Freitag, 18. Juni 2010

Der Faden

Neulich abends mit dem Sohn. Eine unserer fast täglichen Kollisionen. Ich nannte es vor kurzem Vorpubertät, denn so fühlt es sich an, auch in dieser Situation wieder.

Dieses Mal gelingt es mir, gelingt es uns, nicht aus der Haut zu fahren, sondern zueinander zu kommen: am Tisch und im Gespräch. Zufällig sind wir allein – wie gut, dass wir also in Ruhe sprechen können.
Ich höre aus seinem Munde: „Von Mathe verstehst Du ja vielleicht viel, aber sonst verstehst Du nichts!“ und dass ich sicherlich eine schlechte Lehrerin wäre, die sich selbst satt (fr)isst, während die Kinder neben mir Hunger haben …
So sagt er mir das, mein Sohn.

Ich spüre, dass ich in letzter Zeit einen Faden verloren habe, dass ich so vieles nicht mehr weiß von ihm, dass ich ihm den Gesprächsraum nicht gegeben habe, dass meine Ohren auf andere Dinge lauschten als auf ihn ---- ja, dass ausgerechnet einer meiner nächsten Beziehungsfäden gerissen, oder wenigstens zum Zerreißen gespannt ist. --- Nein, er reißt nicht, das ist mir schon klar. Aber seine Sehnsucht danach, dass ich Raum für ihn habe, dass wir miteinander reden, dass wir nicht immer nur aneinandergeraten, diese unerfüllte Sehnsucht, die er mir mit großen Augen ins Gesicht sagt, die tut mir weh.

Und so sitzen wir lange zu zweit beim Essen, sprechen ganz innig miteinander.

Ganz leise sagt er, als ich aufstehe, und mir ein Glas aus der Küche hole: „Ich wünsche mir, dass Du hier bei mir sitzen bleibst.

Ganz leise sagt er dann: „Ich möchte, dass wir uns Witze erzählen.“ – Ich kann das überhaupt nicht, merke mir keine. Und doch fällt mir bei seinen Häschenwitzen einer ein, den er noch nicht kennt. Wie herzhaft, wie glücklich er darüber lachen kann!

Ganz leise schleicht er sich dazu, als ich später der Tochter vorlese. Legt sich neben uns ins Bett. Ist es Zufall, dass sie an jenem Abend eine Geschichte ausgesucht hat, in der das Nasenbegrüßungsritual der Eskimos vorkommt? --- Wir probieren es alle drei ausgiebig aus.

Ganz leise ruft er mich später – schon längst wäre Schlafenszeit – aus seinem Zimmer, er wolle nochmal reden. Worüber? Egal, einfach reden.
Und so legen wir uns nebeneinander ins große Bett, kommen irgendwie darauf, dass Kinder viel besser phantasiereisen können als Erwachsene.
Wieso, das ist doch ganz einfach?, sagt er.
Nein, für mich nicht, sage ich.
Also los, sagt er … und dann fahren wir Hausboot. Sehen hinten am Horizont einen Dampfer. Und Wellen, einen Wind, der immer näher kommt – ja, jetzt bemerke ich ihn auch. Einmal kann ich sogar etwas sehen, das er noch nicht entdeckt hat, und es ihm zeigen! Aber nur einmal …

Nun, hoffentlich waren die zum Zerreißen gespannten Fäden mit auf unserer Hausbootreise, sind ordentlich nass geworden, vom Wasser dehnbar gemacht … damit sie wieder elastisch werden, elastisch genug, um nicht zu reißen. Hoffentlich.

Ach man, ich fühle mich manchmal so unfähig.

Kommentare:

  1. liebe uta,

    wie kommst du nur drauf, du seist unfähig?
    du bist ein ganz aufmerksamer, senibler mensch.

    schau mal hin, wie du reagiert hast, nachdem dein sohn dich als schlechte lehrerin...bezeichnet hat!!

    das ist alles andere als unfähig!

    ich muß leider weg, sonst würde ich mich hier noch ein wenig auslassen.:)

    herzlich
    heike

    AntwortenLöschen
  2. Ach liebe Rebis,

    sei doch nicht soooooooo streng mit dir. Ich wollte, ich hätte zum Beispiel deinen Blog damals vor so vielen Jahren, als mein Sohn noch klein war, schon lesen können. Oder viele Dinge gewusst, die ich jetzt weiß und dadurch anders machen können. Wie oft denke ich, ich hätte es so viel besser machen können.

    Aber schlussendlich geben wir doch alle unser Bestes - jederzeit und nach eigenem Können.

    Und soviel Vertrauen in Gott, Schicksal und das Leben habe ich inzwischen entwickelt, dass ich mir sage: Ok - es sollte und soll wohl so sein, wie es ist. Es ist gut.
    Ich werde auch weiterhin mein Bestes geben, wie ich auch sicher bin, dass auch du dein Bestes gibst.
    Und ganz bestimmt ist es gut!
    Du gehst so liebevoll mit deinen Kindern um - ich bin sicher, viele Kinder wären froh, eine solche Mutter zu haben.

    Liebe Grüße, Birgit

    AntwortenLöschen
  3. Unfähig fühlt sich wohl jeder, ich auch, immer wieder.
    Aber da meine Kinder schon grösser sind, kann ich doch sagen, dass immer wieder eine Türe aufgeht und Verbindungen von Herz zu Herz möglich sind.
    Was ich immer mal wieder lese von deinen Kindern, gibt mir das Gefühl, dass das ganz wunderbare Kinder sind.
    Das wäre doch sicher nichts so, wenn du sie verhungern lassen würdest.
    Liebe Grüsse, Allerleirauh

    AntwortenLöschen
  4. Toll, dass er sich gleich ganz viel von dem holt, was er von dir braucht und dass er seine Wünsche äußert. Das heisst ja auf jeden Fall, dass der Faden noch da war.
    Ich wünsche dir ein inniges Familienwochenende und zwischendurch ein paar Zeitfenster nur für dich.
    Alles Liebe :-)
    Constanze

    AntwortenLöschen
  5. Ach, nun weiß ich gar nicht, was ich darauf noch sagen soll.
    Ob ich mich in die tröstenden Worte fallen lassen darf, wo ich doch am liebsten widersprechen würde: dass ich im Blog eben nur einen Ausschnitt zeige, dabei die vielen Momente (in der letzten Zeit allzu viele), in denen ich eben nicht so reagiere, sondern genervt, gereizt, ungerecht, blind, hier ausblende. Eine sehr gefilterte Selbstdarstellung.
    Wie sehr ich mir vorwerfe, schon so lange zu sehen, dass da bei ihm Dinge anstehen, und ebenso lange nicht reagiert zu haben. Weil Kraft fehlt, weil Zeit fehlt, weil ...
    Und immer im Raum schwebend: das Gefühl, als berufstätige Mutter gar nicht genügen zu KÖNNEN, weil ich meine Kräfte auf der Arbeit verschleiße. --- Ich weiß, dass das so nicht grundsätzlich stimmt, aber es bohrt und bohrt in mir. Vielleicht auch, weil dieser Vorwurf "Warum gehen Sie eigentlich arbeiten?" - sowohl von einer Kindergartenerzieherin als auch von einer Psychologin, bei der wir mit dem Sohn waren, in mir arbeitet. Auch wenn mein Kopf weiß, dass diese beiden gar kein Recht haben, eine solche Frage und mit einem solchen Unterton zu stellen ...
    Nun, ich werde weiter in mich spüren, und vor allem zu meinen Kindern hin spüren.
    Danke!
    Uta

    AntwortenLöschen