Donnerstag, 17. November 2011

Tagtraum

Lieber Lehrer,

vielen Dank dafür, daß Sie Ihr Leben meinem Kind gewidmet haben. Kann ich IRGEND ETWAS für Sie tun? Brauchen Sie IRGEND ETWAS? Ich bin für Sie da.

Warum?
Weil Sie meinem Kind – MEINEM SCHATZ – lernen und wachsen helfen. Sie sind nicht nur weitgehend für seine Fähigkeit verantwortlich, sich einen Lebensunterhalt zu verdienen, sondern Ihr Einfluß wird sich auch sehr stark darauf auswirken, wie es die Welt betrachtet, was es von anderen Völkern auf dieser Welt weiß und wie es über sich selbst denkt.
Ich möchte, daß mein Kind glaubt, es könne alles erreichen – daß ihm keine Türen verschlossen, keine Träume in weiter Ferne sind. Ich vertraue Ihnen den kostbarsten Menschen in meinem Leben sieben Stunden jeden Tag an. Folglich sind Sie einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben!

Ich danke Ihnen.


(Moore, Michael: “Stupid White Men”)


Ein schöner Traum, solche Briefe ...


Statt dessen hier im Posteingang Rebis:

... mein Kind ... hat ja alles gekonnt ... durch Sie verschuldet ... begann vor Verzweiflung zu weinen ... wenn Sie nicht in der Lage sind, den Stoff zu vermitteln ... das können Sie nicht wegdiskutieren ... Einschüchterung und Demotivation in Ihrem Unterricht an der Tagesordnung sind ... wenn Sie es darauf anlegen, nur kleine Genies zu unterrichten ... beschimpften Sie die Schüler ... Ihre Argumentation ist nicht haltbar ... mein Kind leidet durch Sie ...


Ich versuche ja, die Eltern zu verstehen, versuche nachzuvollziehen, was sie bewegt, solche Briefe abzusenden, was sie mir damit eigentlich sagen wollen, was sie damit über sich und ihr Kind sagen - unter der Oberfläche der Forderungen und Anschuldigungen, teils in einem Tonfall vorgebracht, den man getrost als unverschämt bezeichnen kann.
Allein, es will mir manchmal nicht gelingen. Heute zum Beispiel.

Eine Stunde lang habe ich nun um eine diplomatische Antwort gerungen. Soeben abgesendet. Besser wird's nicht mehr. --- Ich sollte echt mal ein Trainingsseminar in Gewaltfreier Kommunikation besuchen, nicht immer nur in den Büchern blättern und mir dort Formulierrat holen.
Vielleicht ließe sich so auch mein Impuls verringern, dem Mail-Gegenüber (das ich meist nicht mal von Angesicht kenne) per Tasten an die Gurgel zu springen. Vielleicht gibt es geschickteren Umgang damit als den, den ich per Bauchgefühl wähle: deeskalierend, aber offenbar oft nicht deeskalierend genug.

Und der Zeitaufwand ... man stelle sich nur mal vor, wenn mir auch nur ein Bruchteil meiner 200 Schüler-Eltern solche Briefe schriebe ... wann bereite ich da dann noch meinen Unterricht vor? Geschweige denn die in diesen Briefen geforderten Maßnahmen?
Und überhaupt - was sagt mir der Blick auf die Uhr mal wieder? Zeit für einen Nachttraum. Ein solcher wie dieser Tagtraum - siehe oben - zum Beispiel ... das wär`s doch jetzt, als Entschädigung.
Ich geh dann mal träumen ...

Kommentare:

  1. Im Zeitalter von Internet und email möchte ich gar nicht wissen, was viele Lehrer an Spontanfrust abbekommen.

    Bei Ihnen dürfte noch zusätzlich eine Rolle spielen, dass es bei Ihnen um Mathematik geht, ein Fach unter dem viele jahrelang gelitten haben. Und da vermischt sich dann möglicherweise der Eltern-Mathefrust mit den Realitäten des eigenen Kindes. Und Sie dürfen sich dann noch mit den Schülererfahrungen der Elterngeneration rumschlagen.

    Bevor ich auf Ihr Weblog stieß, habe ich mich desöfteren gefragt, ob es sowas wie "Mathematik-Didaktik" gibt. Natürlich ist mir rational klar, daß es sowas geben muß. In meinem Matheunterricht jedoch wurde das nicht deutlich. Man hatte das zu lernen, weil man dadurch logisches Denken lernt. Nutzanwendungen für den eigenen Alltag: Fehlanzeige bis auf ein einziges Mal in der Oberstufe als es um die Berechnung der Größe von Waschmittelpackungen ging um möglichst viel Waschmittel mit möglichst wenig Materialverbrauch unterzubringen.

    Aber wie die Rechenoperation heißt, die ich dadurch lernen sollte, weiß ich heute nicht mehr.

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  2. Puhh, harter Tobak! Wenn ich sowas lese, kann ich schon verstehen, warum hier kein Lehrer bereit ist, eine e-mail-Adresse an die Eltern herauszugeben (was allerdings wiederum dazu führt, dass die Kommunikation ziemlich schwierig ist, weil man selten einen Lehrer erreicht, wenn es nötig wäre). Gute Nerven und auch ein bisschen ein dickes Fell gegen persönliche Angriffe wünsche ich Dir und auch den Blick dafür, angebrachte von unangebrachter Kritik zu unterscheiden,
    LG, katobia.

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  3. Wenn man dergleichen persönlich nimmt, ist es schon zu spät....Dir hat irgendwer ein stahlhartweiches Schutzmäntelchen verliehen, wie ich weiß. Das ist unschätzbar GUT!
    Gruß von Sonja

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