Donnerstag, 20. August 2015

Tag 13: Eschwege - Eisenach


Nein, Eisenach liegt nicht am Grünen Band. Ganz richtig: Ich bin hier nicht ¨richtig¨. Und doch ... hat dieser Weg sein müssen.

Vielleicht beginnt alles damit, dass ich frühmorgens aus Instinkt mein Zelt lieber trocken einpacken will. Obwohl mein Ziel ein weiterer Zeltplatz an der Werra ist - da packt man es ja nach wenigen Stunden wieder aus. Trotzdem. Ich harre geduldig aus, bis der Nebel, der um 9 noch genauso dicht ist wie um 6, sich um 11 endlich verzogen hat. So dass ich die einzelnen Zeltschichten nach ein wenig herumwedeln trocken in den Packsack stecke.

Der Tag beginnt also trödelig, ich verbringe noch eine weitere Stunde in Eschwege, einkaufend, schlendernd, Kaffee trinkend, und komme auch danach nicht so recht in Fahrt. In innere Fahrt schon, denn die hervorlugende Sonne und die Werra-Auen und die Fachwerkstädtchen legen meinen Gedanken ein permanentes Liedchen auf die Lippen. Wenn ich an das Jetzt denke, an das Fahren in diesem Tal, an das radfahrende Herumbummeln, das ich heute betreibe.

Anders wird es in mir, wenn ich an die kommenden Tage denke. Der Weg führt wieder vom Fluss weg, in bergige, verlassene Gegenden hoch, zumal in solche, die mir nicht vertraut sind. Die Ecke um Gerstungen und Heringen wird die letzte sein, in der ich schon jemals war.
Und ich bemerke in mir ein Zählen: der verbleibenden Tage, der verbleibenden Kilometer, der Höhenmeter dazu - das wird knapp, wenn ich in einer Woche am Dreiländereck stehen will. So knapp, dass mir eigentlich die Freude vergeht, weil ich von jetzt an nur noch hetzen und durchhasten müsste. Mit stetem Blick auf die Uhr ist kein ruhiges Anschauen, kein ruhiges Gespräch mehr drin. So will ich das nicht. Es fehlen einfach die paar Tage vom Anfang, als wir krank waren - aber das soll jetzt nicht meine Reise kaputtmachen.

Während ich also durch die traumsanfte Landschaft schwebe, wühlen sich Reiseroutenänderungspläne durch meinen Kopf.
Hinter Heringen abbiegen, so wie damals, als wir von Berlin nach Hause gefahren sind - die Strecke könnte ich noch auswendig - und dann pünktlich Anfang der kommenden Woche zu Hause sein?
Oder rein nach Thüringen, welches ohnehin mein Lieblingsseelenbundesland ist, unsere damalige Tour rückwärts, ergänzt um den Bachradweg um Arnstadt, so lange eben die Zeit reicht?
Oder so lange auf dem Grünen Band fahren, bis die Zeit um ist, ohne am Ende Hof zu erreichen?

Alles dreht sich noch in mir, als mir am Rastplatz ein Schild in die Augen springt. Darauf die Antwort: Klar, naheliegend - die Werra weiter hinauffahren. Noch viele viele Kilometer Thüringen - hach! - durch Bad Salzungen und Meiningen - hach! - und bei Eisfeld wieder auf das Grüne Band treffen. Man schneidet damit sozusagen den Südwestzipfel Thüringens ab, verkürzt einige Kilometer und auch Höhenmeter. So sieht meine Lösung aus. Einfach auf diesem wunderbaren Weg bleiben. Und ob ich dann am Ende noch bis Hof gelange ... das ist egal.

Denn der nächste Plan lugt schon um die Ecke. Seit Stunden stehen da diese Eisenach-Schilder am Wegesrand.
Eisenach. Bachhaus.
Wir mit dem Sohn vor zwei Jahren, auf unserer Berlin-Tour. Wie wir in diesem Museum versunken sind, weil man sich an jeder Ecke in die Musik fallen lassen konnte.
Die Musik ... die Musik ... pocht es bei mir an. Da ist eine Traurigkeit in mir - eine, die weder mit der Reise noch konkret mit meinem Sein dieser Tage zu tun hat - eine tiefe Traurigkeit, die durch nichts so sehr getröstet wird wie durch Bachs Musik.
Ich - hier sooo lange schon ohne Musik unterwegs - spüre eine solche Sehnsucht, dass ich gar nicht mehr anders kann, als heute nach Eisenach abzubiegen. Der Zeltplatz an der Werra wartet auch morgen noch auf mich. Ich brauche jetzt genau diesen Umweg. Merke ich, als ich auf dem Markt in Treffurt einen Rieseneisbecher löffle. ... Und suche mir also - mangels Zeltplatz - ein Zimmer in Eisenach.
Dass dieser Schlenker richtig ist, merke ich an den Tränen, die mir jetzt beim Fahren fließen. Vieles löst sich. So soll das sein auf Reisen. Es tut immer auch weh, sich selbst so ganz schonungslos gegenüberzustehen ...

Gedankensinnend bin ich plötzlich an der Abzweigeecke. Hier stand ich damals mit dem Sohn auch. Nur in der umgekehrten Richtung, nach unserem Bachhaustag. Ich fahre das Damals zurück in der altvertrauten Spur. So sehr erinnere mich an jede Kurve, das ist schon verblüffend. Ich erinnere mich auch, genau dieses Stück Weg aus dem Zug gesehen zu haben - sicherlich oft schon, aber einmal ganz bewusst. (Hier schrieb ich davon.)

Und dann geschieht noch etwas Verblüffendes. Nicht DASS es passiert - ewig schon wundere ich mich, dass es bisher immer glatt geht - sondern dass es HIER passiert. Wo ich doch morgen in der Stadt die Möglichkeit habe, alles reparieren zu lassen. Nicht auszudenken, auf dem tiefsten Land, wo ich die ganze Zeit war ...
Jedenfalls: ich kippe mit dem Fahrrad um. Nein, nicht stürzen, umkippen. Während ich stehe.
Die Geschichte dazu ist ganz einfach: ich bin eine Falschschieberin. Ich schiebe auf der rechten Seite vom Rad, ich steige von rechts auf, ich halte mit dem rechten Fuß an, ich steige nach rechts ab. Das ist - gemessen am Normalen - die falsche Seite. Für mich aber die einzig richtige. Von links zu schieben oder aufzusteigen, führt zu unweigerlichem Torkeln und Radnichtbeherrschung - das lasse ich lieber bleiben. Damit wäre ich im Leben schon tausendmal gestürzt, das werde ich nicht mehr lernen.
Im Unterschied aber zu Linkshändern (für die man spezielle Scheren, Stifte etc. kaufen kann) gibt es für Menschen wie mich keine Rechtsschieberäder. Fatal. Denn auch an meinem Rad ist die Schaltung rechts und - jetzt kommt´s - der Ständer links. Der Ständer LINKS! Wo ich doch aber rechts schiebe und stehe. Wie bitte soll ich von dort aus den Ständer ausklappen???
Ja, das hat sich niemand so richtig überlegt. Mir bleibt nur eine von drei Möglichkeiten:
1) schon vor dem Absteigen mit dem linken Fuß den Ständer von hinten nach unten zuppeln, häkelnadelartig - diese Variante scheidet im Moment wegen störender Gepäcktaschen aus;
2) hinten um das Fahrrad herumlaufen, es dabei mit vorgebeugtem Oberkörper am Sattel halten und vor dem Umkippen bewahren, und dann den Ständer mit dem Fuß ausklappen wie jeder normale Mensch auch - das ist bei so viel Gepäck allerdings eine schwierige Angelegenheit;
3) mich mit dem Oberkörper über das Rad beugen (ich fahre ein Herrenrad) und den Ständer mit der linken Hand ausklappen, während die rechte das Rad und das Gleichgewicht hält. Das sieht vermutlich so lustig aus wie es klingt und ist bisher in meinem Leben immer gut gegangen.
Heute also erstmals nicht. Volle Kanne knalle ich zusammen mit dem Rad auf den Asphalt. Aus dem Stehen tut das nicht weniger weh. Dass es mir erstmals im Leben passiert, tröstet nicht wirklich.
Denn im Gegensatz zu der Kamera, die ich beim Fallen noch hochhalte, bekommt der Lenker das gesamte Fallgewicht ab. Lenkerhorn und Bremsgriff abgebrochen. Großer Mist. Ob man die Lenkstange dann besser auch austauscht, das werden die morgen im Radladen entscheiden. Und hoffentlich fürs Reparieren nicht länger brauchen als ich im Bachhaus? (Ein paar Däumchen, bittedanke.)

Einbremsig und sehr behutsam kutschiere ich mich also in die Stadt. Glücklicherweise war dies nicht auf einem der hohen Berge passiert - ich hätte mich wohl nur noch im Schritttempo, wenn nicht schiebend hinuntergewagt.
Finde mein Zimmer, guugele die Radläden, finde einen, der gleich um 9 öffnet, werde davorstehen, ganz lieb bittend schauen - und dann hoffen.

Der Rest des Abends ist Bummeln durch die menschenleere Stadt. Wie gespenstisch sie abends wirkt, das war mir vor zwei Jahren schon aufgefallen. Und wie belebt dagegen tagsüber, das auch.

Und jetzt also: Bach. Und wenn die mein Rad einschläfern müssen. Mir bleibt: Bach. Ich froi mich so ....

Kommentare:

  1. Die Lösung heisst Zweibeinständer (http://www.bikester.ch/fahrradzubehoer/fahrradstaender/zweibeinstaender.html?_cid=21_2_1_{network}_cat0476p_cat0476p_{creative}_zweibeinst%C3%A4nder)
    Gute Reise!
    Felicitas

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  2. also meine däumchen, pardon daumen;-)
    drücke ich dir!
    ansonsten: gute entscheidung, die strecke zu ändern
    und deinen neuen bedürfnissen anzupassen!
    habs gut!
    waldwanderer

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