Freitag, 5. Februar 2010

Selbstversuch

Ja, gestern war es nur ein Versuch. Heute weiß ich schon, dass es funktioniert, und daher werde ich es gleich weitere 4 Stunden durchziehen:
Unterrichten ohne ein Wort. Schweigend. Stumm. Stimmlos. (Die 7 Stunden am Mittwoch waren einfach zu viel.)

Und ich wollte nicht schon wieder fehlen. Also habe ich das Experiment gestern gewagt. In der Vorbereitung allerdings war es schwieriger als gedacht, weil ich den Schülern nicht einfach eine schriftliche Aufgabe für 90 Minuten geben konnte. Eine Hausaufgabe musste ausgewertet werden, dann verschiedene Aspekte des Themas bearbeitet werden, nicht nur schriftlich, sondern auch im gegenseitigen Austausch. Aber ein Großteil der Doppelstunde war schon für Schriftliches geplant.

Schwierig war vor allem, die Arbeitsschritte und alle! Arbeitsanweisungen vorher klar und eindeutig festzulegen, weil ich sie auf einer Folie mitnahm (um nicht ständig an die Tafel irgendwelche Ergänzungen kritzeln zu müssen). Schwierig war auch, die physikalischen und mathematischen Kurzerläuterungen, die man zwischendurch immer mal so gibt, wegen des besseren oder überhaupt des Verständnisses, durch kristallklare Arbeitsblätter mit kristallklaren fachlichen Texten zu ersetzen. Upps, das ist schwerer als gedacht. Redet man mit den Schülern, kann man bei jedem Stirnrunzeln nachfassen, mit anderen Worten erläutern, nochmals erklären - all dieses fällt ja im Moment weg. Und so saß ich Stunden über Stunden an den Arbeitsblättern.

Schwierig war auch, mich zu beherrschen und nicht doch zwischendurch mit einzelnen Schülern flüsternd etwas zu klären. Nun gut, 100%ig diszipliniert war ich nicht, so an die 20 Sätze mag ich im Laufe des Nachmittags geflüstert haben, aber ganz ehrlich: statt dessen zu Hause mit meinen Kindern wäre es auch nicht weniger gewesen.

So, und mit einem Stapel von Arbeitsblättern und mehreren Folien ausgerüstet trat ich also gestern vor die 7er. Statt der Begrüßung gab's ne Folie mit einer Karikatur, die meine Lage klar machen sollte. Denkste. Offenbar nicht so klar für so 12jährige, dass man einfach keinen Laut von sich geben kann bzw. will.

Es begann mit mehreren Schülern, die mir Elternsprechtagszettel für heute unter die Nase hielten. Der Gedanke, dass ich heute immer noch nicht sprechen könne, war ihnen nicht gekommen. Ok, das hatten wir irgendwann geklärt.
Dann begann die Hälfte der Klasse auch zu flüstern oder mit Zeichensprache zu reden - automatisch offenbar, denn die Kollegen hier rings um mich flüstern auch alle mit mir ;-)
Höchstproblematisch auch das Ablesen einer Arbeitsanweisung. Ich zeigte immer auf die entsprechende Zeile der Folie, und die Hälfte der Klasse machte dennoch "Hä?" oder "Sollen wir das abschreiben?" - Mich stimmt nachdenklich, auf welche Weise die Schüler offenbar gedrillt sind: abschreiben, gedankenlos, mehr nicht?
Das Auswertungsgespräch der Hausaufgabe dagegen lief ungeahnt gut: kein Lehrer quatschte sie voll, und so redeten sie wirklich und echt miteinander, diskutierten, stritten, tauschten aus - hach!
Nach etwa 20 Minuten lief es offenbar so gut, dass ein Schüler argwöhnte: "Frau Rebis, warum sagen Sie denn nichts - gehört das mit zum Thema, sollen wir dabei jetzt was herausfinden?" - Upps, die trauen mir ja eine ganze Menge zu ;-) Aber eigentlich kein schlechter Gedanke: ein solches Vorgehen inszenieren, um bestimmte Effekte zu erreichen. Auf ner Fortbildung habe ich mal einen Vortrag über die Möglichkeiten des stummen Impulses gehört. Das ließe sich ausbauen: "Chancen einer stummen Unterrichtsgestaltung"

Nun, und dann gab es viele und längliche Phasen schriftlicher Arbeit, klar, das lag nahe. Und was soll ich sagen: Ich habe diese quirlige, lebendige, hier als sehr schwierig bekannte Klasse noch nie - nie!!! - so ruhig, so konzentriert, so aufmerksam bei der Arbeit gesehen. Kein wild-in-der-Klasse-Herumschreien, kein Tanz auf den Tischen, keine Papierkrümelwürfe, keine wilden Beschimpfungen - nichts von all dem, was ich sonst allwöchentlich donnerstags nachmittag einem Löwenbändiger gleich in den sogenannten "Griff" bekommen muss. Es war einfach Stille. Stille!
Meine vorsorglich bereitstehende Glocke, mit der ich in turbulenten Phasen auf mich und die Regeleinhaltung aufmerksam machen wollte, stand völlig unbenutzt auf dem Lehrertisch, bis zum Ende der Stunde. Es wollte und wollte einfach nicht laut werden ;-)
Als es zur Zwischenpause klingelte, merkte ich, wie es den Schülern richtiggehend unheimlich (vielleicht sogar unangenehm?) war, in welch ruhiger Atmosphäre sie hier saßen. Jedenfalls ertönten zögerliche, erleichterte Seufzer, dass man jetzt endlich wieder einen Laut von sich geben könne. Doch auch in der Pause blieb es gefühlte 20 Dezibel unter dem sonst üblichen Lärmpegel.

Ich bin schwer begeistert. Noch nie habe ich die so erlebt. Mir war es auch noch nie vergönnt, dass nach der Stunde unaufgefordert alle Stühle hochgestellt wurden. Gestern war das so.

Was sagt mir das? Offenbar tut es den Schülern ungemein gut, mal nicht pausenlos zuhören zu müssen, sich belehren und verbessern zu lassen, gestört zu werden in ihrem Tempo, "gebändigt" zu werden. Lässt man das bleiben, dann arbeiten sie ruhig und sogar freiwillig vor sich hin. Ja: ich glaube, sie haben sogar mehr geschrieben und sich mehr bemüht als sonst bei schriftlichen Aufgaben.
Und warum sie so unglaublich ruhig waren, darüber werde ich nachdenken müssen. Auch mit der Klassenlehrerin sprechen - denn heißt das nicht, dass wir alle mit diesen Kindern etwas falsch machen, wenn unser übliches Vorgehen Lärm, unser Schweigen dagegen Ruhe erzeugt?

Mal schauen, ob ich nachher bei den 10ern und den 12ern Ähnliches erlebe. Es bleibt spannend.
Und als Belohnung für meine stundenlange Arbeitsblatt-Erstellung habe ich heute nachmittag frei, denn nein: Elternsprechtag funktioniert stumm und mit vorgeschriebenen Antworten auf einer Folie denn doch nicht. Dabei könnte ich so manchen Eltern erstmals Erfreuliches berichten: "Ich weiß, dass Ihr Kind ruhig und konzentriert arbeiten kann." Ja, manche Eltern werden diesen Satz möglicherweise noch nie von einem Lehrer gehört haben. Schade, dass auch ich ihn nicht aussprechen kann, heute nachmittag.

Kommentare:

  1. oh, welch beeindruckender Bericht. Ich wünsche dir jetzt mal keine gute Besserung, wenn die an anderem Ort so postwendend eintritt.
    Lieben Gruss und danke fürs dran-denken (du weisst) und überhaupt...
    Gabriela

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  2. Gratulation, Frau Rebis! Solche Lehrer braucht das Land. Doch muten Sie Ihrer Stimme nicht zu viel zu, Ihre Gesundheit ist auch wichtig.

    Mit Grüßen von einem Kollegen G.K.

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  3. Das klingt wunderbar! Und es ist doch immer wieder beeindruckend, wozu Kinder fähig sind, wenn man sie einfach mal machen lässt (auch wenn es durch äußere Umstände bedingt ist). Vielleicht gelingt es ja, sich öfter mal zurückzunehmen und die Kommunikation zwischen den Schülern wachsen zu lassen. Das wird viel zu oft unterdrückt, dabei haben die sich so vieles eben auch zu "Fachthemen" zu sagen. Und können so viel von- und miteinander lernen. Ohne Belehrung.
    Aber dennoch: Gute Besserung für Sie!

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  4. Was für eine tolle Erfahrung. Danke fürs Daranteilhabenlassen!

    Kleiner Tipp: Wenn die Stimme nicht tut, auf gar keinen Fall flüstern. Dann besser einen Satz in normallaut. Flüstern ist schädlich hoch zehn für die Stimmbänder, wenn sie angegriffen sind.

    Viele Grüße, Kat

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  5. Wir hatten heute ein Gespräch mit dem Schulleiter von D.s zukünftiger Oberstufenschule, sassen im Lehrerzimmer.
    Da standen zwei dicht beschriebene Tafeln mit Gesprächs- und Arbeitsprotokollen von einer internen Weiterbildungsarbeit zum Thema: "Wie bringe ich Ruhe ins Klassenzimmer?"
    Ich habe dem Schulleiter von dir und deiner Erfahrung erzählt. Ich glaube, das war eine gute Ergänzung zu all den "wie nehme ich es in die Hand" -Gesichtspunkten. Vielleicht profitiert ja nun sogar indirekt mein Sohn von deiner Heiserkeit! :-)

    Wann ich so darüber nachdenke, tönt es so klar und einfach, dass Stille durch Stille erzeugt wird. Und es tönt so absurd, wenn man sich vorstellt, dass wir gewohnt sind, nach Stille zu schreien.

    Aber wahrscheinlich hätte das auch nicht so funktioniert, wenn dein Schweigen nur nicht reden gewesen wäre, ohne die innere Gelassenheit und Ergebenheit dabei.

    Gutes Wochenende, hoffentlich hast du auch wieder was zu sagen, sonst musst du eben schreiben! ;-)

    Gabriela

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  6. klicke auf veröffentlichen und bekomme in derselben Sekunde eine E-Mail! :-)
    na sowas...

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  7. Liebe Gabriela,

    punktgenau eben :)

    Es ist tatsächlich die innere Haltung, und nicht allein das äußere den-Mund-halten(-müssen).
    Die Mutter einer Schülerin, andere 7. Klasse, auch unruhig, hat mir mal erzählt, sie hätte ihre Tochter befragt: ob es auch Lehrer gäbe, bei denen die Klasse nicht unruhig sei. Ja, die Frau H., sagte die Tochter, "die schreit ja auch nicht so rum." Also: den Kindern ist der Zusammenhang offenbar klar, nur wir Lehrer tun uns schwer damit ;-)
    Ein bei mir hospitierender Kollege zeigte sich mal sehr beeindruckt davon, wie ich die Klasse durch mein "eindrückliches Schweigen" zur Ruhe gebracht hätte.
    Weißt Du, mir gefällt das Bild aus dem ersten Kommentar vom nächsten Post (Thema mit Variationen): man darf in den Zug der Unruhe nicht mit einsteigen, nicht in der einen oder der anderen Form sich mit hineinziehen lassen. Beobachterin eben. Auch wenn ich wirklich keine "Schreierin" als Lehrerin bin - das will geübt und geübt sein. Die letzten beiden Tage waren mir dafür eine eindrückliche Lektion. Die werden Früchte tragen. Und wenn in D.s Schule nun auch: um so besser.

    Zu sagen habe ich immer was, aber ich tue es im Moment besser noch nicht wieder mit dem Mund. So ist es bei uns zu Hause auch ruhiger :)

    Alles Gute Euch
    Uta

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  8. Was du da erzählst, wie die Ruhe von vorne auf die Schüler wirkte, finde ich ganz erstaunlich. Und ich finde es toll und wirklich wert, da noch mal genauer hinzuschauen und auszuprobieren, ob das nicht wirklich ein neuer und guter Weg sein könnte.
    Dein Eintrag hat mich sehr nachdenklich gemacht.

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