Sonntag, 21. September 2014

Ein Schuljahr im Werden #4

Seltsam, versuche ich mich zu erinnern, was ich an den restlichen Tagen meiner Vorbereitungswoche in den Ferien getan habe, weiß ich nichts mehr. Von morgens bis nachts am Schreibtisch verbracht und gewerkelt, doch woran? Wie zu Windelzeiten, als man den ganzen Tag unablässig beschäftigt war, ohne abends sagen zu können womit eigentlich.
Was ich noch weiß: mein Kopf funktionierte langsam, mehr als alten Wein in alten Schläuchen produzierte er nicht, keine zündenden Ideen, keine Neuerungen. Jedenfalls: die erste Woche für Klasse 9 war fertig vorbereitet, soweit das eben ging, da ich ja die Schüler nicht kannte. Die Einstiegsstunden für Klasse 8 waren angedacht. Die gesamte erste Schulwoche war festgezurrt, im Geiste und in Dateiordnern. (Und nun ist alles schon wieder aufgebraucht.)
Dann verreiste ich, der Kopf durfte nochmals leer werden. Himmelschauen, eine Woche lang. Himmelschauen kann man ja auch beim Blick in Bücher oder in die Flammen eines Lagerfeuers.
***
Die Schulstartwoche beginnt abrupt. Gerade noch im Zug sitzen, schon vor der Klasse stehen. Und doch ist es diesmal irgendwie anders. „Die erste Schulwoche ist immer der Rausschmeißer aus dem Feriengefühl“, schreibe ich an einen Freund in einer Mail. Dabei stimmt das gar nicht, stelle ich hinterher fest. Dieses Jahr stimmt es nicht. Nicht so wie sonst jedenfalls, nicht so total, nicht so unruhig vibrierend. Alles fühlt sich noch ruhig an. Warum? Vielleicht lerne ich dazu, schaffe es von Jahr zu Jahr besser, mich nicht gleich aufreiben zu lassen, nicht gleich ins unbarmherzige Tempo werfen zu lassen, nicht gleich meine Ferienruhe aufzugeben.
Startvorteil: Am Montag sitze ich zunächst völlig freiwillig im Lehrerzimmer, habe keinen Unterricht. Will nur eben meine klein-großen 6er begrüßen, gehe mit in die Klasse, wir sind zu zweit (Luxus! alles organisiert sich wie von selbst), Wiedersehens- gepaart mit Vorfreude. Der Rest des Vormittags vergeht mit Kollegenschwätzchen, durchaus auch arbeitsamen Inhalts, Kopieren, Kruschteln, Arbeitsplatz einrichten, Listen erstellen - und Freuen über meinen neuen Lehrerzimmersitzplatz, über meine neue Nachbarin vor allem.
War doch umgeräumt worden in den Ferien; jede und jeder musste neu sehen wo bleiben. (Unser Lehrerzimmer ist eng, sehr eng. Legebatterieähnlich. Ein Fall für Tierschützer; ich übertreibe nur wenig. Nun ist es immer noch eng, aber in die andere Richtung. Fühlt sich im Moment wie ein besseres Eng an.) Wir also, die wir nicht in der letzten Ferienwoche schon einen neuen Platz errannt hatten, mussten am Montag zusehen. Es war noch die Ecke mit dem stärksten Durchgangsverkehr frei, und dort sitzen wir nun alle miteinander: alle Nichtvorsorglichen, Nichtbesorgten. - So gut hatte ich es mit meinen Nachbarn selten getroffen, übrigens. Die Kollegin neben mir kommt aus einem Sabbat-Jahr zurück. Kein Zufall, jetzt, da ich diesen Plan erstmals in meinem Herzen wäge. Beide freuen wir uns an unserer neuen Nachbarschaft und über das uns einende Vorhaben, im Hamsterrad ein lebbares Tempo zu bewahren. Die erste Woche haben wir mit Bravour geschafft, stellen wir am Freitagmittag fest, an unserem Tischlein sitzend, das wir jetzt schon als Festung der Ruhe inmitten des Lehrerzimmersturms empfinden.
Die Woche kommt ins Fließen, ich begegne nach und nach meinen Klassen wieder. Die Freude ist unterschiedlich groß, auch bei den Schülern. Ist ja wohl normal, dass nicht alle wie die Kleinen strahlen, wenn sie nach monatelanger Pause wieder Mathe und Physik haben dürfen:)
Eine wirkliche Freude aber – für mich jedenfalls – wird der Start mit der neunten Klasse, die ich als einzige nicht kenne und vor der ich großen Respekt habe, weil dem Alter ohnehin und insbesondere diesem „Haufen“ ein Ruf vorauseilt. Und dann werden unsere ersten vier Stunden einfach nur gut. Gut gut gut. Mein Gefühl sagt mir, dass wir zueinander finden werden. Weil die Schüler sich mit großer Offenheit, mit großem Vertrauen, ein wenig hilferufend und dabei mir in die Augen blickend sofort auf unsere Beziehung einlassen. Chaotisch, unruhig, lärmend, nichtzuhörend – in der Tat: ein „Haufen“. Aber das ist unwichtig am Anfang. So sind sie eben. In der ersten Stunde zunächst. (In der zweiten schon weniger, übrigens, weil ich das nicht will. Und weil sie sich meinem Wollen nicht verschließen.) Abgründe tun sich auf, als ich ein wenig durchteste, was aus Klasse 7 und 8 hängen geblieben ist. Nix, möchte ich fast diagnostizieren. Mathematische Kopffüßler sozusagen, in einem Alter, in dem der Bildungsplan differenziertes Perspektiv- und Detailzeichnen erwartet. Schauen wir mal, als wie gelenkig wir uns im Können-Sollen-Spagat erweisen – mit Spannung und Vorfreude schaue ich auf diese Aufgabe.
Ihre Erwartungs- und Wunschliste an mich übrigens, auszugsweise, ungeordnet:
faire Noten, abwechslungsreicher Unterricht, auf alle Schüler eingehen, leichte Arbeiten, jede Frage würdigen, keine Unter- und Überforderung, wenige Hausaufgaben, Klasse zur Ruhe bringen, dass wir Mathe nicht mehr hassen, verständliche Arbeitsaufträge, weniger Tests, lockerer Unterricht, mündliche Noten unabhängig von schriftlichen. 
Manches ist leicht: Ruhe kann ich. Hassfach-wegmachen meist auch. Manches ist unerfüllbar: Niemanden unter- oder überfordern. Haha, 28. Hochbegabung und Dyskalkulie inklusive. I’ll do my very best.
Die erste Woche ist um, das Schuljahr hat begonnen, ich bin mittendrin. Am Freitagabend dann droht – bei aller Ruhe – doch noch die erste Nackenverspannung. Wie ich ihr begegne? Wärmkissen umlegen, schlafen gehen, obwohl es erst Neun ist, das Wochenende komplett arbeitsfrei lassen …

1 Kommentar:

  1. @Nackenverspannung:
    Ich gehe alle vier bis sechs Wochen zu meiner Osteopathin, eine großartig Dame. Sie korrigiert die Haltung, gibt Tipps und legt ihre Hände an die verspannten Stellen. Hinterher Fango.

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