Mittwoch, 2. März 2011

Das Tosen in der Stille

Da sitze ich im Zendo. Viele Stunden, das ganze Wochenende. Ringsum ist alles gedämpft: Geräusche, Farben, Geschwindigkeiten. Das hilft bei unserer Übung: den Blick ablegen, den Atem zählen, sonst nichts. Aufsteigenden Gedanken ein "Stopp" zurufen, den Mut haben sie sofort zu unterbrechen - nicht erst noch die Geschichte zu Ende denken - darin besteht unsere Übung, hier in der äußeren Stille. Damit es innerlich still werde.

Ich übe - wie alle anderen im Saal. Meine aktuellen Alltagsgedankenfäden, Familie und Schule sind weit weg - spüre ich schon am ersten Abend. Wahrscheinlich habe ich sie gar nicht erst mit in den Zug einsteigen lassen. Sie sind weg - komplett weg - für diese zwei Tage.

Doch auch ohne diese ist es nicht einfach - gar nicht einfach! Kaum beginne ich meinen Blick auf Boden oder Wand zu senken, geht es los:
"Da: ein Muster - eine Wabenstruktur - und diese Linie - setzt man sie diagonal unten ins Bild: was für ein Fotomotiv! - und was für Braunschattierungen - Eichenparkett? - harmonisch jedenfalls - da: eine Fliege - wenn sie jetzt nach links oben krabbelt, bildet sie mit den beiden Pickelchen auf der Wand ein gleichseitiges Dreieck - überhaupt: diese Pickelchen - an Rauhputz kann man sich ganz schön verletzen - dem L. ist das ja mal passiert - und wieso ist es dort rosa in der Ecke: Schimmel in dieser Farbe? - glaub ich nicht - ähm, und woher solche Schuhstreifen? - hier darf man doch gar nicht mit Schuhen herein - upps: ein Lichtreflex auf der Brille - hab kein Putztuch mit: Mist - überhaupt: Augenarzt wäre mal wieder dran ..."


Dies als Versuch eines Einblicks, was in meinem Kopf los war. Pausenlos.
(Richtig aufschreiben lässt es sich nicht. Aber es waren etwa solche Gedankenketten, in die ich mich permanent verhedderte.)

Irgendwann beschließe ich die Augen geschlossen zu halten. Man hatte uns davon abgeraten, weil dann viel schneller all die Geschichten loslärmen, in denen wir unsere verschiedenen Rollen spielen. Doch die meisten davon hatte ich ja erfolgreich zu Hause gelassen, und so schloss ich die Augen. Parkett und Rauhputz waren zu gedankenträchtig für meinen wachen Geist, der einfach nicht in die Ruhe finden wollte.

Ohne Blickkontakt zur Umgebung wird es kurzzeitig stiller in mir. Doch schon öffnet sich der nächste Kanal. Ich versuche meinen Atem zu zählen, bin noch nicht bei Eins, da lärmt es schon wieder los:
"Unheimlich, diese Stille von 40 Menschen - ob es bei den anderen auch so ununterbrochen im Kopf arbeitet - oder ob ich die einzige Unfähige hier bin? - "Stopp" zu solchen Gedanken, soll ich mir sagen - StoPP: mit zwei P - sieht immer noch komisch aus, auch nach Jahren - überhaupt: diese unsinnige Rechtschreibreform - schon wieder toben hier die Gedanken: menno - Mut sie zu unterbrechen: also los - ähm: stopp - apropos Mut: "Mut tut gut" - es gibt schon unsägliche Buchtitel - Wortspielereien um der Spielereien willen - früher in der Schule, der Herr S. - Stopp! Rückkehr in den Raum hier bitte - da raschelt einer: ob der auch nicht mehr sitzen kann? - und wieso muss der da hinten ständig so laut schlucken - naja: ist vielleicht erkältet - seltsam: niemals hustet oder niest jemand - das ist bei 40 Leuten ja nicht normal - also erkältet kann man auf ein solches Wochenende ja nicht fahren - da: ein Magenknurren - wie laut in dieser Stille! - ein Wunder, dass es nicht meiner ist - wann gibt's eigentlich Frühstück - wie kann ich jetzt wohl unauffällig auf die Uhr schauen ..."


Und so ging es all die Zeit.
Immerhin: Während ich zu Hause oft in mehreren Ebenen parallel denke, scheint es hier nur noch eine gewesen zu sein. Das ist ein Anfang, das sind schon Dimensionen von Ruhe, die ich sonst selten in mir spüre. Und ich beginne ja erst ...

Leichter war es mit der Hilfe meines Körpers: Mir bestimmte Bewegungen beim Atmen vorzustellen, das lenkte mich mitten in den Atem hinein. Und noch leichter wurde es, als mir ein Schmerz im Bein aufstieg, vom langen Sitzen. Ganz in diesen hineinzugehen mit meinem Spüren - das hat mich gemittet, in jenem Moment. (Jetzt, wo ich es hier schreibe und selbst lese, glaube ich es kaum. Schmerz mittet mich?)

Kurze Momente, Sekundenbruchteile immerhin habe ich ohne Gedanken erleben dürfen. Warm fühlt sich das an. Plötzlicher Frieden. Ich erfahre mich als atmendes Wesen - sonst nichts.
Wie viel das ist!
Ein erhellendes Erleben ...

Kommentare:

  1. Was für amüsante Gedankenketten. Wie treffend beschrieben wie schwierig es ist, ihnen Einhalt zu gebieten. Und wie bereichernd, wenn man es schafft.
    Liebe Grüße
    Herr M

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  2. Ich hatte von Anfang an eine erstaunliche Gelassenheit, was dieses Tosen betrifft.

    Wir praktizieren es nicht mit "Stopp" weil das das Gegenteil bewirkt. Wir sehen den Gedanken einfach an. (Es ist wie es ist.)Er geht von selbst wieder weg, wenn wir zum Zählen des Atems zurückgehen. Nur das zählt. Immer wieder zurück.

    Mir hat auch die Vorstellung geholfen, dass jeder Atemzug ohne Gedanken eine kostbare Einzahlung auf ein inneres Stillekonto ist. Jeder einzelne.

    Und die Konzentration auf die Berührung der beiden Daumen, besonders den linken Daumen spüren. Das hat auch geholfen.

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