Dienstag, 1. September 2009

01.09.01

Mein liebster Sohn,

heute vor 8 Jahren war der wohl unvergesslichste Tag meines Lebens. Ich durfte Dir erstmals in die Augen blicken, ich durfte die ungeahnten Dimensionen der Mutterliebe erfahren, und ich spürte zum ersten Mal im Leben mütterlichen Stolz.

Wie wir beide schon stundenlang, einen Tag lang schon, darum ringen, Dich ans Licht der Welt zu bringen, da wandern meine Gefühle immer wieder zu Dir hinein, wie es Dir wohl gehen mag. Da lausche ich immer wieder auf´s CTG, da kommt auch die Hebamme immer wieder um zu schauen, wie es Dir gehe. Ich frage besorgt nach, wie Du die lange Anstrengung wohl vertragen magst.
- „Ihr Kind bekommt 15 Punkte.“
- „Hä?
- „Wenn die Skala fürs Durchhalten von 1 bis 10 geht, dann bekommt Ihr Kind 15 Punkte!
Dieser Satz geht mir durch und durch.

Und mich erfasst Zuversicht. In diesem Moment weiß ich, dass alles nur noch gut werden kann. In diesem Moment erdulde ich alle neuen (Schreckens)Meldungen – aufsteigende Infektion, mein schnell steigendes Fieber, ein Antibiotikum muss dazu, Deine Sauerstoffwerte fallen zwischendurch ab – ganz in der Gewissheit, dass es gut wird, dass Du das schaffst, und ich mit Dir.

Etwas später, als alles noch einmal ins Schleppen kommt, sich Dein Köpfchen erst nicht dreht, dann immer wieder zurückrutscht – Du warst wohl wirklich noch nicht bereit für den plötzlichen Auszug – da werde ich, nein, nicht ungeduldig, aber etwas ängstlich, weil wegen der Infektion nicht mehr viel Zeit bleibt. (So klar bin ich immerhin noch.) Ich frage, was ich denn bitte noch tun könne:
Nichts – Ihr Kind macht das schon.“
Wieder solch ein geschenkter Satz voller Zuversicht!

Diese Sätze (oder eigentlich: diese Hebammen, die solche Sätze aussprechen) hat der Himmel geschickt! Ich habe keine Angst mehr um uns. Ich spüre nur noch Geduld (und die ist wahrlich nötig, wir brauchen noch fast bis mittags) und Vorfreude.
Und mich erfasst unendlicher Stolz auf Dich, auf Deinen starken Willen, auf Deine Kraft – auf alles, was da in Dir schon sichtbar wird, noch bevor ich weiß, wie Deine Augen aussehen.

Meine Kraft kehrt zurück, gerade als es nötig wird. Als man mir endlich endlich sagt, ich dürfe pressen … da spüre ich mich plötzlich wieder so stark, als wären die vergangenen 28 Stunden nicht gewesen. Ich habe keine Erinnerung mehr, wie lange es dann noch dauert. Ich weiß nur, dass irgendwann Dein Kopf erscheint. Und dass ich ihn berühre, mit der Hand, noch ohne ihn zu sehen. Dass ich laut loslache, in dem Moment. Vor Erleichterung, vor Glück, vor Loslassen-Können. Und dass ich auch weine dabei.
Von der letzten Wehe, die Dich ganz aus mir herausspült, weiß ich nichts mehr. Sie kommt und geht völlig im Einklang schon mit mir, mit Dir, mit uns – und mit dem Wunder.

Und weißt Du, was ich als erstes denke, als ich Dich sehe?
Das ist ja ein richtiges Kind!
Seltsam, oder? Was auch immer ich mir vorgestellt hatte, wer da in meinem Bauch lebt – offenbar war ich bis zu diesem Moment unfähig gewesen mir vorzustellen, dass dieses Wunder wirklich geschehen kann.

Du wirst mir auf den Bauch gelegt und ich schaue Dich an, fassungslos vor Glück und Faszination. Du schaust mich an. Wir können die Blicke gar nicht voneinander lösen. Ich sage zu Dir:
Ja, wer bist denn Du?
Es ist eher ein Verlegenheitssatz, weil mir die Worte fehlen für das, was ich eigentlich sagen möchte. Für mein unermessliches Glücksgefühl, für mein unendliches Staunen, für Demut, für tiefste Dankbarkeit, für Nichtbegreifenkönnen, für Ergriffenheit, für Schauen des Wunders, welches ich in Deinen Augen sehen darf. Aus diesen Augen blickt mich ein ganzes Universum an, ein Weltwissen, eine Tiefe, die mich erschüttert.

So liegst Du auf mir. Es sind nicht in Worte zu fassende Minuten. Unfassbares, noch nie erlebtes Glück. Nie je wieder zu vergessen.
Ich weiß nicht, wie lange wir „in Wirklichkeit“ so verweilen: Du ganz ruhig, ich innerlich bebend. Es ist ein einziger Augenblick – im Wortsinne.

Erst dann, erst danach erinnere ich mich, dass ich ja eines noch gar nicht weiß:
Was ist es denn eigentlich?
Erst dann sagt man mir, dass ich einen Sohn habe.

Irgendwann schläfst Du ein in meinen Armen, für einen kurzen Moment nur, wie mir scheint.
Irgendwann versuchen wir zum ersten Mal zu stillen.
Irgendwann nimmt man Dich zum Messen, Wiegen, Untersuchen – Du weinst, und mir zerreißt es fast das Herz.
Dann waschen wir Dich, zusammen mit der Hebamme, und Du wirst wieder ganz ruhig. Schaust und schaust, so als trinkest Du die Welt mit Deinen Augen. Ich bin erschüttert über Dich Wunder.

Alles ist so neu, so erstmals, so als hätte ich bisher nur einen Teil des Lebens gekannt. Ja, das ist es wohl. Du fehltest bisher, und jetzt erst ist alles richtig. Jetzt erst ist mein Leben gefüllt mit dem Ganzen, erfüllt mit Sinn.

Noch stundenlang bin ich wach, habe Dich neben mir im Bett liegen, schaue Dich an und an und an, kann meinen Blick nicht abwenden von Deinem ruhigen, frieden-ausstrahlenden Gesicht, von Deinen winzigen Fingern. Möchte jede Sekunde einsaugen, für immer festhalten, jede Mimik, jede Handbewegung, die abgespreizten kleinen Finger, wenn Du an der Brust trinkst. Immer wieder beginne ich zu weinen vor Glück.

Und es fließen mir Tränen bei dem Gedanken, wie winzig und zerstörbar Du bist, wie wenig es bräuchte, Dich mir wieder zu nehmen. Auch diese neue, mir unbekannte Muttersorge zieht in meine Innenwelt ein, vom ersten Augenblick an.

Es fließen mir Tränen verzweifelter Hilflosigkeit, als Du nachts schreist und schreist, meine Brust noch nicht genug Milch gibt, und ich so gar nichts tun kann, um Dich zu trösten. Ich fühle mich so unfähig, Dir gerecht werden zu können.

Es fließen mir Tränen der Wut und der Erschöpfung, da Du noch wochenlang jedes Mal auf dem Wickeltisch wie am Spieß schreist, bei jedem An- und Ausziehen, bei jedem Wickeln – ja, da werde ich manchmal richtig wütend auf Dich, fahre Dich innerlich an, dass ich das doch so schlecht auch wieder nicht mache, dass Du Dich jedes Mal so aufregen müsstest …

Ach Du, ich habe so vieles gelernt, so vieles mit neuen Augen gesehen, so viele Wege in der Außen- und Innenwelt erstmals beschritten, seit Du bei uns bist. Wie vieles hast Du mich gelehrt. Wie froh bin ich um jeden einzelnen Tag, den ich Dich in Deinem Leben begleiten durfte!

Und wie dankbar bin ich dafür, dass Du bist, wie Du bist – vom ersten Tag an warst Du Dir treu in dem, was auch andere bald als Deinen Charakter erkannt haben. So wie es eine gute Freundin formulierte, als sie Dich mit zwei Monaten kennen lernte:
Willenskraft, Ausdauer und Durchsetzungsvermögen – eine für das Leben im Grunde sehr günstige Konstellation, nur für die Eltern anfangs etwas stressig.“

Dieses „anfangs“ zieht sich bei uns noch ein bisschen, gell? Manchmal geraten wir aneinander, reiben uns, streiten uns. Aber weißt Du, was mich in letzter Zeit tief beeindruckt: Dass immer öfter Du es bist, der die weiterbringenden Vorschläge hat, wie wir aus unseren Konflikten wieder herausfinden können. Dass Du Ideen äußerst, was wir tun könnten, damit wir uns wieder „vertragen“, wie Du es nennst. So groß bist Du schon, so erwachsen!
Und manchmal entwaffnest Du mich einfach mit dem Satz:
Du sollst nicht böse reden, und Du sollst auch nicht böse sein.“ (und betonst dabei das reden und das sein)
Dann halte ich inne, werde ganz klein und möchte Dich am liebsten sofort in die Arme nehmen.
Vielleicht sollte ich mir für Dein nächstes Lebensjahr vornehmen, dies dann auch wirklich umzusetzen und Dich augenblicklich in die Arme zu nehmen? Denn besprechen, was zu meinem "Böse-Sein" geführt hat und wie wir dies in der Zukunft verwandeln könnten, ließe sich aus der Nähe heraus wohl am besten …

Ach, mein lieber Sohn, ich freue mich auf alles, was ich mit Dir noch erleben werde, ich bin neugierig, wofür Du mir noch die Augen öffnen wirst, Tag für Tag, und wohin Dich Dein Lebensweg führen wird.

Heute nachmittag wird er uns erstmal mit der von Dir innig geliebten Bergbahn in die Stadt führen, doch das weißt Du ja noch gar nicht …

1 Kommentar:

  1. Liebe Uta,

    meine allerherzlichsten Glückwünsche zum Geburtstag deines Sohnes. Ich habe deinen Bericht sehr bewegz und tief berührt gelesen, so viel Liebe und Wärme strahlt er aus. Wie schön, das du dieses Erleben der spontanen Geburt geschenkt bekommen hast, es muss ein berauschendes Erlebnis sein.

    Liebe Grüße und eine wundervolle Geburtstagsfeier wünscht
    Rina

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