Donnerstag, 7. Oktober 2010

Mutige Tochter

Schon lange hatte sie dies gewünscht: zum Turnen zu gehen. Sie wusste gar nicht, was das ist, was dort passieren wird, es war wohl nur eine Ahnung in ihr, wie wir Erwachsenen dies nennen würden.
Es dauerte lange, bis ich einen Termin in unserem vollen Wochenkalender freimachen konnte. Ein erster Versuch scheiterte - das Kinderturnen war verlegt worden. Tränen in Tochters Augen. Ich arrangierte um, schaffte einen weiteren freien Termin - und plante mit ihr hinzugehen. "Wie oft noch schlafen bis ...?" war die häufigste Frage der vorangehenden Woche.
Montag war der Tag. Wir müssen ein wenig zu spät kommen, anders schaffen wir es nicht. Betreten die Halle, als alle schon da sind. Viele Kinder, einige am Rand sitzende Mütter, kleinere Geschwisterkinder - viel und voll und laut und bewegt.
Sie steht am Rand - und erschrickt. Sie schaut, sie hält meine Hand, klammert sich an mein Bein, sie ringt mit sich. Tränen in ihren Augen. Ein leises "Ich trau mich nicht.". Ob sie meine unbeholfenen Worte hört - wie schön dort die Kinder tanzen und toben, und wie viel Spaß dies machen würde. "Ich trau mich nicht", und ich sehe ihr an, dass sie nichts lieber möchte als genau inmitten dieser Kinderschar zu tanzen und zu toben.
Es geht nicht - kein Schritt von mir weg.
Eine Kindergartenfreundin kommt vorbeigerannt - "Komm!" - greift ihre Hand, zieht sie ein paar Meter in die Halle - doch sie lässt wieder los, ein unsichtbares Band scheint sie zu mir zurückzuziehen.
Bälle fliegen umher, einer rollt in unsere Nähe. Sie rennt los, will ihn greifen, ihm hinterher in die Halle laufen. Doch etwas lässt sie umkehren, zurückkommen.
Die Kinder springen von hoch oben auf eine Matte. Sie schaut und schaut auf all diese Sprünge, auf dieses sprudelnde Leben, auf dieses nahe Glück - und in ihrem Gesicht ringt es. Tränen, Lippenbeben, unverwandter Blick - sie weiß so genau, was sie will - und ihr fehlt der Mut zum ersten Schritt darauf zu.
"Und wenn ich einmal mit Dir komme?" - Sie nickt zögerlich erst, dann erleichtert, nimmt meine Hand - und braucht diese im gleichen Moment schon nicht mehr. Sie fliegt förmlich hinein in die Halle, reiht sich ein, wartet, bis sie springen darf. Ob sie noch spürt, dass ich neben ihr stehe? Es ist unwichtig - sie ist allein unterwegs - der Mut kam ganz aus ihr. Sie hätte mich gar nicht gebraucht  ...
Ich sitze wieder am Rand. Die Tochter lebt und springt und tobt und lacht und rennt und singt und spielt mit den anderen und --- ist glücklich. Hat den Schritt hinein in dieses Leben gewagt, in das sie sich gesehnt hat.
"Noch viermal schlafen bis zum Turnen", war ihr heutiger erster Morgensatz. So wie jeden Tag seither.

Wir können so viel lernen von unseren Kindern ....

Kommentare:

  1. schilderung eines lösungsprozesses der ganz eigenen art. so wunderbar!

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  2. Ja, wir können so viel lernen.
    Aber manchmal brauchen wir eben genau, auch als Erwachsene, dies: "Und wenn ich einmal mit dir komme?"

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  3. Ich weiß, Maria. Und scheue mich auch nicht, solche Hände zu nehmen :)

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  4. dochdoch, sie brauchte deine hand! ohne dieses angebot, die gewißheit, daß du bei ihr bist, hätte sie es nicht geschafft.
    einen rückhalt zu spüren gibt sooo viel sicherheit!

    danke fürs mit-teilen dieses schönen erlebnis'!

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  5. oh das liest sich soo schön :-) Dieses Vertrauen das deine Tochter in dich hat ist doch die schönste Liebeserklärung die man als Mama bekommen kann, oder?

    Herzlich
    Rina

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  6. den letzten Satz aknn ich in jeder Hinsicht bestätigen:
    http://nixzen.wordpress.com/2010/03/06/pechvogel/

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