Sonntag, 13. September 2009

Anders geschaut

Schon den dritten Tag liegt mir ein Och nö auf der Zunge bzw. in den Fingern.
Schon den dritten Tag kratzt und schmerzt der Hals, läuft die Nase, tun Kopf und Rücken weh, fühlt es sich grippig an.
Och nö: Was soll das denn jetzt, wo morgen wieder die Schule anfängt? Zu Ferienbeginn kenne ich das, da ist Krankwerden bei mir fast schon Tradition. Aber zu Schulbeginn???

So schleppe ich mich durch die Tage:
Bin am Freitag froh, die Tochter im Kindergarten abgeben zu können, versuche die Zeit zu nutzen, um einen Vortrag für Samstag vorzubereiten, werde lang nicht fertig, komme erst spät in der Nacht zum Ende.
Halte mich am Samstag ganz tapfer den ganzen Tag in der Schule in Konferenz und Teamsitzung, freue mich bei aller Schlappheit wahnsinnig!!! meine Kollegen nach den Ferien wiederzusehen (solch ein Kollegium sind wir, solch eine frohe Stimmung, so viele Umarmungen!), bin glücklich über einen der besten Stundenpläne der Welt, halte meinen Vortrag, kann es kaum erwarten am Montag wieder zu starten. Muss, obwohl Kopf und Körper eigentlich anderes fordern, wieder bis spät abends wachbleiben, weil die Männer von der Tschechien-Musikschulreise zurückkehren und noch stundenlang begeistert, hochbegeistert ihre musikalischen, zwischenmenschlichen und landschaftlichen Impressionen teilen.
Ziehe heute alles Anstehende durch: Wäsche- und Küchenberge, Schulvorbereitungen für Sohn und mich, Versuch der Wieder-Installation eines Alltagsrhythmus, immer wieder Besänftigung der vor Wiedersehensfreude tobenden Geschwisterkinder und und und.

Doch jetzt, abends, plötzlich die Einsicht: Dafür hat sich das grippige Gefühl nicht ausgerechnet jetzt eingestellt. Das bringt doch eine Botschaft mit …
Ja, ich verstehe gerade, dass ein Och nö wirklich nicht die angemessene Reaktion auf die Signale meines Körpers ist. Ich sollte mich nicht länger dagegen wehren, sollte nicht länger gesund spielen. Alles, fast alles kann warten.
Wenn ich anders draufschaue, wandelt sich das Och nö nämlich geradewegs zu einem Aha!

Aha! Wenn ich krank bin, bin ich krank. Dann tue ich nicht, als wäre ich gesund. Hier zu Hause nicht, und in der Schule darf ich mich auch krankmelden. Ich muss nicht mit angeschlagener Stimme vor die Klasse treten (was dann passiert, weiß ich ja ohnehin schon aus leidvoller Erfahrung mit wochenlangen Folgen). Ich muss davon wegkommen, ein schlechtes Gewissen zu haben, weil Kollegen mich vertreten müssen. Ich muss lernen einzusehen, dass es auch ohne mich geht.

Tja, so einfach das klingt, so schwer tue ich mich damit. Immer wieder, mein Leben lang schon. Immer meine ich, alles schaffen, durchziehen, bewältigen zu müssen, nicht ausfallen, nicht schlappmachen, mir keine Schwäche zugestehen zu dürfen.

Vielleicht kam dieses kleine Gripplein eigens des Wegs, um mir einen ersten Schritt zu ermöglichen. Dass ich mir nämlich mal ganz kurz, in einem ganz kleinen Bereich eine Auszeit zugestehe. Jetzt nämlich, ja: jetzt gönne ich dem Schreibtisch einen freien Abend und gehe mit meinem Wattekopf und einer heißen Zitrone ins Bett.
Und mit diesem Vorsatz fürs neue Schuljahr:

Wenn ich krank bin, stelle ich mich nicht gesund.

So. Jetzt steht es hier, schwarz auf weiß (blau auf apricot).
Ihr dürft mich gern dran erinnern. Ich selbst werde auch versuchen, mich dran zu erinnern.

Die erste Gelegenheit dazu bietet sich vielleicht am Mittwoch. Wenn es mir bis dahin nicht besser geht, melde ich mich krank – das verspreche ich mir hiermit in die (eigene) Hand.
(Denn morgen früh, meine erste Doppelstunde findet wegen Schuljahresstart-Veranstaltungen noch nicht statt, und von Montag 9.15 bis Dienstag abend weist mein Stundenplan gähnende Leere aus – ich sagte doch, er ist der beste der Welt, und kommt mir gerade jetzt seeehhhr gelegen :))

Kommentare:

  1. Oh je, hast du Käfer aus der Schweiz mitgebracht?

    Ich trete hiermit als Zeugin deines Versprechens auf und wünsche dir baldige Besserung, aber auch ein geduldiges Wort-halten.

    Schön zu lesen, wie froh deine Männer zurückgekommen sind. Ohne solche Trennungen auf zeit gäbe es diese Wiedersehensfreude gar nicht!

    Herzlich

    Gabriela

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  2. Danke für die Besserungswünsche. Es wirkt schon und sieht fast so aus, als würde ich am Mittwoch doch noch keine Gelegenheit bekommen, mein Versprechen einzulösen. (Werde Dein Zeugnis dann bei nächster Gelegenheit zu nutzen wissen ;-))

    Aber was, bitte, sind denn in diesem Zusammenhang Käfer???
    Naja, egal eigentlich - wenn man ihnen nicht mit innerem Widerstand begegnet, scheint ihr Treiben gleich viel weniger heftig zu sein. (Wie bei so manchem).

    M. sitzt an der Tschechiennachbereitung. Ob allerdings ein Blogfilmchen dabei herausspringt, ist noch nicht klar :( (und ich kenne mich bei der Videokamera nicht aus).

    Liebe Grüße
    Uta

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