Donnerstag, 2. August 2012

Abschiede

Der Sohn, der lebt ihn wohl am sichtbarsten:
Seit Wochen, ja Monaten fast, zählte er die Grundschultage. Hatte immer im Kopf, wie viele noch verblieben. Er war mein Ferienticker :)
Als die Materialliste der neuen Schule ankam, ließ er keinen Tag vergehen, da hatte er schon alles zurechtgekauft und -gelegt, den gepackten neuen Schulrucksack neben den Frühstückstisch gestellt. Mit dem Kommentar, er bräuchte jetzt keine Sommerferien, es könne direkt weitergehen, so sehr freue er sich. (Nee danke, dachte ich, dieser Wunsch möge bitte unerfüllt bleiben. Und der Rucksack wurde vom Esstisch auch nochmal zurück ins Zimmer gestellt, für die verbleibenden zwei Monate.)
Nun aber, beim Aufräumen der alten Schulsachen, war ihm plötzlich nach Aufheben, nicht nach Wegwerfen. Für jedes Fach eine Ablage, er wolle das noch durchschauen, er wolle sich damit noch ein wenig an die Grundschulzeit erinnern. Wehmütig klang das. So wie seine Bemerkungen, oft ganz unvermittelt, dass er nun nie mehr alle zusammen sehen werde. Dass es in seiner Klasse doch eigentlich ganz schön war. Und dass nun alle auseinandergehen ...

Die Tochter, die macht die Ambivalenz ihres bevorstehenden Abschieds eher im Innern aus. Trägt zwar Ranzen und Schultüte immer wieder Probe, quer durchs Haus (und kein Gast darf das Haus verlassen, ohne beides bewundert zu haben :)). Aber ansonsten ist sie zurückhaltender in ihrer Vorfreude. Wird still und nachdenklich, wenn wir zusammen ihre Kindergartenmappe anschauen - dreieinhalb Jahre Erinnerungen, die mir so nah, soooo nah alle erscheinen. Erzählt immer wieder, dass sie bald nochmal in den Kindergarten gehen wird (ja, nach der Sommerpause dürfen auch die Schulanfänger wiederkommen, bis zum Tag vor der Einschulung). Und denkt wohl sehr viel daran, wie sehr sie ihre Erzieherinnen vermissen wird. Mir steigt selbst das Wasser in die Augen bei diesem Gedanken ...

Und ich? - Bei mir steht natürlich kein solcher Abschied, keine Zäsur vor der Tür. Dabei bräuchte ich dringend eine. Oder wenigstens einen spürbaren Abschied vom vergangenen Jahr mit allem, was es von mir gefordert hat. Es war, oberflächlich gesehen, ein "viel geschafft"-Jahr. Es war, von innen besehen, eine Zeit, in der ich mich weiter von mir selbst entfernt habe als ich ertragen möchte. Meine Tage waren oft nicht mehr meine, meine Räume nicht mehr von mir besetzt, meine Stimme klang nicht mehr nach mir.
Es braucht einen Wechsel, einen Abschied vom Gewesenen.
Ob es einen solchen geben kann? Wie kann ich ihn finden?
Wie kann ich mich finden?
Ob ich wieder mit meinem Puls zusammenfließen kann?

Morgen geht es auf eine Reise im Äußeren.
Ich nehme viele Sehnsüchte mit. Oder besser: Die Sehnsucht nach Sehnsüchten ...


(PS. Ein herzlicher Dank übrigens an meinen Nachbarn, der mir im Moment durch die Doppelhauswand hindurch mal eben sein WLAN zur Verfügung stellt. Unser Te.le.kom-DSL hat sich seit letzter Woche nämlich in die Sommerpause begeben. Bestimmt, damit ich mich - statt in die virtuelle Ferne zu schweifen - mehr auf mich selbst besinne. Aber danke, liebe Te.le.kom, das brauchst Du mir nicht abzunehmen, das ist eigentlich ganz allein meine Aufgabe ...)

Kommentare:

  1. Du Liebe,
    meinst du das Gefühl von "Mein Leben ohne mich"?
    Das kenn ich auch zur Genüge aus den letzten Jahren.
    Dieses gelebt werden, statt selbst bewusst ein(her)zuschreiten.
    Deine wundervoll lebendige Art zu schreiben, zeigt mir, dass du dir (und deinem Leben) näher bist, als du ahnst.
    Ein Tagebuch und Tätigkeiten, die so gar keinem Zweck folgen (zum Beispiel Malen nur um des Malens Willens - nicht zum Verschenken oder Verhübschen) empfinde ich für mich als sehr hilfreich.
    Und sich selbst etwas gönnen, ich lasse mir manchmal Reiki oder eine Massage geben.
    Ich wünsche dir eine gute Auszeit, die dich zu dir zurückführt und deine Reserven wieder auffüllt und dich neu "erblühen" lässt.
    Alles Liebe und herzliebe Grüße
    tüftelchen

    AntwortenLöschen
  2. Ich freue mich sosehr für dich, dass bei euch die Zeit nun auch da ist. Ich hätte die so gerne geschrieben, deine Post reiste in unsere Berge. Aber dann kam alles anders, von einem Tag auf den andern...
    Wie lange bist du weg? Wirst du erreichbar sein? Ich kann nicht lange schreiben, meine minütliche Präsenz ist gefordert.
    Daher so, ohne Mail.
    bis bald, alles Liebe und eine wirklich wirklich erholsame zeit
    Gabriela

    AntwortenLöschen
  3. Meinen beiden Vor-Kommentatorinnen schließe ich mich an, sie haben schon ALLES gesagt....Gute Reise!
    Sonja

    AntwortenLöschen
  4. Ihr Lieben,
    das Zeitfenster hier in Berlin ist kurz - morgen früh fahren wir weiter an die Ostsee. Eure lieben Worte nehme ich mit, kann gerade vor Reiseerschöpfung nicht weitertippen, aber in gute alte Papierpost verpackte Worte gehen vielleicht auf den Weg, morgen oder bald ...
    Danke!

    AntwortenLöschen