Donnerstag, 24. Juni 2010

Ein Tag - gestern

Im traurigen Herzen das Viele bewegen, das rings um mich nahen Menschen zu tragen aufgegeben ist –
mit offenen Augen die Sehnsüchte der Kinder vor mir empfangen –
fast ersticken daran, ihnen – sehenden Auges – weiter Schweres zuzufügen: Noten und Ängste vor der Arbeit, die sie bald bei mir schreiben müssen –
in Frage stellen: das was ich hier tue, die Worte, die meinen Mund verlassen, all die Mathematik-Physik-Klugheit – wie banal ist das eigentlich? –
plötzlich den strahlenden Augen und dem Redefluss von N. begegnen, der mir seine Arbeit entgegenstreckt, unter der nicht wie sonst „mangelhaft“ steht -
zweifelnd mich fragen: was weiß ich eigentlich von „meinen“ Kindern? –
und gleichzeitig lebenserfüllt durch meine Stunden gehen –
kurz darauf, in der Pause, zusammensinken auf dem Stuhl –
die Gedanken wandern zu Dir und zu Dir und zu Dir und zu Dir, die Du Deine Mutter, Deinen Vater, Deinen Sohn, Deine Tochter … nein, hier mich nicht den Tränen hingeben, nein, jetzt nicht, bitte nicht ... –
immerfort lärmen die Kinder ringsum –
zerrieben im Spagat mich fühlen zwischen Schulflureile und Weltenstillstand im Innern –
und als ich das Stück Kreide übers Pult schleudere, L., weiß ich sehr wohl, dass nicht Du das ausgelöst hast und dass ich jetzt gern mit Dir ein Eis essen gehen würde – ob Du mir wohl die Frage beantworten könntest, warum Du seit einem Jahr alle 5 Minuten irgendetwas tust, was laut (und störend) durch die Klasse dringt oder ob wir das zusammen herausfinden könnten – ja, ich würde Dich gern näher kennen (Du Dich selbst vielleicht auch?) –

Puh, das alles.

Unerwartet darf ich dankbar sein: für einen unglaublich warmen, verstehenden Händedruck mit Kraftwünschen, genau in diesem Moment …
(und dass es nicht selbstverständlich ist, einen Schulleiter mit solch feinen Antennen zu haben – dessen bin ich mir bewusst, und wie!)

Am Nachmittag mit der Tochter Inliner fahren:
Sie steht, beginnt zögerlich, stürzt, kommt wieder auf die Beine, läuft ganz sicher jetzt, stolpert, das Tempo wird größer dann und sie fürchtet sich, weint, strahlt, steht still und setzt den nächsten Schritt, sie besinnt sich, strauchelt und steht wieder auf, will nicht wieder fallen und es passiert ihr doch, sie hält inne und geht weiter … Glücksmomente, Tränen, Innigkeit, Wut, Freude auf den nächsten Tag – dichtestgepackte Lebensfülle bei ihr.

Und bei mir.

So ein Tag war gestern.


(PS. Ich hatte bis gestern noch nie in meinem Lehrerleben ein Stück Kreide irgendwohin geschleudert ...)

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