Donnerstag, 22. April 2010

Kurzurlaub!

Morgen nämlich: Weil die Hälfte von uns mit Abikorrekturen am Schreibtisch sitzt, veranstaltet die andere Hälfte einen schulweiten Wandertag. Wie jedes Jahr am Freitag um diese Zeit.

Vorspiel (schon länger her)
Wie jedes Jahr stellt sich bei der Wandertagsplanung heraus, dass die Anzahl der verfügbaren Lehrer die Anzahl der wandernden Klassen nicht sehr übersteigt. Nicht so jedenfalls, dass mit jeder Klasse zwei Lehrer mitgehen könnten, wie es vorgeschrieben ist. Wie jedes Jahr rotten wir uns daher zu Großgruppen zusammen, damit es aufsichtspflichtmäßig hinkommt. Diesmal: Kollegin K. und Kollege G. mit einer 7. und einer 8. Klasse, dazu ich mit 45 12ern (die sind mir für morgen zugelaufen, nur die Hälfte sind sonst meine). Summa summarum 100 Schüler mit 3 Lehrern (aufsichtspflichtmäßig grenzwertig, aber von der Schulleitung abgesegnet).
Ziel: ein Kletterwald – das passt für jedes Alter und ist gut mit den Öffentlichen zu erreichen.

Akt 1 (vor etwa 3 Wochen)
Wie jedes Jahr teile ich dem zuständigen Kundenberater der Bahn per Mail mit, zu wievielt wir wann auf welcher Strecke unterwegs sein werden, damit zusätzliche Waggons angehängt werden. Die Rückmail lautet wie immer: es gehe alles in Ordnung, anderenfalls setze man sich mit mir in Verbindung. Lediglich die letzte Busverbindung im Zielort, die solle ich per Anruf abklären, das wäre nicht im Zuständigkeitsbereich der Bahn.

Akt 2 (vor etwa 2 Wochen)
Ich erreiche endlich jemanden beim Nachbarverkehrsverbund und teile mein Anliegen mit. Die Antwort lautet kurz: Nein. Wie bitte, frage ich irritiert zurück. Nein, ertönt es nochmals. Man habe nur diesen einen Bus (hä?), und der habe nur 60 Plätze und fahre nur alle 30 Minuten. Also nein. Wie aber solle ich, frage ich zurück, den jungen Menschen die Attraktivität des öffentlichen Nahverkehrs nahebringen, wenn es ein (größeres!) Verkehrsunternehmen nicht bewältige, uns nach Voranmeldung einmalig für eine kürzere Strecke zu transportieren??? Warum wir denn bitte auch mit 100 Personen unterwegs sein müssten. Darüber mag ich mit der Dame jetzt nicht diskutieren, ebensowenig darüber, warum wir nicht per Schiff oder Flugzeug anreisen oder den Wandertag grillend auf dem Schulhof verbringen. Wenn sie uns jetzt einen Bus abstelle, bekäme sie Ärger, und daher laute ihr letztes Wort: Nein.
(Ich erinnere mich an meinen letztjährigen langandauernden Briefwechsel mit der Deutschen Bahn, bevor diese sich in der Lage sah, uns mit 90 Schülern in einem ICE nach Berlin zu transportieren. Für ein solches Engagement fehlen mir jetzt Zeit und Raum, ich gebe also auf.)

Akt 3 (vor drei Tagen)
Nach Rücksprache mit den Kollegen K. und G. und reiflicher Überlegung entscheiden wir, dass jeweils die Hälfte unserer Riesengruppe die letzten 3 km zum Kletterwald zu Fuß zurücklegt – auf dem Hinweg die einen, auf dem Rückweg die anderen. Dann ist die Kletterzeit etwas knapper bemessen, aber der Wandertag macht seinem Namen alle Ehre. Der Tagesablauf ist jetzt minutiös durchgeplant, es muss alles wie am Schnürchen laufen, aber ich mache meinen 12ern die Planabänderung damit schmackhaft, dass sie nun altersangemessene Verantwortung übernehmen und die Kleinen während des Fußmarsches beieinander und im vernünftigen Tempo halten könnten - die 12er zeigen eine gewisse Vorfreude auf diesen Teil der Reise :))

Akt 4 (heute, gegen 16 Uhr)
Ich plane auf dem Rückweg von der Schule am Automaten die Fahrkarten zu kaufen. Genug Geld habe ich dabei. Ich tippe ein: Zielort – Tageskarte – Für-5-Personen – Gültigkeit: ab morgen 8 Uhr – Bezahlen – weitere Fahrt lösen – Zielort – Tageskarte - …. usw usw. Bis ich die Anzahl beisammen habe und 120 Euro auf dem Display erscheint. Ich will zahlen – tja – und bemerke zu meinem Erstaunen, dass dieser Automat der neuen Generation nur noch 10- und 5-Euro-Scheine annimmt. Pech gehabt, denn mit so vielen Kleinscheinen kann ich nicht dienen. Vorgang abbrechen, schnell nach Hause, der Tag ist ja noch lang.

Akt 5 (heute gegen 16.30)
Ich öffne das Email-Postfach und sehe eine Mail unseres freundlichen DB-Kundenberaters. Gesendet heute, 14 Uhr 06. Na, denke ich hochoptimistisch, der will uns bestimmt eine gute Reise wünschen und sich für die gute Zusammenarbeit bedanken. --- Knapp daneben – er bedankt sich nämlich für mein Verständnis. Weil die Gruppenreservierungsstelle soeben (sic!) festgestellt habe, dass die Kapazitäten in den von uns geplanten Zügen – ich zitiere – „bereits nahezu vollständig ausgereizt“ sind. Wir werden daher gebeten, uns auf folgende zwei Verbindungen aufzuteilen …bla bla bla … Ich überfliege kurz, stelle fest, dass unser Wanderzeitplan damit völlig aus den Fugen gerät und außerdem die zweite Gruppe eine halbe Stunde später als geplant wieder daheim wäre.
Lieber Herr Kundenberater, haben Sie sich eigentlich mal überlegt, wie ich am Vortag um 14 Uhr 06 die Eltern von 100 Schülern erreichen und über eine verspätete Ankunftszeit informieren soll, damit diese in der Folge ihre Ballettunterrichts-, Großtantenbesuchs- und Wochenendverreisepläne abändern? Und außerdem haben Sie wohl aus den Augen verloren, dass mein heutiger Nachmittag doch mit Akt 4 und Akt 7 gefüllt sein wird? Lieber Herr Kundenberater, ich bitte meinerseits um Verständnis, dass ich kein solches aufbringen mag :(

Akt 6 (heute zwischen 16.30 und 17.00)
Ich laufe nachsinnend in meinem Arbeitszimmer umher, entscheide nach kurzer Überlegung, meine Kollegen nicht auch noch damit zu beunruhigen, und nach längerer Überlegung, den morgigen Tag dennoch wie geplant zu starten. Schließlich hat mein Herr Kundenberater keine Ahnung, wie eng sich unsere Schüler stapeln lassen (unser Schulgebäude hat uns in dieser Disziplin zu Profis werden lassen :)). Vorausgesetzt, wir erwischen morgen zufällig einen Zug, an dem keine Tür fehlt … denn dass uns ein Schülerlein herausweht, das wollen wir denn doch nicht riskieren.

Akt 7 (heute zwischen 17.00 und 18.00)
Ich weiß jetzt endlich, warum ich die 300 Euro Kleingeld, neulich beim Mathewettbewerb eingesammelt, noch immer in der Kiste liegen habe. Stopfe einen Teil davon in eine Tüte, die neugierige Tochter ins Auto und begebe mich erneut zum Fahrkartenautomaten (siehe Akt 4).
Es folgt das bekannte Eintipp-Prozedere: Zielort – Tageskarte – Für-5-Personen – Gültigkeit: ab morgen 8 Uhr – Bezahlen. Beschließe gleich zu zahlen: Münze, Münze, Münze … heraus kommt die erste Fahrkarte. Nicht so bei der zweiten: als ich zwei Euro vor dem Zahlziel bin, fällt die Münze durch, der Schlitz verschließt sich, „Vorgang abgebrochen“, höhnt mir der Monitor entgegen. Nächster Versuch: langes Eintippen, Zahlversuch, Abbruch. Nächster Versuch: dito. Nächster Versuch: ich setze meine 5- und 10-Euro-Scheine ein: gelungen. Weiterer Versuch: Scheitern. Zwischenidee: ich eile zu den Reisenden auf dem Bahnsteig und tausche Münzen gegen alle verfügbaren 5- und 10-Euro-Scheine. Kampf mit dem Automaten, der inzwischen schon nichts mehr von mir will, auch keine Scheine. … Irgendwann gebe ich entnervt auf - als nämlich die Tochter vor Langeweile anfängt auf der Hauptverkehrsstraße zu tanzen. … Und ein Fahrschein fehlt mir immer noch …

Morgen dann:
Akt 8: Kauf des letzten Gruppenfahrscheins
Akt 9: Stopfen der Schüler in einen Zug
Akt 10: Umsteigen, wiederum Stopfen der Schüler in einen Zug
Akt 11: siehe Akt 10
Akt 12: zügigst zum Ziel wandern
Akt 13: ein wenig klettern
Akt 14: zügigst zum Bahnhof wandern
Akt 15: siehe Akt 9
Akt 16: siehe Akt 10
Akt 17: siehe Akt 10
Akt 18: Tränenreiche Szenen auf dem Heimatbahnhof: Ca. 100 Mütter nehmen ihre pünktlich oder unpünktlich, aber jedenfalls überhaupt zurückgekehrten Kinder in die Arme.
(Ob Akt 13 aus Zeitgründen gestrichen werden musste, spielt in dem Moment keine Rolle mehr. Alle sind froh über den glücklichen Ausgang des Wandertages.)
Akt 18 (alternativ): Wir stranden irgendwo unterwegs: als Schwarzfahrer oder weil wir nicht schnell genug wanderten oder weil wir uns nicht dünn genug machten beim Stopfen. Für diesen Fall haben wir ein Dutzend guterprobte Schüler dabei, die gerade in jüngster Vergangenheit ihre Flexibilität und Spontaneität bei unvorhergesehenen Reiseabläufen unter Beweis gestellt haben. Diese werden uns Lehrer beim eventuellen Krisenmanagement kompetent unterstützen können.


Ja ja, Lehrer haben nicht nur vormittags Recht und nachmittags frei, sondern kommen zudem in den Genuss des einen oder anderen zusätzlichen Urlaubstages. So wie morgen eben. Einfach mal klettern gehen …

(Besser dran sind da nur noch meine Kollegen M. und J.: Die durften nämlich letzthin – während o.g. Schüler in o.g. Flexibilität und Spontaneität erprobt wurden – ihren Irlandurlaub um eine komplette Woche verlängern. Eine komplette Woche! Zusätzlich zum Jahresurlaub! Dabei auch noch tagelang Schiff fahren, Bus fahren, attraktive Landschaften besichtigen (Wales, England, Holland …) … hach!)

Kommentare:

  1. ich nehme an, du hast jetzt ziemlich verrupfte haare....
    nichtsdestotrotz drück ich die daumen...

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  2. lese es jetzt erst.
    Deücke dir alle hier verfügbaren Daumen!!!!!

    (Werde mal dieses post meiner Tochter zu lesen geben zwecks Berufszielüberprüfung! Sie studiert Richtung Lehramt :-)))))))

    Alles Liebe

    Christina

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  3. Ach Uta, ich komme aus dem schmunzeln nicht raus :-) und wünsche dir eine Ganz große Portion Durchhaltevermögen, gute Nerven und natürlich auch etwas Spaß an der Sache für heute :-))(obwohl ich mich gerade frage ob Lehrer bei so vielen Vor- Akten überhaupt Spaß an solchen Ausflügen entwickeln können?;-)

    Ich finde es auf jeden Fall immer wieder bereichernd deine Sicht der Dinge zu lesen. Ich werde mich bemühen, wenn wir dann nächstes Jahr mit Luca die Schulphase anfangen, auch dann öfter aus der Sicht der Lehrer zu schauen, meinst du das klappt? Ich bemühe mich, versprochen!!

    Liebe Grüße
    Rina, die schon auf Akt 8 bis 18 gespannt ist

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  4. ich drück dir die daumen, uta.
    ich nehme das gleiche wie wildgans an, dass du wohl ziemlich verrupfte haare hast...

    bei uns läuft es folgendermaßen: der sohn hat mir heute früh am frühstückstisch mitgeteilt, dass er heute keine schule hat, weil die lehrer korrigieren müssen...
    wäre ich eine berufstätige mutter hätte ich um 7.15 schön aus der wäsche geschaut...

    grüße
    heike

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  5. @alle:
    Habe es überlebt, sehr gut sogar. Danke für die Daumen.

    @Christina:
    Lass sie ruhig, und sag ihr noch dazu, dass es der schönste Beruf der Welt ist. Wandertage sind ja nicht alletage, und außerdem bin ich da wohl speziell, dass mir die so stressig sind. Andere Kollegen empfinden das nicht so arg.

    @Heike:
    Zu dem, was Du da über Eure Schule erzählst, maile ich Dir was. Kann es ja fast nicht glauben ...

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