Donnerstag, 11. März 2010

beobachten - Anreise

Immer noch fällt mir kein erster Satz ein, um von dieser letzten Woche, meiner „Beobachtungswoche“ zu erzählen. Es ist erst recht schwer, seitdem sich mir vor ein paar Tagen meine Schreibhemmung wieder ins Bewusstsein drängelte. Und es ist schwer, weil ich in den letzten Tagen sehr aus dem Sein dieser Woche herausgefallen bin, unsanft gelandet sozusagen.

Es war eine gute Woche.
Ich will versuchen zu erzählen … beginne mit den ersten Schritten.
Es war eine lange Anreise dorthin. Ein Patchwork-Weg, der mich in diese Woche geführt hatte.


Vielleicht hat es mit ein paar Fliegen angefangen, an einem Frühsommertag, in Süditalien. Ich sitze, nach der Mitte tastend, Stille suchend, in der morgenwarmen, stehenden Luft. Sonne brennt auf der Haut, so früh am Tag schon. Um mich kreisen Geschwader von Fliegen. Stören sie mich? Weiß nicht. … die Gedanken schweigen lassen … tausend Fliegen um mich her … die Gedanken schweigen lassen … tausend Fliegen um mich her … die Gedanken schweigen lassen … tausend Fliegen um mich her … - sirren meine Empfindungen im Kreis, in jenem Moment. Ein unbeschreibliches Gefühl: der Kopf leert sich, wird still und tief und voll und warm, irgendwie. (Nein: leer und voll – kein Gegensatz. Das geht.)
Lange drängt sich dieses Fliegen- Erleben wieder und wieder in meine Erinnerung. Als wolle es mir bewusst machen: … das Kreisende stört … das Kreisende kreist … das Kreisende ist … ich bin … still …
Fliegen als Mittler zur Mitte?
(Später erfahre ich, dass jemand Nahes zur gleichen Zeit an anderem Ort eine Fliegenklatsche für mich in der Hand hatte. Und wieder weglegte.)


Monate später trifft mich, da ich mit der Frage ringe, was denn wesentlich sei, wäre dies heute mein letzter Tag auf Erden, ein Lichtstrahl des Erkennens: dass ein jeder Moment geschenkt wird, ihn mir zum Geschenk zu machen. Alltagsmomente nicht zu lästigen Gliedern zu sprengender Ketten werden lassen, nicht groß-reden, nicht klein-wünschen. --- Alltagsmomente durchleben! Innig. Einen jeden von ihnen.
Tagelang darf ich tastend (wörtlich zu verstehen: werde über meine Tast-Empfindungen noch schreiben) erfahren, wie sich ein innerer Friedens-Hauch im kreiselnden Tag-für-Tag-Geschäft anfühlt.


Wochen später das eindrückliche Erleben, was geschieht, wenn ich mich – stimmlos – nicht mehr durch verbales, argumentatives Agieren auf und in meine Umgebung stürze. Schüler werden friedlich, unglaublich. Kinder streiten und trotzen nicht länger, unglaublich. Ich werde ruhig, unglaublich.
Ich kann nicht mehr vergessen, in welchen Stille-Zauber die Welt verfällt, und ich mit ihr, wenn ich sie sein lasse, die Welt, und mich mit ihr. Einfach sein lassen.


In den Weihnachtsferien lese ich „abwaschen, um abzuwaschen, und nicht um hinterher sauberes Geschirr zu haben“. Und ich lese „die Eigenart und Farbe eines jeden Tages mit Worten einzufangen, Zeichen, Signalen. Wie Fangseile …“. Werde ein paar Tage später mit der Nase wiederum auf beide Texte gestoßen. Wie um zu erkennen, welche Linie sich durch diese scheinbar so verschiedenen Gedanken zieht: wie Pfeile verweisen beide in ein achtsames Sein, in dem jeder Augenblick zu ergreifen und wieder wegzustellen ist. Wie Sinneseindrücke. Wie Geschirr.
Die Ahnung dieser Linie lässt mich wochenlang unruhig sein. Als ich im Januar hamster-laufrad-gleich durch meine Tage irre, stellt sich ein Nein-Gefühl ein.


Februar. Der letzte Urlaubstag bringt uns Schneesturm-Nebel. Ich ahne, hierin mein Laufrad gespiegelt zu sehen, oder besser: ein „Anti-Laufrad“. Erstmals in dieser Woche drängt es mich auf die Piste, ich will unbedingt fahren, lasse mich vom Lift sehr hoch hinauf bringen. Wo der Nebel undurchschaubar ist, wo der Schnee winzige Flecken unbedeckter Haut peitscht, wo ich allein bin, fast. (Kaum einer fährt an diesem Tag Ski.) Das ist unheimlich. Da ist der Gedanke, ich darf nicht fallen, nicht von der Piste (wo ist die???) abkommen, wer würde mich in diesem Nebel finden … Es ist vielleicht leichtsinnig, fahrlässig, was ich dann tue.
Skibrillen- und nebelblind taste ich mich die Piste hinunter. Sehe kein Woher, kein Wohin, erahne manchmal schwach eine Pistenmarkierung, bevor das Rechts und Links wieder rein-weiß-grau erscheint. Erkenne keine Struktur im Untergrund, keine Schneehügel, keine Eisplatten, alles nur Nebel, die eigenen Füße sehe ich vor Augen nicht. Und ich gleite los. Einen anderen Weg gibt es nicht hinunter. Und gleite. Wie es eben kommt. Lasse die Beine gefügig jeden Schneehügel abfedern, lasse meinen Körper wach jede unerwartete Erschütterung auffangen, richte die Sinne ganz ins Körperinnere. Blindfahrt. Und doch sehend.
Ist da Angst? Zuweilen ein Anflug. Ungewohnt nicht zu wissen, wo ich bin und was als nächstes kommt. Ans Ankommen zu denken, bleibt kein Raum. Und doch …
Ist da Kälte? Der Schnee prasselt mir ins Gesicht, scharf, schmerzend. Und schlägt dabei leise Glücksglöckchen an. Ich lausche diesen …
Tief in mir: Das ist Leben. Nichts anderes als genau das.
(Mir kommt die Abfahrt wie ein Endlos-Weg vor. Sie mag eine Viertelstunde gedauert haben, in der sogenannten Realität. Eine Viertelstunde, die letztlich zu unserem Autounfall führen wird. Aber davon ein andermal.)


Rückkehr aus dem Urlaub. Mit Wucht schleudert es mich in den Alltag zurück. Erneutes Kreiseln geschieht mir, bevor ich auch nur einmal „ich“ sagen kann. Das erste Danach-Wochenende lässt kurz aufatmen. Lässt vor allem bewusst werden, welche Sehnsucht in mir ist. Sehnsucht, mich von der bevorstehenden 60-Stunden-Arbeitswoche nicht lähmen zu lassen, sie nicht wie eine Wand vor mir zu sehen, mich darin nicht treiben zu lassen oder bis zur Erschöpfung zu kämpfen.
Die Woche beginnt mit einem emotionen- und tränenreichen Montag. Und während ich mich noch mit Worten wehren will, trifft mich mitten im Schreiben die Erkenntnis:
Ich werde mit offenen Augen und offenen Sinnen durch diese Woche gehen, beobachtend. Ich werde meine Schritte setzen, in einem jeden Schritt ankommend.
Ich werde es wenigstens versuchen, denke ich.


Und da ich jetzt diese lange Linie aufgeschrieben habe, bin ich selbst erschüttert. Es mag konstruiert ausschauen, aber das ist es nicht. Die einzelnen Erlebnisse, verteilt auf fast ein Jahr immerhin, haben sich mir gerade eben erst als eine einzige Wunder-Ahnungs-Linie offenbart.
Und nun wundere ich mich auch nicht mehr, warum ich in meiner „Beobachtungswoche“ das erlebt habe, was ich erlebt habe …

Kommentare:

  1. Boahh Uta, das liest sich soo beeindruckend, spannend. Dein Weg den du bis dahin schon gegangen bist, kleine Erkenntnisse die sich erst als Puzzleteile, dann als Ganzes präsentieren, wow! Ich bin sehr gespannt wie es weitergeht, welche Erfahrungen du machen durftest in dieser Woche. Danke, das du uns Teilhaben lässt :-)

    Liebe Grüße
    Rina

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  2. Liebe Uta,

    wie schön, dass ich dich und dein blog so kennen lerne. durch deine lieben kommentare. und lesen kann von deinen übungen im alltag. im boebachten. und achtsam sein.

    und wie schön zu wissen, dass nicht nur ich diese freude am kleinen detail habe. dass alles drin ist in diesem einen blick. jetzt gerade.

    alles alles liebe,
    amelie

    ps: die gerade veruscht, alles fertig zu kriegen, furchtbar gehetzt ist und dankbar, dass du sie gerade wieder an das wesentliche erinnert hast

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  3. Deine Beobachtungsgabe, Dein Erkennenkönnen beeindrucken, sehr! Wie sich da scheinbare Bruchstücke zu einem Ganzen, zu einer Lebenslinie fügen. Und auch wenn die Frage komisch klingt, sie arbeitet in mir: Wie machst Du das? Mir springen alle Gedanken davon, will ich sie zu meinem "Ganzen" weben, es entsteht nur ein Knäuel, ich erkenne keinen Faden.
    Ein tiefes Danke für den Verweis auf Deinen "dürfen"-Text. Er schließt bei mir gerade Türen auf!

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  4. Liebe Katobia, wie ich das mache? Das ist die falsche Frage, glaube ich. Es kommt, irgendwie, irgendwann. Vertraue ... Hm, ich weiß, hab's ja gerade gelesen: die Sache mit dem Warten. Auch Geduld kann wachsen, glaube ich.
    Mein guten Gedanken für Dich
    Uta

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  5. Liebe Amelie,
    wie schön - Du hier!
    Was Du nicht weißt: ich lese bei Dir schon mehr als ein Jahr. Und in Gedanken hatte ich schon so manchen Kommentar geschrieben. Das erste Mal, das weiß ich noch: letzten April im Computerraum der Schule, da drängte es mich, zu einem Post etwas zu sagen, wo es um Fördern vs. Lassen ging. Ich glaube Du grübeltest wegen Vojta o.ä. Und mir war das ein Herzensthema - meine Tochter, anderthalb Jahre mehr und ein Chromosom weniger als Deine, sprach zu dem Zeitpunkt nicht ein Wort. Nicht eines! Sie war quasi drei. Deine Gretisch-Posts haben mich immer tief frustriert :))
    Nun spricht sie, ganz ohne uns. Einfach so, über Nacht. --- Damals kam ich irgendwie nicht mehr zum Schreiben, dann weißt Du es wenigstens im Nachhinein ...
    Die Sache mit dem Tun und Lassen, die ist ja auch nie vorbei ...
    Lieben Gruß
    Uta

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