Mittwoch, 2. November 2011

Bachfestpotpourri

Vor ein paar Tagen habe ich Karten gekauft - für das nächste Bachfest in Leipzig, am Ende der Pfingstferien. Heute kamen sie hier an, heute hielt ich mit den Tickets meine Vorfreude in den Händen. Es ist noch lange hin, aber die Erinnerungen an das letzte, an den Juni, die sind mir noch ganz nah ...


Ein Abendkonzert, zum Weinen ergreifend.
Das Orchester in organischer Bewegung, alle miteinander im Schwingen - ein beeindruckendes Bild von gemeinsamem Atem, selbst wenn man nichts hören würde. Jeder einzelne, der da auf dem Podium sitzt, ist Medium für die Quelle, der die Musik entspringt. Es macht erbeben, hört man diese spielen. Und die hauchzarten Töne der Altistien, uns tausend in der Kirche in die atemberaubt schweigende Ergriffenheit bannend  ...
(Während die Sopranistin beim Singen so in den Knien hüpft, dass jeder Gesanglehrer einschreiten würde. Wäre sie nicht schon so renommiert :))

Inmitten glockenstimmiger Thomanerjungs (oh, die sind ja so klein wie der meine!) in der Kirchenbank sitzen und singen. Dabei den berühmten Countertenor zum Anfassen nah vor sich haben. (Nein, angefasst habe ich ihn nicht :) Aber angesprochen.) Die beiden älteren Damen neben mir, zum Singen gekommen, lesen im Programm: "Ein Countertenor - nu, des wär'ma ma gucke, was des nu wieder gibt..." ;-)

Dem Thomaskantor auf der Straße entgegenlaufen. Weil ich bei seinen Spontankonzerten tagelang in den ersten Reihen saß, wirkt er ganz verunsichert, ob er mich kennen müsse. Zumal ich ihm auch noch in die Augen schaue bei dieser flüchtigen Begegnung. Er entscheidet sich, mich kopfnickend zu grüßen. Ha - mich! Der Thomaskantor - Bachs Nachfolger, sozusagen :)
(Warum eigentlich schlendert der des Nachmittags durch Leipzigs Nebengassen und zieht ein Klamottenköfferchen hinter sich her? Ich dachte immer, der wohnt hier?)

Den jungen russischen Preisträgerpianisten hören.
Staunen. Über seine Virtuosität. Und seine unprofessionelle Unbeholfenheit Wie er unbeirrt Wasserflaschen, Stirnschweißwischtücher, Notenmappen, lose (kopierte!) Blätter auf und unter dem Flügel verteilt. Zwischen den Stücken räumt er ein wenig auf. Aber sein Spiel macht das vergessen. Und sein Mitsingen. Nein, nicht laut wie Glenn Gould. Ganz lautlos, ganz aus der Seele kommend singt sein ganzes Ich. Den Beifall zum Schluss kann er sichtbar kaum ertragen. Er winkt ihn ab. Alle glauben, für eine Zugabe. Nein. Er dankt in gebrochenem Deutsch für die Aufmerksamkeit, aber: „In meiner Kultur sind Zugaben nicht üblich.“ Und geht. Kehrt nochmal kurz um, um seine Stirntücher und Wasserflaschen mitzunehmen.
Das irritierte Publikum kann sich nicht mehr zum Weiterklatschen entschließen.

In die Johannespassion kaum hineinfinden.
Erstaunlich, warum ich gerade hier nur schwer ankomme. Weil meine Stimmung so gar nicht nach Passion ist? Weil ich die Passion kurz zuvor selbst gesungen hatte, noch zu sehr darin gefangen bin? Weil die Interpretation ungewohnt, und, ja, zuweilen sehr gehetzt, sehr holperig ist? Oder weil der Tenor - wie immer seit 15 Jahren - einfach nicht an den Evangelisten herankommt, den ich damals intensiv gehört habe und der mir für immer seine Stimme ins Ohr gepflanzt hat. Oder weil ringsum manchmal Hustenbonbonpapier raschelt, weil während der Arie "Zerfließe, mein Herze" ein Handy klingelt. Erst ganz zum Ende bin ich endlich dort.
Nur: Warum klatschen die Leute 2 Millisekunden nach dem Schlusston los - warum gibt es keinen winzigen Moment der ergebenen Stille?

Überhaupt sollte man im Programmheft nicht nur Handyabschaltung anweisen, sondern auch solches: Bitte nehmen Sie Ihre Bonbons vor dem Konzert aus der Tasche und wickeln Sie sie verzehrbereit aus. Und das: Bitte halten Sie Ihr Programmheft so in den Händen, dass es auch während eines gelegentlichen Einnickens nicht zu Boden fällt.
Es ist unglaublich, wie viele Bonbonauswickler, Taschenkramer, Handyklingler, Programmrunterwerfer, Indieandachtsvollestillehineinklatscher in den Konzerten sitzen. Ich bin da nicht pingelig, nicht empfindlich, aber zuweilen ist es arg. --- Sind das die Leute, die in solchen Konzerten sitzen, weil „man“ das eben tut? Weil „man“ sonst nicht dazugehört? Ich frage mich wirklich …

Und schließlich das Konzert am letzten Abend.
Für das ich gar keine Karte habe. Welches schon 10 Minuten nach Beginn des Online-Ticketverkaufs im Herbst vergangenen Jahres ausverkauft war. Für welches es nur ein Wort gibt, wenn man es in der Stadt irgendwo erwähnt: „Ausverkauft“. Und in welches ich so unbedingt will. Und später einsehe, dass ein „unbedingt“ hier nichts zu suchen hat, dass ich es beim Wollen belassen muss. Beim offenen Wollen, welches kein „Muss“ ist.
--- Dieses Wollen, wie es mich bedrängt und wie ich mich daraus löse ... Darin steckt eine wichtige Botschaft für mich. ---
Jedenfalls stehe ich zusammen mit ebensolchen Wollenden lange, lange auf einer Treppe, wartend. Wir unterhalten uns über unsere musikalischen Wege, und über unser Warten auf dieser Treppe, und auch darüber, dass sämtliche an uns vorbeiziehenden Kartenbesitzer englischsprachig sind. Wie das denn sein könne? Dann eine deutschsprechende Kartenbesitzerin. Hat ihr Ticket allerdings über eine australische Agentur gekauft, via Internet und Auslandsüberweisung und Postweg. Und zwar "erst" 30 Minuten nach Verkaufsbeginn. Denn das war ja zu australischer Nachtzeit, deswegen haben die Tickets dort wohl so "lange" vorgehalten. Nun ja, es ist schon sehr seltsam, das alles zu hören. Was die Stimmung auf der Treppe erstaunlicherweise steigen lässt. Wir wollen alle nicht mehr verbissen hinein. Stehen hier einfach und schauen, was passieren wird. Lächeln uns an, warten, summen vor uns hin.
Und plötzlich - zum Lohn für unsere Gelassenheit? - holt man uns hinein und verkauft uns Karten. Zusätzliche, per Hand ausgestellte. Einfach so, eine Karte nach der anderen wird verkauft, an die ganze lange Schlange der Wartenden. Wie ein kleines Wunder.
Ein viel größeres Wunder: Die Musik, die wir dann hören dürfen. Ich bin sehr schnell ganz da.
Einmal weine ich. Aber das mag ich in diesem Bachfestpotpourri nicht erzählen. Weil es Tränen mit Himmelsweite sind.
Bachfestschlussmusik.

Danach noch eine letzte Stunde durch die Stadt schlendern, im Hof des Bachmuseums Kruzianer- und Thomanerknaben beim Einsingen zuhören. Aber keinen Neid mehr spüren auf die Besucher, die in langen Schlangen in dieses Konzert hineindrängen. Für mich ist es richtig, jetzt abzufahren. Ein guter Schlusspunkt.
Direkt vor dem Bahnhof, in Gedanken schon mein Gepäckschließfach suchend, laufe ich noch einmal jenem Countertenor fast in die Arme. In T-Shirt und Jeans, mit Baseballmütze, das italienische Orchester im Pulk hinter sich herziehend. Auf der Suche nach einem Ort zum Essen, Trinken, Beisammensitzen. Die gibt es auf Leipzigs Straßen zur Genüge.

Aber ich fahre ab ...


Und bald fahre ich wieder hin. Wie viel Vorfreude so ein bisschen Ticketpapier auslösen kann!

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