Donnerstag, 27. August 2009

Ausschenken

Wir sind eine Morgenmuffel-Familie. Oft verbringen wir das Frühstück wortlos, weil wir alle erst die Müdigkeit der Nacht verdauen müssen. Und so bekomme ich manchmal schweigend die Tassen der anderen drei entgegengestreckt – ist ja klar, was das heißen soll (die Getränke stehen aus unerfindlichem Grund immer bei mir ;-)).
Drei gleiche Tassen: in eine gehört Kaffee, in eine Milch, in eine Wasser. So einfach – so kompliziert. Denn manchmal verwechsle ich es. Einfach so, aus Gedankenlosigkeit, aus Müdigkeit. Die Familie protestiert natürlich postwendend, und alles lässt sich wieder richten.

Ganz so einfach ist das im Leben nicht – mit dem, was wir dort so ausschenken.

In der Schule geht es noch.
Drei Klassen sind an einem Tag dran, eine braucht von mir festen Stand und klare Ansagen, die andere liebevoll-geduldiges Verständnis, eine dritte flotte Sprüche, Witz und geistreiche Worte.
(Naja, der Vergleich hinkt: natürlich brauchen alle eine gesunde Mischung aus all diesem, bloß die dominierende Komponente ist jedes Mal eine andere.)
Es ist ganz einfach, das Richtige auszuteilen, denn die Klassen melden sich umgehend zu Wort, wenn die Dosierung nicht stimmt. Die 12er schauen mich verständnislos an, wenn ich zu liebevoll-geduldig daherkomme, die 7er reagieren eingeschüchtert, wenn ich mit allzu viel Resolutheit auftrete, na, und wenn ich bei den 8ern festen Stand vermissen lasse, kann ich gar nicht so schnell re-agieren, wie die los-agieren.

Doch beim Austeilen im "echten" Leben, da gibt es keine empörten Aufschreie. Wenn ich das falsche Getränk einschenke, wenn eine Tasse überläuft, die andere dafür leer bleibt, dann bekomme ich das oft gar nicht mit. Nein, im Leben ist es weit schwieriger.

Wie oft ist mir das schon passiert ... das Falsche, zu viel, zu wenig? Da sitzen Menschen, die ich mit leeren Tassen hinterlassen habe, und warten vergebens? Da sind Tassen übergelaufen, und noch niemand hat es wieder aufgewischt? Da war etwas nicht bekömmlich, und ich bin einfach weitergezogen?

Neulich wieder eine solche Situation. Wieder habe ich´s nicht bemerkt – und plötzlich kam ein Stopp.
Wann war der Moment, als es überlief? Wieso habe ich es nicht früher bemerkt?
Kam das Stopp zu spät? Ist (zu) viel auf den Tisch gelaufen? Und lässt sich nicht so einfach wie Milch wieder wegwischen?
War in der Tasse weniger Platz als ich dachte?
Oder war es das falsche Getränk: war es bitter, war es unbekömmlich?
Habe ich – eigennützig – ausgeteilt, um die Flasche zu leeren, und nicht um die Tasse zu füllen?
Gibt es gar Flaschen, aus denen man niemandem einschenken sollte? n.i.e.m.a.n.d.e.m?

Ach, das kann ich jetzt nicht herausfinden. Ich kann nur dankbar sein für das Stopp, kann nur hoffen, dass es nicht zu spät kam, kann nur sagen, dass ich noch viel üben muss beim Ausschenken.

Denn es ist ja wirklich schwierig:
Nicht in jedes Gefäß passt jedes Getränk. Manche Menschen haben nur ein Lieblingsgetränk – was, wenn ich das nicht in meiner Bar führe? Oder wenn ich die Mischung nicht treffe, weil sie mir nicht vertraut ist?

Und ich selbst, wenn ich eingeschenkt bekomme:
Muss ich alles annehmen – doch nicht, oder? Ich darf doch sagen, wenn es mir zu viel ist, oder einfach, wenn es mir nicht schmeckt? Wenn ich mir etwas anderes wünsche.
So wie das die Kinder tun (und die Schulklassen übrigens auch – die sind ungehemmt wie kleine Kinder ;-))

Es ist und bleibt eine lebenslange Aufgabe, die Sache mit den Tassen und den Getränken … morgen früh übe ich weiter: am Frühstückstisch, und auch sonst.
Aber irgendwie tröstlich, dass alle anderen auch üben müssen, oder?

Kommentare:

  1. liebe uta,

    leider bin ich momentan zu blockiert um viel zu schreiben, aber ich möchte nicht kommentarlos gehen. es heißt immer wieder neu herauszufinden, wie man "was auch immer" richtig dosiert, was man dem gegenüber, aber auch sich selbst, in welchem masse zumuten kann. leider macht man dabei auch die erfahrung der fehldosierung. ich glaube davon bleibt niemand verschont, finde aber auch das wir gerade daraus etwas über uns und den anderen lernen können. wir können an diesen situationen wachsen, reifen. niemand kommt schließlich perfekt zur welt, das leben ist ein einziger lernprozess, immer und immer wieder. ich wünsche dir viel mut (und eine ruhige hand:-) für die nächsten ausschenkversuche!
    herzlich
    rina

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  2. Liebe Rina,

    danke für diese Worte, ich bin ja, wie gesagt am Üben und Lernen.
    Dir wünsche ich erstmal gute Besserung - menno, das klingt nicht gut. Ich selbst kenne den Ischias nur aus einer meiner Schwangerschaften, und vermutlich nur eine abgeschwächte Version. Dennoch fand ich es schmerzhaft genug :-(
    Sei herzlich gegrüßt
    Uta

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