Sonntag, 11. April 2010

Stapelweise Lebensweise

Manchmal, da will ich zuerst das Eine tun, und zuerst das Andere, und am liebsten auch noch ein anderes Anderes – alles gleichzeitig, und das geht nicht. Ich entscheide also, welches das zuerstere Zuerst und welches das spätere Zuerst sein soll, und welches das letzte Zuerst.
Manchmal, da wird es gar nicht weniger, was sich in meinem „Ich will“-Stapel auf die Zuerst-Stelle drängelt.
Manchmal, da erfasst mich darob ein ungeduldiges Kribbeln (alles lesen, vieles schreiben, manches sagen wollen), manchmal ein schlechtes Gewissen (weil Email-Fächer und Briefkästen lieber – auch mitlesender – Menschen leer bleiben), manchmal irre ich umher und verzettele mich.
Und dann sind da noch der „Ich muss“- und der „Ich sollte“-Stapel, im steten Bemühen, ihre Macht über mich nicht aus der Hand zu geben.
Manchmal …

Heute, da war es anders. Habe einem jeden Moment abgelauscht, welches Zuerst gerade ans Tor klopft. Ich hörte gut zu, der Augenblick sprach eine deutliche Sprache:
gelesen und Tee getrunken in unserer Lese-Gartenblick-Ecke,
dick eingemummelt auf der Gartenliege dem Geräusch des Hagels zugehört, und gleich darauf vom Sonnenstrahlenspiel im Schilf des letzten Jahres geblendet worden,
lange das Gesichtchen der Tochter aus allergrößter Nähe betrachtet,
tief geatmet,
herzhaft gelacht,
versunken im Garten spaziert,
tag-geträumt,
geschwiegen

vertrödelt“ nannte der Mann den Tag, „wunderbarst“ sagte ich.

Meine anderen Stapel waren fern, ihre Macht spürte ich nicht. Der Tag verlief ohne innere Reihenfolge-Rangeleien, das jeweilige Zuerst war so selbstverständlich, so klar …
Vielleicht ist es nur ein unseliges Bild, alles in „Ich muss“- und „Ich soll“- und „Ich will“-Stapel einzuteilen. Vielleicht gibt es nur einen einzigen, einen „Ich bin“-Stapel. Der vielleicht noch nicht mal ein Stapel ist, eher ein ausgebreiteter Teppich buntester Lebensmomente. Und ich darf darauf umherwandeln.

Stapel-Weisheit:
Das Leben ist nicht Stück für Stück abzuarbeiten, nein, es liegt mir zu Füßen.
Stapel-weise leben:
Ich lausche dem Augenblick und setze meine Schritte dann selbst, auf dem Lebensteppich.
Lebensweiser Tag, heute.

Kommentare:

  1. Im Augenblick präsent zu sein, nur ihn gelten zu lassen, ist vielleicht die einzige Form, das Leben wahr zu nehmen und wirklich zu genießen.(Der Gedanke kam mir durch Kopf beim Lesen dieser Tagbeschreibung.

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  2. um zu meinem ich-bin-stapel zu gelangen, muss ich noch durch ein paar ich-sollte-und-ich-muss-stapel und hoffe, nicht drüber zu stolpern. deine beschreibungen sind von einer art des lebens-trinkens-in-vollen-zügen...

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  3. Stapel sortieren ist auch für mich Schwerstarbeit und oft überfordere ich mich selbst dabei.
    Danke, wie trefflich Sie meine Frustsituationen beschreiben können!

    Überhaupt gefällt es mir hier sehr gut, fühle mich nicht oberflächlich, sonder tief berührt.
    Danke fürs mit - teilen.
    Herzliche Grüße,
    Gabriele

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