Freitag, 5. August 2011

Aufräumdinge

Ein bisschen bin ich stolz auf mich, ein bisschen finde ich es absurd: Dass ich die komplette erste Ferienwoche lang mit Aufräumen verbracht habe. Und zwar fast ausschließlich.

Nämlich:
Was alles so liegengeblieben war in der hektischen Vorferienzeit. Ein großes Haus voller Alltagsunordnung.
Das traditionelle, von den Kindern heiß und innig gehasste Sommerferiengründlichkinderzimmeraufräumen: Alle Regale, alle Kisten, alle Ecken, und auch unter dem Teppich.
Die Kleiderschränke und -kommoden von oben bis unten, Kinders und meine.
Das Arbeitszimmer. Riesenpapierstapel eines ganzen Schuljahres. Dazu diesmal: mein Arbeitszimmer mit allem Drum und Dran zog drei Etagen tiefer. Buch für Buch, Ordner für Ordner buckelte ich alles die Treppe hinunter.
Und weil ich gerade so schön dabei war, rückte und räumte, entstaubte und sortierte ich alle anderen Gegenstände im Haus auch gleich. Ich hatte sozusagen von A bis Z alles einmal in der Hand. Naja, fast alles.

Ein bisschen fremd war ich mir selbst in diesem Räumwahn. Vor allem, weil ich es so lustvoll und diszipliniert tat. Da gab es schon ganz andere Jahre.

Viel größer als sonst sind die Erfolge:
2 Altkleidersäcke, 2 Kisten Spielsachen, 3 Kisten Bücher, 2 Müllsäcke Papierzeugs (hauptsächlich Gebasteltes meiner Kreativkinder, die sich diesmal außerordentlich leicht trennen konnten) und ein 10-cm-Schredderstapel (den Kindern ist schon die Puste ausgegangen, so bleibt diese meditative Tätigkeit wohl an mir hängen).

Schön auch die Fundstücke:
Eine Tochterhose, die ihr noch bis zur Wadenmitte reicht. Kinder, wie die Zeit vergeht.
Ein Elternbrief, der mich über einen Theaterbesuch der Sohnesklasse im Mai informiert. Und dass ich 5,50 zu zahlen hätte. Ob ich das noch nach den Sommerferien darf?
Die Holzkiste. DIE Holzkiste nämlich. Die so unhandlich und unschön ist, dass sie 24 Jahre lang unbenutzt von einer Ecke des Zimmers in die andere geschoben wird. Die man trotzdem nicht entsorgt, weil man sie nämlich bei der Matheolympiade in Cuba als Preis gewonnen hat. So ist das mit dieser Kiste.
Ähnlich mit den Sweatshirts der Uni Moskau, mitgebracht, als ich im letzten Jahrtausend dort studierte. Daher muffeln sie ein bisschen. Sie durften erstmal wieder eine Runde durch die Waschmaschine drehen.
Ein Karton Druckerpatronen. Leider erst gefunden, nachdem die Onlinebestellung für neue schon abgeschickt war.
Adresszettel, von denen ich weder weiß, wer sich hinter dem Namen verbirgt, noch was uns je hat in Verbindung treten lassen.
Schulhefte (DIN A4 liniert), Heftumschläge (gelb) und Buntstifte in einer Menge, die bis zum Ende der Schulzeit meiner Kinder und darüber hinaus langen wird. Soll ich auf Tauschbörsen setzen - tausche gegen kariert und alle anderen Farben - oder eher darauf, dass meine Kinder nach der Schule einen Beruf ausfindig machen, in dem sie Schulhefte (DIN A4 liniert), Heftumschläge (gelb) und Buntstifte sinnvoll verwerten können?
Unfassbare Mengen auch an Druckknöpfen, eingeschweißt, als Ersatz mitgeliefert beim Kauf neuer Kleidungsstücke. Ich wusste weder, dass ich die lückenlos aufgehoben habe (ok, die Erkenntnis, dass ich zum Typ der Sammler gehöre, ist ja nicht neu), noch welche immense Menge an Neukleidern im Laufe der Jahrzehnte in unseren Haushalt eingezogen sein muss.
In der Knopfkiste auch die Kinderzimmerschlüssel. Die hatten wir zwar noch nicht vermisst, aber Finden macht trotzdem Freude. Dunkles Wiedererinnern, weshalb wir sie vor Jahren eingezogen hatten: nämlich um nicht die Tochter eines Tages mit Feuerleiter oder Spitzhacke aus ihrem eigenen Zimmer befreien zu müssen.
Ein 50-Pfennig-Stück. Westpfennig. Die Suche nach den restlichen Erinnerungsmark - Ost und West, Münzen und Scheine - bleibt erfolglos. Unverständlich, denn ich bin mir sicher, dass ich genug der Märker für spätere Erzählungen aus der (guten) alten Zeit aufgehoben habe. Finden tue ich lediglich Groszy, Rubel, Lira, Centimes und Lei. Auch gut. (Notiz an mich: Es scheint noch Orte im Haus zu geben, die von meiner Räumwut nicht erfasst wurden.)
Ums Geld herum mein erstes Nachwendeportemonnaie, mit Klettverschluss, in - kreisch! - rosa.  Gekauft mit und vor 21 Jahren, auf der Wilmersdorfer Straße, bei meiner ersten D-Mark-Geschäftsbesichtigung. Die erinnere ich noch wie heute. Außer für das rosa Ding konnte ich mich bei nix entscheiden. Totale Überforderung. Neonblendung, Süßduftmusik, Buntverpackungsflut und Schock: Wozu braucht der Mensch 300 Sorten Salami???
Hartnäckig ausbleiben tut dagegen die Erinnerung an das Behältnis, in dem ich meine Schuldinge zu Oberstufenzeiten von A nach B transportierte. Ranzenzeit längst vorbei, und auch die Jahre, in denen wir die Bücher- und Hefterkilos in großen Einkaufstaschen geschultert schleppten. (Meine Skoliose hats mir für immer gedankt :(  ). Auch die Netzbeutel- (vom Bruder genäht) und  Windeltaschenjahre (selbst genäht - jepp!) waren zu Abizeiten doch längst vorbei. Worin also habe ich mein Schulzeugs dann transportiert? Gab es ´87 in der DDR eigentlich schon Stadtrucksäcke (oder wie hießen die damals?), waren die vom Westen schon hereingetröpfelt? Gedächtnislücke: mit welchem Transportbeutelchen habe ich überhaupt studiert?
Worüber man sich beim Aufräumen so Gedanken macht ...

Jetzt bin ich abgeschweift, habe den Faden meiner Fundstückaufzählung verloren. Macht ja aber nichts. Hören wir auf. Es war noch so manches.

Leider nicht dabei: die Partner unserer 27 Sockensingles. Statt dessen haben sich mindestens 10 neue Einzelexemplare angefunden. Immer diese Rätsel im Sockenuniversum ...

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Ein seltsames Gefühl der Befriedigung stellt sich ein, nach all diesen Tagen inmitten meines Geraffels.
Das Äußere hat immer auch mit dem Inneren zu tun ...

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