Sonntag, 30. August 2009

Heute vor 8 Jahren ...

… saß ich ahnungslos meiner Frauenärztin gegenüber, streichelte das Kind in mir, welches nach „Termin“ noch eine, nach meinem Gefühl noch mindestens drei Wochen dort bleiben sollte, glücklich mit meinem dicken Bauch und noch nicht mal sonderlich genervt von meinen dicken Füßen, noch ohne echte Vorstellung davon, wie sehr sich mein und unser Leben in Kürze ändern sollte. Naiv war ich, muss ich heute sagen (was wollte ich nicht alles tun in dem halben Jahr Erziehungsurlaub ;-))) – ja, sorglos, unbelastet und glücklich.

Da brach er in meine heile Schwangerschaftswelt hinein, dieser Satz: „Ich kann die Verantwortung dafür nicht mehr übernehmen, holen Sie Ihre Tasche und fahren Sie sofort in die Klinik.“
Bumm.

Tränen. Aus der Traum von einer natürlichen Geburt, davon, dass das Kind allein entscheiden solle, wann es soweit sei. Ab nach Hause, wieder Tränen, getröstet und beruhigt vom Mann. Letzte Bauchfotos, ein letzter Kaffeebesuch – nein, so eilig konnte es nicht sein, fanden wir. Sorglos, wie wir waren, die Ermahnung der Ärztin nicht ganz ernst nehmend. (Dabei hätte ich wissen können, dass gerade diese Frau niemals ohne Grund auch nur den Hauch einer Warnung aussprechen würde – wollte ich es nicht wissen?)

Nein, wir hatten keine Ahnung, was da als Damoklesschwert über mir schwebte (wer weiß wie lange schon, warum auch immer unentdeckt), wir hatten keine Ahnung, was das bedeutete – Gestose, HELLP-Syndrom. Zum Glück kamen wir auch nicht auf die Idee im Internet nachzuschauen. Zum Glück, sage ich heute. Denn das hätte uns in dem Moment wohl jede Gelassenheit und Zuversicht geraubt. Und die Ruhe, mit der wir am Nachmittag in die Klinik fuhren, immer noch in der Annahme, gleich wieder nach Hause geschickt zu werden.

Leider war dem nicht so, leider fanden die Ärzte dort die Leberwerte auch alarmierend, mein Blutdruck war zudem über den Tag in die Höhe geschnellt, und leider runzelte der Chefarzt ziemlich die Stirn. So war augenblicklich klar, dass ich nach Hause nur noch mit Kind im Arm zurückkehren darf. Ein kurzer Moment des Schluckens bei mir, des Realisierens, aber dann war es gut, wirklich. Dann hatte ich es akzeptiert, nicht notgedrungen, sondern einfach als das Richtige akzeptiert. Als den Weg, der jetzt zu gehen sei – ob ich es will oder nicht. Es war gut.

Es war eine erste Lektion in Demut – darin, dass wir nicht bestimmen, nicht vorgeben, nicht festlegen können, welches der Weg unseres Kindes sein wird. Dass wir es nur begleiten können, egal welchen Weg es wählt. Und dass wir diesen Weg dankbar annehmen müssen, als den einzigen, und damit den richtigen Weg. Den eigenen Willen muss ich loslassen – diese Einsicht stand mir so klar vor Augen in jenem Moment, so unglaublich klar … (Und dabei bin ich eigentlich ein gut bis perfekt planender Mensch, im Alltag.)

Eines noch ist mir wichtig hier zu sagen: Ich bin sicher, dass mir die Annahme unserer Situation nur deswegen so leicht fiel, weil wir in der Klinik vom ersten Augenblick an von einer vertrauenerweckenden, beruhigenden Atmosphäre umgeben waren, von liebevoll-umsorgenden Hebammen, von einem besonnenen, respektvollen Arzt. Der sehr lange überlegte, seine Abwägungen mit uns teilte, bevor er entschied: „Wir versuchen es spontan. Morgen früh 7 Uhr Einleitung.“
Oh, wie bin ich diesem Mann noch heute dankbar für seinen Mut, dafür, dass er nicht Variante Sicher wählte (das hätte Kaiserschnitt bedeutet), dafür dass auch er Vertrauen in den natürlichen Weg der Dinge zeigte – nur eben mit beschleunigender Hilfe. Und dass diese höchst dringend erforderlich war, wie ernst diese Erkrankung zu nehmen ist, das erklärte er uns auch. Sehr behutsam, ohne uns Angst zu machen, aber dem Ernst der Lage angemessen.

Ach, es war ein guter Tag. Ein Glück, dass wir uns für diese Klinik entschieden hatten, dass wir an diesen Arzt geraten waren, dass wir voller Vertrauen in die Geburt gehen durften.

Der Rest des Tages ist schnell erzählt.
Nach der stationären Aufnahme stahlen wir uns unerlaubter Weise noch einmal davon, um unseren vermeintlich letzten Abend zu zweit in einem Restaurant zu verbringen (dass es erst der vorletzte sein sollte, wussten wir ja nicht). Und dann fuhr er weg, mein Mann, und ich blieb allein. Eine schlaflose Nacht stand bevor … doch davon morgen.

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