Montag, 15. März 2010

Berlin

Die Mauer ist ja nun zwanzig Jahre weg.
Da nehmen wir diesmal ne neue Autobahnausfahrt im Süden der Stadt, irren durch unbekannte Stadtteile, dunkle Straßen und Gassen, orientieren uns so grob am Mond, um irgendwie in den Friedrichshain zu finden. Aus dem Nichts taucht eine leuchtreklamen-blinkernde Kreuzung auf, ein mir vom Hören bekannter Straßenname – und plötzlich ist es da: dieses "Westberlin-Gefühl".
Ein Gefühl wie in meinen ersten Tagen in Westberlin: Straßen und Plätze, mein Leben lang in Rias- und SFB gehörte Namen, die gab's nur im Radio, nicht in der Realität. Und plötzlich stehe ich da mitten drin und denke immer nur im Kreis: "Boah - die gibt's ja wirklich. Das ist ja gar keine Radio-Ansage-Stadt, die ist ja echt. Und ich - hier!"
So war das Ende 89.
Und am Freitag Abend - original wieder dieses Gefühl.
Obwohl wir mittlerweile jahrelang in der Stadt gelebt haben.
Echt seltsam, so nach zwanzig Jahren.
(Vielleicht könnt ihr gar nicht verstehen, wovon ich hier rede. Dann lest einfach weiter :))

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Spät abends endlich endlich angekommen. Am Horizont der Fernsehturm. Die Tochter: „Mama, ein Leuchtturm!“ :))

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Die Silvesterböller haben mich begeistert.
Der Hundeka…-durchsetzte Split gestresst. (Bin nicht geübt darin, sechs Füße gleichzeitig davon fernzuhalten …)
Weihnachtsbäume allerdings suche ich vergebens. Die Friedrichshainer Freunde wissen nicht, wovon ich rede. Erzählen uns, das würde in Berlin alles Anfang Januar abgeholt werden. Doch doch, ich habe ein Foto gesehen, sage ich. Dem Profi-Fotografen kann man nichts erzählen. Warum hätte sie's faken sollen, sage ich. Die Friedrichshainer Freunde bleiben ungläubig.

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Der Sohn, als er so durch den Split schlurft: „Mama, [Name unseres Dorfes] ist eine schönere Stadt als Berlin, stimmt’s?“ – „Warum?“ – „Weil da nicht so viel Dreck auf der Straße liegt.“ --- Huch, ich bin Mutter zweier reinliche-heile-Dorf-Welt-Kinder – habe ich das gewollt?!

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Ob wir die Regalteile über Nacht auf dem Autodach lassen könnten, fragen wir die Freunde. Die lachen nur.
Mit Regalteilen haben wir's nicht probiert. Aber mit ner Riesentüte Babysachen, zum Weitergeben gedacht. Die stand am nächsten Morgen tatsächlich nicht mehr auf der Straße :(

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Geburtstag im Prenzlauer Berg, ein Vierzigster. Man kommt gegen zehn Uhr (abends), oder später. Es ist körpernah eng, es ist laut, Musik, Stimmen-Gewirr. Man steht, man redet, man kennt sich. Man trägt schwarz oder dunkelgrau. Nur die Kinder nicht. Doch, ja: Kinder. Unsere sind nicht die einzigen. Ein Baby schläft seelenruhig mittendrin. Die größeren Kinder helfen beim Cocktail-Mischen. Doch, ja: auch meiner.
Dafür, dass sie das nicht kennen, schlagen sich meine Kinder großartig. Sie quetschen sich ständig durch 120 gleichartige Beine, immer im Urvertrauen, dass sie die unseren wiederfinden. (Mein Urvertrauen ist weit geringer. Habe ich sie beide aus den Augen verloren, ertappe mich dabei, den Ausgang anzustarren - solange da keines rausflutscht, müssen sie ja noch drin sein.) Sie werden im Laufe des Abends immer mutiger, wildfremde Leute zu bitten, ihnen ne Suppe oder Kuchen oder sonstwas auf den Teller zu tun. Und halten länger durch als all die Prenzlauer-Berg-Kinder, meine beiden :)
Und ich, ich stehe in einer Mischung aus Faszination und Befremdung mittendrin. Dieses Lebensgefühl versetzt mich in studentische Zeiten zurück. Zeitflimmern. Doch die hier sind alle nicht wesentlich jünger als ich. Haben Beruf und Kinder. Und leben sooo anders als ich. Bin ich zu alt? verbürgerlicht? langweilig? vom Dorf halt?
Ich staune ...

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Schaut mal, hier hat die Mama als Kind gewohnt“, sagt mein Mann zu den Kindern, als wir an den Häusern vorbeifahren. Ich hätte das in dem Moment gar nicht realisiert, war träumend ganz woanders. --- Von da ab tropfen vom Wegesrand Erinnerungen in mich hinein, wo immer wir entlang fahren. Die erste Schule, der Hebammenladen, der Ort des letzten Staatsexamens, die spätere Schule, das Kino heißt immer noch so, Russisch-Fachseminar, die Fotografin unserer Hochzeitsfotos, der Grenzübergang, wo ich zum ersten Mal ... (der heute keiner mehr ist), mein Kindergarten ( der heute keiner mehr ist). So viel. So vieles.

***

Die Tage waren so voll.
Meine Begegnungen waren gut. Alle.
Alle!!!

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Wie wertvoll, eine Seelenfreundin zu haben, die tastet, die ahnt, die weiterspürt (weiter als ich selbst?), die verstehend umarmt. Wenn da nicht diese 700-km-Entfernungs-Tränen wären ...

Kommentare:

  1. Berlin macht dich immer so lebendig!
    Herzlichen Dorf-Gruss
    Gabriela

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  2. liebe uta,

    ich freue mich, dass du du so erfüllte tage in deiner alten heimat hattest.
    nach deinem letzten eintrag "drei siebe" dachte ich, du wärst bei einkehrtagen im kloster oder ähnlichem...ja, ja und in wirklichkeit gings um weltliche genüsse in der großstadt.:)

    schmunzelnde grüße
    heike

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  3. @Heike, aha - schmunzel zurück. Aber um Genüsse ging's weniger, eher um Begegnungen und Gespräche.

    @Gabriela, wie auch soll man weiterschlafen, wenn das Leben wie aus einem Hochdruckstrahler auf einen niederprasselt?! Aber für immer: nee, das würde mich total verwirbeln.

    Dorf-Gruß zurück
    Uta

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  4. Wie schön! Berlin wird einem schnell fremd, aber noch schneller wieder vertraut. Drei Tage sind allerdings viiel zu kurz.
    Die Bäume sind jetzt auch bei uns weg. Pankow ist halt nur Vorstadt und völlig unhip..

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  5. @podruga
    mir erschließt sich nicht ganz: was hat "unhip" mit der Geschwindigkeit der Müllabfuhr zu tun???
    (aber ich bin vielleicht einfach nur ein Dorf-Ei geworden :)))

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  6. Liebe Uta,

    mir wird schwindelig wenn ich das lese ;-) bin ich doch wohl auch eher ein Dorf-Ei obwohl ich in einer doch schon größeren Stadt wohne. Aber Berlin? Ich war vor 5 Jahren im April dort, mit Luca schwanger und sowas von erschlagen von dieser Riesenstadt. Ich war schon in einigen Großstädten, aber Berlin ist für mich wirklich eine andere Welt, ich brauchte lange um mich davon zu erholen - lach:-)

    Es ist schön, das du so erfüllte Tage hattest.

    Liebe Grüße
    Rina

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  7. Das Gefühl des "Altseins" kenne ich - manchmal sogar als Anfang Dreißigjährige gegenüber den mitvierziger Prenzlauerberg- Bekannten... (ich habe da mal vor etlicher Zeit einen interessanten Artikel gelesen: http://www.zeit.de/2007/46/D18-PrenzlauerBerg-46 )
    Schön, dass Du, trotz Hochdruckstrahler, so gute Begegnungen hattest! Und ja, eine Seelenfreundin ist etwas sehr wertvolles - und seltenes (ich habe sie jedenfalls noch nicht gefunden). Je tiefer die Beziehung, desto mehr Tränen, oder?

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  8. Danke, katobia - das bestärkt mich in meinem Gefühl, dass es sich nicht um eine reine Altersfrage handelt. Werde jetzt mal den Artikel lesen ...

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  9. nun, nach pankow kommt die müllabfuhr offensichtlich zuletzt. und so partys mit 72 grau-schwarzen beinen gibts hier auch eher selten.
    und: in berlin gibts keine dorf-eier, sondern kiez-eier (bin auch eins).

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  10. In Pankow ist mein Sohn geboren. Pankow - manche Ecken - wäre auch ein Wahlstadtteil für mich, wenn auch nicht aus Müllabfuhrsgründen ;-)
    Und "Kiez-Ei" gefällt mir!

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