Montag, 31. August 2009

So vieles ...

… durchlebe ich an jenem warmen Augusttag vor 8 Jahren. Kaum kann ich glauben, dass dieser Tag nur 24 Stunden gehabt haben soll.

Nun, er hat natürlich ein paar erlebte Stunden mehr als andere Tage, denn es ist ein Tag ohne Schlaf. Von den Abendstunden weiß ich das ganz sicher, von den Morgenstunden scheint es mir so. Denn wie gesagt, meine Nacht, die in diesen Tag hineinführt, ist schlaflos.
Vor Aufregung, ganz klar.
Vor unerträglichem Hautjucken, wie schon in den letzten Wochen. (Das ist ein HELLP-Indiz, wie man mir jetzt sagt, bloß hatte ich es nie meiner Ärztin erzählt, in dem Glauben, es sei nunmal eines der üblichen Schwangerschaftssymptome.) Meine harte Bürste zum Kratzen, die mich schon durch so viele Nächte gerettet hatte, liegt neben mir auf dem Nachttisch, allein ich wage nicht mich ausgiebig zu kratzen, um Mutter und Baby im Nachbarbett nicht zu wecken.
Und dann noch das Neugeborene im Zimmer, was garantiert genau dann erwacht, wenn ich gerade am Wegdämmern bin.

Ich glaube, ich schlafe nicht eine Minute in dieser Nacht. Entsprechend gerädert schleiche ich gegen 7 Uhr in den Kreißsaal, in Erwartung dessen, was das kommen soll.

Da packt mich einen Moment lang die Angst (oder soll ich es beschönigend „riesiger Respekt“ nennen?):
Ganz allein liege ich da morgens im Kreißsaal, warte, dass man mir das Gel auf den Muttermund aufträgt, und höre im Nachbarraum die Geburtsschreie einer Frau. --- Mich erfasst Panik, ich will raus, ich will da nicht durch, ich schaffe das nicht, ich will alles rückgängig machen … oh, wie gut, dass ich wenigstens nicht weiß, dass es noch 28 Stunden dauern soll. Und wie gut, dass ich tief im Innern doch weiß, dass es zu schaffen ist.

Da ist Naivität, immer noch:
Liege ich doch morgens nach dem ersten Einleitungsversuch für 2 Stunden zur Kontrolle am CTG – und beginne einen 1300-Seiten-Roman zu lesen. Ja, wie habe ich mir das Leben mit Baby eigentlich vorgestellt? ;-))) (Den Roman übrigens, die „Brüder Karamasov“ las ich ziemlich genau ein Jahr später dann doch noch, während unseres ersten Bergurlaubs mit dem Sohn. Also doch. Dauerte nur etwas länger.)
Naiv bin ich auch, was die Wehen angeht – schon vormittags denke ich nämlich, das wären jetzt welche.

Da wechseln Geduld und Ungeduld miteinander ab:
Wie wir da stundenlang im Park spazierengehen, immer im Kreis, wie einige andere Paare auch, wie ich ab und zu einen Baum umarme, mich anlehne um zu wehen, wie ich Lieblingsbäume finde, die ich in jeder Runde berühre … da scheinen mir unsere kreisenden Runden mal Geborgenheit zu geben, wir als Teil des ewigen Kreislaufes der Welt, der ewigen Bewegung, in der auch ich mitkreisen darf, und mal als unerträglich lange, so dass ich nur ein Ende herbeisehne, mit hartem Widerstand jede neue Runde beginne.
Ich weiß nicht, wie viele Runden wir an jenem Tag laufen. Ich weiß auch nicht mehr, welche Empfindung dominiert – es ist eine Mischung, ein ständiges Hin und Her zwischen geduldig und ungeduldig, so als wären beide Pole nicht zu trennen von einander.

Da scheint zwischendurch Gleichgültigkeit auf:
Als am Nachmittag erneut das Hormon gegeben wird, weil es nicht vorangeht. Als ich frage, was denn wäre, wenn bis zum Abend nicht … „Dann machen wir morgen früh um 7 weiter.“ – So einfach. Die Vorstellung, dass es noch Tage gehen könnte … „Na, und wenn schon“ ist mein Antwortgedanke – eine Schutzreaktion?
Und noch eine seltsame Gleichgültigkeit an jenem langen Tag des Wartens: Zwischendurch schleichen sich Momente des Vergessens ein: ich vergesse, dass da gerade mein Kind geboren wird. Ich bin nicht präsent, stehe ganz seltsam fremd neben mir, neben dieser Person, die sich da mit den Schmerzen müht, und schalte ab. Seltsam.

Ist da Vorfreude?
Nein, daran kann ich mich kaum erinnern. Es ist Spannung da, positiver wie negativer Art, doch für ungeduldige Vorfreude, bald mein Kind in Händen halten zu dürfen, bietet dieser Tag keinen Raum. Zu fern noch scheint der ersehnte Moment. Zu unrealistisch auch. Es ist zu anstrengend, zu fremd, zu sehr Klinik, zu viel Medikament, zu wenig mein eigenes Tempo. Auf diese Situation fühle ich mich nicht vorbereitet – ich, die ich mir immer vorgestellt hatte, dass alles seinen natürlichen Lauf nimmt.

Da überkommt mich grenzenlose Erschöpfung:
Nach stundenlangen Wehen (eher Wehchen, wie ich jetzt verstehe) wird es am Abend schlagartig heftig, mitten beim Abendessen. Mir bricht der Schweiß aus, ich schleppe mich an der Wand entlang Meter für Meter von der Station in den Kreißsaal, wenige Minuten später springt die Blase, in der Badewanne habe ich das Gefühl gleich umzukippen, weil es dort so heftig wird. So: das Kind hat sich also entschieden und sagt nach 12 Stunden „Lock“versuchen nun offenbar Ja. So fühlt es sich an. Gut, eigentlich, jetzt beginnen wir.
Doch ich bin schon soooo müde, schon soooo abgearbeitet, ich gehe ja schon in die zweite schlaflose Nacht, ich möchte nur noch schlafen, und das bei Wehenabständen von 1-2 Minuten. Ach – ich merke nur noch, dass die Akkus leer sind, ich weine, ich schreie meinen Mann an … so kämpfen wir uns durch weitere 3 Stunden, dann scheint mir jede Kraft versiegt zu sein.

Und dann das Verzagen:
Als nachts, kurz vor Mitternacht, nach diesem langen Tag der Muttermundsbefund entmutigende 2 cm lautet (am Vortag hatte es schon „fingerdurchlässig“ geheißen), bricht in mir alle Hoffnung zusammen, dass wir es ohne Kaiserschnitt schaffen. Ich spüre wirklich nur noch, dass nichts mehr geht.
Ein Fünkchen Realismus wenigstens ist mir verblieben, so dass ich aus den Tränen der Erschöpfung heraus zusage, als man uns das Angebot einer PDA macht.

Nein, das wollte ich nie. Und ich habe noch Jahre nach der Geburt damit gehadert. Aber die Hebammen hatten recht, und ich habe richtig getan, diese anzunehmen. Heute weiß ich, dass ich es ohne nicht mehr durchgehalten hätte. (Denn es dauerte auch so noch bis zum nächsten Mittag, trotz Wehentropf, der unter der PDA stark hochgedreht werden konnte.)

Unendliche Erschöpfung, Mattigkeit – und die Nadel des Anästhesisten im Rücken: So endet dieser Tag.
Die Betäubung bringt wohltuenden Schlaf, bringt Zuversicht zurück, schenkt eine Atempause, gibt den Hebammen die Möglichkeit, einen Wehentropf anzulegen. Und erlaubt auch meinem Mann, sich auszuruhen – auf einer Matratze, die ihm in der Ecke des Kreißsaals als Bett angeboten wird.

Nein, offenbar war mein Körper, war auch mein Kind wirklich noch nicht bereit für diese frühe Öffnung. Umso dankbarer bin ich den vielen Hebammen (wir erlebten ja 4 Schichtwechsel!) für die ermutigende und liebevolle Begleitung, die uns letztlich durchhalten ließ.

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