Donnerstag, 15. April 2010

Frei werden

Da sind so kleine Dinge …

… mir wochentags überlangen Mittagsschlaf zugestehen, wenn und weil es nötig ist,
… ein Buch nicht weiterlesen, wenn ich nicht warmwerde damit,

… aussprechen, was auszusprechen ist,
… mich in der Schule nicht um das Einsammeln des Theatergeldes kümmern, weil sich auch sonst niemand drum kümmert – mal schauen, was dann passiert,
… abends hier nichts hineinschreiben, wenn es sich nicht schreibt,
… ein kleines Nein ein bisschen lauter sagen,
… die Tochter mit langen knetegefüllten Fingernägeln in den Kindergarten schicken, wenn die Säuberung zu großem Morgenkampf führen würde, den wir alle vor der Schule nicht gebrauchen können,
… das Haus nicht vorher aufräumen, wenn mal wieder eine Schülermutter hier auftaucht,
… mich lange nicht melden, weil es nicht die Zeit dafür ist,
… nicht dran denken, was all die Nachbarschaft über unsere unkrautüberwucherten Pflasterwege denkt (und überhaupt: Un-Kraut, was ist das für ein Un-Wort für ein Lebendiges?!),
… mich krank melden, wenn ich weiß, dass es besser wäre,
… diese Liste hier veröffentlichen, obwohl sie zufällig und unvollständig scheint,


Ich weiß ja, das sind keine bedeutenden Dinge. Sie kreuzten allesamt in den vergangenen 24 Stunden meinen Gedankenweg. So viele kleine Knoten, die ich mir tagtäglich selbst in den Weg lege ...

Lacht nicht drüber – manches davon fällt mir verdammt schwer. Manches kann ich noch gar nicht, übe mich dran, will mich üben.
Es sind oder wären Dinge, die mich befreien würden: von Zwängen, denen ich mich selbst aussetze. Dinge tun, weil andere meinen, man solle … Dinge tun, weil ich schon immer … Dinge tun, weil doch alle … Dinge tun, weil eigentlich … Dinge tun, weil sonst …

Ja, was „sonst“???
Nicht mehr an das „sonst“ denken – das wäre Befreiung!
(Und meine „eigentlich“s sind so verlogen wie verführerisch, wenn ich sie mir auf der Zunge zergehen lasse. Ich sollte das Wort aus meinem Wortschatz streichen.)

Also dann: Befreiung in den kleinen Dingen, mit kleinen Schritten.
Wenn ich es schon dort nicht schaffe, wie kann es dann im Großen gelingen???
Ich übe. Ich übe weiter.

Kommentare:

  1. Ich wünsche viel Mut und ein gutes Gelingen, Raum für das "sonst" und viel mehr Raum für "frei".

    Lieschen

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  2. Hallo,

    bei den vielen eigentlichs habe ich mir angewöhnt (oder gewöhne es mir an) mich oder auch andere nach dem "uneigentlich" zu fragen.......... hilft manchmal ungemein.

    Liebe Grüße, Birgit

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  3. Du sprichst mir mit dem Geschriebenen so sehr aus dem Herzen!!!

    ..................................
    Dinge tun, weil andere meinen, man solle … Dinge tun, weil ich schon immer … Dinge tun, weil doch alle … Dinge tun, weil eigentlich … Dinge tun, weil sonst …
    ..................................

    Genau das beschäftigt mich auch oft - öfter - täglich ..... EIGENTLICH (und eigentlich wollte ich das Wort 'eigentlich' gar nicht mehr in meinem Wortschatz gebrauchen) möchte ich ausbrechen, gestellte Erwartungen (wessen Erwartungen eigentlich - die der Anderen, oder meine???) nicht erfüllen müssen(wer bestimmt eigentlich ob ich muss, soll???)

    Auch ich übe, übe fast täglich mich diesen selbstauferlegten Zwängen nicht zu unterwerfen - mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg ... der dringenden Übung bedarf es bei mir 'eigentlich' nicht mehr (so oft) zu verwenden, denn das mag mir nicht gelingen.

    Ich wünsche Dir viele echte Erfolgserlebnisse bei Deinen kleinen und großen Übungen. 'Kleine aber stetige Schritte machen auch einige Meter' pflegte ein alter Herr in meiner Jugend zu mir zu sagen. Er hat recht, zum Ziel führen auch kleine Schritte, und man verliert die Landschaft um sich herum nicht aus dem Auge, wenn man nicht durchs Leben stürmt.

    Liebe Grüße
    C.

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  4. wieso sind das keine bedeutenden 'dinge'? für DICH sind sie bedeutend! das zählt.

    zudem ist es doch sooo wichtig, grenzen zu setzen, wichtiges von unwichtigem zu trennen, um mit den eigenen kraftressourcen klarzukommen. persönliches haushaltsmanagement sozusagen. energiesparen inclusive ;-)

    genieße die freiheit in den kleinen momenten!

    (und wie ich dich um das mittagsschläfchen beneide!!!!!)

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  5. Ach Uta, wenn du wüsstest wie sehr sich deine Befreiungsversuche mit meinen gleichen. Lachen? Nie im Leben, dafür sind die Zwänge und Forschriften denen wir uns immer wieder geschlagen geben zu wichtig.
    Ich bin zur Zeit in einer Phase in der ich dieses Frei-sein zelebriere, ich nehme mir diesen Freiraum einfach, ohne wenn und aber, ohne sonst und eigentlich. Einfach so. Und es geht mir sehr sehr gut dabei. Selbst alte Muster habe ich geschafft abzulegen, mich freigemacht von urzeitlichen Ängsten und Fremdbestimmung. Und es fühlt sich einfach nur gut an, richtig, stimmig. Ich bin endlich Ich, angekommen bei mir und dem was mir wichtig ist.
    Das einzig dumme an der Sache ist, ich weiß nicht warum ich es auf einmal geschafft habe, was bei mir der letzte ausschlaggebende Punkt war. Und ich weiß nicht wielange es anhalten wird, aber das ist im Moment auch sekundär :-)

    Liebe Grüße und viel Mut beim "einfach mal frei-sein", (gerade die kleinen Dinge sind die, die uns meistens am weitesten voranbringen, wir dürfen sie nur nicht immer so klein reden!)
    Rina

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  6. Ihr Lieben, ich danke Euch für all Eure Kommentare.
    Wie sehr mich Muster von Perfektionismus, Harmoniesucht, Selbstdisziplin und was weiß ich noch allem in ihrem Korsett gefangen halten, war mir selbst nie so stark bewusst wie jetzt, wo ich mich selbst aufmerksamer zu beobachten gelernt habe.
    Wie tief diese reichen, spüre ich, wenn ich bei Euren Kommentaren spontan den Impuls habe, mir eine Decke über den Kopf zu ziehen, weil ich mich unfähig fühle und alle anderen das sowieso viel besser bewältigen als ich ... (auch wenn mein Kopf sagt, dass das Quatsch ist).
    Und wie schwer es mir fällt, dies einzugestehen. Zumal hier.
    Vielleicht ist das ein Anfang, ein erster Schritt es anzugehen. Ehrlich mit mir selbst sein. Und das nicht nur im stillen Kämmerlein.

    Ich danke Euch
    Uta

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  7. Oh Uta, lass die Decke schön zusammengefaltet liegen und mache dich bitte nicht kleiner als du bist!! Du hast in den letzten Wochen soviel an dir gearbeitet, hast einen Prozess angestossen den ich fasziniert verfolge. Dein Üben in der Stille, ganz bei dir zu sein, dich zu spüren auch im größten Alltagschaos, das ist doch schon ein wundervoller Anfang den richtigen Weg zu finden. Bald wirst du bereit sein für den nächsten Schritt, immer einer nach dem anderen. Bei mir hat sich dieser Prozess nun auch über ein Jahr hingezogen und vielleicht kannst du dann ja auch in einem Jahr schon ein Post mit dem Titel " ich sitze gerade in der Küche wo sich das Geschirr von letzter Woche stapelt, die Bügelwäsche sich in den Körben türmt, lese ein Buch, lass das Telefon klingeln und die Kinder sich streiten, dabei kommt jeden Moment die Nachbarin zum Kaffee und ich fühle mich saugut dabei" verfassen :-)
    (soweit bin ich auch noch lange nicht, werde ich wohl auch nie, aber die Vorstellung allein ist schon lustig :-)

    Liebe Grüße
    Rina

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  8. So, jetzt mag ich hier schnell antworten, denn sonst wird das wieder nichts. Oft genug schaffe ich es wenigstens deine Beiträge zu lesen und möchte so vieles antworten, aber die Zeit ist nicht da. Auch auf deine Mailantwort musst du noch ein bisserl warten, aber das ist eben der andere Teil der Übung ;-)

    Vieles von dem, was du geschrieben hast, übe ich auch seit ein paar Jahren. Manches hat das Leben selber eingerichtet. Z.B. mit den langweiligen Büchern. Die bleiben einfach immer öfter liegen und dann weiss ich irgendwann eh nicht mehr, was am Anfang war und meist les ich eh mehrere Bücher gleichzeitig (vor allem Sachbücher und meist nur ein Roman dazu) und da regelt sich das von selber.

    Nicht mehr unbedingt bloggen klappt mangels Zeit auch. Es ist oft sogar das Gegenteil der Fall, dass ich gerne schreiben würde, aber nicht dazu komme.

    Das mit deiner Tochter und den Knetenägeln finde ich klasse. Wie oft hab ich mir Stress mit den Kindern gemacht, weil "man" sich so nicht verhält. Z.B. in die Schule was sauberes anziehen, etc. Weil wer weiss, was sonst die anderen über mich denken? Davon versuche ich gerade zu fasten, weil der häusliche Friede wirklich viel wichtiger ist, als die Gedanken von fremden Leuten.
    Interessanterweise kann ich das bei mir selber schon lange, also machen was ich will (in die Kategorie käme das Unkraut auf der Terrasse) und mir keine Gedanken drüber machen, was die anderen denken. Aber als Mutter geht das nicht ganz so gut, was wahrscheinlich daran liegt, dass ich lange Zeit immer ein schlechtes Gewissen hatte, als Mutter nicht gut genug zu sein (weil ich eben nicht so viel für meine Kinder tun konnte, wie andere Mütter, weil ich alleinerziehend arbeiten musste). Da hat quasi mein innerer Richter so richtig zugeschlagen.

    Die Wohnung nicht zu putzen und aufzuräumen, wenn Besuch kommt, möchte ich gerne noch besser lernen. Schließlich ist das nicht wichtig, wenn ich Besuch bekomme. Viel wichtiger ist es dann, dass ich wirklich anwesend bin und mein Besuch und ich Zeit miteinander verbringen.

    Jetzt muss ich gleich los in die Arbeit. Danke für deine oft so anregenden Blogeinträge, liebe Ute. Du hast eine Schreibe, die mir alles so lebendig werden lässt, was du erzählst.
    Ich wünsch dir ein traumhaftes Wochenende mit solchen Seele-baumel-Stunden wie schon am letzten WE.
    Ganz liebe Grüße
    Constanze

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  9. @Rina:
    Wie: "zusammengefaltet lassen"!??? Bei mir liegen keine gefalteten Decken herum - nur zerknüllte! In der Hausfrauen-und-Garten-Sparte bin ich - in unsrem neuen Sinne - nämlich schon ganz gut ;-) Trotzdem ist Deine Vorstellung köstlich! Ich glaube, dazu brauche ich keine zehn Jahre mehr ...

    @Constanze:
    In der "Mutter-Sparte" ist es weit schwieriger. Ich habe auch immer so Gedanken, dass ich als schlechte Mutter gelte ... In einem Kindergarten meines Sohnes wurde tatsächlich offen kommuniziert berufstätige = schlechte Mütter, auch ohne alleinerziehend. Ja, ein innerer Stich bleibt: ich bin nicht genug für meine Kinder da, und so. Und wenn mir die Mutter eines Freundes meines Sohnes offen zeigt, dass sie ihn für unerzogen hält, dann trifft mich das so sehr, dass ich mich aus inneren Knoten kaum mehr lösen kann.

    Aber mein schwierigster Bereich: der der zwischenmenschlichen Beziehungen: nicht mehr allen alles recht machen wollen, nicht alle Schuld und Verantwortung auf mich nehmen ... weite weite Übungsfelder.

    Und danke, liebe Constanze, für diesen langen, lieben Kommentar. Keine Sorge, ich kann auf Mailantworten gut warten (machst Du doch dann Deine Übung sehr gut :))

    Ganz liebe Grüße zurück
    Uta

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