimentären Erdkundeerinnerungen aus Klasse 5 muss das der Sander sein, südlich der Endmoräne. Stimmt, Kiefernwald, die wohligen Gerüche meiner Kindheitsurlaube. Wie stark das olfaktorische Gedächtnis immer wirkt!

Immer wieder zwischendurch Erinnerungsstätten. Hier: ein geschleiftes Dorf. Diesen Ausdruck verinnerliche ich in diesen Tagen. Menschen entfernt, Häuser plattgemacht, nur um die Grenzanlagen zu bauen. Heute ist hier, wo einst ein Dorf blühte, ein elend trostloses Gewerbegebiet entstanden.
Wir überqueren die Autobahn, mit Blick auf eine Tankstelle, wo früher die Grenazabfertigung war. Aus den Betonplatten dringen sanft ein paar Mohnblüten, fast schon symbolisch.
Ein Dialog:
- ¨Zum Glück ist die Mauer weg, sonst könnte ich den Papa nie besuchen.¨
- ¨Na, dann wär er aber auch gar nicht dein Papa.¨
- ¨Stimmt. .... Aber wer wäre ich dann???¨

Die 30 Kilometer verfliegen, irgendwann sind wir schon an der Ecke, wo wir nach dem Zeltplatz fragen müssen. Ja, da lang. --- Wir schaffen es trotz präziser Auskunft dennoch, den falschen Weg zu wählen. Vielleicht haben wir nur einfach geträumt, während wir uns im Springkraut am Wegesrand verloren haben. ¨Da wird man nochmal zum Kind¨, so der Sohn vor ein paar Tagen. Heute gilt`s für mich.Àls immer mehr Nirvana kommt, kehren wir um - so abgelegen liegen auch naturbelassene Zeltplätze nicht.

Im zweiten Anlauf schaffen wir´s, werden herzlichst begrüßt (so kann es auch gehen) und haben uns Minuten später für einen Platz direkt am Wasser entschieden. Von dem Moment an ist die Tochter drin, im Wasser. Irgendwann springe ich dazu, und wir schwimmen zur Plattform heraus. Dieses Schwebegefühl ...

Kochen, essen, sitzen, See schauen, träumen ... der Tag endet wie er angefangen hat. Ein wunderbarer Bogen.

1 Kommentar:

  1. Ist jetzt mein Kommentar weg? Bei Blogger-Blogs bin ich manchmal zu doof fürs Kommentieren.
    Danke fürs Teilen einer für mich ganz und gar unbekannten Gegend. Dazu mit euch im See baden dürfen.
    Gute Weiterreise!

    AntwortenLöschen