Donnerstag, 13. Oktober 2011

Meditativtag









So saßen wir heute, gemütliche zwei Stunden lang. Schön war es. Innig.
Der Sohn mit seinen ersten Strickversuchen und der Ungeduld, dass er doch bitte heute gleich noch die linken Maschen lernen wolle. Spätestens aber morgen. Die Tochter mit einer Stickgeschwindigkeit, die vermuten lässt, dass sie im Kindergarten schon Gobelins in Serie produziert hat. (Ich weiß gar nicht: stickt man die?)
(Und mir stellte sich ernsthaft die Frage, wie die das in Schule und Kindergarten mit 25 Kindern hinbekommen - ich fühlte mich schon mit zweien als maschen- und fadentechnische Helferin permanent überfordert :))

Dennoch ein stiller Nachmittag - Maschenfangen und Fädenentknoten lässt auch Zeit für Gedankenknäuel.

Ob uns dieser ruhige Nachmittag vom Computerloch geschenkt wurde? Oder ob wir uns solche Tage einfach nur nehmen müssen, ganz gleich, welcher Bär hier sonst im Haus tobt? Ja, ich glaube, ich bin schon lange dabei zu lernen: Ich muss mir diese Zeiten nehmen, einfach nehmen. Alles andere ist Ausrede. "Sage nicht: Ich habe keine Zeit. Sei ehrlich und sage: DAFÜR habe ich keine Zeit." Diese Worte hingen lange Jahre an meiner Pinnwand. Genau so ...

Und dennoch: Es braucht Kraft dafür, in die Ruhe zu gehen.

Zunächst ab nächsten Montag - wir werden vermutlich wieder Internet haben. Und ich werde neu lernen müssen (und wollen!), einen Teil der Ruhe dieser Tage hinüberzuretten.
(Dieses Wunder hat übrigens der Technik-Ehrgeizige vollbracht, von dem ich vorgestern schrieb. Zusätzlich hat ihn wohl gewurmt, dass schon der Kunde - oder noch schlimmer: die KundIN ;-) - brauchbare Ratschläge zur Systemüberlistung geben muss, damit es voran geht. Nun, er hat jedenfalls nen Durchbruch geschafft - nun haben wir Bestätigungspost, die Software und einen Schalttermin - so weit waren wir noch nie :) All diese frohen Botschaften erfuhr ich bei meinem heutigen Callcenter-Anruf - am liebsten hätte ich mit der Dame am anderen Ende einen Sekt geöffnet. Wenigstens überschüttete ich sie mit überschwänglichem Dank. Den eigentlich der Typ von gestern verdient hatte. Na, egal. Gefreut hat sie sich trotzdem :))

Und vor allem auf lange Sicht - werde ich noch in die Ruhe finden? Denn von noch einer Bewegung in noch einer Sache erfuhr ich heute. Was ich vorgestern noch nicht erzählen durfte, weil zwar die Spatzen es von den Dächern pfiffen, über dieses Pfeifen aber nach außen hin Schweigen zu wahren war.
Heute bekam ich es schwarz auf weiß. Ich hatte mich ja mal beworben. Im Frühjahr: Hier, und hier.
Heute also bekam ich ein Ja. Ich darf das tun, was ich immer schon wollte, das, wohin es mich seit Jahren zieht - in Gedanken. Nämlich: Unterrichten, wie man Mathematik unterrichtet. Eine Stelle in der Lehrerausbildung ist meine. Riesige Freude!!!
Aber auch Sorge. Weil ich natürlich nicht ab sofort mein Unterrichtsdeputat auf die Hälfte reduzieren kann. Weil ich Präferenzen habe, welche Klassen ich gern behalten würde (und welche nicht) - der Stundenplanmacher aber überhaupt erstmal schauen muss. Und kein Ersatzlehrer da ist, mindestens bis Februar. Im Januar aber fängt der Kurs schon an. Und ich sollte mich vorbereiten, für dieses komplette Neuland. Alles ein bisschen unheimlich, wie das zu bewerkstelligen sei, ob ich mich nicht übernommen habe, ob ich die ersten zwei Jahre des ersten Durchgangs gesund überstehen werde - bin ja dort quasi wieder Berufsanfängerin. Ob ich mich mit einer vollen Stelle nicht übernehme - und die war Bedingung für den Lehrauftrag. Verzicht auf freie Vormittage, auf freie Nachmittage vielleicht auch, auf freie Abende allemal. Für ne ganze Weile. Neuer Fokus meiner Schreibtischtätigkeit - häufiger die Meta-Ebene betreten, mein Konzept von Mathematikunterricht reflektieren, tiefergehen, fachdidaktisch fundieren, lesen lesen lesen lesen, und einen Lehrgang daraus bauen. --- Nein, ich brauche und werde nicht das Rad neu erfinden. Aber meine Handschrift soll es tragen. Und dazu muss ich diese betrachten, üben und fließend machen. --- Neue Kollegen kennenlernen. Am Montag schon die erste Sitzung. Die machen das zum Teil seit Jahrzehnten. Ich werde den Raum betreten wie eine kleine Schülerin ...
Solche Gedanken wirbeln in mir.
Glücklich aber bin ich, dass zwischendurch immer und immer wieder die Freude aufblitzt. Und ein Fünkchen Zuversicht, dass ich irgendwann - in drei Monaten oder in drei Jahren - in dieser neuen Tätigkeit angekommen sein werde. So wie ich aus der ersten Unterrichtsstunde meines Lebens, aus dem ersten Berufsjahr unmerklich ins mittlerweile elfte hinübergeglitten bin - so wird das dort auch werden. Ganz sicher ...

Heute jedenfalls erstmal: gestickt, gestrickt, gefreut. Und tief durchgeatmet. Wie es wohl ab Januar wird? Wir werden sehen ...

Kommentare:

  1. Herzlichen Glückwunsch zur neuen Stelle. Und wenn mich mein eindruck aus dem Blog nicht trügt, wirst Du das schaffen. Für so eine Tätigkeit wird sicherlich nicht jeder genommen.
    Alles Gute!!!

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  2. Du schaffst es!

    Gobelins werden gestickt oder gewoben. Beides heisst Gobelin.

    Und, ja, es ist eine Herausforderung, 12-14 kleinen Nasen das Stricken beizubringen. Nicht jedes bringt die Voraussetzungen dafür mit. Die Kinder haben eine geringe Frustrationstoleranz und die Neigung, einfach nur zu rufen (statt still die Hand hoch zu halten)) wenn sie nicht weiterkommen. Verlorne Maschen retten dauert...
    Aber es ist zu schaffen, auch wenn man nach jeder solchen Stunde das Gefühl hat, nichts erreicht zu haben. Man muss es nämlich nicht alleine schaffen. Gute SchülerInnen können HilfslehrerInnen sein. Das tun sie wunderbar und sehr gerne. Und so schafft man das irgendwie.

    Genauso, wie Du es irgendwie schaffen wirst und Dich im Nachhinein fragen wirst, wie Du das gemacht hast. Die Türen öffnen sich, wenn man durchgeht.

    Alles Gute dafür! Und viel, viel innere Ruhe und Ruheinseln und Innigkeitsinseln.
    Maria

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  3. Gewusst, so angedeutet klar und deutlich, habe ich es von Anfang an- das genau ist richtig so....von unterwegs Glückwünsche in rund, oval und achtzehneckig....
    Sonja

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  4. Das klingt wunderbar - ich glaube, Du bist genau die Richtige für diese Aufgabe und ja, Deine Handschrift muss es unbedingt tragen - etwas besseres kann Deinen zukünftigen Schülern (und den Schülern Deiner Schüler ;-) ) nicht passieren.

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  5. Endlich! Endlich die Gewissheit! Endlich das wissen, welche Gefühle sich Bahn brechen, wenn das Ja da ist. Ich wünsche dir von Herzen, dass dieses "Was ich seit Jahren wollte" trägt, dir Mut macht, dich an dich glauben lässt. Und ich wünsche dir, dass du deine Fünfte behalten kannst.

    Ich freue mich mit dir, für dich! Geglaubt habe ich immer daran, aber diese lange Warterei war irgendwie schon – naja, geduldbildend vielleicht.

    Und das mit dem Techniker und wie du den geweckt hast, das geht doch schon fast für die erste Unterrichtstunde im Januar durch.

    Gelesen habe ich dein Post aber vor allem deswegen, (ich bin ja noch auf Diät) weil ich dir etwas anderes mitteilen wollte und erst spüren wollte, wo ich dich treffe.
    Wenn ich dir sage, dass der Sponsorenläufer (oder besser der Staffelstab?) das Ziel erreicht hat, wirst du verstehen...

    Diese Woche scheinen sich bei dir wirklich viele Knoten zu entwirren, was?

    Lieben Gruss
    Gabriela

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  6. wunderbar!

    lieben gruss dir

    christina

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  7. @alle:
    Herzlichen Dank Euch für Glückwünsche, Mitfreude und Mutmachen!
    Ich selbst habe das Neue in meine Gedankenwelt noch gar nicht so richtig eingebaut, staune immer wieder, wenn es mir mitten am Tag einfällt :)

    Das Wichtigste ist wohl jetzt daran zu arbeiten, inmitten der vielen neuen Aufgaben die Ruhe zu bewahren, die äußere wie die innere. Es war ja auch ohne das nicht zu wenig, wie mir z.B. beim Lesen Eurer lieben Kommentare gleich wieder einfällt, vom schlechten Gewissen gepiekt wegen ein paar Mails, lang schon zu schreibender ...
    Ja, ich weiß, das schlechte Gewissen ist ein schlechter Ratgeber. Ich übe da noch dran. Aber ich WILL Euch ja wirklich schreiben. Nur eben: nicht um den Preis, dafür und damit aus der Ruhe geworfen zu werden. Da liegt das Dilemma begraben, oder wie man sagt ;-)

    Bis bald also (sag ich mal so vage)
    Uta

    PS.
    Meine Fünfte darf ich ganz sicher behalten, die hat Priorität.
    ---
    Und Frustrationstoleranz, Ungeduld, Reinrufen - das ist im Mathematikunterricht nicht anders als beim Strickenlernen, diese Situation kommt mir soooo bekannt vor.

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