Dienstag, 26. Oktober 2010

Wie Wolken am Himmel

Sie, Zeruya Shalev, schreibt davon, dass einen die äußeren Umstände nicht zusammenbrechen lassen, und nicht in Zorn oder Schuldgefühle versetzen müssen, wenn man sich nicht von ihnen abhängig macht wie ein Sklave von seinem Herrn. Sobald das Außen in Schieflage gerät, würde sonst jegliches Glück zur fernen Erinnerung werden. Dringt man aber zu seinem unveränderlichen inneren Kern vor, der nicht von den Umständen abhängt, findet man in seiner eigentlichen Natur, in ihrer erleuchteten Vollendung eine unerschöpfliche Kraftquelle. Unantastbar von äußeren Umständen.

Unantastbar wie der Himmel von den Wolken, die über ihn hinwegziehen ...

„Und wenn du die Wolken betrachtet hast, fährt sie fort, hast du da manchmal an den Himmel gedacht? Ich bin erstaunt, was heißt das, an den Himmel, und sie sagt, hast du dir überlegt, ob der Himmel die Wolken liebt, und ich stottere, keine Ahnung, daran habe ich nie gedacht. Was macht der Himmel, wenn die Wolken eine nach der anderen über ihn hinwegziehen, fragt sie, manche verschwinden, ohne ein Zeichen zu hinterlassen, andere ändern ihre Form, und ich antworte, was kann der Himmel schon machen, er kann doch nur zuschauen, und sie nickt erfreut, stimmt, und hast du nie daran gedacht, was du vom Himmel lernen kannst?... so müssen wir leben ... wir sind der Himmel und betrachten die vorbeiziehenden Wolken, ohne zu versuchen, sie festzuhalten, ohne sie zu stoppen. Na ja, der Himmel kann sie nicht aufhalten, auch wenn er das wollte, protestiere ich, und sie sagt, das stimmt, genau wie wir unsere Partner oder unsere Freunde nicht zurückhalten können, noch nicht einmal unsere Kinder.
...
Was wird, wenn du losläßt, fragt sie, wovor hast du Angst, und ich murmele, das ist doch klar, oder? Ich habe Angst, die Herrschaft zu verlieren, ohne alles zurückzubleiben, es gibt doch genug, wovor man Angst haben kann ...
...
Schau dir diese Wohnung an, sagt sie, und ich schaue mich um, betrachte die Sessel, die Bücherregale, die grauen Wände. ... und sie sagt, aber das ist nicht deine wirkliche Wohnung, und ich protestiere, doch, natürlich ist das meine richtige Wohnung, ich habe keine andere, und sie sagt, aber diese Wohnung kann in fünf Minuten abbrennen, sie kann durch ein Erdbeben zerstört werden, deine wirkliche Wohnung existiert in deinem Bewußtsein, nur dort bist du sicher, nur dort bist du Herrin deines Glücks."

Unantastbar wie der Himmel von den Wolken, die über ihn hinwegziehen ...

(Ich fühlte beim Lesen, als spräche sie mit mir. Mit mir, der protestierenden, sich ängstigenden, sich an Wolken klammernden. Mein Griff wurde ein wenig lockerer, als ich es las. Mein Blick ein wenig mehr gen Himmel gerichtet, zum Lehrmeister. Für den Moment ...)

Kommentare:

  1. liebe uta,

    ja so ist es, das empfinde ich schon seit ich ein kind bin.
    es gibt eine unantastbare liebe, eine schönheit ohne hässlichkeit und ein gutes ohne böses, ein seinsbereich, der nicht von verstand und emotionen "gebeutelt" ist.

    das bild mit dem wolkenhimmel ist wunderbar!

    alles liebe
    heike

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  2. Liebe Uta! Danke! Das trifft mich selbst gerade so sehr und ich werde jetzt gleich mal zu meinem Bücherregal gehen und das Buch heraussuchen. Es ist schon einige Jahre her, da ich es las und damals, da hat es mir anderes, wichtiges gesagt. Ich bin gespannt, was diesmal für mich darin steht.
    Langsam wächst in mir der Mut, mich auf das, was in mir ist, was ICH bin, einzulassen - und jeden Tag mache ich kleine, wunderbare Schritte auf diesem Weg. Es ist oft schmerzhaft und angstbesetzt, manchmal will ich stehenbleiben oder besser noch zurückgehen, aber es setzt mich auch in ErSTAUNEN, was da in mir arbeitet und ans Licht will - ich spüre das Freiwerden, und das ist gut.
    Ich wünsche Dir alles Liebe für DEINEN Weg!

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  3. Liebe Heike,
    dieses "seit ich ein Kind bin", das strahlt sooo aus Dir - immer habe ich gedacht, da muss etwas sein ...
    Und nun bin ich am Entdecken dieses "etwas", ich bei mir, in mir. Wie wunderbar, diese Ahnung.

    Liebe Katobia,
    für mich steht auch noch so manch anderes in dem Buch.
    Ich lese Deinen Kommentar, das was Du über Dich schreibst, mit großer Freude, Deine "Kurznachrichten" auch - so anders habe ich Dich schon gelesen - und nun so hell. Wie gut!

    Die kommende Ferienwoche lässt vielleicht ein wenig Raum für ein Mailchen, mal wieder - also jeder von Euch eines, meine ich :)
    Liebe Grüße Euch beiden
    Uta

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  4. Liebe Uta,

    danke für diesen wundervollen Text, ich werde ihn mit in meine Nacht nehmen.
    Leider habe ich als Kind beigebracht bekommen das Gefühle zu zeigen einen nur schwach und verletzlich macht und ich war immer abhängig davon das Andere über mich urteilen, das hat mein ICH immer klein gehalten. Ich bin froh das ich die Chance bekam mein Inneres zu entdecken und zu erkennen das dem nicht so ist. Das ich wie die Wolken am Himmel weiterziehen kann ohne das ein gefälltes Urteil mich festhalten könnte, ohne das ich weiter abhängig davon wäre. Ich habe den Teil in mir gefunden, der mir so lange fremd war und nun hoffe ich das ich mit dieser neu gewonnenen Freundschaft "groß" werden kann.
    Liebe Heike, ich "beneide"(ich hoffe du weißt wie ich es meine) dich ein wenig um dieses Empfinden seit Kindheit an, ist es doch für mich heute wirklich ein großes Geschenk so empfinden zu dürfen.

    Liebe Grüße
    Rina

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  5. Wie findet man?

    Nur Gnade oder kann man sich zubereiten?

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  6. Maria, Du stellst DIE Frage. Und ich war einen kurzen Moment versucht, sozusagen in die Falle zu tappen und DIE Antwort anzugehen, in Wortform zumal. Ein aktiver Antwortdrang in mir: - die Stille üben - sich öffnen - innerlich weit werden ...
    Und dann zögerte ich, all dies zu schreiben. Weil die Worte es nicht fassen.
    Es ist auch Gnade - beides vielleicht? Es tun und es lassen! Oder auch: Tun und Sein.
    Ein Pol-Paar, zu dem ich schon lange Gedankenstückchen in mir trage. Endlich drüber schreiben sollte ...

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