Donnerstag, 18. August 2011

Zwischen den Meeren

Die Nordfrieslandtage sind lange vorbei. Tage des langsamen und gemächlichen Unterwegsseins, Tage mit Windtreiben und Wellentürmen, mit schwingendem Meer, tanzendem Wolkenspiel,
endlosen Himmelsbögen.
(Dass wir eine Woche lang sogenanntes schlechtes Wetter hatten, war nicht wichtig. Es war gut.)

Seit ein paar Tagen nun sind wir in Berlin, in den Fangarmen der Großstadt. Es ist laut, grell, eng, schnell – so überfordernd erlebe ich die Stadt immer, und jedes Jahr ein bisschen mehr. Schaue ich auf der Straße in die Gesichter, versuche ich die Geschichten dahinter zu lesen, spüre ich mich weit weit weg. Ich bin hier eine Fremde, eine innerlich Danebenstehende, mehr als an anderen Orten. Und doch – oder gerade daher? - laufe und laufe ich durch die Stadt, wie aufgezogen.

Gestern. Die Rast an einem Bistrotisch lässt meinen Blick auf eine Tageszeitung fallen, auf eine Schlagzeile: „40% der Berliner Neugeborenen lebt von Hartz-IV“. Eine frisch veröffentlichte Statistik, die ich eigentlich nicht brauche, schaue ich mich hier offenen Auges um. (Oder doch: die Zahl 40 schockt.) --- Die spielenden Kinder und ihre Blicke, bis spätabends schaue ich auf der Straße in Kinderaugen. --- Die Roma-Großfamilien, die seit zwei Wochen in einem Park unter freiem Himmel leben, mitten in der Stadt. (Zweimal täglich schauen Jugendamtsmitarbeiter vorbei, ob es den Kindern dort noch gut gehe, oder ob man sie „in Verwahrung“ nehmen müsse, schreibt die Zeitung.) --- Die türkischen Eltern, die im Schreibwarenladen lange diskutieren, ob sie wirklich den Pe.li.kan-Tuschkasten kaufen sollen, den die Lehrerin auf die Liste geschrieben hat, oder lieber den günstigeren No-Name. Letztlich wird es die Markenfarbe – sie wollen doch das Beste für ihr Kind. Und ich stehe daneben und veratme ganz schnell den Gedanken, dass ein Tuschkasten für faire Chancen nicht reichen wird, nie und nimmer, hier im Wedding, wo die Kinder-Hartz-IV-Zahl sogar 65% beträgt. --- Und ringsumher Wahlplakatswälder, auf denen sich die Parteien gegenseitig in Versprechen übertrumpfen, dass sie die Berliner Schul- und Bildungs- und Kinderarmutsmisere ganz sicher ganz sofort beseitigen werden …
Am Abend lasse ich mich erschöpft in einem „Orient-Imbiss“ fallen, bei Falafel und Wasser. Außer mir sind hier nur Betrunkene. Die mich anstarren und anlallen, oder den Fernsehhelden an der Wand neben meinem Tisch. Ich bin sogar zu müde, um Angst zu bekommen. Es macht mir schon nichts mehr aus.
Ein paar Minuten später sitze ich im Auto, im großen, sicheren, das mich zurückbringt in meine heile Welt.

Großstadtstachel, ganz tief. Berlin taugt nicht zum Urlauben. Jedenfalls nicht für mich. Deswegen sitze ich heute den ganzen Tag unter dem Walnussbaum im Vatergarten, inmitten beruhigenden Grüns. Kein Schritt heute in die überfordernde Stadt. Und überlege, dass das Flucht ist. Rückzug in meine kleine Welt. Augenschließen.
Wenn die Welt mir zum überflutenden Meer wird, ziehe ich mich in den See meines klitzekleinen Heims zurück. Wo ich mein Boot selbst lenke, wo ich in Ruhe heere Gedanken denken, gute Träume träumen, gutmenschiges Mitgefühl fühlen kann. Während ich im Gras liege und mich durch die geschlossenen Augen von orangefarbenem Sonnenlicht wärmen lasse.

Nur lesend wage ich mich heute in die Welt hinaus. Ins Jerusalem der 40er Jahre, in ein Leben, das mit Gartenliegen und Blumenkontemplation so gar nichts zu tun hat. Und ins Rom der Heutezeit. Von Menschen lese ich, die den ganzen Sommer hinter geschlossenen Fensterläden verbringen. Damit ja kein Nachbar merke, dass sie nicht wie sonst am Meer sind, weil sie sich keinen Urlaub mehr leisten können.

Und wir werden in drei Tagen weiterfahren, ans nächste Meer. Wie gut es uns geht. Aber darüber froh zu sein, will mir heute nicht gelingen. Erleichtert, ja, das bin ich.
Mit offenen Ohren werde ich dorthin fahren - in mich, und in das Meeresstimmengewirr hinein gerichtet ...

Kommentare:

  1. Ich sitze hier und muss schmunzeln - wie ähnlich manchmal die Konstrukte sind, die wir aus der Welterfahrung ableiten. Seit 10 Jahren leben wir nun "neben" dieser Stadt und ich finde das gut so. Ich könnte nicht in ihr wohnen. Ihre Lebendigkeit zu nutzen, ihre Kraft ab und zu auf mich wirken lassen, das ist schon wunderbar. Doch wie es eben so ist - eine große Stadt bündelt nicht nur das Licht, sie sammelt auch die Schattenseiten auf, wie ein Magnet.
    Die Probleme der "Hartz-IV-Kinder" sind keine Erfindung dieser Stadt. Woanders kann man vielleicht leichter wegschauen, es ignorieren. Berlin konfrontiert und wühlt auf. Ich habe für mich gelernt, dass diese Stadt alles verstärkt - auch meine Emotionen. Sie erschreckt, verschreckt, bringt viel Elend ans Licht - aber auch viel Unterstützungswillen, kreative Ideen und Solidarität. Das die Politik da nicht Schritt halten kann, verwundert mich nicht. Sie reagiert - was sie zäh und fremd macht - sie agiert schon lange nicht mehr! Auch das ist eine Auswirkung des Tempos in der Stadt!
    Geniß den Garten und das nächste Meer - es gehört alles dazu!
    Nachdenkliche Grüße
    Susanne

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Susanne,

    Deine Worte haben wiederum mich lächeln lassen. Das von jemand Anderem zu lesen :)
    Ich kenne zu viele Berliner, die alle ganz bewusst und mit Herz hier leben, und ich, die ich das nicht mehr könnte, fühle mich daneben oft ein wenig unfähig. Lebensuntüchtig, weil ich die Dichte nicht aushalten kann - Kompression in Zeit und Raum, alle Extreme gedrängt nebeneinander, das ist zu viel für mich. Gerade weil man hier nicht wegsehen kann. Wie zu Hause, in meinem seichten Fahrwasser, wo die Nachbarsarmut zumeist unsichtbar bleibt.
    Danke für Deine Worte! Ja, es gehört alles dazu.
    Liebe Grüße
    Uta

    AntwortenLöschen
  3. ich kenne dieses überfordert(?)sein durch die großstadt (und die große weite welt im allgemeinen) auch sehr gut. und ebenso wie du ziehe ich mich dann bewußt in meine kleine (gedanken)welt zurück und sehe zu, daß es uns hier gut geht.

    ich empfinde es aber nicht ausschließlich als einen rückzug, sondern auch und vor allem als konzentration auf das wesentliche. denn ich vergesse 'das alles' ja nicht und trage auch meinen teil dazu bei, daß nicht alles nur so schlimm ist + bleibt. und wenn es nur dadurch ist, daß ich mich bemühe, vor allem positive energien in die welt zu bringen, empfindsame, natur- und friedliebende kinder ins leben zu geleiten. denn das ändert auch etwas am energiezustand der welt :-)).

    im urlaub haben mich mehrfach die gedanken an die für mich unhaltbaren zustände bei der arbeit einholen wollen. aber ich hab sie nicht gelassen, habe mich auch davon zurückgezogen bzw die gedanken einfach durch schöne gedanken überlagert, um meinen akku auch wirklich wieder aufladen zu können und nicht in eine abwärtsspirale zu geraten.

    ich empfinde das auch als achtsamkeit vor mir selbst. mich davor zu schützen, was mir nicht gut tut.um mich dann mit neuer positiver energie dem ganzen kladderadatsch da draußen zuwenden zu können.

    AntwortenLöschen
  4. Ja, sich um die Welt zu sorgen, ohne für sich selbst gut zu sorgen, geht wohl auf Dauer nicht gut. Das spüre ich, immer wieder.
    Und doch ist es kein selbstverständliches Geschenk, solche Rückzugsorte zu haben - und das meine ich überhaupt nicht nur materiell-finanziell. Dieser ruhende, lebensspendende, erdende Ort in einem selbst - den in sich zu spüren, das ist Gnade.

    Ich wünsch' Dir das Beste für Dein Arbeitsding ... möge die mitgebrachte Kraft reichen, das nun anzugehen!

    AntwortenLöschen
  5. frau siebensachen21. August 2011 um 21:11

    danke!

    dir eine gute zeit (falls du das überhaupt noch liest ;-) )

    AntwortenLöschen