Freitag, 4. März 2011

So. Geschafft.

Die Abiturvorbereitungsbücher stehen wieder im Regal, die tausend Materialien müssen noch aufgeräumt werden.
Ein letztes Mal habe ich sie heute Morgen gefordert, rechnen und begründen lassen, Taschenrechnertipps gegeben, auf Denkfehler hingewiesen, an effektive Lösungsmethoden erinnert.
Die letzte Aufgabe, die ich ihnen stellte, war eine einfache. Mit Bedacht: ihnen zu zeigen, dass es schon gut wird.
Die letzten Worte, die ich ihnen mit auf den Weg gab, waren etwa diese: dass ich ihnen (und auch mir) natürlich wünsche, dass die Noten gut werden. So gut wie eben möglich, wie sie sie sich vorgenommen haben. ABER: Dass sie bei aller Aufregung und Angst und vor allem bei möglichen Enttäuschungen, sollte eine Klausur nicht wie erhofft ausgehen, nie vergessen mögen - es ist nur eine Note. NUR eine Note - denn das Leben, das Wesentliche, das was am Ende wirklich zählt und trägt und den Lebensfaden bildet, das wird von dieser Note nur am Rande berührt, wenn überhaupt. Sie sollten also wenn möglich gelassen bleiben und bei allem Lerneifer in den nächsten Tagen immer auch daran denken: Es geht NUR um eine Note. Und nicht um ihr Leben.
Für manche stellte das wohl einen ganz neuen Aspekt dar. Viele verstanden. Sie klatschten.
Und dann gingen sie.

Einige von ihnen habe ich vier Jahre lang unterrichtet - genauso lange, wie ich an dieser Schule bin. Was sie in der Prüfung können werden - und was eben nicht - das habe zu wesentlichen Teilen ich ihnen vermittelt - oder eben nicht. Ich war ihre Klassenlehrerin, jetzt Tutorin, wir haben schwierige Klassensituationen gelöst, wir waren zusammen auf Klassenfahrt. Sie waren immer da in meinem Schulalltag. Mit vielen genügt ein Blickkontakt, und wir wissen dann schon. So viel gelacht habe ich noch nie mit einer Klasse. So gut gekannt habe ich auch noch keine anderen. Alles so vertraut. Sie sind ein bisschen "meine".
Unvorstellbar, dass sie bald nicht mehr da sind.
Eine ganz schön große Träne saß in meinem Augenwinkel, als ich vorhin meine letzten Worte sprach.

Das nächste Mal werde ich sie in 12 Tagen sehen. Ich werde einen Schokoladenglückskäfer auf ihren Platz gelegt und ein "Alles Gute und viel Erfolg" an die Tafel geschrieben haben. Dann werde ich den Raum verlassen müssen - Mathelehrer sind als Aufsicht nicht zugelassen. Vier Stunden später werden sie erschöpft aus dem Saal kommen und mir sagen, dass ich die falschen Wahlaufgaben genommen habe. Das sagen sie immer :)  Und ich werde einiges an ihren Gesichtern ablesen können. Den dicken Stapel gelber Mappen nach Hause tragen. Und dann sehen ...

Tage später werden sie wieder zum Unterricht kommen, für ihre letzten zwei Schulmonate. Ja, wir werden auch Mathematik betreiben, ein paar Wahlthemen. Ich weiß noch nicht welche. Wir werden uns viel unterhalten. Es wird kein Unterricht mehr wie bisher. Dieser letzte Rest Schule, nach dem Schriftlichen, das ist wie ein Anhängsel. Eigentlich ist es heute schon ein bisschen vorbei mit unserem gemeinsamen Lehrer-Schüler-Weg.
Meine Aufgabe besteht nur noch darin, ihr Abitur zu korrigieren und sie in diesen Prüfungszeiten moralisch und beratend zu unterstützen.
Im Juni dann ihnen die Zeugnisse zu überreichen.
Und zu guter Letzt ihre Einladung zum Abiball anzunehmen.
An jenem Abend wird die Träne in meinem Augenwinkel wohl noch ein bisschen dicker sein ...

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