Dienstag, 19. Oktober 2010

Ein Ausflug

Kürzlich war er, dieser einmalige Tag im Jahr, an dem wir alle mehr Zeit füreinander haben, nicht nur auf Schulfluren aneinander vorbeihasten, unsere Gespräche sich nicht auf Schüler X oder Klasse Y oder Problemsituation Z beschränken müssen.

Vorfreude in mir, und dann gesprächsintensivste Stunden. Fast schon egal, dass wir ein schönes Städtchen besichtigten und auf dem Altrhein mit dem Boot fuhren - für mich war es ein Ausflug in die Gedanken und Herzen der Menschen, von denen ich zumeist viel zu wenig weiß, außer dass ich mich unter ihnen geborgen fühle - unter ihnen, meinen Kollegen.

Ich bekam eine Ahnung von Lebensgeschichten, von unglaublichen, staunen machenden, mir nachgehenden. Wir sprachen über unser Lehrerseinsgefühl, über Zweifel und Ängste und Freuden und Jubelstunden unserer Arbeit, über verlorene und gewonnene Kinder, über unsere Trauer und die unserer Schüler, über das Weichwerden eines sehr hart scheinenden Kollegen, über die Familiensehnsucht eines jungen Herzenslehrers, über Umzugs- und Elternpflege- und Wasserschadensprobleme und wie man gelassen damit umgeht, wenn man mitten auf dem sonnigsten Segeltörn in der griechischen Ägäis davon erfährt - und dass dies doch nicht die essentiellen Lebensfragen berührt.

Wir haben neue Vertrauensfäden geknüpft, alte in  neuem Licht gesehen, kleine Signale der Bereitschaft füreinander dazusein ausgesendet und empfangen. Haben gespürt, dass da ein Netz ist, für mich oder für jeden, der es braucht. Dass da so viele Menschen sind, die einander wahrnehmen. Die mir meine Geschichte vom Gesicht ablesen - denen ich ihre Geschichte vom Gesicht ablese.

Ich würde über all das nicht so bewegt schreiben, wenn mir nicht bewusst wäre: Es ist etwas sehr, sehr Besonderes, in einer solchen zwischenmenschlichen Atmosphäre arbeiten zu dürfen. Ja, das ist alles andere als selbstverständlich. Ich bin dankbar, sehr.

Kommentare:

  1. frau siebensachen23. Oktober 2010 um 16:19

    oh ja, das ist sehr wertvoll!

    und läßt so manch schweres aus dem beruflichen alltag leichter werden, zumindest geht es mir so.

    liebe grüße!

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  2. Aus Vertrauensfäden lässt sich wunderbares Gewebe herstellen, das hält richtig was aus.....
    Gruß von Sonja

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  3. Das hat mich jetzt sehr gefreut zu lesen. Die Arbeit geht ganz anders von der Hand, wenn man sich im Kreise der Kollegen wohl und als Mensch angenommen fühlt. Bei mir ist das ja auch so, dass wir uns im Kollegenkreis sehr nahe sind und uns dort so zeigen dürfen, wie wir sind und wie es uns eben gerade geht. Das darf alles seinen Platz haben.
    Und das ist soooo gut.

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