Freitag, 25. September 2009

Das Leben feiern

Über Schulerlebnisse, ganz banale, und Kindergeburtstagsvorbereitungen, ganz banale, wollte ich hier gestern erzählen, doch als ich nach einem langen Tag nachmittags aus der Schule kam, traf ich im Postfach, tief berührt, auf Erzählungen von Abschieden - gewesenen, befürchteten, sich anbahnenden, bedrohlich schwebenden Abschieden. Ich wurde ganz still und ganz klein, die (geplanten) Worte blieben mir in der Kehle stecken.

Wieder diese Sache mit den verschobenen Maßstäben. Boooaaahhh!

Und doch erzähle ich jetzt noch vom gestrigen Tag. Gerade, weil alles zusammengehört - dieses (nur scheinbar?) Banale, und das Wesentliche, was mich gestern mal wieder in aller Deutlichkeit gestreift hat.

Vom Physikunterricht erzähle ich, in dem die 7.-Klässler von einem Erlebnis berichten sollten, wie sie über ein Phänomen in der Natur gestaunt haben.
Davon, wie einige Schüler mir nicht vom Staunen erzählten, sondern fertige physikalische Erklärungen mitlieferten, wo auch immer sie die herhatten. Wie ich genau diese Antworten spontan und ohne mir dessen bewusst zu sein abwürgen wollte (und es auch tat), weil ich Unbehagen verspüre, wenn Kinder Antworten statt Fragen mitbringen.
Wie ich erleichtert war, dass nicht alle Schüler mich so interpretiert hatten, als wollte ich fertige Antworten hören. Und wie ich ein bisschen lächeln musste, als zwei Mädchen sich zunächst nicht trauten aber sich dann doch meldeten und erzählten, sie würden sich darüber wundern, dass bei bestimmten Frisuren die Haare immer in bestimmter Weise abstehen, egal wie man fönt - ehm, ja, darüber werde ich aus dem Physik-Blickwinkel mal nachdenken, aber sicherlich nicht fündig werden ;-)) (Und dennoch bin ich genau diesen Mädchen dankbar, dass sie sich zu Wort gemeldet haben.)

Vom Bahnsteig erzähle ich, auf dem ich nach einem langen Schultag stand, zusammen mit vielen Schülern, kurz bevor der Zug kam. Obwohl ich aus dem Augenwinkel bemerkte, wie bei der Gruppe 12-13-Jähriger aus der Nachbarschule die Zigarettenpackung die Runde machte, stöhnte es in mir nur "oh nein", es rang kurz, aber dann fühlte ich mich entschieden zu müde, richtiggehend unfähig, nach einem Schultag mit genau dieser Altersklasse da jetzt noch einzugreifen. Doch fast im selben Augenblick hörte ich David, einen meiner 10.-Klässler, zu denen sagen: "Ej, ich fänds cool, wenn ihr aufhören würdet." (Und die "Kleinen" verschwanden daraufhin, vielleicht rauchten sie woanders, vielleicht aber fanden sie auch keinen Platz dazu.) - Oh man, jetzt fühlte ich mich erst recht beschämt, und klein vor diesem Schüler, der mehr Courage gezeigt hatte als ich. Und der die "Kleinen" vielleicht mehr gelehrt hat als wir Erwachsenen, wir Schule, wir "Großen".
(Gleich werde ich David im Matheunterricht sehen. Soviel Courage werde ich nun wenigstens zeigen, dass ich ihm sage, wie "cool" ich seine Aktion fand. In Anführungsstriche gesetzt, weil ich andere Worte nehmen muss - ich vermute, ein 16-Jähriger mag es nicht, wenn seine Mathelehrerin ihn "cool" findet.)

Von meinen Internetfunden bei den Kindergeburtstagsvorbereitungen erzähle ich (Ferien-Geburtstagskinder haben das Glück, dass sie immer nochmals feiern dürfen, wenn nämlich alle Freunde wieder aus dem Urlaub zurückgekehrt sind). Dachte ich doch, vielleicht als Überraschung noch originelle Spiele zu finden, welche der Sohn bisher nicht kennt. Da stieß ich auf ganze Webseiten mit "Checklisten zur Kindergeburtstagsvorbereitung", unter anderem mit folgenden Punkten:
° Anfahrt mit Parkmöglichkeiten
° Räume günstig mieten
° technische Ausstattung
° Schilder zur Orientierung
° Feuerlöscher / Notausgänge
° Abendessen (Schnellrestaurant?)
° Showeinlagen
° Stimmung steuern
° Fotografen bzw. Kameramann finden
° Garderobe überwachen
° Finanzplanung
° Technik / Alleinunterhalter

... und ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte, als ich all das las ... Ehm, wir wollten das Ganze etwas kleiner halten, viel kleiner, viel viel kleiner. Wir wollten einen Kindergeburtstag feiern - nicht mehr und nicht weniger.

Ja, das "nicht weniger" gehört genau hierher: Den Geburtstag des Kindes werden wir feiern, ohne Alleinunterhalter und Notausgänge, sondern ganz einfach mit Kerzen, Kuchen, Spielen, mit viel Lachen hoffentlich, mit viel Freude und Sonne.
Wir werden ihn feiern als das und in dem, was er ist:
als ein einzigartiges Kind in seinem So-Sein,
mit all seinen Fragen, die wir Erwachsenen ihm hoffentlich nicht ersticken werden,
mit all seinem Mut, der jetzt schon in ihm keimt und der vielleicht eines Tages wachsen wird wie der Mut von David,
in seiner Gesundheit, die wir jeden Tag aufs Neue wie ein Geschenk empfangen sollten.

Ja, wir werden unseren Sohn feiern, und wir werden das Leben feiern.
Morgen vormittag.
Und an jedem Tag, den wir mit ihm verbringen dürfen.
Weil nichts, gar nichts von all dem selbstverständlich ist.
Ja, wir werden feiern. Ein Ja voll tiefster Dankbarkeit.

Kommentare:

  1. Ich werde morgen an euch denken, tu es eh ganz oft, und irgendwann auch wieder schriftlich, ganz sicher.
    Lieben Gruss, feiert schön!
    Gabriela

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  2. Liebe Gabriela,

    danke für die gedankliche Begleitung ... ich bin gerade etwas fertig und leider noch nicht ganz fertig für morgen. Nach Kuchenbacken und sonstigen Küchenaktivitäten, nach Kollegiumsausflug im Klettergarten (wow! - toll wars, darüber MUSS ich einfach noch irgendwann erzählen) wollte-sollte ich jetzt noch die Spielutensilien zusammensuchen - und dann schlafen gehen. Mir tut alles weh vom Klettern. Aber gut fühlt es sich an.

    Liebe Grüße
    Uta

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