Mittwoch, 28. April 2010

Das Lied in mir

Neulich war ich mit dem Sohn im Familienkonzert, zusammen mit vielen begeisterten Kindern, mit vielen Erwachsenen. Witzig, originell inszeniert, zum Lachen, ein schöner Sonntagmorgen.
Doch zwischen den Lachemomenten steigt etwas in mir auf …

Ich sehe das Orchester auf der Bühne … wie viele unserer Chorkonzerte hat es uns begleitet … wie oft standen wir auf der Empore, Freitag Hauptprobe, Samstag Generalprobe, Sonntag Konzert, hinterher zum Griechen … immer mit diesen Musikern, genau mit diesen, die ich jetzt nur aus dem Publikum heraus sehe.
Es ist auch unser Theaterorchester … und ich sehe mich im Opernchor stehen, auf der Bühne … Chorproben im dunklen Keller … szenische Proben mit cholerischen Regisseuren … Pause in der Theaterklause … mit dem Oboisten über Gott und die Welt reden und - ja - auch lästern … Premierenfeier im Theaterfoyer … der unerschöpfliche Anekdotenvorrat des Cellisten … mit den Schlagzeugern auf Konzertreise … und der Kontrabassist: wie viele Probenstunden habe ich ihn beobachtet, wie er das Instrument streicht …
All meine Tage waren voller Musik, damals – durch jede einzelne Stunde habe ich mich hindurchgesungen. In meinen Musikwelten fand ich Geborgenheit, Beziehungswärme, Innigkeit. Nie verstummte das Lied in mir. Damals – wie lange das her ist …

So sehr, so sehr durchströmt mich die Erinnerung, während ich das Konzert durchlebe, am Sonntagmorgen. Das Konzert, in dem alle auf der Bühne sitzen, nur ich bin im Zuschauerraum. Dort als Zuschauerin wird es mir eng, bekomme ich kaum noch Luft. Kaum noch.

Anschließend, mit dem Sohn an der Hand durch die Stadt laufend, hinunter an den Fluss – noch mehr warm-schmerzende Erinnerungen erwachen. Und es regt sich in mir deutlich das leise Lied der Sehnsucht. Hält nicht länger still, wird laut und lauter, zieht und sticht und schmerzt. Überflutet mich, wird zum lauttönenden Sehnsuchtsgesang.
Ja, an der Hand meiner Singe-Sehnsucht steigen kleine und große Schwestern mit empor – ein ganzer Chor, der da in mir erweckt ist, stillbare und unstillbare Sehnsüchte, konkrete und diffuse, mir fest in die Augen schauende und gesichtslose …
Bald übertönen sie alles, lassen keine meiner Fasern unberührt. Hauchen über den stillen See meiner ungeweinten Tränen, bis sich seine Oberfläche kräuselt. Wehen immer mehr, immer stärker, wühlen ihn auf, peitschen ihn … bis er über die Ufer tritt, mein sonst so stiller Tränensee, da brechen Dämme … jetzt … JETZT!

Das Lied in mir, mein Sehnsuchtslied, es zieht. Es zieht mich. Wohin?

1 Kommentar:

  1. Das berührt mich ganz sehr, was du da aus deinem Leben erzählst, dem Singleben damals und den Erinnerungen heute, die so viel Sehnsucht weckten und deine Tränen. Über deine Worte bist du mir grad ganz nah, denn manchmal weht die Sehnsucht auch in mir so. Und wärst du jetzt hier, würde ich dich in die Arme nehmen, wenn es sich richtig anfühlen würde. Ansonsten nur ein Lächeln ...

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