Freitag, 5. Februar 2010

Thema mit Variationen

Aufgeweckt durch das gestrige und heutige Erleben meiner veränderten Schüler, schaute ich heute auch bei meinen eigenen Kindern genauer hin.

Freitag nachmittag, eigentlich der schönste Tag der Woche, nicht so aber, wenn man noch eine Latte von Dingen im Nachbarort besorgen muss. Abschluss der Runde war der Supermarkt, da reichte es den beiden. Ca. 'ne Viertelstunde waren wir drin, ca. 'ne Viertelstunde leierten sie das gleiche Lied im Leidenstonfall.
Der Sohn: "Ich will eine Brezel. Der Papa kauft uns immer eine Brezel. Ich will eine Brezel kaufen." (Anm. der Red.: der Papa kauft - ebenso wie ich - so gut wie nie eine Brezel).
Die Tochter: "Ich will aber nicht nach Hause."
Gefühlte 1000mal ertönte der Klagegesang. Und ich sagte einfach: nichts. Wie sollte ich auch. Ich zischte sie nur immer wieder herbei, damit wir uns nicht verlieren. (Zischen ist ein sehr wirkungsvolles Geräusch. Dringt etwa 5 Regalreihen weit, geschätzt.)

Im Auto - die Brezel war nicht gekauft, und es ging offenbar auf direktem Weg nach Hause - wechselten sie ihr Thema.
Die Tochter: "Ich will meine Handschuhe haben." (Anm. der Red.: diese befanden sich unerreichbar im Kofferraum.)
Der Sohn: "Mach das Gedudel aus." (eine Barockmotette im Radio).
Wieder gefühlte 1000mal, ohne Unterlass, ohne Variation. Doch, einmal, etwa auf der Hälfte der Strecke, da wechselte die Tochter zwei Sätze lang zu "Ich will aber nicht nach Hause", anschließend war sie wieder bei "Ich will meine Handschuhe haben."
Und ich sagte wieder: nichts. Wie auch. Drehte nur das Gedudel lauter, damit ich das wenigstens gut hören konnte.

Und interessanterweise, da ich ja nicht in Versuchung kam, mein Handeln und Entscheiden argumentativ zu untermauern, oder die Kinder liebevoll aber vergebens zu trösten, oder aber sie genervt anzufahren, da mir all dies sowieso nicht möglich war, erlebte ich ganz verblüfft, wie ich innerlich ruhig blieb. Absolut ruhig, aber sowas von. Nicht etwa durch irgendwelche Atemtechniken oder ähnliches erreicht, sondern einfach natur-ruhig. Wie eine Beobachterin der Szene, die mich in diesem Moment ja wirklich gar nichts anging. Ich konnte nichts für meine Kinder tun, ich konnte sie nur im Innern verstehen, dem aber nicht Ausdruck verleihen. Also war ich unbeteiligt, sozusagen. Und das allein ließ mich wohl ruhig bleiben. Oder wie soll ich mir das erklären? Eigentlich - hätte ich meine Stimme gehabt - wäre es eine klassische am-Ende-nerven-sich-alle-an-Szene gewesen.

Nur heute war es anders. Als wir zu Hause ankamen, hatten die Kinder etwa 25 Minuten pausenloses Wehklagen hinter sich. Ausdauernd sind sie ja! - Und ich fand ihre Ausdauer toll, muss ich ehrlich sagen, und schmunzelte ein wenig vor mich hin.
Als wir ausstiegen, waren sie plötzlich bester Laune. Und ich auch. Kein Gezicke, kein Geschrei, auf keiner Seite. Offenbar muss man sie nur ein wenig vor sich hin schimpfen lassen, und dann wird alles gut?
Vielleicht hat ihnen allein das Gefühl, dass ich ihnen ihr Schimpfen zugestehe, gut getan? Sie haben ja Recht, aus ihrer Perspektive. Wenn da eben Lust auf 'ne Brezel ist, oder keine Lust nach Hause zu fahren, dann ist es berechtigt, sich zu empören. Und wenn ich in dem Augenblick argumentativ dazwischengehe und ihnen nachweise, dass ihr Begehren ja ach so unvernünftig ist, wenn ich sie also in mein Erwachsenen-Vernunfts-Schema presse, dann werden sie erst recht wütend. Weil ich unsere Erwachsenen-Vernunft mal wieder über die Kinder-Vernunft setze, setzen muss?, wie so oft bei Familienentscheidungen, die von äußeren Gegebenheiten abhängen - das macht die Kinder ganz berechtigterweise wütend, wie ich finde.
Andererseits: die rationalen Argumente ganz wegzulassen, fühlt sich auch nicht richtig an. Später erst bringen? Aber wann?

Das ist jetzt alles ins Unreine gedacht. Mir schien vorhin dieser Gedankenfunke auf, als ich bemerkte, dass mein Schweigen Gold war. Ihr dürft ihn - den Funken - gern vom Tisch wischen. Und mir vernünftig-rational erklären warum. Bin ja kein Kind mehr ;-)

Kommentare:

  1. ach wie gut ich das kenne...
    diese situationen, in denen mama sich den mund fusselig redet und die kindelein doch kein bißchen besser gelaunt werden. alle werden immer genervter und die spirale dreht sich hoch und höher. (nur manchmal, da hilft spontaner humor, aber nur wenn sie dafür zugänglich sind).

    wieso das bei ihnen funktioniert hat, weiß ich nicht wirklich. ich las nur letztens etwas, da dachte ich, ja, stell dir die 'kindereien' als zug vor und für dich ein großes schild dazu "bitte nicht einsteigen". dann machen sie ihr 'ding' und werden aber nicht von mir immer weiter hinein begleitet /gedrängt, sondern können selber aussteigen, wann sie wollen.

    mein großes ziel: solche gelassenheit.
    hach...

    wünsche eine gute nacht und gute besserung!

    AntwortenLöschen
  2. Interessantes Thema. Ich glaube, bei Jesper Juul steht das oft so: es geht nicht darum, dass man sie tröstet, lobt, erklärt - sondern dass sie gehört werden. Schimpfen dürfen oder sich freuen dürfen.

    Mit ganz ruhig sein würde ich mich nicht auf Dauer wohl fühlen, aber eine gute Lösung finde ich persönlich, diese Gefühle anzuerkennen, aber nicht zu werten. Also nicht: "aber das geht jetzt nicht", nicht schimpfen, nicht "Du armer", nicht erklären - sondern nur "Du hättest gerne eine Brezel." oder "Ja, ich kann verstehen, dass man nicht jede Musik mag". Oder so was. Ich übe noch. Im Grunde wäre es wie das einfach schimpfen lassen, nur mit Rückmeldung und damit auch noch eine Art Validierung: ja, Du darfst schimpfen, Du darfst traurig sein und Dich ärgern, Du darfst genervt sein.

    Ich bin selbst gespannt, ob das auf Dauer klappen kann...

    AntwortenLöschen
  3. Das Schönste dabei: dass man selber ruhig bleibt . und offenbar nicht aus der Fassung zu bringen ist . wahrscheinlich färbt das ab auf die Kinder. Sicher ist das Schweigen nichts für immer, aber manchmal - wenn man allzu aufgebracht ist - ein hilfreiches Mittel zur allgemeinen Abkühlung. Gute Besserung weiterhin!

    AntwortenLöschen
  4. Was für interessante Erfahrungen du mit deiner Stimmlosigkeit machst.
    Wenn mein Jüngster was will, was ich nicht will, dann versuche ich inzwischen, mich auf keine Diskussion einzulassen, sondern einfach nur immer wieder "nein" zu sagen. Und meine Schallplatte genauso kaputt wie seine, sprich immer wiederholend. Allerdings fällt es mir schon schwer, mich nicht auf ne Diskussion einzulassen, obwohl ich ja eigentlich weiss, dass das in manchen Fällen nichts bringt, nicht mal das beste Argument.

    Ich glaube, dass es in deinem Fall nicht mal das Schweigen an sich war, dass euch allen so gut getan hat, sondern dass du innen drin deine Kinder und ihre Bedürfnisse verstanden hast. Das ist nämlich ein wichtiger Knackpunkt, sich verstanden und gesehen zu fühlen. Auch wenn man trotzdem nicht bekommt, was man möchte.

    AntwortenLöschen